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Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bttrean: Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Aufnahme de« MontagS.
Amtlicher Hheil.
Drei» vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit SMnydofctu
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Ps.
Betreffend: Ausführung des Unfallversicherungsgesetzes, hier: Verficherungspflicht der ZiegeleibetrKbe^' ^en 11 ^ePtem^er 1886< Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
au die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreise».
Die noch rückständigen Bürgermeistereien erinnern wir an sofortige Erledigung unserer Verfügung vom 7. v. M. (Anzeiger Nr. 184)
Politische Ueberstcht.
Gießen, 2. September.
Die kaiserlichen Majestäten haben am Dienstag ihre Residenz von der ländlichen Stille des Schlosses Babelsberg wieoer nach dem königlichen Palais in Berlin verlegt.
Der erlauchte Gast des Kaiserhauses, König Ludwig von Portugal, hat die Reichshauptstadt am Montag Nachmittag mittelst Extra- Zuges wieder verlassen und sich zunächst nach Dresden zu einem Besuche des sächsischen Königspaares begeben. In Dresden erfolgte die Ankunst des hohen Reisenden Montag Nachmittag um 6 Uhr und wurde König Ludwig auf dem Böhmischen Bahnhofe vom König Albert, dem Prinzen des königlichen Hauses und dem Prinzen Leopold von Bayern, welcher bekanntlich den zur Zeit statt- findenden Manöoern des sächsischen Armee-Corps beiwohnt, empfangen und dann sofort per Wagen nach Pillnitz geleitet.
Das großartige Unternehmen des Baues des Nordostsee- Kanals dürste demnächst in das erste Stadium seiner Ausführung treten. Am vergangenen Samstag hat auf dem Kieler Rathhause eine Conferenz unter dem Vorsitze des Staatssecretärs v. Bötticher stattgefunden, welche sich jedenfalls als bedeutungsvoll für die Einleitung des Unternehmens erweisen wird. Die „National-Zeitung" läßt sich hierüber Folgendes schreiben: Die Regierung wollte sich von den am Kanalbau besonders interessirtm Kreisen, von den in Frage kommenden Behörden über ihre Wünsche und Vorschläge eingehend infor- miren lassen. Zunächst wurde die Frage des Sitzes der Kanal-Commission, dann das Submissionswesen und die Frage der Unterbringung der Arbeiter besprochen. Es wurde die Errichtung von Baracken für die Arbeiter und von Lazareth'Baracken befürwortet. Die Vertreter des Vereins für innere Mission in der Provinz Schleswig-Holstein gaben ihren Wünschen in Betreff der Wohlfahrts-Einrichtungen für die Arbeiter Ausdruck. Dieselben haben schon seit längerer Zeit eine in diesem Sinne wirkende Agitation entfaltet und die Probstei- Synoden hiesiger Gegend zur thätigen Mitwirkung aufgesordert. Der erste Spatenstich am Kanalbau wird an der Kanalmündung bet Haltenau unweit Kiel mit einer größeren Feierlichkeit Ende October oder Anfang November erfolgen, doch bedeutet dieser Act keineswegs die gleichzeitige sofortige Inangriffnahme der eigentlichen Kanalarbeiten. Noch sind nach Aeußerungen des Herrn v. Bötticher die Vorarbeiten nicht so weit gediehen, namentlich nicht die Ausarbeitung der Detailpläne, um ein so schnelles Vorgehen zu ermöglichen. Als Gebäude für die Kanal-Commission scheint mau hier in Kiel das Haus ausersehen zu wollen, in welchem sich früher die Festungsbau-Commifston befunden hat.
Der Sieg der bulgarischen Gegen-Revolution ist durch die nun erfolgte Rückkehr des Fürsten Alexander nach Bulgarien ein vollendeter geworden. Am Sonntag Vormittag fetzte Fürst Alexander in Rustfchuk den Fuß wiederum auf bulgarischen Boden, dieselbe Dacht, die ihn vor 8 Tagen in die Verbannung oder gar Gefangenschaft tragen sollte, brachte ihn wieder zu den heimischen Gestaden zurück! Am Montag reiste Fürst Alexander über Sistowo nach Tirnowa, der alten Krönungsstadt der bulgarischen Herrscher, weiter, wo er in den späten Nachmittagsstunden eintraf. Glich schon die Rückreise des Bulgaren-Mrsten von Lemberg, wo ihm die polnische Bevölkerung aus leicht begreiflichen Gründen stürmische Ovationen bereitete, durch Rumänien dem Zuge eines Triumphators, so gestaltete sich sein Empfang aus bulgarischem Boden zu einer einzigen glänzenden Kundgebung der Liebe und Treue der bulgarischen Nation. Solchen spontanen Aeußerungen der Anhänglichkeit eines Volkes, wie sie dem Fürsten Alexander In Rustfchuk, Sistowo, Tirnowa u. s. w. zu Theil geworden sind, gegenüber verschwinden olle Bedenken darüber, wie sich nun die Großmächte zu der Rückkehr des Bulgaren-Fürsten stellen werden. Die bulgarische Nation hat laut die Verräther von Sofia gebrandmarkt und aus ureigenem Willen den geliebten Herrscher zurückgerufen — was will da die europäische Diplomatie thun? Es scheint sogar, daß man in Berlin und Wien die Rückkehr des Fürsten auf seinen Thron, nach den bis jitzt vorliegenden osficiöjen Aeußerungen zu urtheilen, gar nicht ungern sieht, jedenfalls werden aber die Mächte mit Einschluß von Rußland vorläufig gegen die „Rehabilitation" des Bulgaren-Fürsten nichts unternehmen. — Als die nächste Folge der Rückkehr des Fürsten Alexander nach Bulgarien stellt sich die Rückgabe der seither durch den „Regenten" Stambuloff repräsentirten Regierungsgewalt in die Hände des Herrschers dar. Mittelst Proklamation billigt der Fürst alle von der Regierung Stambuloff's erlassenen Maßnahmen und dankt er den Bulgaren für die ihm bewiesene Treue und Anhänglichkeit. — lieber den Empfang des Fürsten in Tirnowa berichtet eine Depesche: Der Fürst ist gestern (Montag) Abends um
6 Uhr, hier eingetroffen, auf dem ganzen Wege von der Bevölkerung, welcher die Pr'.esterschast mit Heiligenbildern voranging, jubelnd empfangen. Die Bevölkerung Tirnowa- war dem Fürsten 5 Kilometer entgegengezogen und geleitete denselben unter stürmischen Kundgebungen in die Stadt. Der Fürst dankte und beglückwünschte daS Volk zu der unter Leitung Stambuloff's ergriffenen Jnmative gegen die Revolutionäre. Am Dienstag sollte die Weiterreise zunächst nach Philippopel erfolgen, seine Ankunft in Sofia dürste sich al o um ein paar Tage verzögern.
