Beilage zu Nr. 32 des „Gießener Anzeiger".
Das Bergsteigen ein Heilmittel.
Die Hauptgrundsätze der öffentlichen und persönlichen Gesundheitspflege, soweit sie die Mehrheit der Fachmänner als feststehend erachtet, auszubreiten, haben wir stets als Pflicht unseres, der Gemeinnützigkeit dienenden Blattes angesehen, von sogenannter „populärer Medicm" uns jedoch sorgfältig ferngehalten. Aus Gründen, die wohl keiner Erläuterung bedürfen, glauben wir indessen eine Ausnahme von dieser Regel machen zu sollen durch Hinweis auf das Schriftchen von Professor Oertel in München: Heber Terrain-Eurorte" zur Behandlung von Kreislaufstörungen, Fettsucht, gewisser Lungen- und Herzfehler (Leipzig, 1886, Vogel.)
Jeder Zeitungsleser weiß, daß unser großer Kanzler zum Helle des Deutschen Reichs seit Jahren sich besserer Gesundheitsverhältnisse erfreut, weiß auch, daß die Heilung sich an den Namen Schweninger knüpft; minder allgemein bekannt ist es, unter Aerzten jedoch unbestritten, daß geistiger Vater dieser neuen Methode Professor Oertel in München ist.
Diese Methode verwirft nämlich die althergebrachten, durchweg geübten Grundsätze, jenen Schwäche- und Krankheitszuständen durch „Schonung", gemächliche Bewegung, viel Wassertrinken und dergleichen entgegenzuarbeiten. Sie verlangt vielmehr ärztlich sorgsam geregelte und abgemessene Bethätigung des Körpers durch Bergsteigen in freier, reiner, milder Luft, mit Atemgymnastik, Entwässerung des Blutes durch wenig Trinken, systematische Schweißabsonderung, Hand in Hand mit einer Reihe diätetischer Dinge. Bei starkem Herzklopfen und Schwerathmigkeit soll nicht sitzend, sondern stehend mit Tiefathmen ganz kurze Zeit geruht werden. Ruhebänke sind zu meiden.
Das Nähere mag man in der genannten Schrift nachlesen. Hier ser nur gewarnt vor etwaigem Selbstcurirenwollen und der Annahme, daß es blos auf tüchtiges Klettern und Dursterregung ankomme.
Für Herbst-, Winter- und Frühlingskuren findet Oertel die deutschen Berggegenden aus klimatischen Gründen (schroffe Temperaturwechsel, rauhe Winde, Nebel, Regen, Schnee) ungeeignet, ebenso die italienischen und südfranzösischen, weil sie erschlaffend, den Stoffwechsel mindernd wirken. Vorzüglich passend scheinen ihm die südtyroler Eurorte Meran-Obermais, Bozen-Gries und Arco mit ihrer milden, sonnigen Luft, windgeschützten Lage und sonstigen Einrichtungen. In Obermais sind bereits Wege zu gymnastischen Zwecken abgemessen und markirt, auch ein Gasthof ist nach Oertel's Anweisungen „eingerichtet. Für Sommercuren werden deutsche Heilorte in Aussicht gestellt, Baden-Baden, Ischl u. a.
Die junge Heilmethode bedarf natürlich noch der Zeit, um auszureffen. Allem Anscheine nach bezeichnet sie jedoch einen werthvollen Fortschritt der Medicin. Denn so fest auch von jeher die Ueberzeugung stand, daß Bergsteigen gesunde Menschen erfrischen und kräftigen, schwächliche stärken kann, so dachte doch Niemand daran, daß es auch an der Heilung mehrerer sehr lästiger und gefährlicher Krankheiten zu helfen vermag, wofür eine Anzahl von guten Erfolgen sprechen.
———T-gri 1
Vermischtes.
fDie Wirkung von Oel auf Meereswogen.j Capitän F. C. Pendleton, der Eommandeur des den Verkehr zwischen Philadelphia und Nassau vermittelnden Dampfers „Lucy P. Miller", theilte dem Chef des hydrographischen Bureaus zu Washington mit, daß er am 26. v. 9DL einen sehr heftigen Sturm zu bestehen hatte. Die See ging sehr hoch und der Capitän versuchte, dieselbe durch Oel zu besänftigen. Das Experiment gelang vollkommen und das Meer war in der unmittelbaren Nähe des Dampfers spiegelglatt, während in geringer Entfernung hohe Wellen emporschlugen.
