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Mittwoch den 5 Mai
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Amts- imb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Wolitifche «eberficht.
Gießen, 4. Mai.
Am Berliner Hofe ist es jetzt recht still geworden, da die meisten Mitglieder des Kaiserhauses zur Zeit nicht in der Reichshauptstadt weilen. Am Freitag Mittag hat die Frau Kronprinzessin die schon augekündigte Reise nach England angetreten und wird sich der Aufenthalt der hohen Frau daselbst voraussichtlich bis Mitte Mai erstrecken. Der Kronprinz seinerseits ist am folgenden Tage in Begleitung der Prinzessinnen-Töchter Victoria, Sophie und Margarethe, sowie der Erdprinzessin von Sachsen-Meiningen nach Bad Homburg im Taunus abgereist, um sich hier von dm Nachwehen seiner Mafernerkrankung - zu erholen. Von dm beiden Söhnen des kronprinzltchen Paares weilt der ältere, Prinz Wilhelm, augenblicklich noch in Süddeutschland, wo er, nach Beendigung der Vermählungs'Feierlichkeiten am württembcrgischen Hofe, den großherzoglich badischen Herrschaften in Karlsruhe einen Besuch obgestattet hat; der jüngere Sohn des kronprinzlichen Paares, Prinz Heinrich, ist, da er nun von der Masernkrankheit vollständig wieder genesen, Ende voriger Woche nach Kiel zur Uebernahme seiner dienstlichen Funktionen zurückgekehrt. Auch die Kaiserin beabsichtigt in diesen Tagen — wie verlautet, am Dienstag — Berlin zu verlassen und, wie alljährlich, einen mehrwöchentlichen Frühjahrs-Aufenthalt in Baden-Baden zu nehmen. Nur bezüglich der Frühjahrs»Badereisen des Kaisers stehen bestimmte Dispositionen noch immer aus, auch die vor einiger Zeit ausgetauchte Meldung, der Kaiser gedenke sich Mitte oder Ende Mai nach Wiesbaden zu begeben, hat noch keinerlei Bestätigung erfahren. Im Uebrigen ist das Befinden des greifen Monarchen ein ganz ausgezeichnetes, so daß daffelbe erfreulicher Weise nicht das Geringste zu wünschen übrig läßt.
Der Pulsschlag des politischen Lebens, welcher sich während der Osterpause so sehr verlangsamt hatte, geräth allgemach wieder in ein rascheres Tempo. Zunächst haben am Montag, den 3. Mai, die Ausschüffe des Gundesrathes ihre Thätigkeit wieder ausgenommen und zwar, wie verlautet, mit der Vorberathung der neuen Branntweinsteuer-Entwürfe. Ueber den Inhalt derselben sind jetzt bestimmtere Mittheilungen in die Oeffentlichkeit gelangt, doch muffen dieselben vorläufig noch mit aller Reserve ausgenommen werden. Hiernach liegen zwei Entwürfe vor; in dem einen handelt es sich um eine Consum- steuer, in dem andern um eine Maischraumsteuer und würden sich die beiden Entwürfe sonach ergänzen. Erstere basirt darauf, daß nach etwa zwei Jahren 1,20 «M. Steuer für den Liter Alkohol erhoben werden sollen und würde letztere von den Branntwein-Händlern in der norddeutschen Branntweinsteuer- Gemeinschaft zu tragen sein. Die Maischraumsteuer kann von 1 Jl. bis zu 1,90 «M. steigen; die Srtrao.sfähigkeit der neuen Branntweinsteuer ist vom dritten Jahre an auf über 200 JL veranschlagt. Das Referat hat der sächsische Geh. Finanzrath Goltz erhalten, welcher schon mit der Berichterstattung über das Branntwein-Monopol betraut gewesen ist. Man nimmt an, daß die com- binirte Branntweinsteuer-Vorlage dem Plenum des Vundesrathes etwa gegen den 10. Mai wird unterbreitet werden können und daß alsdann die Plenar- berathungen hierüber rasch genug erledigt werden, um die Vorlage den ReichS- LagSmilgliedern noch einige Tage vor dem Wiederbeginn der Reichstagssitzungen — also vor dem 17. Mai — zur Information zugehen lassen zu können.
