Ausgabe 
5.12.1886 Zweites Blatt
 
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1886

Sonntag den 5. December

Drris vierteljährlich 2 SR art 20 Pf. Durch die Post bezogen vierteljährlich

Erscheint täglich mit Ausnahme be5 Montags.

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Sitzung kam es zu einer interessanten Debatte über den Esfectivbestand der Armee, indem der monarchistische Deputate Keller die Wiederherstellung der bet den Truppendesoldungen gestrichenen Kreoile beantragte, wobei er die Schwäche der französischen Effecttvbestände mit den starken Effectivbefländen Der deutschen Armee verglich. Der Kriegsminister Boulanger erwiderte, man müsse es den­jenigen, die im deutschen Reichstage die Vermehrung dos EffectivbestandeS oe> langten, überlassen, sich ikt Argumente zu bedienen, welche aus der Vergleichung der französischen und deutschen Effecttvbestände gezogen würden. Es blieb schließlich bei den gemachten Abstrichen.

Aus Tongking sind in Paris wiederum schlechte Nachrichten em» gelaufen. Im Norden des Landes treiben die Piratenbanden auf's Neue ihr Unwesen und scheinen mit ihnen aus China herübergekommene Banden gemein­schaftliche Sache zu machen. Wenigstens ist der die Grenzabsteckungs-Com- Mission begleitende französische Civilagent von einer chinesischen Bande gefangen genommen und, wie verlautet, sogar getödtet worden. Auf den Militärposten in Hankoi machten die Piraten einen Angriff, wurden aber zurückgeschlagen. Infolge dieser Vorgänge wurde der KreuzerClüchetene" beordert, sich der Grenzabsteckungs-Commission zur Verfügung zu stellen.

Jenseits des Canals tritt die irische Frage wieder einmal m d en Vordergrund. Die in einem außerordentlichen Nathe von der Dubliner Ne­gierung in voriger Woche beschlossenen verschärften Maßregeln zur Aufrecht­erhaltung der Ruhe und Ordnung in Irland haben soeben eine bemerkens- werthe Ergänzung erfahren, indem General Buller zum Unterstaatssecretär m der irischen Regierung ernannt worden ist. Der genannte General hat bekanntlich erst vor Kurzem das Ober-Commando über oie Truppen in Irland erhalten; er gilt als ein sehr energischer Mann und hat auch in dem sudanesischen Feldzuge der Engländer eine hervorragende Rolle gespielt. Die Berufung des Generals an die Spitze des Unterstaatssecretarrats für Irland scheint demnach darauf hinzudeuten, daß die Regierung entschlossen ist, den Kampf gegen das Treiben der Landliga mit allem Nachdrucke aufzunehmen.

In der diplomatischen Behandlung der bulgarischen Krisis scheint eine vollständige Stockung eingetreten zu fein, denn abgesehen von bloßen Gerüchten, hört man in dieser Beziehung nicht das mindeste Be­stimmte. Selbst die Caudidatenfrage hinsichtlich derNeubesetzung des bul­garischen Thrones sieht ganz aus, als ob sie eingeschlafen wäre und zumal die Candidatur des Mingreliers tritt mehr und mehr wieder in den Hinter­grund, da von ihr nicht nur die Bulgaren nichts wissen wollen, sondern auch die eine oder andere Großmacht Schwierigkeiten zu machen scheint. Unterdessen ist General d. Kaulbars, der Held so vieler seltsamer Abenteuer, m Peters­burg einqetroffen und wird ihn wohl der Czar zur Belohnung für sein bul­garisches Martyrium zum Mindesten mit dem Großkreuz des Georgsordens mit Brillanten auszeichnen! In Sofia selbst hat es eine kleine Ministerkrisis gegeben; der Finanzminister Geschoff demissionirte und übernahm der Minister- Präsident Radoslavoff einstweilen mit dessen Functionen. .

Die angebliche Verschwörung gegen König Milan von Serbien ist noch immer unaufgeklärt. Trotz aller bezüglichen Dementis aus Belgrad halten österreichische Meldungen diese Verschwörungsgeschichte unter Angabe von Details aufrecht; tüie Aus klär ung wird demnach noch immer ab- zuwarten sein.__________________

Ar. 28'1 Zweites Blatt

Wochen - Ueberfickt.

GieHen, 4- December.

