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Berlin, 2. März. Für die ersten 13 Wochen nach dem Unfall haben die Krankenkassen die Fürsorge für die im Betriebe verletzten Arbeiter zu über­nehmen und die Kosten der ärztlichen Behandlung zu tragen. Nach Ablaus dieser Zeit liegt die Pflicht den Berufsgenoffenschasten ob Nachdem jetzt seit dem Inkrafttreten des Unfallversicherungs-Gesetzes mehrere Monate verflossen sind, treten an die Berufsgenosienschast die Fälle heran, in denen die Verletzten nach Ablauf der 13 Wochen noch nicht geheilt sind, mithin Sie weitere Fürsorge

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Freitag den 5. März

Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Erscheint täglich mit Snsmthme deS «orrta-S.

PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit BrtngerdM- Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pr.

Politische Ueberficht.

Gießen, 4. März.

Von den in der Reichshauptstadt tagenden parlamentari­schen Versammlungen ist das Herrenhaus für jetzt wieder in den Hinter­grund getreten, nachdem es in voriger Woche durch feine Polendebatte und durch die Wahl der Commission zur Vorberathung der kirchenpolitischen Vor­lage die Aufmerksamkeit vorübergehend aus sich gelenkt hatte. Die beiden ersten Tage dieser Woche hatte das preußische Abgeordnetenhaus ganz allein zu feiner Verfügung, doch erweckten die Verhandlungen an diesen Tagen nur ein mäßiges Jnteresie. Am Montag erledigte das Haus eine ganze Reihe von Gesetzent­würfen mehr untergeordneter Bedeutung theils in erster und zweiter, theils auch in dritter Beratbung. Zum Schluß ward nach nur kurzer Debatte auch der Gesetzentwurf über die Landgüter - Ordnung für Schleswig-Holstein, mit Aus­nahme ton Lauenburg, in erster und zweiter Berathung angenommen. Am Dienstag beschäftigte sich das Abgeordnetenhaus lediglich mit Petitionen und Wahlprüsungen. Am folgenden Tage hat der Reichstag nach zweitägiger Pause seine Sitzungen wieder ausgenommen, doch bot die Tagesordnung für Mittwoch nichts besonders Bemerkenswerthes dar und dürste die Sitzung um so weniger die Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haben, als sich das gesammte Jn­teresie aus die General-Discufsion über das Branntwein-Monopol concentrirt, welche jedenfalls die zweite Hälfte der Woche im Reichstage vollständig aut* füllen wird.

In Reichstagskreisen rechnet man mit Bestimmtheit auf einen Schluß der Sesston in der ersten Woche des April, also jedenfalls vor Ostern. Es ist indesien noch sehr fraglich, ob der Reichstag bis dahin mit seinen Arbeiten fertig werden wird, da in den Commissionen noch massenhaftes Material lagert, zudem verlautet jetzt gar, daß in nächster Zeit noch andere wichtige Vorlagen den Bundesrath und also im Weiteren auch den Reichstag beschäftigen werden. Es steht zu wünschen, daß sich diese Angabe nicht bestätigt, denn der Reichstag hat ohnehin schon eine außerordentliche Menge von Gesetzvorlagen und Anträgen gegen frühere Sessionen zu bewältigen und eine weitere Vermehrung seines Arbeitsmaterials muß die Qualität seiner Arbeiten aus die Dauer nur herabdrücken.

Dem Bundesrathe liegt augenblicklich ein Handelsvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und dem Sultan von Zanzibar vor, welcher bestimmt ist, an Stelle des am 13. Juni 1859 zwischen den Hansestädten und Zanzibar abge- schloffenen Vertrages zu treten. Der neue Vertrag enthält im Vergleich mit jenem und den zwischen Zanzibar und anderen Mächten abgefchlosienen Ver­trägen eine Reihe neuer und wichtiger Bestimmungen. Unter diesen sind beson­ders diejenigen hervorzuheben, welche sich auf den Transit von Maaren, auf die Beseitigung gewisser Monopole, die dem Sultan bisher zustanden, und auf die vertragsmäßige Fixirung der Ausfuhrzölle beziehen, welche Bargasch ben Said bisher kraft eines Gewohnheitsrechts in beliebiger Höhe von allen einheimischen Maaren und Producten erhob, die aus einem Hasen des Gebietes von Zanzibar nach einem andern Hasen ausgeführt wurden. Ein Uebereinkommen, wonach Den in den Hafen von Zanzibar einlaufenden Schiffen Tonnenabgaben und Hafengelder auferlegt werden können, die jedoch ausschließlich zur Verbesserung des Schifffahrtsweges und der Hafen-Einrichtungen verwendet werden dürfen, ist vorbehalten.

