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Nr. 206 Zweites Blatt Sonntag dm 5. September 1886.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureanr Schulftraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Wochen - Aebersicht.
Gießen, 4. September.
Die zu Ende gegangene Woche erhielt diesmal durch die Feier - unseres nationalen Festtages, des Sedansestes, ihren erhebenden patriotischen Untergrund. Zum sechszehnten Male jährte sich Heuer der Tag, an welchem die Vereinigten deutschen Armeen die Macht des stolzen Franzosen-Kaisers auf den blutgetränkten Gefilden von Sedan in Trümmer brachen und ihn selbst nebst seinem letzten Heere gefangen nahmen. Mit Recht betrachtet man die Riesenschlacht von Sedan trotz der ihr noch nachfolgenden mannigfachen und blutigen Kämpfe als den entfcheidenden Wendepunkt im deutsch-französischen Kriege von 1870/71 und wenn zudem in Erwägung gezogen wird, wie gerade von Sedan und seinen bedeutsamen Ergebnissen die politische und nationale Wiedergeburt . Deutschlands datirt, so erscheint die sich immer wiederholende Feier des 2- Se- tember vollberechtigt. Erfreulicher Weise ist auch in diesem Jahre das patriotische Fest überall in den deutschen Landen unter Theilnahme der weitesten Bevölkerungskreise in würdigster Weise begangen worden und mit Genugthuung kann deshalb constatirt werden, wie im deutschen Volke das Gedenken jenes großen Ruhmestages sich noch frisch und lebendig erhalten har. Es geht hieraus im Weiteren hervor, daß all' die beklagenswerthen politischen, consessionellen und socialen Gegensätze, welche sich in unserem Volksleben immer schärfer geltend machen, den nationalen Gedanken, der sich vor Allem in der alljährlichen Feier des Sedantages offenbart, noch nicht zu überwuchern vermochten und wir wollen darum hoffen, daß auch künftig der Tag von Sedan in diesem nationalen und echt patriotischen Sinne gefeiert werden möge.
Der deutsche Kronprinz hat in seiner Eigenschaft als General-Jn- specteur der bayerischen Truppen am Freitag seine Jnspectionsreise nach Bayern angetreten. Nach Beendigung der Manöver in Bayern begiebt sich der Kronprinz direct nach Straßburg, um den großen Kaiser-Manöoern im Elsaß beizuwohnen.
Gering ist in dieser Woche die Ausbeute an positiven Nachrichten auf dem Gebiete der innerpolitischen Angelegenheiten. Fast einzig erwähnt zu werden verdient da nur die Breslauer Katholiken-Versamm- lung, und zwar zumeist wegen der weitgehenden Forderungen, welche auf derselben erhoben worden sind. Man kann wohl sagen, daß dieselben in dem Verlangen gipfelten, daß die sämmtlichen katholischen Ordens-Gesellschaften, deren Mitglieder der Aufenthalt und die Ausübung ihrer Wirksamkeit in Preußen, resp. Deutschland untersagt ist, zurückberufen werden sollen, und zwar mit Einschluß der Jesuiten und fast scheint es also, als ob sich eine neue Culturkamps- Periode eröffnen sollte. Vorläufig freilich sind die osficiellen Beziehungen zwischen Berlin und dem Vatikan noch ausgezeichneter Natur und es wird sich erst im Laufe der Zeit Herausstellen, inwiefern die römische Kurie die Zurückberusung der aus Deutschland ausgewiesenen Ordens-Gesellschaften ernstlich begünstigt.
Die politische Lage nach der Franzensbader Zusammenkunft soll folgende^ sein: Die Übereinstimmung zwischen Deutschland und Rußland soll eine vollständige sein und da Oesterreich im gleichen politischen System wie Deutschland stehe sei auch das Einverständniß zwischen Rußland und Oesterreich vollständig; zwischen den drei Mächten existirten keine Meinungs Verschiedenheiten. Die Meldung, daß Fürst Alexander in Lemberg Depeschen aus Franzensbad erhalten hätte, wird als eine tendenziöse Unwahrheit bezeichnet; es war zur Zeit, als der deutsche Reichskanzler in Franzensbad weilte, dort ganz unbekannt, daß Fürst Alexander durch Galizien reisen werde. — Herr v. Giers wohnte in Franzensbad am Mittwoch der Trauung seiner Tochter mit dem Grafen Rosetti, erster rumänischer Legations-Secretär, bei; der russische Staatsmann ist am Donnerstag von Franzensbad abgereist und wird unterwegs sich in Berlin zwei Tags aufhatten.