— Heber die Abfassung eines deutschen Justizflüchtlings wird uns aus New- Bork geschrieben: Auf Requisition des hiesigen deutschen Generalconsulats begab sich Hülssmarfchall Bernhard, der in der Festnahme deutscher Justizflüchtlinge, schon so oft großen Scharfsinn bekundet, an Bord des Bremer Dampfers „Fulda", um auf einen
gewissen Wilhelm Stapf aus Augsburg, welcher die dortige Firma Gebrüder Wolfsheimer durch falsche Wechsel um 50000 X betrogen haben soll, zu fahnden. Einen Wilhelm Stapf wollte aber Niemand kennen und der Name stand auch nicht in der ^rchiffsliste. Der Beamte ließ sich indeß dadurch nicht irre machen, sondern besichtigte die einzelnen Passagiere genau. Er entdeckte auch bald einen jungen Mann, auf den das ihm mitgetheilte Signalement einigermaßen paßte. Der Betreffende gab jedoch auf Befragen an, er heiße Christian Stinger, sei 24 Jahre alt und wisse nichts von einer Wechselfälschung oder von Wilhelm Stapf. Dabei zeigte er einen Paß, sowie andere Papiere und Visitenkarten vor, die alle auf Christian Stinger lauteten. Nichtsdestoweniger kam das ganze Gebühren des jungen Mannes dem Marschall verdächtig vor, weshalb dieser kurzen Prozeß machte und Stinger in Haft nahm. Bei der Unter- suchung des Arrestanten fanden sich 600 Doll, in Baar, aber keine Beweise für dessen Identität mit Stapf vor. Als nun der umsichtige Marschall das Taschenbuch seines Gefangenen einer genauen Prüfung unterzog, entdeckte er zwischen dem rothen Futter ein Blatt Papier. Cs war dies eine behördliche Bescheinigung über einen Wohnungswechsel in Augsburg und lautete auf — Wilhelm Stapf. Der angebliche Stinger stand wie vernichtet da und machte unter dem Ausrufe: „Jetzt hilft's Leugnen doch nichts mehr!" das Zugeständniß, daß er wirklich Stapf sei. Anstatt seinen Fuß auf den freien Boden Amerikas zu setzen, bestieg Wilhelm Dtapf eine Droschke, die ihn nach dem Bundesgerichte und sodann, nach Ausfertigung der nöthigen Papiere, nach dem Ludlow-Street-Gefängniß brachte, wo der junge Mann so lange internirt bleibt, bis über seine Auslieferung verfügt werden wird.
— Ein eigenartiges Kunstwerk wird dieser Tage im,Löwenbräu" zu Berlin, an der Ecke der Französischen und Charlottenstraße, über dem Fahrstuhl, welcher das edle Naß aus dem Keller zum Ausschank befördert, Aufstellung finden. Es ist ein im Innern mit einem Apparat versehener, vom Bildhauer Walger modellirter Löwe von natürlicher Größe und lebendiger, lebensfrischer Auffassung in Zinkguß, der jedes Mal, zum Zeichen, daß ein frisches Faß angezapft wird, einen brüllenden, durch die weiten Räume laut schallenden Ton ausstößt.
— [Stiftungen.] Der in England verstorbene K. Fr. Detmold, der bereits 80,000 X zu milden Zwecken für Hannover verwendete, hat noch letztwillig 350,000 X an Wohlthatigkeitsanstalten der genannten Stadt vertheilen taffen, von denen u. a das Henriettenstift (Diakonissen), Friederikenstift, Clementinenhaus und das Haus der katholischen barmherzigen Schwestern, jedes 50,000 X, das Stephansstift 24,000 X, die Kinderheilanstalt 30,000 X. die Bädecker'sche Krippe 7500 X erhalten haben. — Der verstorbene Privatmann I. G. K. Jentzsch hat in seinem Testament der Stadtgemeinde Chemnitz zwei Legate von je 5000 X ausgesetzt. Von den Zinsen dieser Legate sollen einerseits Schulzwecke gefördert, andererseits bedürftige Bürgerfamilien unterstützt werden. — Der verstorbene Herr Carl August Dittrich, Chef der Firma Htelle u. Dittrich in Schönlinde in Böhmen hat dem Pernehmen nach u. A. dem bortigen Armen- und Siechenhause 30,000 Gulden testamentarisch vermacht. — Bei Gelegenheit der Feier seines 86. Geburtsfestes hat der Ehrenbürger Dresdens, Herr Johann Meyer, dem dortigen „Dienstbotenheim" 4000 X und der „Wohlgemeinten Stiftung" 2000 X zufließen lassen.
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