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Ur. 15 L Samstag den 3. Juli 188«

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

»urteilet «chsßstraße 7.

Erscheint tL-ttch mN deö M-nlsZI.

»reis vierteljährlich 2 Mark 2V Pf. mir

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 56

Amtlicher Hheil.

Betreffend' Dienstweisungen über die Anwendung des § 361, Nr. 9 des Strafgesetzbuchs. Gießen, am 30. Juni 1886.

Das Großherzogliche Krcisamt Gießen

au die Grotzherzoglicherr Bürgermeistereien des Kreises.

Unterm Heutigen haben wir Ihnen die von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz in rubro erlassenen beiden Dienstweisungen in soviel Exemplaren zugehen lassen, daß Sie, jeder Feldschütze und jede etwa sonst noch in Ihrer Gemeinde auf den Feldschutz verpflichtete Person (Ehrenschütze) je ein Exemplar erhalten. Sie wollen die Dienstweisungen an die genannten Personen vertheilen bzw. zu Ihrer Registratur nehmen, den Feldschützen die genaue Befolgung derselben einschärfen und wie geschehen bis zum 1. August l. I. berichten.

Ferner sehen wir in Rücksicht auf einen etwa erforderlichen Neudruck des Feldstrafgesetzes und der Instruction für die Feldschützen bis zum vor­genannten Termin Ihrem Bericht darüber entgegen, wieviel Exemplare Sie zur Berthellung an die Feldschützen und Ehrenschützen, sowie für sich bedürfen werden, sofern Sie bzw. die genannten mit dem Feldschutz betrauten Personen nicht damit versehen sein sollten. Die Zahl der für die Ehrenschützen gewünschten Exemplare ist besonders anzugeben.

___________________________________________________Dr. Boekmann._________________________________

Nr. 21 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 30. Juni, enthält:

(Nr. 1674.) Gesetz, betreffend die Begründung der Revision in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten. Vom 24. Juni 1886.

Gießen, den 2. Juli 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

-Dr. Boek mann-

Politische Ueberficht.

Gießen, 2. Juli.

Kaiser Wilhelm wird gegen den 11. oder 12. Juli seine Emser Kür beendigen und gedenkt am 18. Juli zu der üblichen Nachkur in Bad Gastein einzutreffen, wo bereits die Anstalten für den Aufenthalt des greisen Monarchen getroffen werden. Auch in diesem Jahre wird wieder aus österreichischem Boden die traditionell gewordene Zusammenkunft zwischen Kaiser Wilhelm und seinem erlauchten Verbündeten und Freund, dem Kaiser Franz Josef, stattfinden und zwar dem Vernehmen nach in Gastein selbst. Die Nachricht, daß sich auch der Reichskanzler Fürst Bismarck nach Beendigung seiner Kissinger Kur nach Gastein begeben werde, hat bis jetzt noch keinerlei Bestätigung gefunden.

Der lange parlamentarische Winterseldzug ist in den bislang in der Reichshauptstadt versammelt gewesenen gesetzgebenden Körperschaften des Reiches und Preußens nunmehr zum definitiven Abschluß gelangt. Einzig der Bundesrath ist noch auf dem Plane zurückgeblieben, um verschiedene dringende Angelegenheiten, unter ihnen auch die Vorlage, betr. den Reichszuschuß zu der im Jahre 1888 in Berlin projectirten nationalen Industrie- und Gewerbeaus­stellung, in Höhe von 3 Mill. JL, zu erledigen. Doch dürste auch der Bundes­rath mit feinetr noch rückständigen Arbeiten baldigst aufgeräumt haben und dann wird die sommerliche Ruhepause in den Angelegenheiten des Reiches und Preußens voraussichtlich in ihrem vollen Umfange eintreten, zumal da auch die in den Parlamenten noch nicht zum Abschluß gelangten Fragen in der Zwischen­zeit bis zur Wiederaufnahme der parlamentarischen Thätigkeit schwerlich Anlaß zu besonderen Erörterungen geben werden.

