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Nr. 229 Samstag den s. October 1886.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
Oießen, 1. October.
Kaiser Wilhelm hat auch in seiner Herbftruhe in Baden« Baden einen Kreis von fürstlichen und sonstigen distinguirten Persönlichkeiten um sich versammelt, der noch in den letzten Tagen durch das Eintreffen des Königs der Belgier und des Prinzen Heinrich von Preußen vermehrt worden ist. Wie erinnerlich, wurde der Besuch des belgischen Herrschers am Berliner Hose schon in diesem Frühjahre erwartet, aber verschiedene Umstände — in erster Lmte wohl die durch den Arbeiter-Ausruhr herbeigesührte drohende innere Lage Belgiens — verhinderten damals die Ausführung des Planes; jetzt hat ihn nun König Leopold verwirklicht, nur daß er unfern Kaiser, anstatt in der Reichshauptstadt, in Baden-Baden begrüßte. Am Donnerstag ward selbst, wie her- Lömmlich, der Geburtstag der Kaiserin im engeren Familienkreise gefeiert. Die hohe Frau vollendete an diesem Tage ihr 75. Lebensjahr und ist es ihr vergönnt, den Eintritt in ein neues Lebensjahr in erfreulichster geistiger und körperlicher Frische zu begehen. Ueber den Zeitpunkt der Rückkehr der kaiserlichen Majestäten nach Berlin verlautet noch nichts Bestimmtes; jedenfalls erfolgt dieselbe aber noch in der ersten Octoberhälste.
Prinz Friedrich Leopold von Preußen — der Sobn des verstorbenen Prinzen Friedrich Karl — welcher vor Kurzem seine UniversttätS- Studien in Bonn beendigte, tritt in diesen Tagen eine mehrmonatliche Reise an, tzie den Prinzen zunächst nach Indien führen wird. Hier gedenkt derselbe mit dem Herzog von Connaught und dessen Gemahlin, der Schwester de- Prinzen Friedrich Leopold, zusammenzutreffen; über seine weiteren Reise-Dispositionen ist noch nichts bekannt.
Der schon unmittelbar nach der Rückkehr des Kaiserpaares nach Berlin daselbst in Ausstcht gestellte Besuch des Prinz-Regenten Luitpold von Bayern dürfte stch aus verschiedenen Gründen noch verzögern, daß er aber in diesem Jahre noch zur Ausführung gelangt, soll bestimmt feststehen. Für jetzt ist Prinz Luitpold, getrieben durch sein Bemühen, dem bayerischen Volke auch persönlich immer näher zu treten, auf einer Rundreise durch Schwaben und Franken begriffen, die ihn zunächst nach Augsburg und von da nach Nürnberg, der zweiten Stadt des Bayernlandes, führte. Dort wie hier ist dem Prinz-Regenten ein wahrhaft begeisterter Empfang Seitens aller Bevölke- Turigs-Schichten zu Theil geworden, der genugsam Zeugniß davon ablegt, wie sehr es der von einem schweren Berhängniß zur Leitung des Geschickes des Landes berufene greise Fürst in der noch verhältnißmäßig kurzen Zeit seines Wirkens verstanden hat, sich die Liebe und das Vertrauen des Bayernvolkes in höchstem Maße zu erwerben. Von Nürnberg aus hat stch der Prinz-Regent am Mittwoch früh nach Ansbach, der politischen Hauptstadt Mittel-Frankens, begeben, um von hier aus die Weiterreise nach Würzburg fortzusetzen.
Von positivem neuen Nachrichts-Material aus dem Gebiete her innerpolitischen Angelegenheiten liegt heute wenig Belangreiches vor. Am meisten dürste noch der vorläufige Ausgang der verschiedenen, wegen vorzeitiger Veröffentlichung des Inhalts der Anklageschrift im Landesverrathe Sarauw- Röttger gegen eine Anzahl Zeitungs Redacteure und Zeitungs-Berichterstatter eingeleiteten Preßprocefle Interesse erregen. Die sämmtlichen Processe waren an die letzte Instanz, an das Reichsgericht, gelangt, welches, soweit die Processe nicht zur nochmaligen Verhandlung an die erste Instanz zurückgewiesen wurden, bie verurtheilenden Erkenntnisse der Landgerichte bestätigte. Ans den UrtheilS- gründen des Reichsgerichtes in den letzteren Fällen ist namentlich die principiell wichtige Entscheidung hervorzuheben, daß auch die nur theilweise oder auszugsweise erfolgte Wiedergabe des Inhaltes einer Anklageschrift, der geheim gehalten werden soll, strafbar ist.
