Ausgabe 
5.8.1886 Erstes Blatt
 
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1886.

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Politische Ueberficht.

Gießen, 4. August.

Kronprinz Friedrich Wilhelm hat sich auf dem Umwege über 'Bayreuth, wo der hohe Herr einer Parsioal-Aufführung beiwohnte, nach Hei- delberg zur Universitäts-Jubelfeier begeben. Dem Vernehmen nach gedenkt der Kronprinz am Sonntag nach Potsdam zurückzukehren. In Heidelberg ist u. A. auch der preußische Cultusminister Dr. v. Goßler eingetroffen, um den Unioer- sitätS-Festlichkeiten beizuwohnen. Von dort aus tritt der Minister die Weiter­reise nach der Schweiz an, um hier seinen Sommer-Urlaub zuzubringen.

Der bisherige chinesische Gesandte in Petersburg und London, Marquis Tseng, hat sich bet seinem gegenwärtigen Aufenthalte in Deutschland einer ungewöhnlich auszeichnenden Ausnahme Seitens der leiten­den Kreise zu erfreuen gehabt. In Kissingen hatte der Marquis eine längere Unterredung mit dem Reichskanzler Fürsten Bismarck, mit einem auf Kosten des Kaisers gestellten Extrazuge reiste die chinesische Excellenz dann weiter nach Berlin, wo dieselbe mit ihrer Begleitung ebenfalls Gast unseres Kaisers war und am Samstag wurden Marquis Tseng und sein Begleiter in Potsdam vom Kronprinzen empfangen und später auch zur kronprinzlichen Tasel hinzu­gezogen. Diese Ausmerksamketten, welche man in Deutschland dem in nächster Zeit nach Peking zurückkehrenden Vertreter Chinas erweist, gehen über die gewöhnlichen Höflichkeit^-Erweisungen der europäischen Regierungen an fremde Diplomaten denn doch hinaus und am Pekinger Hofe wird man von dem Empfange, den Marquis Tseng auf seiner Durchreise in Deutschland gesunden, gewiß mit hoher Befriedigung Kenntniß nehmen. Jedenfalls geht hieraus her­vor, daß die Beziehungen zwischen dem deutschen Reiche und China sich immer freundschaftlicher gestalten und dies kann für die deutschen Verbindungen mit Ost'asien, die mehr und mehr an llmsang und Bedeutung gewinnen, nur von größtem Werihe fein.

Als Nachfolger des im nächsten Monat aus seinem Amte scheidenden französischen Botschafters, des Barons de Courcel, wird jetzt einerseits der Vertreter Frankreichs am Vatikan, Lesevre de Beheine, anderseits der französische Ministerresident in Tunis, Cambon, mit einer gewissen Be­stimmtheit genannt. Offenbar ist aber in dieser Frage noch nichts entschieden.

Aus die gegenwärtigen Festspiele in Bayreuth ist durch den daselbst am Samstag Mitternacht erfolgten Tod Franz Liszt's ein tiefer Schatten gefallen. Die Meldung von dem Ableben des größten Claoiervirtuofen unseres Jahrhunderts wird in allen musikalischen Kreisen das schmerzlichste Be­dauern Hervorrusen. Der nun dahingeschiedene Meister der Töne wurde am 22. October 1811 in dem ungarischen Orte Raiding geboren, er hat demnach ein Alter von beinahe 75 Jahren erreicht. Sein glänzendes musikalisches Talent brach sich schon frühzeitig Bahn, in Frankreich und England, in der Schweiz und in Italien wurde der Name Liszt's genannt und als er jene großen Kunstreisen von 1840 bis 1848 vollendet, da war sein Ruhm für alle Zeiten seft begründet. Im Jahre 1848 ward Weimar der ständige Sitz des Virtuosen; 1865 trat er in Rom als Abbö in den geistlichen Stand und lebte daselbst längere Zeit. Später wurde wieder Weimar und daneben auch Pesth der bevorzugte Aufenthaltsort Liszt's.

Wie aus Hamburg mitgetheit wird, ist in Kamerun auf Grund einer Verordnung des dortigen deutschen Gouverneurs die Reichsmarkrechnung eingeführt worden. Zur Befriedigung des Geldverkehrs wurden schon größere Posten von Thalerstücken von den beteiligten kaufmännischen Firmen in das deutsche Schutzgebiet eingeführt.

