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2.5.1886 Zweites Blatt
 
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1O1 Zweites Blatt Sonntag den 2. Mai L88«

Amts- und Auzeigeülatt für den Kreis Gießen.

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Wochen - Ueberficht.

Gießen» 1. Mai.

Der deutsche Kronprinz ist von der Masernerkrankung nunmehr so weit wieder hergestcllt, daß seiner Uebersiedelung nach dem lieblich gelegenen Taunusbade Homburg- v. d. H. keine ärztlichen Bedenken mehr entgegenstehen und wird der hohe Herr in Begleitung der Prinzessinnen- Töchter Victsrta, Sophie und Margarethe bereits am Sonntag in Homburg eintreffen, lieber die Dauer des Kuraufenthaltes des Kronprinzen in dem genannten Badeorte scheinen noch keine bestimmten Disposttionen getroffen zu sein. Mitte Mai erwartet man auch die Frau Kronprinzessin, welche sich in diesen Tagen zu einem Besuche des Londoner Hofes nach England begtebt, in Homburg.

Die zu Ende gegangene Woche stand, was die innerpolitische Lage anbelangt, ersichtlich noch unter dem Einflüsse der österlichen Stille, denn in Bezug aus bemerkenswerthere Vorgänge auf dem Gebiete der Politik liegt noch immer herzlich wenig vor. Zu erwähnen ist jedoch, daß nunmehr die dem Bundesrathe vorliegende neue Zuckersteuer-Vorlage in ihren wesentlichsten Be­stimmungen bekannt geworden ist. Hiernach beträgt, um nur die Hauptpunkte hervorzuheben, die Zuckersteuer 1,70 «M. per 100 Kilo rohe Rüben und die Export-Bonification sür Rohzucker bis 30. September 1887 18 Jt., von da an 17,25 J'l. per 100 Kilo. Die Ausfuhr.Vergütung für Kandis, für Zucker in harten Brooen, Blöcken u. s. w., sowie für andere vom Bundesrathe zu bezeich­nende Zucker von mindestens 99 Vr M. Polarisation setzt die neue Vorlage auf 22,20 JL bis 31. October 1887, von da ab aus 21,50 J4,. fest; für allen übrigen Zucker beträgt die Vergütung 20.80 Ji., resp. 20,15 Da der Reichstag erst am 17. Mai wieder zusammentritt, so hat der Bundesrath jeden­falls vollauf Zeit, den neuen Zuckersteuer-Entwurf gründlich zu berathen. Diejenige Frage, welche die Gemüther bis zum Eintritt der parlamentarischen Osterpause mit am meisten in Spannung hielt, die Kirchenpolitik, wird auch am ersten wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Discussion zurückkehren. Km kommenden Dienstag nimmt das preußische Abgeordnetenhaus seine durch das Osterfest unterbrochene Thätigkeit mit der Generaldebatte über die kirchen­politische Vorlage wieder auf und treten schon am Montag die verschiedenen Fraktionen zu Vorbesprechungen über die von ihnen hierbei einzunehmende Hal­tung zusammen. Es ist zwar nicht zu bezweifeln, daß auch das Abgeordneten­haus mit den Stimmen der Conservativen und des Centrums die Vorlage in der Fassung des Herrenhauses schließlich annehmen wird, aber sicherlich werden die Verhandlungen sich sehr lebhaft gestalten und sieht man denselben daher all­seitig mit nicht gewöhnlichem Jntereffe entgegen.

lieber das Befinden des an der Lungenentzündung erkrank« ten Unterstaatssecretärs im auswärtigen Amte, Grafen Herbert Bismarck, des älteren Sohnes des Reichskanzlers, lauten die letzten Mittheilungen ziemlich beruhigend. Der Zustand der erkrankten Lunge hat zwar noch keine wesentliche Veränderung erfahren, aber eine unmittelbare Gefahr für den Patienten erscheint ausgeschlossen und auch das Fieber ist in allmäliger Abnahme begriffen.

Die württembergische Hauptstadt bildete in dieser Woche den Schauplatz glänzender Festlichkeiten, zu denen der Einzug des Prinzen Wil­helm, des präsumtiven Thronfolgers in Württemberg, und seiner jungen . Gemahlin Charlotte, geborenen Prinzessin von Schaumburg-Lippe, den Anlaß gab. Den Stuttgarter Festlichkeiten wohnte auch Prinz Wilhelm von Preußen, ' zunächst als Enkel des Kaisers und Vertreter des Kaiserhauses, dann als Oberst des Garde-Husaren-Regiments, ü la suite dessen Prinz Wilhelm von Württem- ; berg als Generallieutenant steht, bei. Der hohe Gast hatte sich Seitens der württembergischen Königssamilie wie Seitens der Bevölkerung der schönen Hauptstadt Württembergs der herzlichsten Aufnahme zu erfreuen.

