Vsr Eröffnung der Verhandlungen über die heute zur Berathung anstehende Tagesordnung wird der neu gewählte Beigeordnete, Herr Kreis- und Prvoinzial- Jngcnieur Feodor Gnauth durch Herrn Bürgermeister Bramm nach Verlesung der ministeriellen Genehmigung, laut Artikel 35 der Städte-Ordnung, in Eid und Pflicht genommen und sodann mit warmen Worten als Mitglied der Versammlung begrüßt. Herr Gnauth dankte in kurzen, herzlichen Worten für das ihm entgegengebrachte große Vertrauen mit der Versicherung, dasselbe mit bestem Wissen und allen Kräften zu rechtfertigen. c
Als erster Punkt der heutigen Tages-Ordnung wird der Versammlung das bekannte Ergebniß der jüngsten Stadtverordnetenwahl und die kreisamt- liche Bestätigung desselben zur Kenntniß gebracht.
Die zusagende Antwort vom Reichsinvalidenfond betr. die Erhöhung des Amortisationsbetrags vom Anlehen ä 400,000 JL. vom 1. Januar 1887 ab nebst Amortisationsplan wird der Versammlung vorgelcgt und gutgeheißen.
Eine Eingabe der hier bestehenden Barbier-Innung zielt dahin, den Nicht-Jnnungsmitgliedern die Ausbildung von Lehrlingen zu untersagen; es ist dies ein Ansinnen, dem Mißbrauch der Lehrlinge zu steuern, welches von Großh. Polizeiamt lobend anerkannt wird. Herr Dr. Gutfleisch beantragt jedoch eine so schwerwiegende Angelegenheit nicht ohne Weiteres zur Beschlußfassung zu erheben, sondern erst zu einer eingehenden Prüfung an eine Commission und zwar an die juristische Commission zu verweisen; er hebt hervor, daß, wenn diesem Ansinnen auch entsprochen wird, es doch sehr in Frage zu stellen sei, ob damit auch wirklich dem Uebel abgeholfen ist; dann sei ferner dabei zu bedenken, mit wie schweren Kämpfen man seiner Zeit die lang ersehnte Gewerbefreiheit erworben und daß gewiß schwerwiegende Gründe sich gegen die Zunftmängel geltend gemacht, die man sich heute, weil beseitigt, wohl nicht mehr in ihrer ganzen Tragweite vergegenwärtigen könne. Nach längerer Debatte wird diese Angelegenheit der juristischen Commission unter Zuziehung eines Mitgliedes einer schon bestehenden Innung, des Herrn Aug. Noll zur Vorberathung überwiesen.
Die Rechnung des Großh. Realgymnasiums nebst Realschule pro 1885/86, welche sich in Einnahme auf JL 65 560 und in Ausgabe auf JL 65 066 stellt, wird nicht beanstandet. Der höchste Schülerbestand dieser Schule im laufenden Jahre war 580, was der Versammlung zur Kenntniß gebracht wird.
Es liegt eine Steuer-Reclamation Großh. Universitäts-Rentamtes, betr. die akademische Entbindungsanstalt, vor, welche darauf fußt, daß sämmtliche nur zu Universitätszwecken dienenden Gebäude von Steuer frei sind. Die für die genannte Anstalt bezahlte Steuer in Höhe von 350 JL wurde für das als Director-Wohnung dienende Gebäude, welches aber schon seit dem Weggange des Herrn Prof. Kehrer ebenfalls nur zu Anstattszwecken eingerichtet ist, erhoben. Die Reclamation wird der juristischen Commission überwiesen.
Aus Anlaß eines kürzlich in der Wetzsteingasse vorgekommenen Unfalles (Ueber- fahren eines Kindes) wird mittelst Schreiben bei Großh. Polizeiamt beantragt, ein Verbot für den Fuhrverkehr in genannter Gasse zu erlassen; dieser Antrag wird jedoch abgelehnt; hierbei wird von Herrn Baist erwähnt, daß in Folge Fertigstellung des Schlachthauses doch bald die Wetzsteingasse, als einzige Verbindung der unteren Neustadt mit dem Wallthoroiertel, nicht genügen wird; er bringt deshalb den früher schon in's Auge gefaßten Durchbruch vom Kirckenplatz nach dem Schulberg wieder in Vorschlag; dieses sei jedenfalls das billigste Project und würde dadurch auch der fast ebenso engen Marktstraße eine Erleichterung werben. n
Die käufliche Ueberlassung von städtischem Gelände an der Wiesenstraße an Herrn Louis Keller wird zum Preise von 3.50 pr. Quadrat-Meter genehmigt.