Erzherzog Karl Ludwig von Oesterreich und seine Gemahlin Maria Theresia sind in Peterhof von dem Kaiserpaar, dem Großfürsten- Thronfolger und den übrigen Mitgliedern der russischen Kaiserfamilie auf« Herzlichste empfangen worden. DasJournal de St. Pötersbourg" erinnert anläßlich der Ankunft des erzherzoglichen Paares an die freundschaftlichen Be­ziehungen, die zwischen dem russischen Hose und dem Erzherzog und seiner Ge­mahlin feit der Krönung in Moskau bestehen und sagt, die hohen Gäste könnten sich versichert halten, bei dem Hose und der russischen Gesellschaft den herzlichsten Empfang zu finden, ihr neuer Aufenthalt in Rußland werde die bisherigen freundschaftlichen Beziehungen noch befestigen.

Das Verhältniß zwischen Deutschland und Rußland wird von der panslavistischenMoSk. Ztg." in einem bemerkenswerthen Artikel be­sprochen. In demselben heißt es u. A.:Wir wünschen, daß sich Rußland in freien, freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland befinde; jedoch sollten wir eben solche Beziehungen auch zu anderen Mächten, desgleichen zu Frankreich haben. Wir erachten es als gänzlich unwahrscheinlich, daß Deutschland irgend­wann Streit mit uns suchen wollte; aber wenn England, was wohl möglich ist, mit uns im nahen oder fernen Osten collidirte, würde das jetzige Frankreich, welches zu England fast in nicht geringerem Antagonismus steht als zu Deutsch­land, wahrscheinlich nicht müssiger Zuschauer des Kampfes bleiben, worüber wir zu klagen wahrlich keinen Grund hätten." Man sieht, daß den Herren Pansla- visten ein Bündniß mit Frankreich nach wie vor als die Quintessenz aller poli­tischen Weisheit gilt.

In Irland kommen immer wieder Reibungen zwischen Orangisten und Nationalisten vor. Am Samstag Abend kam es in Belfast zwischen den Oran­gisten und Nationalisten zu Schlägereien, wobei von beiden Theilen mit Steinen geworfen wurde. Die Polizei war genöthigt, mit der Waffe einzuschreiten.

Eine Anzahl von Personen wurde verwundet, ein Knabe getödtet. Gegen Mit­ternacht war die Ruhe wieder hergestellt.

Berlin, 2. August. Die Bestrebungen der Gewerbetreibenden, betr. die Zuziehung von Sachverständigen bei staatlichen Verdingungen, haben in Preußen doch einen gewissen Erfolg gezeitigt. Zwar hatte der Minister der öffentlichen Arbeiten auf die Berichte Der Provinzialbehörden erklärt, daß bett mit der Leitung des Verdingungs-Verfahrens betrauten Behörden und Beamten sowohl die Entscheidung darüber, in welchen Fällen überhaupt die Zuziehung von Privat-Sachverständigen, bezw. Sachverständigen-Commisfionen angemessen erscheine, als auch die Auswahl der hierfür geeigneten Persönlichkeiten überlassen bleibe, er hat aber, um den aus den Kreisen der Gewerbetreibenden kundgege­benen bezüglichen Wünschen thunlichst entgegen zu kommen und die Verwaltung zugleich gegen Mißdeutungen bezüglich der Auswahl der Sachverständigen sicher zu stellen, derNordd. "Allg. Ztg." zufolge angeordnet, daß, soweit nicht die Beamten der Verwaltung selbst mit ausreichenden Fachkenntnissen ausgerüstet seien und auch sonst unparteiische, in ihrem Fach als tüchtig anerkannte Per­sönlichkeiten nicht bereits zur Verfügung ständen, wegen Namhastmachung von Sachverständigen zuvörderst die Vorstände der auf Grund des Unfallversicherungs- Gesetzes vom 6. Juli 1884 gebildeten Berussgenossenschaften angegangen und, falls gegen die in Vorschlag gebrachten Persönlichkeiten vom Standpunkte der Verwaltung Bedenken nicht vorlägen, dieselben zur zweckentsprechenden Mitwirkung -herangezogen werden sollen. Der Minister behält sich vor, über die praktische Bewährung dieser Maßnahme s. Z. Bericht zu erfordern. Desgleichen hat der Minister des Innern bestimmt, daß in Gemäßheit dieser Vorschriften auch bei Den im Verwaltungsbereich des Ministeriums des Innern vorkommenden Ver­dingungen verfahren werden soll. Hoffentlich wirb der Gebrauch dieser Mini- sterial-Versügungen den Nutzen aus der Verwendung von Sachverständigen so Überzeugend nachweisen, daß die Einrichtung gänzlich verallgemeinert werden kar.»». Denn sie allein erscheint geeignet, eine allen berechtigten Anforderungen entsprechende sachkundige und unparteiische Handhabung bei der Vergebung und Ausführung von Leistungen und Lieferungen zu sichern.