Die erste parlamentarische Woche der neuen Reichstags-Session ist zu Ende gegangen und sie hat gleich zwei große Redeschlachten gebracht: Die Generaldebatten über den Etat und über die neue Militär-Vorlage. Heber den Ausgarg her ersten Lesung der Militär-Vorlage müssen jedoch erst die aussühi- Ucheren Parlaments-Berichte abgewartet werden und concentrirt sich demnach das Interesse vorläufig auf die am Dienstag und Mittwoch stattgefundenen Etats-Verhandlungen. Im Rahmen derselben erschienen, wie dies bei der Generaldebatte über das Budget von jeher üblich, neben dem eigentlichen Gegen­stände , dem Etat, noch eine Menge anderer Fragen, die zum Theil nur in dnem sehr losen Zusammenhänge mit dem Etat stehen und so wurden denn an beiden Togen außer der Finanz- und Steuerpolitik auch die Socialresorm, die Eolonialpolitik, die Polenfrage, die Militärfrage letztere jedcch nur flüchtig s. w. berührt. Den Grundton der Verhandlungen bildeten erklärlicher Weise die Erörterungen über di- schwebenden Zoll- und ©teuerfragen, wobei otte Bekannte, wie das Tabaksmonopol, die Branntwein- und Börfinfteuer, die Schutzzölle, die Zuckersteuer, wiederum auf der Bildfläche erschienen. Bei der wiederholten Erörterung dieser Themata in den früheren Reichstags-Sessionen konnte ihre erneute parlamentarische Behandlung nur wenig Neues bringen und die Angriffe der Opposition auf die Finanzpolitik der Negierung, wie die Ver- theidigung derselben, welche regierungsseitig fast ausschließlich in den Händen des preußischen Finanzmimsters v. Scholz lag, mußten sich daher im Wesentlichen auf schon bekannte Punkte beschränken. Daß uns,e Finanzlage eine ungünstige fei bekannten auch die Vertreter der regierungsfreundlichen Parteien, aber bei der Frage, wie denn da endlich eine Besserung zu zielen sei, gingen die Mei­nungen vor. rechts und links abermals weit auseinander. Eine Hauptrolle tn der Debatte spielte die Steigerung der Militärlasten in Europa und verfehlte die Opposition natürlich nicht, diesen Umstand bei ihren Auslassungen über bie gegenwärtige mißliche Lage der Reichsfinanzen weidlich auszunutzen. Emen erfreulichen Lichtpunkt iu dem Gewoge der Meinungen bildete die von Herrn Rickert am Dienstag, wenn auch unter verschiedenen Vorbehalten, abgegebene Erklärung, daß auch seine, die deutschfreisinnige, Partei, bereit sei, die Wehr- traft Deutschlands zu stärken und nölhigenfalls für die Verteidigung des Vaterlandes den letzten Mann und den letzten Thaler daran zu fetzen. Wider Erwarten ist in der zweitägigen Generaldebatte über den Etat die brennende Taaesfraae, bie Militärfrage, kaum gestrebt worben, wenigsten» soweit es sich um bie neue SeptennatS. Vorlage selbst h-nbelt; namentlich bie Reimer beS Eenttumr, Sr. Winbiborst unb v. Huene, hüllim stch über bie Stellung ihrer hierbei ja ausschlaggebenben Partei in bieser Frage in vollstänbiges Sttllschweigem^bdr ben nichtigen parlamentarischen Vorgängen traten in Vieser Woche bie übrigen Begebenheiten auf innerpolitischem (Stbtete rntsch'-ben zurück, Dies um so mehr, als stch bieselben auf ein Minimum rebu- riren.' «u verzeichnen ist bie in Aschaffenburg stattgefunbene R-lchstags-Erfatz- wabl an Stelle beS bisherigen Abg. v. Papins (Sentrum), welcher fern Manbat ntetemieat hat. Dieselbe ist zu Gunsten bes Centrums-Canblbaten, Piarrer Laus ausgefallen, welches Resultat zu erwarten war, ba bei Aschaffenburger Wahlkreis von jeher eine sichere Domaine bet Centrumspartei bitbete. sten Reichstags-Wahlkreise von Berlin nimmt bie Bewegung anläßlich ber am kommknoen Montag beoorstehenben Ersatzwahl für ben verstorbenen Abg. ßötoe immer lebhaftere Dimensionen an unb erscheinen turbulente Seenen am Wahltage nicht ausgeschloffen. Uebrigens finbet am gleichen Tage bre ursprüng­liche auf ben 7. Deeember anberaumt gewesene Mannheimer Stichwayl statt. Aus kirchenpolitischem Gebiete liegt bre Melouna vor, baß bem bnich päpstliches Breve zum Bischos von Culm ernannten Dr. Rebner die nachgesuchte lanbeS- herrl-che Anerk.noung laut kaiserlicher Urkunbe vom 29 November erlheüt wor- ben ist Ast' bie Gerüchte, welche bie Verzögerung btefer Anerkennung gezeitigt chatte, sinb benmach hinfällig geworben. - Zu ben parlamentanichen Vorgängen ist noch ein Dementi nachzutragen, demzufolge bre Reibungen über einen Versuch, /wischen Conservaliven und Nationalliberalen km st-uerp°lrtrfcheS Programm zu vereinbaren, vollständig unbegründet find. Dagegen bestätigt es stch, baß inner- halb der Reichspartei ein neuer Branntweinsteuer-Entwurf in Ausarbeitung be- ariffen ist. Sckade um die Arbeit! f e