Das Gesuch des Herrn Emil Kalbfleisch um Erlaubniß zur Erbauung einer provisorischen Ausstellungshalle bei seinem Hause an der Grünbergerstraße wird widerruflich mit der Bedingung genehmigt, daß dieselbe 2 Meter von der Staatsstraße zurück errichtet wird.
Dagegen wird das Gesuch der Herren G oldenberg L Marcus um Erlaubniß zur Errichtung eines Lagerhauses an der Bahnhofstraße, gegenüber dem Güterschuppen der Main-Weser-Bahn, abschläglich beschieden.
Die Erbauung von Weichenwärterbuden von Seiten der Main-Weser- Bahn auf Antrag der Eisenbahn-Bau-Jnspection Marburg wird nach den vorgelegtcn Angabengutgeheißen.
Das Gesuch des Herrn Georg Möhl um Wasserabfuhrung an feinem Hause, Ecke der Ludwigs- und Göthestraße, das gleiche Gesuch des Herrn Sigmund Rosenbaum bei seinem Hause an der Westanlage, sowie die Entfernung zweier Schoorbäume zu seiner Einfahrt werden unter den üblichen Bedingungen genehmigt.
Ueber das Gesuch des Herrn I. Klebe um Erlaubniß zur Ueberbrückung des Schoorgrabens, welches zum 3. Male vorliegt, wird die Verhandlung vorläufig ausgesetzt, da ein durch Reise abwesendes Mitglied des Stadtoorstandes schriftlich gegen eine nochmalige Verhandlung dieser Angelegenheit energisch Protest einlegte. Die über diesen Punkt sich ergebende Principienfrage soll außerdem der juristischen Commission vorgelegt werden.
Die Trottoirpslasterung der Schillerstraße soll ausgeführt werden, da ein Beschluß hierüber schon aus dem Jahre 1884 vorliegt, nach welchem auch die Kosten für das nächstjährige Budget vorgesehen waren.
Verschiedene Kost end ecretur en werden genehmigt.
Die Verhandlungen über die Quellwasserleitung, zu welchen auch Herr Ingenieur Rosenfeld erscheint, waren mannigfacher Art und wollen wir hierüber nur erwähnen, daß der viel angefeindete Brunnen an der Ludwigs- und Bismarckstraße entfernt wird, und daß ferner einige Anmeldungen zum Wasserbezug zustimmend beschieden werden. Ferner legt Herr Rosenfeld einen Plan über die Complettirung des Rohrnetzes vor, wonach als Hauptstrang ein sogen. Rundstrang von 175 Mm. Rohrweite gelegt werden soll und zwar von der Gartenstraße a) durch die Südanlage bis zur Bahnhofsstraße und ’o) durch die Ostanlage bis zur Dammstraße; mit diesen werden alle Röhrenstränge der inneren Stadt verbunden und weiter nöthige Abzweigungen von diesen aus gelegt. Herr Beigeordneter Gnauth empfiehlt, dafür Sorge zu tragen, auch einen sogenannten Zukunftsplan herzustellen, wie das Röhrennetz nach Jahren und voraussichtlich an- sehnlicher Vergrößerung der Stadt angelegt werben müsse, um dadurch öftere kostspielige Aenderungen zu verhüten. Herr Rosenfeld erwidert, daß gerade der jetzt vorgelegte Plan in diesem Sinn angelegt sei. Herr Bürgermeister Bramm beantragt Genehmigung des vorliegenden Planes, was auch nach Verlesung der zu berührenden Straßen mit dem Ansügen geschieht, daß wegen der Weite der Röhren für jede Straße besondere Beschlußfassung vorbehalten bleibt.
Hierauf Schluß der öffentlichen Sitzung 1!< nach 6 Uhr.
Gießen, 4. December. Die heute zur Ausgabe gelangte Nr. 12 der Verwaltungsblätter hat folgenden Inhalt:
1. Entscheidung Großh. Verwaltungsgerichtshofes in Betreff der Fegung und Unterhaltung des Landgrabens, hier der Beitragspflicht der Gemeinde Arheilgen. (Fortsetzung.)
2. Entscheidung Großh. Verwaltungsgerichtshofs in Betreff der Reclamation der Oberförsteret Ortenberg wegen Zuziehung Großh. Cameralfiscus zu den sämmtlichen Umlagen der Gemeinde Wallernhausen.
3. Achtzehnte öffentliche Sitzung des Kreistags des Kreises Gießen.
4. Neubau von Kreisstraßen.
Abonnements auf die Verwaltungsblätter nimmt die Expedition des Gießener Anzeiger entgegen und zwar für die Abonnenten letzteren Blattes zum -ermäßigten Preise von 50 H pro Quartal.