Aus kirchenpolitischem Gebiete ist die Meldung von der Ernennung des Decans Dr. Klein zum Bischof von Limburg zu verzeichnen.
In Leipzig hat am Mittwoch in Gegenwart des Königs Albert die feierliche Einweihung des neu erbauten Bärsengebäudes stattgefunden.
Der Schwerpunkt des politischen Lebens in der österreichisch- ungarischen Monarchie ruht augenblicklich wieder einmal in Pesth, wo fett Montag die im vergangenen Frühjahre abgebrochenen gemeinsamen Minister- Conferenzen ihre Fortsetzung finden. Obschon dieselben in erster Linie den Stand der Ausgleichssrage zwischen den beiden Reichshälsten zum Object haben, so liegt doch die Annahme nahe, daß auch, die auswärtige Politik hürbei in irgend einer Form zur Sprache kommen wird, da die bulgarische Frage gegenwärtig gerade in der ungarischen Hauptstadt die Gewüther so lebhaft beschäftigt. Es kann indessen nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß die Anstrengungen der Opposition im ungarischen Unterhause, die österreichische Orientpolitik in fpecifisch ungarischem Sinne zu beeinflussen, nicht den minvesten Erfolg haben werden. Durch den Ansturm, den die ungarischen Parlamentarikrs im Verein mit dem liberalen Wiener Journalismus gegen dis Orientpolitik Oesterreich- Ungarns unternommen haben, sind eine Menge Krisengerüchte gezeitigt worden, die namentlich von einer Erschütterung der Stellung des Grafen Kalnoky wissen wollten. Alle diese Gerüchte erfahren aber von unterrichteter Seite ein entschiedenes Dementi und die Versicherung, daß Graf Kalnoky sich nach wie vor des unbedingten Vertrauens seines Souverains erfreue, dürfte daher nur den That- sachen entsprechen. Uebrigens wird ohne Zweifel die Thronrede bei der am 29. September erfolgten Eröffnung der österreichischen Reichüraths-Session das
feste Zusammenstehen Deutschlands und Oesterreich-Ungarn- auch in der bulgarischen Angelegenheit nur bestätigt haben.
Das verunglückte Pronunciamento von Madrid zuckt jenseits der Pyrenäen doch noch immer aus. An der französisch - spanischen Grenze ift es bei Espinavall zu einem Zusammenstöße zwischen einer spanischen Truppen - Abteilung und einer Bande Republikaner gekommen; letztere wurde schließlich über die Grenze getrieben. Außerdem sind nach einer im französischen Ministerium des Innern eingegangenen Depesche im Pyrenäengebiete auch karlistische Banden ausgetaucht, so daß es in nächster Zeit an der spanisch-französischen Grenze jedenfalls lebhaft zugehen wird. Nicht unbedenklich klingt die Nachricht, daß in Corunna 4 Unterosficiere wegen dringenden Verdachtes der Teilnahme an einer Verschwörung verhaftet worden sind, denn sie deutet darauf hin, daß der meuterische Geist in der spanischen Armee stärker ist, als man in den Madrider Regierungskreisen anzunehmen scheint. Dabei nehmen im Lande die Verhaftungen von Anhängern Zorrilla'S, des Hauptes der spanischen Republikaner, ihren ungestörten Fortgang und auch dies beweist, daß der Madrider Putsch doch weitere Kreise gezogen hat, als die spanische Regierung anfänglich selbst glauben mochte.
