Ausgabe 
5.9.1886 Erstes Blatt
 
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ver Stadt wurde der Fürst ^M^LM-malen-^orpS in großer Uniform empfangen. Der Vertreter Ruß­lands fehlte. Zum Salut wurden 21 Kanonenschüsse gelöst.

Lokale-.

Gießen, 4. September. [Sie Kunstausstellung in Gießen.) Welch hohen Rang die gegenwärtig hier ausgestellten Zeichnungen und Entwürfe G. Adolf Gnauth's in der Künstlerwelt einnehmen, beweisen die Worte, mit welchen Dr. I. Stockbauer in der Zeitschrift für Kunst und Gewerbe seinen Nachruf an den Dahin­geschiedenen beginnt:

Unter den Architecten der Neuzeit hat keiner eine so eigenartige und selbst­ständige Stellung eingenommen, hat so sehr den künstlerischen Bestrebungen der ^Neu­zeit einen abgerundeten, vollen Ausdruck geliehen und denselben in die weitesten Kreise getragen, als der am 19. November 1884 gestorbene Oberbaurath Gustav Adolf Gnauth. Es war eine genial angelegte und durch umfassendes Studium harmonisch abgeschlossene Künstlernatur, welche das gesammte Kunstgebiet mit frischer Schöpferkraft beherrschte und im Größten wie im Kleinsten eine den Stempel des Genies tragende Originalität aufwies."

Wir können hier nicht den ganzen Nachruf wiedergeben, lassen aber eine kurze Lebensbeschreibung folgen:

G. Adolf Gnauth, geboren 1840 in Stuttgart, erhielt seine Bildung zum Künstler am Polytechnikum zu Stuttgart unter Baurath Leins und war dann von 186061 beim Eisenbahn Hochbau thätig.

Doch schon im folgenden Jahre zog es ihn nach Italien. Dort machte er während zweier Jahre die fleißigsten Studien, ging dann auf einige Zeit nach Wien und von^!864 bis 1866 wieder nach Italien. Die Ergebnisse dieser Reise waren die -reichste Sammlung von architectonischen Aufnahmen und vortrefflich in Aquarell aus­geführter Blätter nach den Werken der großen Meister der Renaissance in Rom, Florenz, Genua und Venedig. 1866 kam er als Professor an die Baugewerkschule zu Stuttgart, besuchte in dem folgenden Sommer wiederholt Italien und wurde dann Professor am Polytechnikum seiner Vaterstadt, trat aber nach zwei Jahren wegen bedeutender Prioataufträge von dieser Stelle zurück. Er baute nun die reizende Villa Siegle im Renaissancestill, die Villa Eonradi und die Vereinsbank in Stuttgart in Barockstil, die Häuser der dortigen Göthestraße mit Anwendung des Sgrafitto, ferner die Villa Engelhorn und Klemm in Mannheim und verschiedene Grabmäler. Da­neben aber hat Gnauth das große Verdienst, das Kunstgewerbe durch zahlreiche Ent­würfe für Kunsttischler, Gold- und Silberarbeiter und durch Herausgabe der trefflichen ZeitschriftKunsthandwerk" und des Maler-Journals (1876) gehoben zu haben. 187576 bereiste er dann mit Lenbach, Makart, Müller und Hubert Griechenland und Egypten. Die Briefe, welche er von dort aus an seinen Vater schrieb, beweisen die ganze Liebenswürdigkeit und den frischen Humor seines Characters, vereint mit dem edelsten Streben und dem feinen Kunstgefühle des hochbegabten Künstlers. Nach Deutschland heimgekehrt, ließ er sich in München nieder und wendete sich dort der decoratioen Malerei zu, bis er 1876 Director der Kunstgewerbeschule zu Nürnberg wurde. Dort richtete er sich mit seiner Gattin in dem alten Vembohause, gegenüber dem berühmten Rathhause, behaglich und geschmackvoll ein, ward auf meinen Wunsch und Vorschlag zum Mitgliede des Verwaltungsausschusses des germanischen Museums erwählt, führte verschiedene Entwürfe für die Ausstellung der Gewerbe in Nürnberg 1882 aus, übernahm aber dann den Bau und die Einrichtung eines großartigen Palastes iu Newyork in Amerika.

Nach der Rückkehr von dort fühlte er sich leidend und erlag bald, allzu früh lür die Kunst und für seine Freunde, einem Herzleiden. Dr. H. v. Ritgen.