In diesen Tagen wird der Zusammentritt einer Bischoss- Conserenz in Wien erwartet, um, wie man hört, über Maßregeln gegen das Anwachsen des Altkatholicismus in Deutsch-Böhmen zu berathen. Diese Er­scheinung findet ihre Erklärung durch den Eifer, mit welchem der katholische Klerus in Böhmen mit wenig ehrenvollen Ausnahmen für die czechischen Aspirationen eintritt und dieser Umstand hat nanunllich in den nordböhmischen Städten zu zahlreichen Austritten der deutschen Bevölkerung aus der Landes­kirche geführt. Hieß es doch sogar einmal, die gesammte Einwohnerschaft der Stadt Trautenau beabsichtige, wegen der ausgesprochen antideutschen Wirksam­keit der dortigen katholischen Geistlichen, zum Protestantismus Überzutreten, welcher jedenfalls folgenschwere Schritt jedoch in Folge Versetzung der betr. Geistlichen schließlich unterblieb. Überhaupt sind die Dinge in Deutsch-Böhmen auch in anderer Beziehung bedenklich weit gediehen; in dem von 1,800,000 Deut­schen bewohnten geschlossenen nordböhmischen Sprachgebiete wird kein Deutscher, wenn es nur irgend geht, auch nur zu dem kleinsten Amte eines Post- oder Telegraphen-Bediensteten zugelaffen; es giebt viele rein deutsche Orte, in denen der Post- oder Telegraphen-Beamte em Vollblut-Czeche ist, der, wenn er auch Deutsch versteht, doch eben nur den Czechen heraussteckt und es erhellt schon hieraus, welche Zustände in Deutsch-Böhmen herrschen. Selbst Czechen und Polen haben die Negierung im Budget-Ausschüsse des Abgeordnetenhauses auf* gefordert, Mißstände abzustellen, welche sich auf diese Weisein den rein deut­schen Theilen Böhmens" ergeben haben. Die österreichische Regierung geht also in ihrer Begünstigung der Czechen noch weiter, als letztere selbst für rathsam finden das besagt wohl genug!

In Jütland mehren sich die Steuer-Verweigerungen. Die Hardesvögte müssen mit ihren Bevollmächtigten in manchen Gegenden von Dorf zu Dorf ziehen und die Steuern executorisch eintreiben. Hierin erblickt aber vas Volk einen verfassungswidrigen Gewaltact und in mehreren Dörfern wider­setzte man sich den Steuer-Executoren so energisch, daß diese resultatlos abziehen mußten. In Folge dessen ist bereits das erst vor wenigen Monaten errichtete

besondere Gensd'armerie-Corps an verschiedenen Orten in Activität getreten und dieser Umstand vermehrt nur die gereizte Stimmung unter der jütländischen Bevölkerung. Im Dorfe Alen bei Horfevs erschien kürzlich der Hardesvogt Böving in Begleitung von zehn wohlbewaffneten Gensd'armen, um feine unter­brochenen Steuerpfändungen wieder aufzunehmen. Aber auf die Kunde hiervon eilten die Bauern aus den benachbarten Dörfern nach Alen und nahmen den Gensd'armen gegenüber eine so drohende Haltung an, daß diese es für gerathen hielten, es zu keinem gewaltsamen Widerstand kommen zu lassen, sondern nur die Verhaftung von fünf Hofbesitzern, den Führern des Widerstandes, vorzu­nehmen. In Horfens wird nun in möglichster Eile ein starkes Gensd'armerie* Commando zufammengezogen, welches nach Alen abrücken und die widerspenstigen Bauern zur Vernunft bringen soll.

Das Project der für das Jahr 1889 geplanten internationalen Ausstellung in Paris gewinnt mehr und mehr Leben und Gestaltung. In einem am vorigen Freitag stattgefundenen Cabinetsrathe, dem Herr Grövy prä- sidirte, entwickelte der Handelsminister Lockroy fein Project für die Ausstellung, welches er dieser Tage in der Deputirtenkammer einzubringen gedenkt. Hiernach soll die Ausstellung auf dem Marsfelde stattfinden und etwa 43 Mill. Frcs. kosten, von denen der Staat 16 Millionen, die Stadt Paris 8 und die zu bil­dende Garantie -Gefellfchaft, deren Zusammensetzung der Regierung bekannt ist, 19 Mill. Jl. liefern werden. Für die vom Staate beizusteuernden 16 Millionen will Herr Lockroy 12 Millionen aus dem der Bank von Frankreich gelieferten Vorschuß von 18 Millionen zur Liquidirung der Ausstellung von 1878 verwenden.

