Ausgabe 
3.12.1886 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

ihre Brüder, wie sie behaupten, allerlei Mißgeschick wieder abzulenken, das sich seit dem Einzuge der Mutter in ihrer Familie etngenistet hatte. Man wurde einig, sich der Hexe" zu entledigen und die Tochter war dabei die Ungeduldigste. Als die Brüder am 27. Juli in das Haus der Schwester kamen, fanden sie die alte Mutter mit ver­brannten Brauen im Bette liegen, was, wie Frau Thomas ihnen gestand, von einem Versuche herrührte, den sie gemacht hatte, die Kranke in's Herdfeuer zu stoßen. Es scheint, daß das Geschwister-Kleeblatt und der Schwiegersohn in Gegenwart der lahm auf ihrem Lager dahingestreckten Wittwe Lebon von ihren Familienangelegenheiten sprachen. So geht aus der Aussage eines ihrer kleinen Enkel hervor, der später mit seinen zwei Geschwistern, hinter dem Bette verborgen, der Gräuelthat beiwohnte. Nach 'der Unterredung trat die Tochter auf die Mutter zu und wollte ihr zu trinken geben, die Alte aber wies sie zurück, weil sie den Trank, wohl nicht mit Unrecht, für vergiftet halten mochte. Nun kam, von den Kindern herbeigerufen, der Pfarrer und forderte die Mutter zur Beichte auf. Diese sprach verworrenes Zeug oder wollte sich vielleicht nicht auf den Tod vorbereiten lassen. Kurz, der Priester mußte sich entfernen, ohne die Absolution ertheilt zu haben. Gegen 6 Uhr Abends faßten die vier Verschworenen die alte Frau und trugen sie in das lodernde Herdfeuer, nachdem ihr Kopf und wahr­scheinlich auch ihr Gewand mit Petroleum getränkt worden war.Sie schrie anfangs fürchterlich", sagte der gegen seine Eltern und Oheim aufgerufene Zeuge, und versuchte sich zu erheben, aber dann wurde ihr Winseln immer leiser. Vier volle Stunden lang sahen die Entmenschten der Verbrennung zu, um zehn Uhr war Alles vorüber und die zwei Söhne liefen auf die Mairie, um den Too ihrer Mutter anzuzeigen. Dann begaben sie sich in's Pfarrhaus und verlangten, zur Beichte vorgelassen zu werden. Der Pfarrer saß beim Nachtessen und beschied sie auf den nächsten Tag, versprach ihnen aber, in der Kirche ein blaues Band zu weihen, das sie mitbrachten, und als der Segen darüber gesprochen war, entzwei schnitten und um ihre Hälse banden. In der Frühmesse erschienen beide Brüder und Frau Thomas und gleich darauf nahm der Pfarrer den drei Verbrechern die Beichte ab. Was sie ihm erzählten, bleibt sein Berufsgeheimniß". Als die Nachricht von demUnglücksfalle" der Wittwe Lebon sich verbreitete, entstanden sogleich Gerüchte, welche die Kinder des Muttermordes ziehen. Der Gensdarm schritt ein und man fand die verkohlten Ueberreste noch auf dem Herde. Die Hausbewohner behaupteten, die gelähmte Frau wäre in's Feuer gefallen, während sie auf dem Felde waren; allein sie widersprachen sich in ihren näheren An­gaben und der Schwiegersohn legte das erste Geständnitz ab. Da die Söhne, sagte er, der Alten nicht zur Hülfe kommen mochten, so rührte ich mich auch nicht, und wir sahen alle vier zu, wie sie brannte. Dann lenkten die Söhne in die Bahn der Wahr­heit ein, und um sich an ihrem Schwager zu rächen, maßen sie ihm die thätigste Rolle bei. Er hätte die Greisin mit dem Stiefel auf die Brust getreten, um sie auf dem Herde zu erhalten, während seine Frau aus dem Bette noch mehr Stroh holte, es zu einem Wisch zusammenthat und damit das Feuer schürte. Frau Thomas war auch bei der Confrontirung mit den Ueberresten am cynischsten. Sie verzog keine Miene und sagte:Ich habe sie schon genug gesehen."

sDerKaulbarsch" kommt nicht vor die Schöffen.^ Die aus Meerane gemeldete Differenz, die sich anläßlich der Bezeichnung alsKaulbarsch" seitens eines Vereinsmitgliedes einem Vorstandsmitgliede gegenüber entstanden war, ist beigelegt, da dem Beleidigten durch folgende Verse Abbitte geschehen:

Zur Beruhigung!