Eine Depesche aus Sofia vom 31. August meldet: Ueberall im Lande herrscht Ruhe. Die unter Karaweloff gebildete provisorische Regierung hat sich ausgelöst. Eine ostrumelische Division unter Mutkuroff ist hier eingetroffen. — Es scheint, daß Fürst Alexander der Zuverlässigkeit der Garnison von Sofia noch nicht recht traut und daß in derselben noch bedenkliche Elemente vorhanden sind, beweist aber der noch unaufgeklärte Abzug von zwei aufständischen Bataillonen und fünf Batterien von Sofia nach Radomir.
In Griechenland hat das in voriger Woche stattgefundene Erdbeben schwere Verluste an Gut und Menschenleben verursacht. Zahlreiche Städte und Dörfer sind halb ober ganz zerstört worden; 80 Personen haben den Tod gefunden ur<i noch viel mehr wurden verletzt.
Deutschland.
Darmstadt, 1. September. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigft geruht:
Am 31. August dem Inhaber der landwirthschaftlichen Lehranstalt zu Worms, Dr. Heinrich Konrad Schneider, das Ritterkreuz 1. Klaffe des Verdienst Ordens Philipps des Großmüthigen.
Darmstadt, 1. Septbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog empfingen heute den Generallieutenant Graf v. Schlippenbach, Gouverneur von Mainz, den Hauptmann und Compagnie-Ches Braun vom Infanterie-Regiment Nr. 42, den Premierlieutenant Babst I. vom 3. Großh. Infanterie-Regiment (Leib- Regrment) Nr. 117, den Premierlieutenant Lambrecht vom Train-Bataillon Nr. 9, den Sekondlieutenant Frbrn. v. Starck II. vom 2. Großh. Dragoner-Regiment (Leib-Dragoner-Regiment) Nr. 24, eine Deputation der Versammlung deutscher Forstmänner, bestehend aus den Forstmeistern Muhl und v. Werner; zum Vortrag den Minister-Präsidenten Weber, den Hostheater-Director Wünzsr.
Straßburg, 31. August. An der Kaiserparade des 15. Armee-Corps werden theilnehmen: 35 Bataillone Infanterie, darunter ein Jägerbataillon, und das von der 60. Infanterie-Brigade beigegebene Versuchs-Bataillon zur Erprobung des neuen Gepäcks; ferner 4 Fußartillerie- und 2 Pionier-Bataillone, die genannten Truppen im ersten Treffen. Im zweiten Treffen stehen 14 Reiter- Regimenter, darunter das Rheinische Kürassier-Regiment Nr. 8 aus Deutz auf dem rechten Flügel, 6 Artillerie»Abheilungen, jede zu 4 Batterien, und 1 Train- Bataillon. Das in Kehl stehende badische Pionier-Bataillon Nr. 14 nimmt nicht, wie in verschiedenen Zeitungen wiederholt fälschlich berichtet, an der Parade und den Manöoern Theil, sondern nur die zum 15. Armee-CorpS gehörigen Pionier-Bataillone Nr. 15 und 16. Außer den preußischen Truppentheilen be- inden sich zu den Kaisermanövern beim 15. Armee-Corps zwei bayerische Jn- anterie- und ein bayerisches Reiter-Regiment, ein sächsisches und ein württem- rergisches Infanterie-Regiment, zwei württembergische, ein badisches und ein lessisches Reiter-Regiment. Das dem 15. Armee-CorpS beigegebene bayerische Fußartillerie-Bataillon nimmt nicht an der Kaiserparade in Straßburg, sondern an der in Metz Theil, zu dessen Besatzung das genannte Bataillon gehört.
Kesternich.
Wien, 1. September. Die „Polit. Corresp." meldet aus Bukarest: Prinz Ludwig von Battenberg hat sich nach Sinaja begeben, wo er vom König von Rumänien in Audienz empfangen werden wird.
Mmänien.
Bukarest, 1. September. (Havas-Meldung.) Aus Sofia eingetroffene Nachrichten melden, Oberst Mutkuroff, welcher mit 6 Regimentern eingetroffen, habe Karaweloff. Zankoff, Clement, Nikiforoff und andere bei dem Staatsstreich Betheiligte verhaftet. Der Fürst hätte befohlen, Karaweloff und Zankoff frei* Massen. Die Uebrigen feien in Haft zu behalten. Beide Regimenter, welche am Staatsstreich beteiligt, feien nach Küstendik zurückgeschickt, die dortige Bevölkerung habe auf die Nachricht von deren Rückkehr alle MunitionsvorräthL zerstört.