Die zwischen Frankreich und England schwebende Hebriden frage droht eine Verschärfung zu erfahren. Der in Sydnei eingetroffene französische Aviso „Duchaffaut", hat die Nachricht überbracht, daß die Franzosen in Sila aus der zu den Neuen Hebriden gehörenden Sandwich-Jnsel einen dritten militärischen Posten errichtet haben und augenscheinlich beabsichtigen, eine Niederlassung zu gründen. Man dors sich darauf gefaßt machen, daß diese Meldung in den australischen Kolonien, wo die Festsetzung der Franzosen auf den Neuen Hebriden so schon dem größten Mißtrauen begegnet, einen neuen Sturm der Entrüstung gegen Frankreich Hervorrufen wird.
Deutschland.
Berlin, 30. September. Zu Ehren des Geburtstages der Kaiserin haben alle öffentlichen und viele Privatgebäude Flaggenschmuck angelegt; in den Wohlthätigkeits-Anstalten sanden festliche Speisungen statt, die Theater werden ihre Vorstellungen mit Festprologen einleiten.
Frankreich.
Pari-, 30. September. Eine dem Ministerium des Innern zugegangene Depesche constatirt, daß an der spanischen Grenze seit dem 24. d. Mt». keine Karlistenbande wahrgenommen worden ist. — Der österreichische Botschafter Hoyos ist nach Wien abgereist.
— Freycinet empfing in Montpellier die Behörden. General Berge gab der Hingebung der Osficiere für den Ruhm und die Ehre Frankreichs Ausdruck. Der Bischof von Montpellier, vom ganzen Klerus umgeben, sagte, er und die Geistlichkeit seines Sprengel- seien von einem lebhaften Gefühl der Pflichten gegen die Kirche in Frankreich durchdrungen. Außerhalb der politischen Parteien stehend, schätzten sie sich glücklich, wenn sie alle Mitbürger dahin führen könnten, den Glauben zu schätzen und zu bewahren, der Frankreich groß gemacht und Frankreichs Größe auch zukünftig erhalten würde. Freycinet dankte und wünschte, daß diese Gefühle den ganzen Klerus beseelen möchten.
Kulgarien.
Sofia, 30. September. Die Delegirten verschiedener Korporationen begaben sich unter Führung Voultcheff's zu Kaulbars und befeuerten ihre Ergebenheit gegen den russischen Kaiser, erklärten aber gleichzeitig, daß die baldige Wahl eines Fürsten nothwendig sei. Kaulbars erwiderte, daß auf Hinausschiebung der Wahlen zur Sobranje bis November bestanden werden müsse. Die Wahl des Fürsten sei nicht eine bulgarische, sondern eine internationale Angelegenheit, auch dürste die Zustimmung der Mächte betreffs der Person de» neuen Fürsten nicht so rasch erfolgen. Niemals werde Prinz Alexander von Battenberg ober ein Mitglied seiner Familie nach Bulgarien zurückkehren können. Der Ministerrath soll beschlossen haben, daß vor Beantwortung der jüngsten rassischen Note noch eine Besprechung mit Kaulbars stattfinden und dann erst die Beantwortung der Note erfolgen solle.
LÄtgraphtschk Depesche«.
Wolff’l Srürgir. SsLresporrdsrrs ° Vtt*s«r.
Berlin, 30. September. Der „Neichsanzeiger" publicirt die vom Staatssecretär des Reichsschatzamts, v. Burchard, nachgesuchte Dienstentlassung.
— Die hiesige Stadtverordnetenversammlung wählte mit 80 von 95 Stimmen Langerhans zum Vorsteher-Stellvertreter und nahm den Antrag auf Vorlegung des Entwurfs einer neuen Baupolizeiordnung an die Stadtverordneten zur Kenntnißnahme und Aeußerung, nachdem die dem Anträge vorangestellte Begründung in Folge mehrfacher dagegen vorgebrachter Einwendungen von den Antragstellern zurückgezogen war. Stadtrath Voigt erklärte, der jetzige Entwurf enthalte gegen den früheren keine irgendwie erschwerenden Bedingungen, trage im Gegentheil den städtischerseits vorgebrachten Beschwerden in einigen Punkten Rechnung.
— Die beiden Königlichen Theater sind heute wegen Ablebens v. Hülsen's auf Befehl des Königs geschlossen worden und sollen auch am Beisetzungstage geschlossen werden.
München, 30. September. Der Historienmaler Franz Adam ist vergangene Nacht gestorben.


