Nr» 128 Erstes Blatt. Donnerstag deu 3 Juni KG8G
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß dem seitherigen Bureaugehülfen Heinrich Kötter aus Rockenberg die Stelle eines Oeconomen und Rechners der Großherzoglichen Anstalt für Blödsinnige „Alicestift" provisorisch übertragen worden ist. Das Bureau desselben befindet sich in der Anstalt Messungen).
Gießen, am 31. Mai 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberficht.
Gießen, 2. Juni.
Die Geschäftslage im Reichstage ist anläßlich der Vertagung der Plenar-Verhandlungen wieder einmal Gegenstand lebhafter Erörterungen in der Presse, wie in parlamentarischen Kreisen. Wie bekannt, liegt über den Tag des Wiederzusammentrittes des Plenums noch nichts Bestimmtes vor, da erst .der weitere Verlauf der Verhandlungen der Commission zur Branntweinsteuer- Vorlaoe abgewartet werden muß, doch geht die allgemeine Ansicht dahin, daß eine Wiederaufnahme der Plenar-Verhandlungen noch vor Pfingsten schwerlich zu gewärtigen ist. Die Entscheidung üver die Branntweinsteuer-Vorlage würde demnach erst nach Pfingsten fallen, daneben soll der Reichstag aber auch noch andere Vorlagen erledigen, vor Allem den vielgenannten Nachtrags-Etat, den Entwurf über Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen an der Berliner Universität, die Vorlage über den Ausschluß der Oeffentlichkeit von den Gerichtsverhandlungen. Nicht genug hiermit, werden aber immer neue Vorlagen signalisirt, wie z. B. das neue Militär-Relictengesetz, so daß es den Anschein gewinnt, als sollte die Session bis in den Sommer hinein verlängert werden. Nun, daß die Branntweinsteuer-Vorlage unter allen Umständen erledigt werden muß, darüber ist man sich allseitig klar, dann dürste aber auch die Leistungsfähigkeit und Arbeitsfreudigkeit des Reichstages erschöpft sein und es sich als eine Unmöglichkeit Herausstellen, die Reichsboten auch nur in einigermaßen genügender Zahl zusammenzuhalten.
Ueber die Lage der bayerischen Civilliste und die hiermit in Zusammenhang stehende Regentschastsfrage sind in den letzten Tagen abermals sensationelle Gerüchte durch die Preffe gegangen. Die „Voff. Ztg." hatte sich gar aus München schon berichten lassen, daß zwischen dem Prinzen Luitpold und dem Gesammtministerium eine feste Abmachung für die Regentschaft Prinz Luitpolds bestehe und daß letztere in nächster Zeit bevorstehe. Dem gegenüber weist nun die Münchener „Allg. Ztg." daraus hin, daß man es hierbei lediglich mit sensationslüstern neuen Versionen einer gewissen Tagespresse zu thun habe, wodurch die ohnehin schon großen Schwierigkeiten der Lage in wenig patriotischer und tactvoller Weise noch erhöht würden. Schließlich erklärt das Blatt, es sei aus bester Quelle ermächtigt, die coursirenden Meldungen über den Plan einer Regentschaft des Prinzen Luitpold und dessen bevorstehender Ausführung für unwahr zu erklären.
Wenngleich sich die Gerüchte von dem Ausbruche abermaliger Ruhestörungen in den Kohlenrevieren als unbegründet herausgestellt haben, so bestätigt es sich doch, daß unter den belgischen Arbeitern wieder eine gewisse Erregung herrscht. Dieselbe ist durch das Verbot der für den 13. d. Mts. in Brüssel projectirt gewesenen großen Arbeiter-Kundgebung hervorgerufen worden und giebt sich in der Organisation zahlreicher Protest-Meetings kund. Der Vorsorge halber beorderte die Regierung mehrere Regimenter nach Charleroi und Umgegend. — Bei den am Sonntag stattgesundenen Stichwahlen zu den belgischen Provinzialräthen ist die klerikale Partei ganz leer ausgegangen, denn es wurden acht Progressisten (Radikale) und zwei Doctrinäre (Gemäßigt-Libe- rale) gewählt.
In der französischen Prinzensrage herrscht im republikanischen Lager offenbare Uneinigkeit. Im Ministerrath hat sich eine Minorität entschieden gegen die Ausweisungs-Maßregeln erklärt; in demselben Sinne sprechen sich fortgesetzt eine ganze Reihe gut republikanischer Journale aus und in der Kam- mer'Commission, welche zur Vorberathung des Gesetzentwurses über die Ausweisung der Prinzen eingesetzt worden ist, haben sich von 11 Mitglieder 5 ebenfalls gegen jede Ausweisung erklärt. Da nun die Minister Sarnen und Goblet in den Bureaux der Kammer am Samstag erklärten, daß die Regierung den Entwurf unverzüglich zur Ausführung bringen werde, so kann man unter diesen Umständen den bevorstehenden weiteren Kanimer-Verhandlungen über die Prinzen- Vorlage mit Spannung entgegensehen. Ihre Annahme ist zwar wahrscheinlich, aber noch keineswegs gewiß, die Ablehnung derselben würde jedenfalls das Cabinet Freycinet in eine bedenkliche Lage bringen, da sich letzteres namentlich in Folge des Drängens der Opportunisten in der Prinzensrage stark engagirt hat.