8 Für Oesterreich-Ungarn hat die Woche den Schluß der De.egatronS- Verhandlungen tn Pesth, die durch ihre eingehenden Erörterungen der europm- schen Lage so allgemeines Zntereffe erregten, gebracht. Die hiermit im varlamentarischen Leben des Kaiserstaales wieder eingelretene Pause wrrd i-boch mir von kurzer Dauer fein, da laut kaiserlichem Patent sämmtliche Landtage ff-skitbaniens auf den 9. d. Mts. einberufen worben stnd und kann man es mÖM als sicher betrachten, daß die Delegations-Berhanblungen über bie aus- märtiae Politik hie unb da auch in ten Landstuben nachklingen werben.

-in Frankreich staub bie politische Woche vollständig unter dem n-.-h.A h,r f>2m»aten Kammer-Verhandlungen über den Etat für bas Aeußeie.

Abstimmungen über die wichtigeren einzelnen Positionen charakterifirten sich Mrmrid> c(» Vertrauensvotum für bas von Radikalen unb Monarchisten be- K Cabimt Fe inet und diese Bedeutung hat namentlich die Annahme de« Donakina-KredÜS in der Dienstags-Sitzung der Deputirtenkammer; doch ; bettuf bie Mchrhsit für Freyeinet nur 24 Stimmen. In der Mittwochs-

Verwischte-.

Berlin, 29. November. Ein Billetproceß, der sich bereits durch Monate hindurchzieht, beschäftigt gegenwärtig die vierte Civilkammer des Landgerichts I. Der Kaufmann R. hatte vor einiger Zeit von einem ferner Bekannten ein Billet zum ersterr Range desDeutschen Theaters" käuflich erworben. Von der Vorstellung jedoch, die zu besuchen ihm das Billet ein Recht gab, hatte er wenig Genup denn von dem ihm zustehenden Platze aus vermochte er, späterer Aussage nach, nicht einmal die Hälfte der Bühne zu überleben. Ein io mangelhafter Genuß fch'en ihm >mt 8 M1 ju treuer erkauft zu fein und er forderte daher von seinem Bekannten Rückgabe des Kaufgeldes. Als diese verweigert wurde, klagte R. Der Richter erster Instanz erklärte, eine Ent­scheidung nur geben zu können, wenn ihm R. ein Billet für den in stehenden Platz zur Verfügung stelle, um die Behauptungen des Klägers mit eigenen Augen und Ohren prüfen zu können. Dies geschah und der Richter gab, nachdem er einer Vor­stellung vonRomeo und Julia" betgewohnt hatte das Urtheil ab, daß von dem fraglichen Platze 32 aus, der sich in der sechsten Reihe des ersten Ranges befinde, höchstens ein Drittel der Bühne zu sehen und die Reden nur, wenn sie sihr breit ge­sprochen würden, eben hörbar seien. Die Forderung des Klägers auf Rückzahlung des Eintrittspreises sei mithin berechtigt. Der Beklagte legte Berufung em und so gelangte die Sache dieser Tage zur Verhandlung bei der vierten Civilkammer. Diese nahm an, daß bet dem Bestreiten des Beklagten die Feststellung des Vorderrichters über bte Qualität des Platzes nicht genüge und ordnete die Einnahme eines wetteren richter­lichen Augenscheins an. Es ist zu diesem Zwecke dem Kläger aufgegeben, E Platze im ersten Rang-Balkon, den Platz 32 rechts und die drei m der Nahe befindlichen, für den Richter, den Protokollführer und die beiden Parteien zu einer der nächsten Vorstellungen zu beschaffen. Es ist dann in Aussicht genommen, daß der Platz wahrend der Vorstellung abwechselnd von diesen vier Personen benutzt werde, damit Jeder aus eigener Anschauung ein Urtheil über denselben sich Meni könne. (-Bon. 3tßJ

- Ein Arzt schreibt derFrankf. Ztg.": Bei Eintritt der rauheren Jahres­zeit möge im Interesse unserer Kleinen wiederholt daran erinnert werden, daß em großer Procentsatz der Erkältungen noch immer auf die Unsitte zuruckzufuhren ist, die Kinder im Gesicht oder gar auf den Mund zu küssen. Es ist eine jebem Arzt bekannte Thatsache, daß so mancher Husten, der ohne ernste Gefahr an einem Erwachienen vorübergeht, durch Uebertragung auf noch unentwickelte, weniger widerstandsfähige funge Geschöpfe bei den letzteren die gefährlichsten Formen annehmen kann. Die Unsitte vieler Menschen, trotz aller Warnungen ihre angebliche Liebe zu Kindern durch Küssen zu documentiren, bringt alljährlich eine große Zahl derselben tn Lebensgefahr.

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AW; tn von W- Maim I tt Ulilöder.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen.

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