Gießen, den 4. Decbr. (Th eater.s Wie sehr unser Publikum wirklich guten theatralischen Genüssen geneigt ist, beweist der anhaltend glänzende Besuch zu den -Vorstellungen der Nudolph'schen Gesellschaft und war dieses besonders bei der gestriaen ersten Aufführung des „Jnspector Bräsig" der Fall. Die Dramatisirung des Romans „Ut mine Stromdid" ist als eine recht gelungene zu bezeichnen und wurde noch besonders durch eine geschickte Regie und vortreffliche Darstellung gehoben. Wohl alle Reuter-Verehrer waren erschienen und spendeten den lebhaftesten Beifall, welcher zum Schluß dcr Vorstellung seinen Höhepunkt erreichte.
Da allen Wünschen nach Plätzen zu der gestrigen Aufführung nicht entsprochen -werden konnte, so wird „Jnspector Bräsig" am Montag nochmals in Scene gehen und wollen wir nicht versäumen, auch besonders unserer jungen Wett den Besuch
dieser Vorstellung warm zu empfehlen, da die Vorstellung auf der Bühne wohl die lebhafteste Einführung in die Werke unseres norddeutschen Classikers sein dürfte.
Gingefandt.
Gießen, 4. December.
Sicherem Vernehmen nach feiert der „Gießener Zitherclub" (Wohlthätigkeits- verein) am 18. December im Saale des Caf6 Leib feine zweite Weihnachtsbefcheerung und ist es dem Vereine gelungen, in diesem Jahre die Zahl der zu kleidenden armen Kinder zu vermehren, da derselbe in diesem Jahre acht arme Kinder (im vorigen Jahre sechs) vollständig neu kleidet.
Mit dieser Bescheerung ist auch Verloosung, Bescheerung und Theater für die Vereinsmitglieder verbunden und so verspricht denn dieser Abend auch gleichzeitig ein recht vergnügter zu werden.
Dem Vereine wünschen wir zu seinem Fortschritte viel Glück und hoffen, daß derselbe im nächsten Jahre noch mehr arme Kinder kleiden möge. X.
Alten-Buseck, 3. December. Herr Oberstallmeister Freiherr von Nordeck zur Rabenau in Darmstadt, welcher in hiesiger Gemarkung begütert ist, hat sich veranlaßt gefühlt, seinen hiesigen Pächtern, deren Erndte in diesem Jahre von schwerem Hagelwetter hart beschädigt wurde, einen dem Schaden vollständig entsprechenden Nachlaß auf den diesjährigen Zeitpacht zu gewähren, was hier die dankbarste Anerkennung umsomehr verdient hat, als allen andern Beschädigten bis jetzt eine derartige Vergünstigung und Beihülfe nicht zu Theil geworden ist.
— Die Oppenheimer Dombanloose, deren Generaldebit bekanntlich das Lotterie-Bank-Geschäft von A. Eulenburg in Elberfeld übernommen hat, erfreuen sich eines sehr regen Absatzes, was in Anbetracht des guten Zweckes mit Freuden zu begrüßen ist. Selbst der deutsche Kaiser Wilhelm I. hat eine größere Anzahl dieser Loose ankaufen lassen. Der Reinertrag der Lotterie dient dazu, das interessante Denkmal mittelalterlicher Geschichte und Baukunst, als welches die Katharinenkirche zu Oppenheim a. Rh. sich darstellt, vor dem Verfall zu bewahren. Ein im Jahre 1878 zusammengetretenes Cvmtt6 hat die dankenswerthe, aber viel Geld erfordernde Aufgabe übernommen, den Wiederaufbau und weiteren Ausbau jener herrlichen Schöpfung gothischer Kunst zu leiten und die Mittel dafür aufzubringen. Als Beihilfe zur Erreichung des letzten Zweckes hat die heffische und preußische Regierung zum zweiten- male die Veranstaltung einer Lotterie genehmigt, deren Ziehung am 30. December d. I. stattfindet. Ein Loos zu 2 Mk., welches einen Gewinn oon 12000 Mk. bringen kann, ist sehr passend als Weihnachtsgeschenk zu verwenden. Da der Loosevorrath jetzt rasch vergriffen sein wird, ist es zu empfehlen, sich mit Loosen baldigst zu versehen und haben sich Reflectanten und Wiederverkäufer an das obengenannte Generaldebit zu wenden.
Niemand
sollte versäumen, das von vielen ärztlichen Autoritäten empfohlene „Zacherlbräu" einer Prüfung zu unterziehen, und dasselbe mit anderen fremden Bieren zu vergleichen.
Einzige Schankstelle: L. Hormann „Wiener Hof". 8713
Handel und Verkehr.