Die Madagaskar-Angelegenheit in der französischen Deputirten» kammer hat, wie der Pariser Telegraph am Samstag schon berichtete, für da- Cabinet Freycivet eine ganz unerwartet günstige Wendung genommen. Mit der erdrückenden Mehrheit von 436 gegenüber 28 Stimmen ist der Madagaskar- Vertrag noch Ende voriger Woche genehmigt worden, welchen Sieg der Conseil- präsidmt durch seine ausgezeichnete Rede am Samstag über die absolute Noth- wendigkeit des Vertrags davontrug. Die von Herrn be Freycinet hierbei entwickelten Gründe schlugen selbst bei feinen Gegnern auf der Rechten durch, denn unter den für den Vertrag Stimmenden befanden sich auch 124 confer* vative Deputirte, gewiß kein kleiner Triumph für den Ministerpräsidenten. I« Lause dieser Woche sollen in der Deputirtenkammer die Verhandlungen Über die Ausweisung der Prinzen aus Frankreich beginnen und werden dieselben jeden­falls einen sehr stürmischen Verlauf nehmen.

In Decazeville ist die Lage noch unverändert und sind feit Freitag keine neuen Excesse mehr vorgefallen. Die Gesellschaft hat erklärt, die Forde­rungen der Arbeiter Entlassung eines mißliebigen Ingenieurs und Lohn­erhöhung nicht bewilligen zu können.

Die fast vergessene afghanische Grenz-As faire wird durch eine Depesche aus Merw, der Hauptstadt von Russisch-Turkmenien, wieder auf» gefrischt. Die betreffende Meldung besagt, daß die Russen am 13. Februar ihren feierlichen Einzug in dem seinerzeit viel genannten Penschdeh hielten und daselbst die russische Verwaltung einsetzten. In England, welches sich bekannt­lich lange Zeit gegen die Besitznahme Penschdehs durch Rußland sträubte, wiro die Nachricht, daß die russische Herrschaft daselbst nunmehr in aller Form etablirt ist und der russische Koloß auf seinem Wege zur indischen Grenze eine neue sichere Etappe erreicht hat, gerade nicht angenehm berühren. Sonst meldet man noch aus Merw, daß die Bevölkerung eines Afghanistan zugetheilten, von Sa» ryken bewohnten Aules (Dorfes) auf russisches Gebiet übersiedelte.

Die Thatsache, daß hie Arbeiter-Bewegung in England imm^r von Neuem aufflackert, wie zuletzt wieder in Birmingham und am Sonn­tag 'auch in Manchester, beweist, daß die Strikegelüste unter den englischen Arbeitern noch immer vorherrschen. Der Polizei ist es zwar ziemlich rasch ge­lungen, den Ausschreitungen der Strikcnden in Manchester ein Ziel zu setzen^ aber die öftere Wiederholung dieser Tumulte roirö auch in weiteren Kreisen der unteren Bevölkerung Englands, die sich bis jetzt noch ruhig verhalten, ansteckend wirken, wenn die Regierung den eigentlichen Urhebern der fortgesetzten Krawalle nicht bald energisch das Handwerk legt.

Sir Drummond Wolff und feine Mission in Egypten sind in der letzten Zeit ganz in Vergessenheit gerathen, so daß es beinahe Wunder nehmen könnte, daß im englischen Unterhause am Dienstag wieder einmal die Rede da­von war. Der Premier Gladstone erklärte nämlich im Laufe der Debatte über den Nachtrags Kredit für ben diplomatischen Dienst, daß er über die Kosten der Wolff'schen Mission nichts miltheilen könne; auch über die hiermit in Zusammen­hang stehende Politik vermochte der Premier nichts zu sagen, da angeblich noch keine genaue Informationen in dieser Hinsicht vorliegen. Schließlich erklärte Gladstone, die Regierung würde übrigens, wenn irgend möglich , Nichts thun^ was die Kontinuität der bezüglich Egyptens befolgten Politik unterbrechen, könnte.