Die friedlichen Dispositionen des neuen griechischen Cabinets Trikupis verstärken die Glaubwürdigkeit der Meldungen betreffs der baldigen Aushebung der über Griechenland verhängten Blokade. Indessen dürften sich die Mächte zu diesem Schritte nicht eher entschließen, als bis sie volle Sicherheit darüber gewonnen haben, daß die Demobilisirung der griechischen Streitkräfte auch vollständig durchgesührt werde. Gegenwärtig vollzieht sich dieselbe auf Grund einer directen Vereinbarung zwischen Griechenland und der Pforte, doch wird dieses Arrangement von den Mächten nicht als geeignet erachtet, um ge- I
nügende Garantien zu bieten, denn man ist in den Cabineten der Mächte noch immer etwas mißtrauisch gegen Griechenland. In der That ist ja auch die Besorgniß nicht ausgeschlossen, daß etwaige Zwischenfälle das begonnene Friedenswerk, wenn nicht gänzlich zerstören, so doch unliebsam verzögern könnten. Diese Besorgniß wird durch die aus voriger Woche gemeldeten blutigen Znsammenstöße an der griechisch-türkischen Grenze, bei denen es aus beiden Seiten Hunderte von Todten und Verwundeten gab, nur verstärkt; es scheint sich um einen förmlichen Vorpostenkrieg gehandelt zu haben, über den sich der osficiöse Telegraph wohlweislich ausgeschwiegen hat. Auch jetzt liegen über diese Vorgänge noch keinerlei authentische Mittheilungen vor, die Vorpostenkämpfe müssen demnach ziemlich ernster Natur gewesen sein und kann man da nur wünschen, daß sie nicht oen Ausgangspunkt neuer türkisch-griechischer Verwickelungen bilden.
Deutschland.
Berlin, 1. Juni. Das Abgeordnetenhaus genehmigte in dritter Lesung unverändert den Antrag Kropatschek, betr. die Gleichstellung der Lehrer an nicht staatlichen höheren Lehranstalten mit denjenigen staatlichen Patronats. Der Rachtragsetat und das daraus bezügliche Gesetz wurden in dritter Lesung mit dem Anträge Nadbyl angenommen, welcher die Bestimmung beseitigt, daß zur Unterstützung aus den im Nachtragsetat enthaltenen Positionen für studirende Schüler, bei solchen aus dem Regierungsbezirk Oppeln die deutsche Herkunft erforderlich ist. Die Hessen-Nassauische Gesindeordnung wird unverändert genehmigt. Zum Anträge Dziembowski auf Abänderung des § 27 der Geschäftsordnung wird der Commissions-Antrag genehmigt, es bei der jetzigen Fassung zu belassen. Die Wahlen Rintelen's und van Vlenten's wurden beanstandet.
Morgen Petitionen und Antrag Hammerstein.
— Die Branntweinsteuer-Commission hat unter Ablehnung der Anträge der Deutschconservativen und Nationalliberalen den Antrag Mosler (Centrum) auf Einführung einer Consumsteuer von 25 per Liter angenommen.
Potsdam, 1. Juni. Se. Maj. der Kaiser, welcher in Begleitung Ihrer K. Hoheit der Frau Großherzogin von Baden heute Vormittag 11 Uhr aus der Wildpark-Station eingetroffen war, besichtigte im Beisein Sr. K. K» Hoheit des Kronprinzen, sowie des russischen Botschafters Grasen Schuwaloff, der Militär. Attaches und der Generalität das Lehr-Jnsanterie-Bataillon und begab sich nach Beendigung der Besichtigung, gegen 12 Uhr, nach Babelsberg
Irankrerch.
Paris, 1. Juni. Im heutigen Ministerrathe wurde gutem Vernehmen nach bezüglich der Vorlage über die Ausweisung der Prinzen ein Einvernehmen dahin erzielt, daß die Ausweisung der Prätendenten der directen Linie auf legislativem Wege erfolgen und der Regierung das Recht zustehen solle, den übrigen Prinzen den Aufenthalt in Frankreich zu gestatten oder zu versagen. Die Regierung solle indessen hinsichtlich dieses Gesetzentwurfes nicht die Initiative ergreifen, sondern denselben annehmen, falls die Commission ihn vorschlage.
Griechenland.
Athen, 1. Juni. Die Regierung sandte gestern an ihre Vertreter, in London, Berlin, Wien, Petersburg und Rom eine Note, welche die Demobilisirung der griechischen Truppen anzeigt und gegen die Fortdauer der Blokade protestirt, weil dieselbe eine schleunige Abrüstung erschwere und die Fortdauer der Blokade nicht vereinbar sei mit dem Ziele, welches die Mächte im Augenmerk hatten.
Türkei.
Konstantinopel, 1. Juni. Ein Circular der Pforte vom 30. Mai beklagt die Langsamkeit und Unregelmäßigkeit der griechischen ^Abrüstungen.
Telegraphische Depesche«.
wolff'S uw» «orrespondenr> Brwiarr.
Berlin, 1. Juni. Der „Reichs - Anzeiger" meldet: Der Kaiser verlieh der Neu-Guinea-Compagnie auf Grund des eingereichten Statuts die Rechte einer juri- stischen^er^n. 2tI)äni)erunß Lotterieplanes verlautet, die Zahl der Loose solle von 95,000 auf 190,000 erhöht werden, der höchste Gewinn vierter Klasse X 600,000 betragen, außerdem zwei Gewinne je X 300,000, zwei je X 150,000, zwei je X 100,000. Die Hauptgewinne dritter Klasse sollen je X 60,000, 45,000, 30,000, zweiter Klasse X 45,000, 30,000, 15,000 und erster Klasse je X 30,000, 15,000. 10,000 betragen. Die übrigen Gewinne sollen entsprechend erhöht werden. Außerdem soll beabsichtigt sein, auch Achtellose auszugeben.