Ein bedeutnngsvolles Ereigniß, bedeutungsvoll, da es die unge­ahnte Machtentwickelung des neuen deutschen Reiches nach einer besonderen Seite hin zur Veranschaulichung und Geltung bringt, hat sich in diesen Tagen in Bremen vollzogen die Eröffnung der neuen Reichspost. Dampserlinien nach Ostasien und Australien. Ursprünglich bestand die Absicht, diese Fahrten mit dem aus der Werst desGülcan" bei Stettin erbauten ersten großen Subven­tions-DampfersPreußen" zu beginnen, doch ist der Stapellaus desselben bis Ende nächster Woche wieder verschoben worden und hat statt dessen der Dampser Oder" des Bremer Lloyd die Fahrten, zunächst aus der ostasiatischen Linie, am Mittwoch begonnen. Schon Tags zuvor hatten sich in den Mauern der alten Hansestadt Vertreter und Autoritäten der Reiches, wie auch solche des deutschen Handels und der Industrie wir nennen unter letzteren speciell die Mitglieder der rheinisch-westfälischen und sächsischen Handelskammern, den Vor­stand des deutschen Handelsvereins und verschiedene industrielle Vereine u. s. w. eingefunden, um sowohl der Abfahrt des ersten Subventions-Dampfers selbst, als auch der ihr vorangegangenen Festlichkeiten betzuwohnen. Mit der Eröff­nung der von Reichswegen unterstützten Postdampferlinien nach Ostasien, Austra­lien und den Südsee-Jnseln, sowie nach Alexandrien sind wir in einen neuen bedeutsamen Abschnitt unserer nationalen wie wirthschastlichen Entwickelung ein- zetreten, jenes nunmehr zur That gewordene Unternehmen führt uns die Einheit der deutschen Stämme nach einer ganz neuen Seite hin vor Augen und durch dasselbe macht Deutschland anderseits in vermehrter Wei'e seinen Einfluß im friedlichen Wettkampfe der Völker geltend. Schwere Kämpfe hat es bekanntlich im Reichstage gekostet, ehe die Dampfer-Subventions-Vorlage die Genehmigung der Vertreter der Nation erhielt, aber dies fei Alles vergessen, jetzt, wo der erste Reichspostdampfer seinem fernen Ziele durch die Wellen des Weltmeeres entgegeneilt! Wahrlich, jeden patriotischen Deutschen muß es mit gerechtem Stolze erfüllen, zu sehen, wie nun die Reichspostdampser die Erzeugnisse des deutschen Gewerbefleißes, der deutschen Industrie bis in die fernsten Zonen tragen und somit dem Vaterlande neue wichtige Verbindungen eröffnen werden und wie nun das Erscheinen der neuen Dampser an den Felsen-Ufern des Rothen Meeres und an den herrlichen Gestaden Indiens, an den fernen Küsten Chinas und der australischen Inselwelt, wie auch vor dem Nildelta ein weiteres sicht­

bares Zeichen von der Macht und Größe des Reiches und seiner wachsenden Bedeutung selbst in den fernsten Ländern des Erdballs darstellt. Die Glück- unö Segenswünsche der ganzen Nation folgen darum dem ersten deutschen Sub- ventionsdampser auf seiner weiten Bahn; möge ihmMeeresstille und glückliche Fahrt" beschießen sein!

Von einem zweiten bedeutungsvollen Unternehmen gaben noch die letzten Tage Kunde: Von der Eröffnung der internationalen Linie Berlin-Kopenhagen, welche hoffentlich mit dazu dienen wird, die Bande der Freundschaft zwischen Deutschland und den drei nordischen Reichen, namentlich aber mit dem noch immer halb und halb grollenden Dänemark, zu knüpfen.

