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Air. 984 Westes Blatt. Sonntag den 5. December
1886.
WWW Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Schulstraße 7. Erscheint t»H!iÄ nnt At»Snahme de- Monlao». Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Psi
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Am 3. l. Mts , Abends 6 Uhr, wurde in Hanau ein Fuhrwerk (Leiterwagen) mit 2 wohlgenährten hellbraunen Pferden, Wallachen, das eine mit Bläffe, dar andere ohne Abzeichen, entwendet. Man bittet beim Vorkommen des Fuhrwerkes daffelbe anzuhalten und der unterzeichneten Behörde sofort Mittheilung zu machen.
Gießen, am 4. December 1886. Großherzoglicher Polizeiamt Gießen.
___________________________________________Fresenius.______________________________________________________
Gefunden: 1 Brille, 1 Stück Shilling, 1 Taschentuch, 1 Taschenmesser, 1 Portemonnaie, 1 Halstuch. 1 Hundemaulkorb.
Zugelaufen: 1 Hahn.
Gießen, am 4. December 1886. Großherzozliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'ö telegr. Korrespondenz-Bureau.
Berlin, 3. December. Der Kaiser wohnte gestern der Vorstellung im Opernhause bei, empfing heute den Divisions'Commandeur Prinzen v. Reuß XIII., später zwöls General-Sup-rintendenten au» den alten Provinzen, welche hier in einer Sitzung getagt hatten, alsdann den Grafen Hochberg und machte hierauf eine Spazierfahrt. Nachmittag» 3% Uhr erscheint Staatrsecretär Graf Bi», marck zum Vortrage. Um 5 Uhr findet ein Familiendiner statt, woran die kronprinzliche Familie und Prinz Wilhelm lhellnehmen. — Die Kaiserin empfing gleichfalls obige General-Superintendenten und den Grafen Hochberg und machte dann eine Spazierfahrt.
Berlin, 3. December. In dem heute begonnenen Schwurgerichts« Proceffe gegen den Vorstand de» Verein« zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen (Frau Dr. Hoffmann und Genossen, wozu die Verthetdigung die Vorladung de» Minister« Puttkamer, des Polizeipräsidenten und bei Polizei« director» Krüger al« Zeugen beantragt hatte), wurde ein Schreiben de« Minister« v. Puttkamer verlesen, worin derselbe sich für sein Nichterscheinen auf einen Befehl de« Kaisers beruft, dem Poltzeiprästdenten, dem Polizetdirector Krüger und dem Criminal-Commiffar Schöne aber die Erlaubniß versagt, sich in dem Proceffe al« Zeugen vernehmen zu lassen. Seiten» der Anklage sind 25 Polizei, osficicre, seitens der Verthetdigung unter Anderen auch die Abgg. Wtndthorst, Rickert, Hinze und Singer, sowie die Frau Hofprediger Stöcker geladen.
Hamburg, 3. December. Die hiesige geographische Gesellschaft be« schloß, zu Ehren der verdienten Afrikaforscher« Dr. Fischer, dem Vater des Ver« storbenen als bleibendes Andenken der Familie die goldene Kirchenpaur'sche Medaille zu überreichen.
Paris, 3. Dec. Deputirtenkammer. Colfavru (Linke) u. Duval (Rechte) be- antragkn die Aufhebung der Unterpräftclen-Stellen. Der Minister des Innern, Sarrien, und der Minister des Auswärtigen, Freycinet, erwidern, daß die Unter« präfecten in vielen Arronviffements nothwendig feien, daß aber ihre Zahl verringert werden könnte. Dar Cabinet werde einen m diesem Sinne gehaltenen Entwurf vorlegen. Trotzdem wird der Antrag auf Aufhebung der Unterpräseclen-Stellen mit 262 gegen 249 Stimmen von der Kammer genehmigt. Freycinet ersucht die Kammer, die Budgetberathung zu surpendiren, da die Regierung zuvor be« rathen müsse. Die Sitzung wird hieraus ausgehoben. — Nach der Sitzung waren die Minister im Minisierium de» Auswärtigen vereinigt.
— In parlamentarischen Kreisen geht da» Gerücht von der Demission des Cabinets.
Pari», 3. December. Die Minister begaben sich heute Abend 5>/2 Uhr ,u Grövy und überreichten demselben ihre Demission.
