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Nr. 203 Donnerstag den 2 September 1886.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vorra«r Schulstraße 7*

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-.

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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit «ringerlot«.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Marl 60 Pf.

Bekanntmachung.

Nachdem begründete Klagen über Beschädigungen durch den Dachs in Kartoffelfeldern bei uns vorgebracht worden sind, wird die Heegzeit dieses Wildes im ganzen Kreise Gießen für den Monat September l. I. hiermit aufgehoben.

Gießen, am 1. September 1886. Großherzogliches Kreisaml Gießen.

_______________________________________________________________I. V.: Nover.__

Bekanntmachung.

Auf dem am 31. August l. I. dahier abgehalteneu Viehmarkt ist ein Kalb zurückgeblieben, dessen Eigenthümer sich bis jetzt nicht gemeldet hat. Derjenige, der Ansprüche an dieses Kalb zu machen hat, wird aufgefordert, diese alsbald bei der unterzeichneten Behörde anzumelden.

Gießen, den 1. September 1886. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

_____________________________________Fresenius.__________________________________________________

Bekanntmachung.

Für die Dauer der Krankheit eines Feldschützen soll ein Hülfsschütze gegen Remuneration bestellt werden.

Qualificirte Personen wollen sich alsbald bei der unterzeichneten Behörde melden.

Gießen, am 31. August 1886. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Politische Ueberficht.

Gießen, 1. September.

Wiederum schickt sich das deutsche Volk an, die Erinnerungs. feier an jenen Ruhmestag zu begehen, der auf ewig mit leuchtenden Lettern in die Annalen der deutschen Geschichte eingegrabcn ist den Tag von Sedan! Vor nun 16 Jahren war es, daß am 2. September die vereinigten Heere Deutschlands unter der persönlichen Oberleitung König Wilhelms auf den Ge­filden von Sedan das stolze Herrschastsgebäude des dritten Napoleon für immer in Trümmer schlugen, indem sie nach allerdings hartem und blutigem Kampfe den stolzen Franzosen-Kaiser selbst, seinen ganzen glänzenden Stab von berühm­ten Marschällen und Generälen und seine letzte Armee gefangen nahmen. Wohl hatte der Riesenkamps zwischen Deutschland und Frankreich mit jener gewaltigen Schlacht noch nicht sein Ende erreicht, wohl mußten erst noch dieaus dem Boden gestampften" Heere der Republik zerschmettert, mußte erst Paris, das Herz des Landes, eingenommen werden, ehe dem zähen Gegner der Friede auf- gezwungen werden konnte, aber dennoch muß die Sedanschlacht als der entschei­dende Wendepunkt im Kriege von 1870/71 bezeichnet werden und als solcher wird sie auch allseitig betrachtet.

Ist schon deshalb die alljährliche Feier dieses bedeutungsvollen Tages be­rechtigt, so rechtfertigt sie sich doch auch aus noch anderen und schwerer wiegen­den Gründen: Bei Sedan war es zum ersten Male, daß fast alle deutschen Truppen-Contingente auf einem Schlachtfelde vereinigt gegen den Feind stritten, hier empfing die junge deutsche Einheit so recht eigentlich erst ihre Blut- und Feuertaufe und gerade deshalb hebt sich der 2. September so plastisch aus dem großen Schlachtengemälde des deutsch-französischen Krieges hervor. Hier, an den Usern der Maas wurde erst eigentlich der Grund zur Einigkeit aller deut­schen Stämme unter der ruhmvollen Führung Preußens, zur künftigen Macht und Größe des neuen deutschen Reiches gelegt und das ist es vor Allem, was uns der Schlachtendonner von Sedan gelehrt hat und an diese Erkenntniß soll in erster Linie die alljährliche Feier des deutschen Nationalsesttages immer wie­der anknüpfen.

Gerade uns Deutschen thut es noth, daß der nationale Gedanke immer aufs Neue angesacht wird, denn manchmal will es scheinen, als ob derselbe durch allerhand Unkraut überwuchert würde und um den Einheitsgedanken immer tiefer in den verschiedenen deutschen Stämmen einleben zu lassen, dazu eignet sich eben vor Allem der Tag von Sedan mit seinen so glorreichen Erinnerun­gen für unser Volk. Darum soll durch die sich immer wiederholende würdige, dabei von allem chauvinistischen Wesen freie Begehung des 2. September die Hingabe und Begeisterung für des Reiches Größe und Einheit, für die Ehre des uns Allen gemeinsamen Vaterlandes, bei den Zeitgenossen und Zeugen jener großen Zeit stets wach erhalten und in die empfänglichen Herzen des Heran­wachsenden Geschlechtes fest eingepflanzt werden, damit auch das letztere weiß, was es bereinigens dem Vaterlande im Falle der Noth schuldig ist. Für Alle aber, mögen sie selbst noch Zeugen jener großen Zeit gewesen sein, ober erst dem heranreifenden Geschlechte angehören, soll aus der Feier des Sedantages immer wieder die ernste Mahnung hervorklingen, alle-sonst trenn nden Gegen­sätze zu vergessen und fest zusammenzustehen, wenn es gilt, in Zeiten der Gefahr für das gemeinsame, deutsche Vaterland Gut und Blut einzusetzen.