* Die klerikal-patriotische Partei in der bayerischen Abgeordneten­kammer hat nunmehr ihren ersten offenen Sturmlauf gegen das Cabinet Lutz unternommen. Wie bekannt, ist von dem Kammer-Ausschüsse der vom Mini­sterium eingebrachte Gesetzentwurf über die provisorische Anstellung von Beamten während der Regentschaft abgelehnt worden. Es handelt sich bei dieser Vorlage darum, die unter den obwaltenden Verhältnissen durchaus unerträglichen Be­stimmungen zu beseitigen, wonach während einer Regentschaft, abgesehen von richterlichen Stellungen, keine definitiven Beamten'Ernennungen stattfinden und wonach ferner auch keine neuen Aemter begründet werden dürfen. Wenn nun die politischen Gegner des jetzigen bayerischen Ministeriums die Regelung dieser Frage aufzuhalten suchen, so ist der Beweggrund für ein solches nichts weniger als patriotisches Verhalten klar. Man will dem Cabinet Lutz Ungelegenheiten machen und schließlich hierdurch seinen Rücktritt erzwingen. Vorerst ist" aber noch abzuwarten, ob das Kammer-Plenum in der That den ablehnenden Be­schluß seines Ausschusses billigen wird.

Auf dem Gebiete der auswärtigen Politik tritt die orientalische Frage, die man nun doch als abgethan betrachten dürfte, neuerdings wieder mehr hervor. Es ist dies ein allerdings sehr zweifelhaftes Verdienst der russi­schen Politik, welche seit Kurzem in Konstantinopel wieder eifrig hetzt und intti- guirt, und dieses ganze Treiben richtet sich gegen Bulgarien, das sich durch seine stolze und selbstbewußte Haltung den vollsten Zorn der leitenden Kreise be& Czarenreiches zugezogen hat. Immer auf's Neue donnert dasJournal de St. Mersbourg" gegen den Fürsten Alexander und die bulgarische Union und auch in seiner jüngsten Kundgebung beschuldigt das Petersburger Blatt den tapfern Bulgarensürsten, daß er das organische Statut Ost-Rumeliens und Gott weiß, was sonst noch Alles gröblich verletzt habe. Hierbei geht es nicht ohne scharfe Seitenhiebe gegen die Pforte ab, welche des geheimen Einverständnisses mit Bulgarien beschuldigt wird und mit heuchlerischer Miene sagt das Blatt ernste Gefahren und bedenkliche Verwickelungen aus dem jetzigen Zustande der Dinge in Sofia voraus. Nun, Europa weiß, was es von solchen Hetzereien zu halten hat und es steht zu hoffen, daß den abermaligen russischen Wühlereien ans der Balkan-Halbinsel rechtzeitig Einhalt gethan werde. Jedenfalls ist es aber nur erfreulich, zu sehen, wie trotz der fortgesetzten Drohungen Rußlands das Bulgarenvolk treu an feinem Fürsten hängt, die Antwort-Adresse der bul­garischen Nationalversammlung auf die Eröffnungs-Botschaft des Fürsten läßt hieran keinen Zweifel.

Der italienische Ministerpräsident Depretis hat am Dienstag von der neuen Deputirtenkammer ein bedeutsames Vertrauens-Votum erhalten. Es handelte sich darum, das provisorische Budget auf 6 Monate zu bewilligen» wobei Cairoli, CriSpi und Rudini erklärten, die Linke könne kein Vertrauen zu dem gegenwärtigen Cabinet haben. Kurz entschlossen, forderte Depretis ein un­bedingtes Vertrauens-Votum und dieses wurde ihm Denn auch mit der verhält- nißmäßig beträchtlichen Mehrheit von 67 Stimmen bewilligt.

In England scheint mit der Rückkehr Gladstone's von seinen Wahl­reisen nach Hawarden, feinem Sommer-Tusculum, in den Wahlvorbereitungen eine gewisse Ruhepause eingetreten zu fein. Wenigstens weiß der englische Telegraph einmal nichts über neue Wahlreden und Wahlmanifesten zu berichten,