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Gastein, 3. August. Der Kaiser machte um 3 Uhr dem Fürsten und der Fürstin Bismarck einen halbstündigen Besuch. Nach dem Diner fand Vor­trag Bülow's statt.

Berlin, 3. August. Der Austausch der Ratifications-Urkunden zu der deutsch - englischen Uebereinkunst vom 2. Juni, welche die preußisch - englische Literar-Convention von 1846 und 1855 auf die bisher vertragslosen Theile des Reiches ausdehnt, sand am 29. Juli in London statt. Die Uebereinkunst tritt drei Monate nach Austausch der Urkunden in Kraft.

Bayreuth, 3. August. Die Beerdigung Franz Liszt's erfolgte heute Vormittag unter Theilnahme zahlreicher hiesiger uni) auswärtiger Leidtragender. Die Feier dauerte von 10 bis halb 12 Uhr, Se. K und K. Hoheit der Kron­prinz hatte gestern Abend vor seiner Abreise einen Kranz für LiSzt'S Grab in der Villa Wahnsried abgeben lassen.

Wien, 3. August. DerPolit. Corresp." wird aus Nisch gemeldet: Die Skupschtina nahm einstimmig einen Antrag des Finanzministers an, betr. die Wahl einer 15gliederigen Commission zur Prüfung der bisherigen Finanz- gebahrung der Regierung und Erwägung von Maßregeln wegen Herstellung des stetigen Gleichgewichts des Budgets.

An der Cholera erkrankten, refp starben in Triest 1/3, in Fiume 2/3 Personen.

Pari-, 3. August. Die Generalrathswahlen sind beendet. Die Republi­kaner gewannen 76 Sitze, die Conservativen 83 Sitze. Stichwahlen sind 177 erforderlich.

Madrid, 3. August. General Salamanca, Director des Kriegsmini­steriums, demissionirte.

Washington, 3. August. Cleveland theilte dem Congreß den Bericht mit, welchen der Staatssecretär Bayard über die in Mexiko unweit der Grenze erfolgte Verhaftung eines Bürgers der Vereinigten Staaten, des Redacteurs Cuttings, erstattet hat. Der Präsident fügt hinzu, er habe Alles gethan, was in feiner Macht stehe, um die Freilassung Cutting's zu erlangen und müsse nunmehr dem Congreß das weitere Vorgehen überlassen.

Heidelberger Iudilaumsbrieft.

ii.

Heidelberg, 2. August.

Z Soeben, Nachmittags 4 Uhr, verkünden drei Kanonenschüsse die Ankunft Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs Friedrich von Baden, des Rector magnificen- tissimus der alten hochgelahrten Jubilarin. Von sämmtlichen, in großer Gala befind­lichen Spitzen der städtischen Behörden am Bahnhofe abgeholt, fährt der lange Wagen­zug in raschem Trabe unter meinen Fenstern her zum sogenannten Palais, einem äußerst anspruchslosen, am Markte gelegenen zweistöckigen Gebäude, dem ein Un­eingeweihter seine hohe Zweckbestimmung kaum anmerken kann. Weder die innere noch die äußere Einrichtung gewähren diesem Hause Anspruch auf den Namen einer Fürstenwohnung. Drei neue Kanonensalven geben das Zeichen, daß der hohe Gast in seinem Absteigequartier angelangt ist. Als wolle sie dem edlen Landesherrn einen Act der Huldigung erweisen, bricht die allersehnte Sonne, die sich den ganzen Taz.