— Dem Vernehmen nach conferiren die Minister morgen früh nochmal» bei Gr^oy. _
London, 3. Decbr. Hier hat sich heute aus Anregung von Dr. Karl Peters ein Zweigverein der deutschen Gesellschaft sür Colonisation consiituirt. Der Vorsitzende des provisorischen Comit^s, Hermann Schmidt, und der Schriftführer, Hermann Meyer, führten aus, daß die Deutschen Englands eine Sache von so hohem nationalen Interesse, wie die deutsche Colonisation versolgen und unterstützen müßten. Die Versammlung wählte Schmidt zum Präsidenten, Rasch, Alexander Siemens und v. Ernsthausen zu Vicepräsidenten, Fick zum Schriftführer und Richard Schlesinger zum Schatzmeister.
Kairo, 3. December. Der Ministerrath genehmigte gestern das Budget für 1887, dessen Einnahmen auf 9,674,000 und die Ausgaben auf 9,628,000 eayptischs Md. veranschlagt sind; der Ueberschuß betrug demnach 46,000 Psd. In dem Obigen ist die volle Zahlung für den Coupon eingeschlossen. Der amtlichen Schätzung zufolge wird das Saldo der Schuldenkasse am 25. October 1887 etwa 400,000 Psd. betragen.
Reichstag.
E. B. Berlin, 3. December 1886.
Qur Berathung stand die erste Lesung,des Friedenspräsenzgesetzes.
Kri^sminister v Bronsart stellte die Embrrngung der Vorlage als eme Zwingende NMhwendigkeit dar, sowohl in Bezug auf den Zeitpunkt der Einbringung Lwtngenoe ^coryw u^unaen und Dauer des Gesetzes. Das deutsche Volk könne m absehbarer Zeit sehr wohl in einen Krieg verwickelt werden. Einer augenblicklich SrnKpn um die es sich nicht handle, wäre die Vorlage verfehlt und
die ^Antwo^t nu? eine «Mobilmachung. Ein? hohe Fri-denspräsinzstärke gewahre nicht
bloß eine Erhöhung der Kriegsbereitschaft, sondern auch der Kriegsstärke des Heeres. Es entstehe nun die Frage, ob man sich in dieser Beziehung von einem Volke überflügeln lassen solle, das bei uns das Gefühl behaglicher Ruhe nicht aufkommen lasse. Das der Kommission vorzulegende Material werde den Beweis für die angegebenen Zahlen erbringen. Sind diese aber richtig, dann mußte die Vorlage so, wie es geschehen, beschleunigt werden. Hoffentlich werde die Dringlichkeit nicht verkannt werden, damit die Berathungen noch vor dem Beginn der Weihnachtsferien beendet sind. Die Militärverwaltung sei mit der größten Sparsamkeit vorgegangen; würde sich die Verstärkung in dem geforderten Maße als nothwendig erweisen, so müßten die Mittel beschafft werden. Daß die persönliche Belastung der Bevölkerung mit 1 Prozent, wie es in der gegnerischen Presse hieß, unerträglich sei, könne er nicht zugeben; jenseits der Vogesen sei die Belastung eine viel stärkere. Verhängnißvoll wäre es, diese .Vorlage von einer Verständigung über die schwebenden Zoll- und Steuerfragen abhängig machen zu wollen. — Redner schildert dann die Entstehungsgeschichte des Septennats, an dem die Regierungen festhalten; sie brächten mit der begrenzten Dauer des Gesetzes freiwillig eine Konzession, erwarten aber dann das Entgegenkommen des Hauses. In den Etatsoebatten klang das Wort versöhnend hindurch, daß der Reichstag bezüglich der Erhaltung dev Wehrkraft des Reiches eines Sinnes sei. Lösen Sie das Wort jetzt ein durch eine möglichst einstimmige Annahme der Vorlage. (Lebhafter Beifall rechts und bei den Nationalliberalen.)