** Gießen, 4. September. Daß die Singvögel durch Vertilgung von allerlei Ungeziefer im Haushalte der Natur von ungeheurem Nutzen sind, daß sie ferner un- gemein zur Belebung und Verschönerung der Natur beitragen was wäre der schönste Wald ohne Vögel weiß Jedermann. Der hiesige Thierschutzverein hat es deshalb seit seinem Bestehen für seine Pflicht gehalten, durch Anbringung künstlicher Brutstätten sowohl wie durch die Anlage von Futterplätzen im Winter zur Vermehrung resp. An­siedelung der Singvögel beizutragen. Leider treten 2 Factoren den Bestrebungen des Vereins hindernd entgegen, nämlich 1. die Katzen und 2. die Abnahme der lebenden Hecken.

Weit entfernt, die Nützlichkeit der Katzen irgendwie in Zweifel ziehen zu wollen, müssen wir doch darauf Hinweisen, daß es eine nicht unbedeutende Anzahl von Katzen giebt. die sich herrenlos in Garten und Feld umhertreiben, weniger der Mäuse, als der Vögel, Hasen u. s. w. wegen. Zur Brütezeit der Vögel kann man täglich die Beobachtung machen, daß mit dem Eintritt der Dämmerung Katzen die Gartenhecken nach Vogelnestern förmlich absuchen. So hat man in Frankfurt a. M. 30 Stück Katzen, die sich in den Gärten und Anlagen dieser Stadt umhertrieben, gefangen, getödtet und secirt und was fand man in ihren Magen? Keine Spur von Mäusen, sondern nur die Ueberreste von Vögeln. Solche Katzen, deren Zungen an das feinere Vogelfleisch gewöhnt sind, haben als Mäusefänger des Hauses keinen Werth mehr. Würden überhaupt nicht mehr Katzen gehalten, als das Bedürfniß erfordert, so würden sie wenig oder gar nicht lästig werden. Leider giebt es Leute, welche eine wahre Katzen­manie besitzen, d. h. aus besonderer Katzenliebhaberei ein halbes Dutzend derselben halten. Daß unter solchen Umständen die zu große Zahl derselben lästig wird, ist selbstverständlich, der lieblichen Serenaden, wodurch sie die friedlichen Bürger im Schlafe stören, gar nicht zu gedenken. Der Thierschutzverein ist deshalb der Ansicht, daß er gegen das Ueberhandnehmen und Umherstreifen der Katzen an Orten, wo sie nichts zu thun haben, Schritte thun muß.

Mehrere besonders nützliche insectenfressende Singvögel bauen nur in Hecken und zwar in dichte und dornichte Hecken, welche ihnen gegen Katzen und andere Raub- Ihiere den nöthigen Schutz gewähren. Leider verschwinden von Jahr zu Jahr die lebenden Hecken sowohl als die Dornbüsche an Rainen, welche vielen Vögeln Schutz gegen die Witterung und gegen das Raubzeug gewähren, immer mehr.

Als ganz vorzüglich kann nun die Anpflanzung des schwedischen Bocksdorns (Lycium eurvpäum) zu Gartenhecken empfohlen werden. Diese sehr dornige Schling­pflanze beansprucht wenig Raum, giebt eine undurchdringliche Hecke und bietet den darin nistenden Vögeln in Folge ihrer wagrecht abstehenden, massenhaften Dornen sicheren Schutz und ist deren Anpflanzung sehr zu empfehlen. Der hiesige Thierschutz­verein beabsichtigt deshalb, die Anlage von Bocksdornhecken zu unterstützen. Garten­liebhaber, welche vielleicht einen Versuch mit der Anlage von derartigen Hecken machen wollen, werden gebeten, dies dem Vorstande des hiesigen Thierschutzvereins mitzutheilen, da bet gemeinschaftlichem Bezug der Setzlinge sich die Transportkosten bedeutend geringer stellen dürften. Die nöthige Auskunft, in welcher Weise die betreffenden decken anzulegen seten, wird gerne ertheilt.

Gießen, 4. September. Bei unserem benachbarten Orte Heuchelheim hat sich gestern Abend zwischen 7 und 8 Uhr ein Unglücksfall ereignet, indem eine Frau von dem Berlin-Metzer Bahnzug auf der Strecke überfahren und getödtet wurde. Tie Großh. Staatsanwaltschaft hat sich an Ort und Stelle begeben.

Vermischte-.

x Darmstadt, 2. September. Der Tag von Sedan wurde in diesem Jahre in unserer Residenz von fast allen Theilen der Bevölkerung gefeiert, so daß man sich in die Jahre 1870/71 versetzt glaubte. Schon Morgens früh zog die Schuljugend in die nahen Waldungen unserer Stadt, woselbst von den Lehrern unter Spielen und Gesängen auf die Bedeutung des Tages hingewiesen wurde. In fast sämmtlichen Straßen der Stadt war der Fahnenschmuck ein reicher. Nachmittags fand vor dem -reich geschmückten Krieger-Denkmal Eoncert statt. Der am Abend stattgehabte imposante Fackelzug bewegte sich nach dem Landesdenkmal, woselbst eine Ansprache an die Ver- sammlung stattfand. Den Schluß bildete ein großartiges Feuerwerk, wonach die Zug- theilnehmer sich zu gemüthlicher Vereinigung nach dem Saalbau begaben.