Einen Tag später, als die Ausschüsse des Bundesrathes, — am Dienstag — ist auch im preußischen Abgeordnetenhause die in Folge der Osterferien unterbrochene parlamentarische Thätigkeit wieder ausgenommen worden. Das Haus hat dieselbe gleich mit einer wichtigen Berathung fortgesetzt, mit der erstmaligen Lesung der kirchenpolitischen Vorlage und sah man deshalb für diesen Tag und für die nächstfolgenden Sitzungen lebhaften Verhandlungen entgegen. Indessen kann man das Endresultat der letzteren schon jetzt als feststehend betrachten. Das Abgeordnetenhaus wird das neue Kirchengesetz unverändert in der Fassung des Herrenhauses genehmigen, und berechtigt zu diesem Schluffe schon der Umstand, daß die Conservativen und das Centrum, deren Vertreter ja bereits im Herrenhause dem Gesetzentwürfe zuge- sttmmt haben, auch im Abgeordnetenhause zusammen über die Mehrheit verfügen. Auch hat die kirchenpolitische Lage während der nun verflossenen parlamentarischen Ruhepause keine Veränderungen erlitten, welche die Freunde der Kirchen-Vorlage im Abgeordnetenhause zu einer Schwenkung in ihrer voraussichtlichen Haltung veranlassen könnten. Im Gegentheil dürfte die bekannte Rede, welche Papst Leo XIII. jüngst beim Empfange der deutschen Rompilger gehalten hat und wobei er sich im Ganzen sehr wohlwollend über die Kirchen- Vorlage der preußischen Negierung aussprach, für Centrum und Conservative nur ein Grund mehr sein, für das Gesetz einzuLreten.
Herr v. Schlözer, der Vertreter Preußens beim päpstlichen Stuhl, hat bekanntlich bei feiner jüngster! Rückkehr nach Rom dem Papste ein Geschenk — ein kostbares Kreuz — und zugleich ein Handschreiben Kaiser Wilhelms überreicht. Gegenüber den umlaufenden Gerüchten, wonach sich der Bries aus die Anzeigepflicht und speciell auf eine bestimmtere Erläuterung der päpstlichen Auffassung bezogen haben soll, erklärt nun der „Moniteur de Rgme", daß das kaiserliche Schreiben sich lediglich auf die päpstliche Vermittelung 'm der Karo- Linen-Angelegenheit bezog.
Nachdem die griechische Frage in den letzten Tagen die selt- famsten Stadien durchlaufen hat, scheint nun endlich in Athen die vernünftige Einsicht zum Durchbruch gekommen zu fein. In einer officiellen Antwort Griechenlands aus das Ultimatum der Mächte wird erklärt, daß der gegen
wärtige Effectivbestand der griechischen Armee nicht unter den Fahnen behalten, sondern allmälig rebucirt werden soll und mit dieser abermaligen Unter wer* fungs-Erklärung stimmen weitere Nachrichten überein. Dieselben besagen, daß vier bei Salamis befindliche, zum Kriegsdienst ausgerüstete Packetboole der Griechischen Schifffahrts-Gesellschaft Befehl zur Abrüstung erhielten und daß der Garnison von Achen, welche soeben nach der Grenze abrücken sollte, Gegenordre zuging. Das vereinte Auftreten der Großmächte, das sich auch durch die französische Diversion nicht beirren ließ, hat also doch noch den gewünschten Erfolg erzielt und die theatralischen Gesten und pomphaften Redensarten des leitenden griechischen Staatsmannes haben nicht vermocht, die Festigkeit der Mächte zu erschüttern. Hoffentlich wird nun endlich einmal Ruhe im Orient eintreten, denn seit dem Putsche in Philippopel, dem Vorläufer der bulgarischen Union' ist es aus der Balkan-Halbinsel nicht wieder still geworden. Die maßgebenden Völker Europas aber baden wahrlich noch andere Interessen zu verfolgen,'als immer und ewig ihre Blicke ängstlich auf den Orient gerichtet zu halten!
Edhem Pascha, der Vertreter des Sultans in'Livadia, hat sich daselbst einer höchst ehrenvollen Ausnahme Seitens des Czaren zu erfreuen gehabt. Es wurde ihm Die Ehre einer längeren Audienz bei Kaiser Alexander zu Theil und außerdem der Alexander-Newski-Orden verliehen; auch das Gefolge Edhem Paschas erhielt Ordens-Auszeichnungen. Am Freitag wurde der Pascha von den kaiserlichen Majestäten in Abschieds-Audienz empfangen und trat derselbe, nachdem er den in Livadia weilenden hohen russischen Würdenträgern Abschiedsbesuche abgestattet, am folgenden Tage die Heimreise nach Konstantinopel an. Die ganze Art dee Auftretens Edhem Paschas in Livadia beutet daraus hin, daß es sich bei seinem Besuche in der kaiserlichen Sommerresidenz aus der Krim wohl weniger um einen Act von besonderer politischer Bedeutung, als vielmehr um eine feierliche Begrüßung des Czaren durch den Sultan gehandelt hat. Fast um dieselbe Zeit, in welcher der türkische Specialgesandte Livadia wieder verlassen hat, dürfte der rumänische Kriegsminifler Ängelescu daselbst eingetreffen fein; ob es sich hierbei um mehr als lediglich um eine Begrüßung des russischen Herrschers durch den König von Rumänien gehandelt hat, wird die Welt vielleicht bald erfahren.