Der Löwenantheil an den auswärtigen Angelegenheiten wurde auch in dieser Woche durch die Ereignisse in Bulgarien beansprucht. Bei letzteren concentriite sich wiederum das Hauptinteresse aus die nun glücklich erfolgte Heimkehr des Fürsten Alexander in sein Land, die sich unter den stürmischsten und zugleich rührendsten Anhänglichkeits-Bezeugungen der bulgarischen Nation für ihren geliebten Herrscher vollzog. Am Mittag des 1. September traf Fürst Alexander in Philippopel ein und wie er überall aus seiner Heimreise begeistert begrüßt wurde, so bereitete ihm auch die Hauptstadt Ost-Rume- liens einen ebenso begeisterten wie glänzenden Empfang. Im Laufe des Freitag wurde der Fürst Alexander in Sofia erwartet, und mit dem Wiedereinzuge des Bulgarenherrschers in seine Hauptstadt gelangt der seltsame neueste bulgarische Zwischenfall zu seinem äußerlichen Abschluß. Wie sich nun die bulgarische Affaire weiter entwickeln wird, das vermag Niemand mit Bestimmtheit voraus- zufehen und selbst unter den Großmächten scheint noch Unschlüssigkeit bezüglich der nun Bulgarien gegenüber einzunehmenden Haltung zu herrschen. Jedenfalls werden die europäischen Cabinete die Dinge in Bulgarien nach der Rückkehr des Fürsten sich einstweilen selbst weiter entwickeln lassen. Zur bulgarischen Angelegenheit ist noch zu melden, daß den augenblicklich in Bukarest befindlichen bulgarischen politischen Flüchtlingen bedeutet worden ist, sie möchten sich ihren provisorischen Aufenthalt wählen, wo sie wollten, nur nicht in den Donau- districten. Diese Maßregel wird mit der vollständigen neutralen Haltung Rumäniens gegenüber den Ereignissen motivirt, welche sich in dem Rumänien befreundeten Bulgarien abspielten. Der bulgarische Minister des Auswärtigen. Natschewitsch, ist am Montag Abend in Bukarest eingetroffen.
Uebrigers erhellt aus dieser Maßregel, daß Rumänien bestrebt ist, seinen internationalen Verpflichtungen in correctester Weise nachzukommen und unter diesem Gesichtspunkte wird man auch in Bulgarien selbst die erwähnte Maßregel betrachten.
Die Aufmerksamkeit der politischen Kreise Oesterreich- Ungarns wurde in dieser Woche vorwiegend durch die glanzvolle Ofener Jubelfeier vom 1. und 2. September — zur Erinnerung an die vor zweihundert Jahren erfolgte Befreiung Ofens von der Türkenherrschaft — in Anspruch genommen Ein besonderes Moment in den Ofener Festtagen bildete der äußerst sympathische und auszeichnende Empfang, welcher der zur Theilnahme an der Ofener Festlichkeit entsandten preußischen Officiersdeputation in der ungarischen Hauptstadt bereitet worden ist. Hoffentlich wird dieser Umstand den unangenehmen Eindruck, den die Zwischenfälle von München und Berlin jenseits der Leitha gemacht, wieder verwischen helfen. Die preußischen Officiere, welche vollständig die Gäste des österreichischen Kaisers sind, haben denselben von Pesth aus zu den Manövern bei Stuhlweißenburg begleitet.
Dem Reuter'schen Bureau zufolge, steht ein ernstes Zerwürfniß zwischen Rußland und China wegen Koreas, woselbst Rußland eine Schutzherrschaft einrichten will, in Aussicht. Der chinesische Gesandte in Korea verlangte telegraphisch Truppen von seiner Regierung und trafen in Folge dessen 9 chinesische Kriegsschiffe mit einer größeren Truppenabtheilung an Bord an der koreanischen Küste ein. Auch sollen zahlreiche als Kaufleute verkleidete chinesische Soldaten in Seoul, der Hauptstadt Koreas, eingerückt sein und herrsche daselbst große Erregung. Einstweilen muß die Bestätigung dieser sensationellen Nachrichten, welche einen interessanten Conflict zwischen dem Czarenreiche und dem chinesischen Niesenreiche signalisiren, abgewartet werden.
Die französisch-vaticanische Streitfrage wegen der pro» jectirten päpstlichen Nuntiatur in Peking ist beigelegt. Papst Leo XIII. hat den Vorschlag Frankreichs, einen provisorischen Legaten nach China zu schicken, der sich mit der chinesischen Regierung wie mit dem Vertreter Frankreichs in Peking über die Vorbedingungen für die Errichtung einer ständigen Nuntiatur am Pekinger Hose in's Einvernehmen setzen soll, angenommen.