Kaulbarsch hab ich gesagt in meinem Grimm, Nun, Freund, das ist doch nicht so schlimm, Wie kannst Du d'rob sogleich zum Schiedsamt geh'n? Der Kaulbarsch ist ein Fisch und schmeckt sehr schön! Hält' Kaulbars ich gesagt, dann wär's bedenklicher. Denn dieser Herr ist ein sehr kränklicher Und ungenießbar grober General.

Kaulbarsch und Kaulbars ist doch nicht egal! Der Kaulbarsch ist ein munterer Knochenfisch, Den Kaulbars stellt man dar als Tintenwisch; Ein Kaulbars sollst Du, lieber Freund, nicht sein, Den Kaulbarsch aber steck' nur ruhig ein.

Literarisches.

Eduard Lassen, der geniale Componist der Faustmusik, der seiner Zeit von Liszt selbst als dessen berufenster Nachfolger auf dem Kapellmeisterposten am Weimarer Hof designirt worden war, erfährt in derNeuen Musik-Zeitungs (Ver­lag von P. I. Tanger, Köln) eine eingehende Würdigung seines vielseitigen künstlerischen Schaffens. Sein Portrait in schönem Holzschnitt zeigt uns die wohlgetroffenen jovialen Zuge des Weimarer Künstlers. Von kleineren Artikeln bringt dieselbe inhaltreiche

j Nummer u. a. eine espritvolle Causerie über die Enthüllung der Berlioz-Statue irr | Paris, eine anmuthige Plauderei überFigaro's Hochzeit", aus der Feder eines dem i Leben bereits Entrissenen, des liebenswürdigen Dichters Karl Stieler, ferner eine Skizze aus H. W. Ernst's Leben:Wie die Elegie entstand", eine Menge humoristischer Künstlerreminiszenzen, Anekdoten, Räthsel rc., sowie die Fortsetzung von Professor Louis Köhler'sKatechismus der Harmonielehre".

Dr. Max Schasler: Aesthetik. Grundzüge der Wissenschaft des Schönen und der Kunst. (Das Wissen der Gegenwart. 55.-56. Band.) Leipzig: G. Freytag. Prag: F. Tempsky. 1886. 248 u. 266 Seiten. 8°. 2 Mark = fl. 1.20 fr.

Die Aesthetik ist ein wesentlicher Bestandtheil der modernen Bildung geworden. Eine verhältnißmäßig noch junge Wissenschaft beherrscht sie heute bereits das gesammte geistige Leben der Zeit. Eine großartige Literatur hat sich allmälig angesammelt; auch an Versuchen volksthümlicher Darstellung fehlt es nicht. Aber kein einziges dieser Bücher vermochte sich jene Verbreitung zu erringen, welche dem betreffenden Verfasser wohl als ideales Ziel vorschwebte. Immer noch war die Sprache in Folge des abstracten Stoffes zu hoch gehalten, zu schwer; auch die Preise all dieser Werke waren zu kostspielig. Um so höher ist das Verdienst der Verlagshandlungen Freytag und Tempsky anzuschlagen, welche für ihre vorzügliche Sammlung einen Mann von der wissenschaftlichen Bedeutung Schasler's gewonnen haben, der das überaus schwierige Problem, eine Aesthetik populär zu schreiben, meisterhaft gelöst hat, wie eine Durchsicht der oben genannten Leistung lehrt. Für geringen Preis erhält man da ein vorzügliches Buch, elegant und dauerhaft gebunden, mit einem Inhalte, wie er nicht besser gewünscht werden kann. Der erste Theil beschäftigt sich mit der Idee des Schönen in ihrer All­gemeinheit und Besonderung, der zweite Theil führt uns in das herrliche, große Reich per Kunst; er weist uns die Elemente des Kunstschönen nach und bietet dann eine äußerst feinsinnig gehaltene ästhetische Betrachtung der Architectur, Plastik, Malerei, Musik, Mimik und Poesie in all' ihren Unterabtheilungen. Die Sprache ist gehoben, edel und dabei körnig einfach. Kein Wort ist zu viel, keines zu wenig. Wer immer sich mit Kunst und Philosophie beschäftigt oder irgend ein Interesse für dieselben hat, wird das Buch mit größtem Nutzen lesen; es ist wie selten eines bestimmt, den Sinn für das Schöne mnd Edle in die weitesten Kreise zu tragen, Weltgemeingut des deutschen Volkes zu werden.