Die Wiederbesetzung des bischöflichen Stuhles von Mainz soll ebenfalls bevorstehen. Als designirter Bischof gilt Domkapitular Haffner, über welchen sich die hessische Regierung und der heilige Stuhl verständigt haben.

Die Bauernbewegung in dem österreichischen Kronlande Galizien stellt sich denn doch ernster dar, als die österreichischen Regierungs- Blätter der Welt glauben zu machen suchen. Noch eben brachte die amtliche Lemb. Ztg." einen Artikel, der sehr beruhigend klang und die Blätter-Berichte über die Vorgänge unter der galizischen Landbevölkerung als bedeutend über­trieben bezeichnete. Aber Privatmeldungen besagen, daß die unter den polni­schen Bauern des westlichen Galizien» herrschende Erregung nicht unbedenklich lei, zumal da sich die Bauern vielfach zusammenrotttn und die Eisenbahn- Stationen bedrohen, die Schienen auf den Strecken aufreißen u. f. w. Im Zusammenhänge mit dieser Bewegung stehen offenbar auch die zahlreichen Feuers- !' brünste, welche aus den galizischen Dörfern gemeldet werden. In den letzten ! Tagen brannten in vielen Dörfern einzelne Häuser ab, manche Ortschaften sind aber auch ganz niedergebrannt, so das Dors Dobrowlany und im Dorfe Bojamec, - Bezirk Zolkiew, brannten 49 Bauern-Wirthschasten ab. Mehrere der Brand- i stistung verdächtige Individuen wurden verhaftet.

Aus Bosnien wird ein neuer Cultur-Fortschritt gemeldet. Am Mitt- ' Noch sand die feierliche Eröffnung der Eisenbahnlinie Doboj - Tuzla - Simichon in Gegenwart des Neichs-Finanzministers v. Kollay, des F.Z.M. Appel u. s. w. statt. Der Eröffnungszug wurde von der Bevölkerung allenthalben mit großem Zirbel begrüßt.

Dem spanischen Ministerium Saga st a leuchtet ein recht freund­licher Stern. Nachdem bereits die Neuwahlen zur Deputirtenkammer eine bedeutende Mehrheit für die Regierung ergeben, Haven auch die am Oster­sonntag stattgefundenen Senatorenwahlen ein gleiches Resultat aufzuweisen und das Ministerium Sagasta verfügt somit in den neuen Cortes über eine geschloffene und unbedingte Mehrheit. Man kann deßhalb die jetzige spanische Regierung nur aufrichtig beglückwünschen, denn der Ausgang der Wahlen zeigt, wie sehr sich das Cabinet Sagasta, welches bekanntlich eine gemäßigt-liberale Richtung verfolgt, im Lande festgesetzt hat.

In den Drahtberichten aus Griechenland wechselten in dieser Woche Friedensklänge mit abermaligen kriegerischen Tönen ab. Kaum hatte der Athener Telegraph die in Folge der Vorstellungen Frankreichs erfolgte Abrüstungserklärung der griechischen Regierung gemeldet, so brachte er gleich darauf die Nachricht, daß Griechenland sein Abrüstungsversprechen wieder zurücknehme. Als Grund für diese neuerliche Halsstarrigkeit Griechenlands gibt ein Rundschreiben des Ministers Delyannis das noch in letzter Stunde überreichte Ultimatum der Mächte an, welches angeblich die Actionsfreiheit Griechenlands beschränke. Herrn Delyannis kommt hierbei der Umstand zu Hilfe, daß er sich auf die öffentliche Meinung des Landes stützen kann, denn eine Clubversammlung der Athener Nationalliga hat sich dahin ausgesprochen, daß Griechenland nicht abrüsten dürfe, so lange es unter dem Drucke des Ultimatums stehe. Es ist indessen sehr unwahrscheinlich, daß die Großmächte das letztere wieder zurückziehen sollten.

Inzwischen ist Edhem Pascha, der Vertreter des Sultans, in Livadia zur Begrüßung des Czaren angekommen. In Jalta, dem Landungs­plätze, wurde der Abgesandte des Padischah von den Behörden mii aller ihm gebührenden Auszeichnung empfangen und der Minister des kaiserlichen Hauses, Graf Woronzoff - Daschkoff, stattete Edhem Pascha in dessen Absteigequartier, einem Landhause unweit des kaiserlichen Palastes, alsbald einen Besuch ab Jedenfalls darf man begierig sein, was in Livadia eigentlich zusammen­gebraut werden wird.