Die geheimnißvollen unterirdischen Mächte haben in den letzten Tagen wiederum Zeichen ihrer furchtbaren Thätigkeit von sich gegeben. Nicht nur in Unteritalien und Griechenland, sondern auch an der ganzen amerikanischen Küste von Newyork bis Alabama haben heftige Erdbeben stattgefunden. In Griechenland sind hierbei nach den nunmehr feststehenden amtlichen Ermittelungen 166 Menschen um's Leben gekommen und 500 verletzt worden. Der angerichtete Schaden beträgt mehrere Millionen. In dem amerikanischen Küstengebiet ist die Stadt Charleston, Süd - Carolina, am schwersten von den Erderschütterungen betroffen worden; viele Häuser stürzten ein, mehrere Feuersbrünste brachen aus und gegen 60 Personen kamen bei der Katastrophe um. Auch an der Küste vvn Algier machte sich diese unter- . irdische Thätigkeit bemerkbar, indem an derselben vom Capitän eijieä englischen Dampfers ein thätiger Vulkan und mehrere Erdöffnungen, aus denen Dämpfe emporstiegen, beobachtet wurden.
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Mainz, 27. August. sUuglücksfall.j Gestern Nachmittag hat sich an einem Neubau in der Nähe der Stephanskirche wieder ein sehr bedauerlicher Unglücksfall zu- getragen. An diesem Hause sollte ein schwerer Gerüstbalken aufgezogen werden, kaum war derselbe oben an seiner Stelle angekommen, als das Seil, womit er befestigt war, entzwetriß, der Balken in die Tiefe stürzte und ein des Weges daher kommendes Mädchen, die Tochter eines pensionirten Beamten, in den Rücken traf, fo daß dasselbe schwer verletzt vom Platze gebracht werden mußte. Das Seil, welches sich als mürbe und untauglich für das Maurergewerbe erwies, wurde sofort von der Polizei mit Beschlag belegt.
Wiesbaden, 30. August. Gestern Nachmittag gerieth auf Biebrich-Mosbacher Gemarkung die bei der Backsteinbrennerei des Herrn Kaufmanns Müller gelegene Arbeiterhütte des Backsteinmachers Förster aus Nierstein in Brand. Während des Ausräumens der Wohnung rief Förster plötzlich: „Meine Kinder sind noch in dem Hause, sie sind verloren." Aus dem Bodenräume des Häuschens drang dichter Qualm und bald auch Feuer hervor. Ein Augenzeuge berichtet dem „Rh. Kur." Weiteres: „Zu dieser Zeit müssen die Kinder bereits tobt gewesen sein. Wenn sie noch am Leben und bei Besinnung gewesen wären, hätten sie sicher geschrieen und wir sie hören müssen. Es wurde eine Leiter zur Stelle geschafft, einige Gefache an der östlichen Giebelseite des Häuschens eingeschlagen und nun fand man die beiden Knaben (der eine war 12, der andere 5 Jahre alt) vollständig verbrannt in dem äußersten Winkels (nach der Schiersteinerstraße zu) unter dem Dache vor. Der obere Raum in dem Häuschen ist wahrscheinlich mit Stroh belegt gewesen, auf welchem die Arbeiter schlafen und dieses Stroh hat auf irgend eine Weise Feuer gefangen und so den Kindern, die auf demselben lagen, den Tod gebracht. , t m ..
- ^Vermächtnisse.) Der am 22. Juni d. I. in Wiesbaden verstorbene Rentier Walter Bauendahl hat der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung testamentarisch die Sumnie von 5000 vermacht. Es ist dies in diesem Jahre bereits die dritte größere Zuwendung, welche dafür Zeugniß giebt, daß die Bestrebungen der genannten Gesellschaft immer mehr Anerkennung finden. — Das Testament des lungst verstorbenen hervorragenden amerikanischen Politikers Sam. I. gilben tft nun eröffnet worben. Von bent 5,000,000 Dollars betragenben Nachlaß erhalten die. Verwandten ca. 1 Million, während der Rest zur Gründung oon öffentlichen Anstalten bestimmt ist. Dem Willen des Erblassers zufolge werden freie Bibliotheken in seiner Geburtsstadt Ncw-Lebanon, sowie in Jonkers gegründet werden. Ferner hat derselbe es seinen Testamentsvollstreckern übeilaisen, 3,000,000 Dollars von seinem Nachlaß zur Gründung einer großartigen öffentlichen Bibliothek in der Stadt New-York oder für