Abg. Richter (dfr.) verwies darauf, daß fast mit denselben Argumenten auch die Vorla^n von 1874, 1880 u. s. w. vertheidigt seien. Darin nur hätten sich die Verhältnisse erfreulich geändert, daß wir zu einer Verständigung mit Oesterreich gelangt sind, mit dem uns zahlreiche identische Interessen verbinden. Er sei dem Minister ungemein dankbar dafür, daß er die augenblickliche friedliche Lage so betont habe; das werde die sachliche Prüfung der Vorlage sehr erleichtern. Hier handelt es sich nicht um eine Erhöhung der Kriegspräscnz, die die Regierung nöthigenfalls durch Mobilisirung und Einberufung der Reserve ohne Weiteres bewirken könne, sondern um eine Erhöhung der Friedenspräsenz. Mit den Argumenten des Ministers könne man statt 100 Millionen auch wohl 400 Millionen fordern. Wenn man der alliirten Macht Frankreich-Rußland gedenke, müsse man auch unsere Alliirten, Oesterreich-Ungarn, in Rechnung ziehen, denn was hätte das Allianzverhältniß mit Oesterreich sonst für einen Zweck. In Frankreich stehen im Kriegsfälle mehr Soldaten auf dem Papier, als in Wirklichkeit vorhanden, bei uns seien im Kriegsfälle mehr Soldaten wirklich vorhanden, als auf dem Papier, denn bei uns sei das System der allgemeinen Wehrpflicht schärfer durchgedrungen als in Frankreich. Redner behandelt eingehend die Frage der zweijährigen Dienstzeit, welche, auch wenn sie bis jetzt gesetzlich nicht gelöst werden konnte, doch praktisch durch mancherlei Erleichterungen möglich sei. Daß die Motive behaupten, 49 pCt. des russischen Budgets entfallen auf militärische Zwecke, mag sein, aber seit wann sind denn russische Zustände unser Ideal? (Heiterkeit.) Wir können unmöglich unsere Steuerlast vermehren. Bezüglich der Geltungsdauer des Gesetzes glaube er, trotz der Erklärungen des Kriegsministers, an eine Verständigung auf Grund einer kürzeren Frist als das Septennat, welches seiner Zeit willkürlich als Ergebniß eines Compromisses gewährt wurde. Auch die Marine kann ohne längere Fixtrung bestehen, sie hat bei alljährlicher Bewilligung bisher keineswegs zu leiden brauchen. Im Lande der allgemeinen Wehrpflicht und des allgemeinen Wahlrechts müssen Forderungen, die sich aus der allgemeinen Wehrpflicht ergeben, mit dem öffentlichen Volksbewußtsein im Einklangs erhalten werden. Nur aus der Ueberzeugung von der Nothwendigkeit kann die Freudigkeit zur Bewilligung geforderter Leistungen hervorgehen. (Lebhafter Beifall links.)
Abg. von Saldern (konservativ) erörterte, unter großer Unaufmerksamkeit des Hauses, die Regierungsvorlage, zu deren Bewilligung sich seine Partei bereit erkläre.
Kriegsminister v. Bronsart: Der Abgeordnete Richter machte der Reichsregierung den Vorwurf, „daß sie, wenn eine solche Dringlichkeit für die Vorlage vor- Händen, nicht den Reichstag früher berufen habe." Demgegenüber muß ich erklären, daß die Dringlichkeit auch der Regierung erst in letzter Zeit mit Klarheit vor Augen getreten sei. (Hört, hört! rechts.) Die Grundlosigkeit der von dem Abg. Richter vorgebrachten Ziffern werde ich in der Eommission nachweisen.
Abg. Payer (Volkspartei): Die Forderung des Septennats bedeute lediglich ein Mißtrauen gegen den Reichstag. Die Begründung der Vorlage mit der auswärtigen Situation ist doch wohl nicht durchweg zutreffend, denn die Mehrheit des französischen Bürgerthums denkt friedlich wie wir. Die Monarchenzusammenkünfte wurden als Bürgschaft des Friedens ausgegeben, soll denn, so frage ich, das alles schon vorbei sein ? Daß die Motive über Oesterreich schweigen, läßt den Schluß zu, daß die Reichsregierung einen zukünftigen Krieg vielleicht allein führen zu müssen glaubt. Ich therle diese Besorgniß nicht; aber der Zweifel der Negierung ist eine Sündenschuld, eine Erbschaft des Bruderkriegs im Jahre 1866, denn bis dahin konnte wenigstens der deutsche Bund durch das Schwergewicht seiner Existenz gewisse Friedensbürgschaften bieten. Sympathisch berührt mich die Erhöhung der Präsenzstärke allerdings, weil sie die ehrliche Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht näherführt; indessen ist eine Gegenleistung und Entlastung durch zweijährige Dienstzeit nöthig.
Morgen wird die Berathung fortgesetzt.
Lokale-.
Gießen, 4. Decbr. ^Stadtverordnetensitzung vom 2. Decbr., Nachmittags 4 Uhr.) Anwesend Herr Bürgermeister Bramm, die Herren Beigeordneten Keller und Gnauth, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Baist, Georgi, Grüneberg, Dr. Gutfleisch, Hanstein, Hoch, Homberger, Lüdeking, August Noll, Petri, Schopbach, Simon, Vogt und Wortmann.