Nachdem die von derLebensversicherungs-Gesellschaft zu Leipzig" eingeführten Neuerungen bekanntlich durch Rescript vom 13. September d. I. die Genehmigung des preußische Ministeriums erhalten haben, ist der heftig entbrannt gewesene Kampf über die Unanfechtbarkeit von Lebensversicherungs-Policen nicht nur verstummt, sondern es sind bereits verschiedene Gesellschaften dem Beispiele deralten Leipziger" gefolgt. So hat die ebenfalls auf Gegenseitigkeit beruhende Lebensversicherung s- und Ersparnißbank zu.Stuttgart zum 30. November eine außerordentliche Generalversammlung berufen, lediglich um über Aenderungen des Statuts im Sinne obiger Neuerungen zu be­schließen. DieTeutonia" in Leipzig (Act.-Geß) ffihrt die Unanfechtbarkeit mit dem 1. Januar 1887 ein und auch die Karlsruher Versorg. - Anstalt (also eine weitere Gegenseitigkeits-Gesellschaft) bereitet, wie dieKöln. Ztg." berichtet, entsprechende Veränderungen bei sich vor. So verspricht das Beispiel deralten Leipziger" in der That höchst wohlthätig auf die Entwickelung der Lebensversicherung in Deutschland ein­zuwirken, denn es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß auch die übrigen Gesellschaften sich nicht länger mehr den Anforderungen der Zeit werden enlztehen können.

MöchenUiche Ueberficht der Todesfälle in der Stadt Gießen.

48. Woche. Vom 21. November bis 27. November 1886.

Einwohnerzahl: 19 327. Sterblichkeitsziffer (auf das Jahr berechnet): 8%o. Kinder

Es starben an: Zusammen:

Erwachsene:

im

1. Lebensjahr:

vom

2.-15. Jahr:

Krebs 1

1

Lungenödem 1

1

Selbstmord durch Erschießen 1

1

Summa: 3

2

1

Kirchliche Anzeigen der evsngrt. Gemeinde.

Donnerstag den 2. Dezember, Abends 8 Uhr, in der Kirche, 1. Advents- Wochengcttesdienft; der Advent des Herrn in der Fülle der Zeit, Pfarrer Dr. Naumann-

Allgemeiner Anzeiger.

Bfach preisgekrönt in Jahresfrist.

Deutschen Chartreuse und Benediktiner,

Salvator- und Admiral-Liqueur etc. etc., Cognacs, Arsc. Rum etc., den feinsten «nd theuersten ausländischen Marken ebenbürtig, dabei wesentlich billiger, liefert die 2742

Düsseldorfer Punsch- und Liqueurfabrik

B. Meising in Düsseldorf.

Käuflich in den feineren Geschäften. - Jede Masche trägt smeine Firma. Depot bei Ferd. DrebeS vorm. Gg. Wilh. Weidig in Gießen.

i

Von Bremen nach Newyor? in 9 Ta^en «n» mittels oes neu eingerichteten Dampfern des JVorfsdewtscfoen OoydL

Zur Beförderung von Ans Wanderer» nach allen Häfen Amerikas und Australien» zu gleiche» Preise» wie an Rasenplätzen hält sich unter Zu­sicherung reeller Bedienung bestens empfohlen

1819 Carl Loos, am Kirchenplatz.

C. HL Dietz Nachfolgen

AMBE

sÄFa,tlSnu!nernu.l)roscti.Q.uartaUinallen Bucku.Musikalienhaniitjngen.Veria^v.PJ.TongerKoelii.

l Aas Setiftderii-ragkl

|S&bitaann& Kähler in Hamburg

versendet zoll- und portofrei gegen Nachnahme

n"ne Bettfe-een

9 Pfund für............ tz..

9 Pfund vorzüglich gute <M) 12.

9 Pfund la. Halb-Daunen 15..

Xm.

4062

Leinene

Ta schentüoher

in großer Auswahl. Das Sticken derselben wird rasch und billigst be­sorgt. Aufträge hierin, sowie in Wäsche, werden noch bis Anfang De-- zember entgegen genommen.

Gefchw. Heerz,

8244 Neuenweg 7