Der Kaiser hat bestimmt, daß zu den Festlichkeiten in Ofen, welche am 1. und 2. September stattfinden sollen, sich eine militärische Deputation, bestehend aus dem General-Lieutenant v. Schlichting, Commandeur der 1. Garde- Jnsanterie-Division, dem Oberst v. Etzdorff, Commandeur des Grenadier-Regi­ments Kronprinz (1. Ostpreußischen) Nr. 1, dem Oberst Freiherrn v. Schleinitz, Commandeur des Leib-Kürassiier-Regiments (Schlesischen) Nr. 1, dem Haupt- | mann v. Kalckstein vom Kaiser Alexander Garde-Grenabier-Regiment Nr. 1 und dem Rittmeister Gras zu Dohna I. vom 1. Garde-Dragoner-Regiment

nach Ostn begebe. Die genannten zwei Obersten sind die Commandeure der beiden noch in derselben Formation bestehenden Regimenter, welche im Jahre 1686 mit den Verbündeten gefochten haben; die beiden anderen Osficiere tragen Namen, die sich vor Ofen zu jener Zeit besonders guten Klang erworben haben.

DieSchlesische Zeitung" berichtet ausunzweifelhaft glaubwür­diger" Quelle, daß unser Kaiser, sobald er von der Entschließung der bulgari­schen Revolutionäre, den Fürsten Alexander in Reni alsStaatsgefangenen" an Rußland zu übergeben, nach St. Petersburg ein Telegramm ungefähr des Inhalts gerichtet habe: er hoffe, der Czar werde für die persönliche Sicherheit des Fürsten Alexander Sorge tragen. Es wird auch die Vermuthung geäußert, daß Prinz Alexander von Hessen zu Gunsten der persönlichen Freiheit und Sicherheit seines Sohnes die Intervention des Kaisers angerufen habe. Wir geben diese Meldung, da sie ein vorsichtiges Blatt wie dieSchlesische Zeitung" bringt und auch von anderer Seite bestätigt wird.

In Sachen des Normal- resp. Maximal-Arbeitstages schreibt dieSocial-Correjpondenz":Wie derAllg. Ztg." gemeldet wird, arbeiten zur Zeit in Berlin nur 0,6 pCt. aller Arbeiter länger als 11 Stunden täglich, obschon bekanntlich in Preußen noch kein Normal-Arbeitstag eingeführt wurde. Das erscheint um so bemerkenswerther, als aus den Veröffentlichungen der schweizerischen Fabriken-Jnspectoren hervorgeht, daß in Der Schweiz, wo ein Normaltag von 11 Stunden täglich seit einer Reihe von Jahren Gesetz ist, derselbe noch heute, obwohl es damit jetzt etwas besser geworden, keineswegs thatsächlich durchgeführt ist und Bewilligungen von Ueberzeit an der Tages­ordnung sind. Und doch beruft man sich bei uns immer auf den Vorgang der Schweiz. Beinahe die Hälfte aller Arbeiter in Berlin wird nur 10 Stunden, über ein Drittel noch weniger beschäftigt, zwischen 10 und 11 Stunden arbeitet nur ein Sechstel Aller. Auch die Erfahrungen, Die man in Oesterreich mit dem erst vor Kurzem angeordneten Normaltag gemacht hat, können nicht zu einer Nachfolge aufmuntern. Jedenfalls ist der deutschen Gesetzgebung kein Vorwurf zu machen, wenn sie sich in dieser noch so wenig ausgereiften Ange­legenheit vorläufig noch abwartend verhält.

Ueber die gegenwärtige Situation Bulgariens hat Stam- buloff einem Correspondenten derAgence Havas" folgende Aufklärung gegeben: Es beständen zur Zeit zwei Regierungen im Lande, eine in Sofia unter Leitung Karaweloff's, die andere für das übrige Bulgarien und Rumelien unter Vorsitz Stambuloff's. Letzterer habe sich von Karaweloff getrennt, weil dieser der Ab­sendung eines russischen Enquete-Commissärs zugestimmt habe, während Stam- buloff die Situation ohne Theilnahme eines solchen wieder Herstellen wolle. Demnach sei die durch die jüngste Proklamation Stambuloff's befignirte Regie­rung als wirkliche Regierung zu betrachten, welche mindestens bis zur Rückkehr des Fürsten nach Sofia von diesem als solche occeptirt werden dürfte. Major Grujew ist in Rahowa, mehrere andere Osficiere sind in Widdin internier. Zankoff befindet sich noch, ohne verhaftet zu sein, in Sofia, wird jedoch streng Überwacht.

Der niederländische Colonial-Minister lehnte in Beantwortung einer aus der Ersten Kammer an ihn gerichteten Interpellation über die Lags von Niederländisch-Jndien es ab, die Beantwortung für die Aenberung der Politik in Atchin zu übernehmen; zur Besserung der traurigen Lage der Zucker - Industrie in Indien werde er binnnen Kurzem bestimmte RegierungS'Vorfchlcsie machen. Wenn die Zweite Kammer wieder zusammen kommt, um sich mit her Untersuchung über die Arbeiterfrage zu beschäftigen, wird sie reichliches Material vorfinden, denn nicht nur wird her normale Arbeitstag in wissen­schaftlichen Zeitschriften und theilweise so, als ob noch nie ein Wort darüber geschrieben worben wäre, erörtert, sondern die Centralbehörde des allgemeinen Arbeiterbundes hat an alle Bezirks-Abtheilungen eine Reihe von Fragen gerichtet..