Weitere Kundgebungen der Bevölkerung gegen das Ultimatum der Mächte werden aus Athen noch nachträglich gemeldet. Außerdem soll der Kriegsminister nun wirklich demissionirt haben, was als ein bedrohliches Symptom der Lage gilt. Endlich meldet Neuter's Bureau, daß Minister­präsident Delyannis in Beantwortung der Ansprache einer Bürgerdeputatton erklärt habe, daß von ihm keinerlei Versprechen bezüglich der Abrüstung Griechenlands abgegeben morden sei. Er habe dies weder Frankreich noch irgend einer andern Macht gegenüber gethan, und die Vermittelung Frank­reichs nur unter der Bedingung angenommen, daß die griechische Frage in naher Zeit geregelt werde. Delyannis fügte hinzu, wenn die griechischen Forderungen nicht baldigst erfüllt werden würden, werde die Regierung den Krieg nicht scheuen und den Mächten erst nachgeben, nachdem deren Schiffe die griechische Flotte in den Grund gebohrt oder griechische Städte bom- barbirt haben würde. Nun, Herrn Delyannis, kann da vielleicht ge­holfen werden, oder sollte dasvereinigte Europa" wirklich muthig zurück- weichen?^________ ___

Vermischtes.

Wir entnehmen demFrankfurter General-Anzeiger" folgenden literarischen Bericht, welcher für manche unserer verehrlichen Leser von Interesse sein dürfte:

Eine mathematische Preisschrift. In dem am 25. März 1886 ausgegebenen zweiten Heft des 31. Jahrgangs der Zeitschrift für Mathematik und Physik, heraus­gegeben unter der verantwortlichen Redaction von Dr. Oskar Schlömilch, Dr. E. Kahl und Dr. M. Cantor ist soeben eine mathematische Abhandlung von Alfred Wiener, stud. electrotechn. in Darmstadt, erschienen. Dieser der höheren Algebra zum großen Nutzen gereichende Artikel hat den Zweck, auf die einfachste und ganz bestimmte Weise die reellen Wurzeln einer höheren Gleichung in ganz kurzer Zeit zu berechnen.-Die hier ausgeführte Auflösungsmethode kann sür die Auflösung der vollständigen Gleich­ungen höherer Grade verwendet werden. Auch zur Trennung und Berechnung nahezu gleicher Wurzeln, die bis auf eine Anzahl Decimalstellen übereinstimmen, bietet diese Methode bedeutende Vortheile, indem man danach dieselben ganz bestimmt zu trennen und leicht zu berechnen im Stande ist. Bis zur Stunde war es noch keinem Mathematiker gelungen, die Wurzeln einer höheren numerischen Gleichung mit Leichtig­keit zu berechnen. Ausgestellte Preisfragen hatten zwar die Veröffentlichung ver­schiedener Schriften zur Folge, waren jedoch keineswegs geeignet, um diesen Theil als abgeschlossen zu betrachten. So erschien im Jahre 1837 als Beantwortung einer von der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin aufgestellten Preisfrage von Herrn Dr. Gräffe, Professor der Mathematik in Zürich, eine Schrift, betitelt:Die Auflösung der höheren numerischen Gleichungen." Rach den Ausführungen des be­rühmten Astronomen und bedeutendsten Mathematikers seiner Zeit, Encke, im Berliner astronomischen Jahrbuche für 1841 sind jedoch sieben und mehr Stunden erforderlich, um hiernach nur die Wurzeln einer Gleichung 7. Grades zu berechnen. Die elegante . von Prof. Horner verbesserte Newton'sche Näherungsmethode fängt schon mit der Be­rechnung der Wurzeln vollständiger Gleichungen fünften Grades an sehr langwierig und unangenehm zu werden. Ebenso umständlich haben sich alle anderen bis jetzt bekannten Methoden zur Bestimmung der Wurzeln Höherer algebraischen Gleichungen erwiesen. Durch die von Herrn Prof. Dr. Gundelfinger in Darmstadt gestellte mathematische Preisaufgabc ist dieser Theil der höheren Mathematik von einer ganz anderen Seite aufgefaßt und behandelt worden. Diese Preisaufgabe lautet wörtlich: Gauß hat in seiner AbhandlungBeiträge zur Theorie der algebraischen Gleichungen" (Werke, Bd. III, Seite 85102) die Wurzeln der trinomischen Gleichungen durch eine indirecte Methode rasch und sicher berechnen gelehrt. Das hierbei zu Grunde gelegte Prineip soll auf Gleichungen mit vier Glieoern ausgedehnt und für die numerische Bestimmung ihrer reellen Wurzeln nutzbar gemacht werden." Dem Studiosus Alfred Wiener in Darmstadt ist es nun gelungen, diese PrctSaufgibe zu lösen und ist ihm