Mr. 2S8 Freitag Heu 5. November 1886.
Gichmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Drei- vierteljührlich 2 Mari 20 Pf. mtt Brtwyd*
Durch die Post bezogen vierteljührlich 2 Mart 60 Ps.
Erscheint ILglich mit Ausnahme befl Montags.
Schulstraße 7.
«C
Politische Ueberfkcht.
Gießen, 4. November.
Die in der Umgegend von Mainz aufgetretene choleraähnliche Epidemie beschäftigt fortgesetzt die Aufmerksamkeit der Behörden. Seitens des Herrn Dr. Schmitt, Director des Untersuchungsamtes in Wiesbaden war behauptet worden, daß die in seiner Anstalt vorgenommene Untersuchung der Därme der in Finthen verstorbenen Personen das Vorhandensein des Koch'schen Cholerakeimes, des sogenannten Kommabacillus, zweifellos nachgewiesen habe. Dem gegenüber wird nun von einem Mainzer Sachverständigen versichert, daß es sich in Finthen und Gonsenheim lediglich um eine zufällige Auseinanderfolge von Todesfällen an entzündlichem Magen-Darmkatarrh gehandelt habe und daß diese Erscheinung sich gerade in den genannten Orten fast jeden Herbst wiederhole. Wohl in Folge dieser gegenteiligen Behauptungen ist vom Reichsamte des Innern der Regierungsrath Dr. Gaffky, Mitglied des Reichsgesundheitsamts, beauftragt worden, sich den hessischen Behörden zur Verfügung zu stellen und hat sich derselbe mit dem Vorstande der betreffenden Großherzogl. hessischen Mtnifterialabtheilung nach Finthen und Gonsenheim begeben. In letzterem Orte ist keine weitere Erkrankung vorg kommen, dagegen erkrankte in Finthen am 28. v. M. eine Frau am Durchfall und wird dieselbe im Jsolirhause behandelt. Ueberall sind umjaffende M'ßregeln znr Desinfection getroffen. — Leider geht auch aus diesen von der amtlichen „Darmst. Ztg " gebrachten Mittheilungen noch nicht der wahre Sachverhalt hervor, so daß es erklärlich erscheint, wenn sich die beunruhigenden Gerüchte über einen in Finthen vorgekommenen wirklichen Todesfall an asiatischer Cholera erhalten. Von dem Eingreifen der genannten Reichsbehörde darf man wohl bald eine bestimmte Aufklärung in dieser Angelegenheit, an der ganz Deutschland tnleressirt ist, erwarten.
Der Prinz-Regent Luitpold von Bayern hat anläßlich seines Namenstages dem Ministerpräsidenten v. Lutz eine besondere Auszeichnung zu Theil werden lasten, indem er denselben zum lebenslänglichen Mitglieds des Reichsraths ernannte. Die Gegner des bayerischen Cabinetscheis dürften hieraus ermesten. wie wenig ihre Bemühungen, das Ministerium Lutz zu Fall zu bringen, Aussicht aus Erfolg haben. Aus demselben Anlaste wurden die Ministerial- räthe v. Ziegler und v. Mayer zu Staatsräthen ernannt und erhielten ferner der Reichsrath Graf Quaadt-Jsny das Großkrcuz der bayerischen Krone, der kommandirende General v. Orff in Würzburg das Großkreuz des Michael- ordens und der Erzbischof von Bamberg, sowie der bayerische Gesandte beim Vatikan, Freiherr v. Getto, das Comthurkreuz des MichaelordenS.