Dingen, 3. September. Aus Ober-Ingelheim wird ein großer Brand ge- meldet. Es soll einpfindlicher Wassermangel herrschen. Der Binger Kreisralh hat sich nach der Brandstätte begeben.

sMilitärischesJ Während in der russischen Armee eine durchgreifende Reform bereits vorgenommen ist und man sich in Frankreich mit weit ausschauenden Plänen trägt, vollzieht sich auch in unserem Heere eine stetige Reform auf allen Gebieten. Im laufenden Jahre haben sich in unserer Armee so einschneidende Veränderungen und so bedeutsame Fortschritte vollzogen, wie sie keines der letzten 10 Jahre aufweisen kann. In erster Linie ist die Gewehrfrage in einer ebenso raschen als befriedigenden Weise durch die Massenanfertigung eines Repetirers einem vorläufigen Abschluß zugeführt. Ferner ist man dabei, das Gepäck der Infanterie zu erleichtern und an Stelle des bisher gebräuchlichen schweren Seitengewehrs ein dolchartiges Bajonett einzuführen. Auf dem Gebiete des Reglements und der Ausbildungsvorschriften ist das Erscheinen eines neuen Exercierreglements für" die Eavallerie und die Redaction einer neuen Feld- dienstordnung besonders bemerkenswerth. In rein organisatorischer Beziehung Hal die grundsätzliche Trennung der Geniewaffe in Feld- und Festungs-Pioniere weitere Fort­schritte gemacht und ist die Schaffung einer besonderen Festungstruppe, welche aus Fußartillerie und Genietruppen besteht, ihrer Verwirklichung näher gerückt. Die ein- getretene Vermehrung der Landwehrinspectioneu, sowie die Errichtung einer neuen Cavallerie-Division haben zur Erhöhung der Schlagfertigkeit unserer Armee jedenfalls beigetragen. Schließlich hat die Fürsorge unserer Heeresverwaltung für die Nutzbar­machung der wissenschaftlichen Fortschritte auf dem Felde der militärischen Luftschiff­fahrt zu einer Erweiterung der vorhandenen Organisationen geführt und wird bald ein Stamm praktisch erfahrener Fachleute vorhanden sein.

sUnmenschlichkeit.) In dem Dorfe Wahnsdorf unweit Sonnewalde hat sich ein Akt seltener Unmenschlichkeit zugetragen. Bei einem Bauer daselbst kamen Ver­wandte zum Besuch. Die fremde Frau hatte Verlangen, die Ehefrau des Bauers zu sehen und da sie dieselbe in der Wohnung nicht anwesend fand, betrat sie eine kleine dunkle Kammer. Der Anblick, der sich ihr darbot, entzieht sich jeder Beschreibung, denn hier lag die gesuchte Frau in einem entsetzlichen Zustande auf einem handhoch mit Koth bedeckten Strohlager, angethan mit einem Stück zerlumpten und schmutzigen Hemdes, welches kaum den Obertheil des Körpers bedeckte. Die fremde Frau entsetzte sich darüber so sehr, daß sie ohnmächtig wurde und erst von ihrem Manne aufgesucht werden mußte, der sie aus diesem grauenvollen Orte wegtrug. Die eingekerkerte Frau soll sich in einem Zustande befinden, der an Wahnsinn grenzt; ob dieser Zustand nicht die Folge der unmenschlichen Behandlung ist, wird jedenfalls die Untersuchung ergeben, die im vollen Gange ist. Neben dieser Einkerkerung soll die unglückliche Person noch von Mann und Kindern Mißhandlungen zu erdulden gehabt haben, auch ist festgestellt, daß die Frau schon seit vergangenen Weihnachten in diesen grauenvollen Raum ein­gesperrt ist. Die Frau ist in das Krankenhaus zu Luckau gebracht.

Hande! und Verkehr.

Gießen, 3. Septbr. Der Austrieb zu dem am 31. August und 1. September dahier abgehaltenen Viehmarkt war sehr bedeutend, an Rindvieh waren 2531 Stück, und Schweine 377 Stück aufgetrieben. Der Handel bei Zucht- und Arbeitsvieh war durch die vielen Handelsleute aus Bayern, Württemberg und Baden sehr lebhaft, wodurch die Preise höher als am letzten Markte waren.

Nächster Markt Dienstag den 14. und Mittwoch den 15. d. Mts., am letzteren Tage auch Krämermarkt und findet Morgens 7 Uhr das Verlesen der Krämer­stände statt.