Gießen, 4. December. Aus dem heutigen Markt kostet: Butter per Pfund JL 1.10—1.15, Hühnereier 2 St. 13—16 H, Enteneier St. 0—0 H, Käse pr. St. 4—7 Kasematte 3—0 Erbsen pr. Liter 18 Linsen 32 H, Tauben per Paar 50 bis 65 Hühner per Stück 0.80—1.00, Hahnen pr. Stück JC. 0.50—100, Enten per Stück JL 1-00—1.40, Gänse per Pfund 44—56 Ochsenfleisch per Pfund 62 bis 64 £), Kuh- und Rindfleisch 54—56 Schweinefleisch 56—60 Hammelfleisch 5V bis 66 Kalbfleisch 46—50 4, Kartoffeln ver 100 Kilo JL 3.50—5.00, Milch per Liter 12—18 /$, Zwiebeln per Centner 3.50—4.50.
Auszug aus den Staudesamtsregister« des Standesamts Eießm.
(Nachdruck nur mit vollständiger Quellenangabe gestattet.)
Aufgebote.
November: 30. Karl Schmidt von Schotten, Bildhauer dahier, mit Karoline Göbel zu Schotten.
Eheschließungen. t . r
Nooember: 27. Eduard Battenberg, gebürtig von Homberg a. d. O., Handelsmann dahier, mit Emma Maria Magdalena Klos, gebürtig von Ettingshausen, wohnhaft dahier. December: 1. Friedrich Wilhelm Böttner, gebürtig von Kassel, Heizer bei der Main-Weser-Bahn dahier, mit Karoline Louise Weiß, gebürtig von Biedenkopf, wohnhaft dahier. 3. Friedrich Emil Sommerlad, gebürtig von Ober-Nosbach, Maschinenschlosser dahier, mit Anna Katharine Roß, gebürtig von Ober-Nosbach, wohnhaft dahier.
Geborene.
November: 23. Dem Kaufmann Otto Balzer eine Tochter. 24. Dem Rangirer bei der Main-Weser-Bahn Wilhelm Hansmann eine Tochter, Marie Elisabeths 24. Dem Hülssbremser bei der Main-Weser-Bahn Valentin Nuppel ein Sohn, August. 25. Dem Taglöhner Philipp Weigel eine Tochter. 25. Dem Kaufmann Konrad Joseph Keller eine Tochter. 27. Dem Fuhrmann Heinrich Carle eine Tochter.
Gestorbene. _
November: 26. Philipp Lerch, 75 Jahre alt, Fabrikant zu Lauterbach. 28. Elise Wallenfels, geb. Enders, 46 Jahre alt, Ehefrau des Fabrikanten Wilhelm Wallenfels dahier. 28. Heinrich Will, 35 Jahre alt, Schreiner, ledig, von Altenstadt, Kreis Büdingen. December: 2. Agathe Hanauer, geb. Dörr, 39 Jahre alt, Wittwe von Briefträger Peter Hanauer dahier. _ ________
Auszug aus deu Kirchenbüchern der Stadt Gießen.
Evangelische Gemeinde.
Getraute.
Den 28. November. Eduard Battenberg, Handelsmann in Gießen, und Emma Marie Magdalene Klös, ledige Tochter des Handelsmanns Johann Conrad KlöS in Gießen.
Den 1. December. Friedrich Wilhelm Böttner, Heizer zu Gießen, ein Wittwer, und Caroline Luise Weiß, ledige Tochter des Zieglers Conrad Weiß in Biedenkopf.
Den 3. December. Friedrich Emil Sommerlad, Maschinenschlosser in Gießen, ein Wittwer, und Anna Katharine Roß, ledige Tochter des Ackermanns Conrad Roß II. in Oder-Nosbach.
Getaufte.
Den 28. November. Dem Hüttenarbeiter Heinrich Wendland ein Sohn, Georg Philipp, geboren den 6. October.
Denselben. Dem Schuhmacher Louis Lüter ein Sohn, Ludwig Friedrich Theodor Karl Andreas, geboren den 23. October.
Denselben. Dem Schreiner Wilhelm Wack dahier ein Sohn, Bernhard Martin, geboren den 9. October.
Ten 3. December. Eine uneheliche Tockter, Minna, geboren den 1. December.
Beerdigte.
Den 30. November. Elise Wallenfels, geb. Enders, Ehefrau des Fabrikanten Wilhelm Wallenfels, alt 46 Jahre, gestorben den 28. November.
Sonntagsverein für Mädchen.
Vereinigung der Mädchen an jedem Sonntag, im Saale der Kleinkinderschule Nachmittags zwischen 2 und 7 Uhr; um 3/44 Uhr gemeinsame Unter-. Haltung. Bücher und Spiele sind in großer Zahl vorhanden.
8523 Dr. Baumann, Pfarrer.