In Belgien bereitet man sich auf die Neuwahlen zur Deputirtenkammer vor, deren Mitglieder jetzt zur Hälfte ausscheiden und beginnen die Wahlen mit Brüssel, wo für den ehemaligen, durch seinen MorDproceß bekannten Deputirten Van der Smissen im zweiten Bezirk ein Ersatzmann zu wählen ist. Die Wahlen vollziehen sich unter dem Eindrücke der jüngst stattgefundenen Arbeiterunruhen und mit Der Aussicht auf das für den Pfingstmontag angekündigte große socia- listische Meeting in Brüssel, welches sich zu einer großartigen Kundgebung zu Gunsten ves allgemeinen Stimmrechts gestalten soll. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß die Furcht vor neuen Arbeiter-Excessen in der Wahlbewegung den Ausschlag zu Gunsten Der Regierung und demnach der klerikalen Partei giebt.
Im Schooße des spanischen Ministeriums sind ernste Differenzen ausgebrochen. Der Finanzminister Camacho fordert aus Sparsamkeits- Rücksichten Abstriche am Militär- und Marine-Etat, worauf die betr. Ressortminister nicht eingehen wollen. Herr Camacho hat bestimmt erklärt, daß er sich zurückziehen werde, wenn seine Collegen die von ihm beantragten Ersparnisse, deren Gesammtsumme 3^0 Millionen Realen beträgt, nicht bewilligen.
Amerika.
New'Bork, 2. Mai. An einer gestern veranstalteten Arbeiter-Demonstration zu Gunsten der achtstündigen Arbeitszeit nahmen 15,000 Personen Theilmehrere Reden, auch deutsche, wurden gehalten, rothe Fahnen befanden sich im Zuge und die Musik spielte die Marseillaise. — Aus mehreren Städten des Nordens und Westens, wo die achtstündige Arbeitszeit abgelehnt worden ist, werden ebenfalls Meeting und Strrkes gemeldet. Bei einer gestern veranstalteten Arbeiter-Demonstration in Chicago war das socialistische Element besonders stark vertreten. Es wurden zahlreiche rothe Fahnen bemerkt und mehrere Redner forderten dazu auf, die Holz-Lagerplätze anzuzünden, wenn die Arbeitgeber die gestellten Bedingungen ablehnen sollten.
LmgrsrOWe Depeschen
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Berlin, 3. Mai. Unterstaatssecretär Graf Bismarck und der englische Botschafter Sir Edward Malet vereinbarten Namens Deutschlands und Englands am 6. April behufs Abgrenzung der deutschen und der englischen Machtsphäre im westlichen Stillen Ocean eine Demarkationslinie, welche von einem Punkte in der Nähe von Mitre-Rock an der Nordostküste Neu - Guineas, unterm achten Grade südlicher Breite ausgehend, die Salomon-Inseln durchschneidet, so daß die drei größeren nördlichen Inseln Bougainville, Ehotseul und Isabel Deutschland verbleiben, worauf sich die Linie nordöstlich zu den Marschall-Jnscln wendet. Deutschland und England verpflichten sich gegenseitig, in demjenigen Theile des Stillen Oceans, welcher diesseits oder jenseits gedachter Theilungslinie liegt, alle früheren Gebietserwerbungen oder Schutzherrschaften aufzugeben und weder neue Gebietserwerbungen zu machen, noch der Ausdehnung des deutschen, resp. englischen Einflusses entgegenzutreten. Aus Samoa, Tonga und die ^Ittne-Jnsel findet diese Abmachung keine Anwei^dung. Diesem bleiben wie bisher neutrales Gebiet. Deutschland und England vereinbarten ferner am 10. April eine Erklärung über gegenseitige Freiheit des Handels und Verkehrs in den deutschen und englischen Besitzungen und Schutzgebieten im westlichen Stillen Oeean, wonach die Schiffer beider Staaten gegenseitig die gleiche Behandlung sowobl wie die Behandlung als meistbegünstigte Nation genießen. Entscheidungen über.