Die Beunruhigung der Deutschen in Böhmen wegen der Sprachenverordnung des Justizministers Prazak hat bereits in den letzten Tagen zu ernsten Kundgebungen in den Städten Warnsdorf und Reichenberg geführt. Vorläufig sorgt man durch die in Oesterreich vielbeliebte Methode der Zeitungs- Confircationen dafür, daß durch die Preste von dieser Beunruhigung nichts laut werde. Seit zwei Jahren wurde nicht mehr so eifrig confm-.rt, wie in den letzten vierzehn Tagen. In Böhmen selbst blieb kein einziges, auch nicht ein einziges deutschnationales Blatt von der Confircation frei. Mit solchem Drucke gegen die Deutschen sucht man die widerspänstig gewordenen Czechen aus's Neue zu erkaufen. Im Sprachenausschuffe erklärte der Jungczechensührer Gregr doch, daß, so lange Oesterreich noch einen deutschen Character trage, die Czechen zur Ueberzeugung gelangen werden, daß sie in Oesterreich keine Zukunst haben und jeden österreichischen Patriotismus ersticken müßten. Der deutsche Abgeordnete Dr. Plckert entgegnete darauf, daß man sich an einem Wendepunkte der Ge- Ichichte Oesterreichs befinde, der Character des Staates solle geändert werden. Fahre man aus diesem Wege fort, dann wird das Uusicherheitsgefühl der Deutschen so sehr steigen, daß man sich ihrer wird versichern müssen, wie man sich jetzt der Czechcn versichert,
Der am Sonntag in Tirnowa erfolgte Zu'ammentrilt der bulgarischen Nationalversammlung eröffnet eine neue Phase in der Entwickelung der bulgarischen Dinge — wenigstens ist dies der überall vorherrschende Eindruck dieses Eceign sses. In ihrer Eröffnungsbotschaft hat es die bulgarische Regierung zwar vermieden, sich über ihr Verhältniß zu Rußland auszulaffen, dagegen ist der bulgarische Vertreter in Konstantinopel angewiesen worden, den dortigen Vertreter der russischen Regierung, Herrn v. Nelidoff, zu sondlren, ob Rußland einem Uebereinkommen bezüglich einer aus der Ministerpartei und der russischen Partei zusammengesetzten Regierung für Bulgarien zuzustimmen geneigt sei; Rußland hätte dafür die jetzige Sobranje und die von ihr zu treffende Fürsten wähl anzuerkennen. Es ist noch nicht bekannt, wie man rusfischerseitS diesen Vorschlag zur Güte ausgenommen hat und ebenso wenig weiß man, wie in Petersburg die Freilassung der bulgarischen Officiere Gru ff und Bandereff, der eigentlichen Anführer beim Complotte gegen den Fürsten Alexander, ausgenommen worden ist. Jedenfalls gibt die bulgarische Regierung durch diese beiden Handlungen ihren guten Willen, mit Rußland zu einer Verständigung zu gelangen, zu erkennen, aber es erscheint nicht unmöglich, daß Rußland gerade durch' diese seitens der bulgarischen Regierung bewiesene Versöhnlichkeit und Nachgiebigkeit veranlaßt wird, den Bogen noch straffer anzuspannen. Diese Anschauung kann durch den neuesten Schritt des Generals Kaulbars nur bestätigt werden. Letzterer eröffnete nach einer Mittheilung des „Petersb. Regierungs- Lnzeigers" mit Genehmigung des Kaisers der bulgarischen Regierung, er werde bei der ersten Vergewaltigung russischer Untertanen mit allen Agenten Bul
garien verlassen. — Da es den russischen Helfershelfern in Bulgarien sehr leicht ist, diese „Vergewaltigung" herbeizuführen, so kann der schon neulich gedrohte Abzug des Generals Kaulbars mit jedem Tage zur Thatsache werden und hieraus erhellt, daß die Dinge in Bulgarien füglich der Entscheidung zu- treiben. Wie dieselbe ausfallen wird, das vermag freilich die europäische Diplomatie selber nicht zu sagen.
Telegraphische Depeschen.
Wolff's telegr. Corrcsporrderrz- Bureau.
Berlin, 3. November. Se. Maj. der Kaiser nahm heute Vormittag militärische Meldungen entgegen, ließ sich von Wilmowski Vortrag halten und empfing Nachmittags die Herzogin Wilhelm von Mecklenburg und deren Tochter.
— In der morgigen Bundesrathssitzung gelangt u. a. der Gesetzentwurf, bett, die Abänderung des Gerichtskostengesetzes und der Gebührenordnung der Rechtsanwälte zur Vorlage.
Berlin, 3. November. Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet: Der Abgeordnete Dr. Löwe (Calbe) ist gestern in Meran gestorben.
Berlin, 3. November. Der „Reichsanzeiger" meldet: Domdechant Dr. Klein- Limburg ist nach Zustimmung der königlichen Staatsregierung durch ein päpstliches Breve vom 15. October zum Bischof von Limburg ernannt. Der König ertheilte dem Bischof Klein mittelst Urkunde vom 27. October die nachgesuchte landesherrliche Genehmigung.
— In dem Etat der Zölle und Verbrauchssteuern ist dem Vernehmen nach bei Veranlagung der Zuckersteuer mit Rücksicht auf die Erhöhung des Steuersatzes von v4L 1.60 auf JL 1.70, die Bruttoeinnahme der Zuckerrübensteuer Vie höher als^ der Durchschnitt der drei letzten Jahre, nämlich auf JC. 149,431,000 veranschlagt; dagegen sei von einer Berücksichtigung der Ermäßigungen der Ausfuhrvergütungssätze abzusehen, weil nach den Ausführungsbestimmungen zum Gesetze vom 1. Juli 1886 für die im Etatsjahre 1887/88 zustehenden Vergütungen noch die bisherigen höheren Sätze gelten.
Kopenhagen, 3. November. Für die Provenienzen aus italienischen Häfen von Cap Maria Leuca bis zur französischen Grenze ist eine Quarantäne angeordnet worden.