Gießen, 4. September. Auf dem heutigen Markt kostete' Butter ver Piund ä. 1.00120, Hühnereier pr. St. 56 -3i, Enteneier St. 60 4, Käse pr. St. 59 Ä, Käsematte 30 Erbsen pr. Liter 20 H, Linsen 30 4, Tauben per 0,50 bis 0,65 Hühner per Stück JL 0.851.20, Hahnen pr. Stück JL 0.450.75, Enten per Stück vM 1.201.80, Ochsenfleisch per Pfund 6264 H, Kuh- und Rindfleisch 5256 H, Schweinefleisch 5460 H, Hammelfleisch 50-66 H, Kalbfleisch 46-50 Kartoffeln per 100 Kilo JL 4.006.00, Milch per Liter 1218 Zwiebeln per Zentner m. 5.00-6.00.

Gingesandt.

Grünberg, 4. September.

Dem kunstliebenden Publikum von Grünberg und Umgegend steht ein seltener, gediegener Kunstgenuß bevor, der nächsten Sonntag Abend 8 Uhr im Gasthauszum Hirsch" dahier dargeboten werden wird. Zwei Schüler des Raff'schen Conservatoriums zu Frankfurt, Herr Aff er in aus Florenz und Herr Schweitzer, Sohn des Lehrers Schweitzer zu Odenhausen, beide noch ganz jugendliche Künstler, werden ein durchaus classischcs Programm zur Ausführung bringen, worauf wir nicht verfehlen wollen auf­merksam zu machen.

Auszug aus den Standrsamtsregister« des Staudrsamls Gieße«.

(Nachdruck nur mit vollständiger Quellenangabe gestattet.)

Aufgebote.

August: 28. Ernst Emil August Aßmann von Plettenberg, Maler und Lackirer dahier, mit Marie Hamel von Rainrod, wohnhaft dahier.

Ghefchlietzungen.

September: 1. Christoph Schmitt von Roßbach, Schmied dahier, mit Margarethe Elisabeth Schneider von Wieseck, wohnhaft dahier. 2. Großh. KreiLbaumeiftcr Johann Friedrich Kranz zu Friedberg mit Emilie Neidhart dahier.

Geborene.

August: 26. Dem Schneider Georg Fischer eine Tochter, Anna. 27. Dem Briefträger Heinrich Ohly ein Sohn, Karl.

Gestorbene.

August: 31. Marie Helene Katharine Hankel, 6 Monate alt, Sohn von Fuhr­mann Johann Hankel. 31. Elisabethe Friederike Heidt, 1 Jahr alt, Tochter von Schuhmacher Jacob Heidt. September: 1. Johann Christian Retter, 64 Jahre alt, Kaufmann dahier. 2. Elisabethe Wehner, geb. Möhl, 67 Jahre alt, Witlwe von Johann Konrad Wehner. 2. Georg Heinrich Kreiling, 1 Jahr alt, Sohn von Metall- dreher Georg Kreiling.

Auszug aus den Kirchenbüchern der Stadt Gieße«.

Evangelische Gemeinde.

Getraute.

Den 2. September. Friedrich Kranz, Großh. Kreisbaumeister zu Friedberg, ein Wittwer, und Emilie Neidhart, Tochter des Gerichtsschreibers Georg Neidhart zu Gießen.

Getaufte.

Den 29. August. Dem Schutzmann Johannes Ochs eine Tochter, Christine, geboren den 6. Juni.

Denselben. Dem Oeconomcn Carl Rinn eine Tochter, Marie Emma Elisabeth, geboren den 26. Juli.

Denselben. Dem Schneidmüller Philipp Reuschling Zwillingstöchter, Katharine und Lina, geboren den 9. Juli.

Denselben. Dem Fabrikarbeiter Heinrich Beck ein Sohn, Wilhelm, geboren den 5. Juni.

Den 31. August. Dem Bremser an der Oberhessischen Bahn Anton Stork ein Sohn, Carl Wilhelm, geboren den 17. Juli.

Den 1. September. Dem Schutzmann Bernhard Krause eine Tochter, Marie Henriette Elisabethe Wilhelmine, geboren den 19. August.

Den 2. September. Dem Uhrmacher Wilhelm Emil Böger eine Tochter, Johanna Georgine, geboren den 11. August.

Beerdigte.

Den 29. August. Johannes Kreiling, Privatmann, alt 62 Jahre, starb den 27. August.

Den 3. September. Johann Christian Retter, Kaufmann, alt 64 Jahre, starb

Temperatur der Lahn.

Am 4, September, zwischen 11 imb 12 Uhr: Wasser 18», Lust 24° R. im Schatten.

L. Chr. Rübsamein