Paris, 3. November. Bihourd, Director der communalen Angelegenheiten im Ministerium des Innern, ist zum Residenten in Tunis ernannt. — Die Akademie der Wissenschaften beschloß angesichts der großen Fortschritte, welche die Photographie der Himmelskörper gemacht hat, für nächstes Frühjahr eine internationale Conferenz wegen Herstellung einer photographischen Himmelskarte vorzuschlagen, die gleichzeitig von zehn oder zwölf über den ganzen Erdball verteilten Observatorien in Angriff zu nehmen sei.
London, 3. November. Die Polizei gab gestern ganz bestimmte Befehle, jeden Auszug oder eine größere Ansammlung von Menschen, ausgenommen bei der Lordmayors-Prozession am 9. November, in den Straßen zu verhindern. Alle Ladenbesitzer wurden angewiesen, ihre Läden zu schließen und die Fenster, falls sie keine Fensterladen besitzen, durch Bretter zu schützen.
London, 3. November. Lord Stanhope, Staatssecretär der Colonien, empfing heute eine Deputation, welche die Annexion von Zululand erbat. Stanhope erwiderte, zwischen dem Gouverneur Havelock von Natal und den Boers sei eine Vereinbarung getroffen, wonach England über den östlichen Theil von Zululand, welcher den Zulus vorbehalten bleibe, die Schutzherrschaft übernehmen und die neue Boerenrepublik den westlichen Theil des Zululandes behalten werde.
London, 3. November. Meldung des Bureau Reuter aus Rangunj: Die Stadt Minhla am Jrawaddi wurde vergangene Nacht von 900 Aufständischen angegriffen und vollständig zerstört.
Petersburg, 2. November. Das „Journal de St. P." schreibt: Die gestern publicirte amtliche Kundgebung bezeichne die Grenzen der Geduld und Mäßigung Rußlands, welches von dem Wunsche beseelt sei, die Bulgaren nicht für die schlechten Handlungen ihrer Machthaber verantwortlich zu machen. Man müsse hoffen, die Machthaber würden begreifen, daß sie nicht ungestraft auf diesem Wege verharren dürfen. Mit der Freilassung der Offiziere sei einer wichtigen Forderung des General Kaulbars genügt. Die Rathschläge, welche den derzeitigen Inhabern der Gewalt würden ertheilt werden, dürften dieselben vielleicht zur richtigen Beurtheilung der Lage und Interessen Bulgariens führen.
Konstantinopel, 3. November. Sir William White überreichte gestern dem Sultan in feierlicher Audienz seine Creditive als interimistischer englischer Botschafter und hatte später eine Privataudienz beim Sultan.
Konstantinopel, 3. November. Meldung des Bureau Reuter.j Infolge von Instructionen der Pforte stellte Rustem Pascha seine Vorstellungen bei Jddesleigh bezüglich Egyptens ein und wird den Gegenstand nicht weiter erwähnen.
New-Nork, 3. November. Der demokratische Candidat Hewitt wurde mit 90,296 Stimmen zum Mayor von New-Aork gewählt. Der Arbeiter-Candidat George erhielt 67,699 und der Republikaner Roosevelt 60,392 Stimmen. Bei den Wahlen für die Staatslegislatur siegten die Republikaner. Außerdem siegten die Republikaner in Nevada, Massachusetts, Wisconsin, Pennsylvania, Illinois, Jova, Michigan, Kansas and Ohio, während die Demokraten in Arkansas, Alabama, Florida, Georgia, Nississippi, Kentucky, Missouri, Maryland, Tennessee, Nord- und Süd-Carolina und ^exas siegten. In New-Jersey war die Wahl sehr schwankend, wahrscheinlich ist dieselbe lemokratisch ausgefallen. Connecticut und Neu-Hampshire erwählten republikanische Legislaturen, die Gouverneurswahlen blieben erfolglos, da in beiden Staaten drei Kandidaten waren, deren keiner die nothwendige Stimmenzahl erhielt. In Californien md Indiana haben wahrscheinlich die Republikaner gesiegt. In Chicago und Milwaukee uurden die Arbeitercandidaten erwählt. Das Gesammtresultat der Wahlen ist, daß die Rpublikaner viele Sitze im Congreß gewonnen haben, wodurch die demokratische Majorität im fünfzigsten Congresse sehr verringert wird.
Vermischte-.
Darmstadt, 2. November. sPostpersonalnachrichten.j 1. Versetzt sind ber Pfftkassirer Kobelt von Darmstadt nach Posen, behufs Uebernahme einer Postinspector- stlle, der Oberpostdirectionssecretär Freytag von Oldenburg nach Darmstadt behufs Übernahme einer Postkassirerstelle, derPostsecretär Raab von Darmstadt nach Mühl- htusen (Elsaß) behufs Uebernahme einer Oberpostsecretärstelle, der Postsecretär Gösser von Friedberg (Hessen) nach Mainz, die Postverwalter Stork von Herbstein, nch Wörrstadt und Qua ecke von Grebenhain nach Rheinheim (Hessen).
| 2. Gestorben ist der Postsecretär Kopp in Offenbach (Main).


