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Nr. 228 Freitag den 1. Oktober 1886.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Schulst--». 7. scheint «»glich mit «-»tag«. ^MrNch

Amtlicher Hheil.

Betreffend: Mortalitätsstatistik. Gießen, den 30. September 1886.

Das Großherzogliche Kreis-Gesuudheitsamt Gießen

an die Großherzoglichen Standesbeamten des Kreises Gießen.

Von verschiedenen Großherzoglichen Standesbeamten des Kreises, die wir nicht namhaft machen wollen, wird die von Grobherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz in rubr. Betreff zu Nr. M. I. 12560 am 23. Mai 1885 erlassene Verfügung außer Acht gelassen, nach welcher jedes Todes- zeugniß entweder die ärztliche Bescheinigung der Todesursache, oder den standesamtlichen Vermerk, daß keine ärzttiche Behandlung stattgefunden, enthalten muß.

Indem wir uns erlauben, Sie auf diese Verfügung aufmerksam zu machen, bemerken wir, daß wir über die Befolgung derselben demnächst an höchste Staatsbehörde zu berichten haben. Dr. Köhler.

Politische Ueberficht.

<Biegen, 30. September.

Die Fluthwelle von Commentaren und Betrachtungen aller Art, welche die Extra-Session des Reichstages in der Tagespresse her­vorries , hat sich wieder verlaufen und augenblicklich herrscht in den inner- politischen Angelegenheiten wiederum eine gewisse Ebbe. Auch die Erörterungen über die Aufgaben der kommenden ordentlichen Reichstags-Session verstummen allgemach, da selbst in Regierungskrisen von bestimmten Vorlagen noch nichts Weiteres bekannt ist und auch die Mittheilung, daß verschiedene Entwürfe über Neubildungen im Reichsheere schon in Vorbereitung begriffen seien, wird osficiöser- seiLS dementirt. Den bezüglichen Meldungen zufolge steht vorläufig nur ein Meinungs-Austausch zwischen den Bundes-Regierungen über diese Vorlagen zu erwarten, letztere selbst können darum noch durchaus keine greifbare Gestalt an­genommen haben. Ebenso sind die Betrachtungen über die Ordensfrage, speciell über die Zurückberufung der Jesuiten, wiederum verstummt, nachdem sich doch unzweifelhaft herausgestellt hat, daß in dieser Beziehung regierungsseitig keine weiteren Zugeständnisse an die Kurie zu besorgen sind, auch scheint man wenig­stens im Vatikan die fragl. Angelegenheit gerade nicht eilig betreiben zu wollen. Im Uebrigen werden die osficiellen Beziehungen zwischen der preußischen Regie­rung und dem Vatikan gegenwärtig als vorzügliche geschildert; wie lange dieses ja an und für sich so wünschenswerthe Einvernehmen andauern wird, ist freilich eine andere Frage.

In der sächsischen Residenz steht ein freudiges Ereigniß bevor: Die Vermählung des Erzherzogs Otto von Oesterreich mit Prinzessin Maria Josepha, zweiten Tochter des Prinzen Georg von Sachsen, die am kommenden 2. October gefeiert wird. Aus diesem festlichen Anlaß werden am Dresdener Hofe eine Reihe fürstlicher Gäste erwartet, soweit dieselben nicht schon dort eingetroffen sind. Unter letzteren befinden sich die Eltern des hohen Bräutigams, Erzherzog Karl Ludwig, Bruder des österreichischen Kaisers, und seine Gemahlin, Erzherzogin Maria Therefia, welche schon seit Montag in Dresden weilen.

Der Prinz-Regent Luitpold ist auf seiner Rundreise durch die größeren Städte Bayerns in Nürnberg und Augsburg eingetroffen und von der Bevölkerung mit Begeisterung empfangen worden. Die Mittheilung, der Prinz-Regent von Bayern gedenke dem Kaiser bald nach dessen Rückkehr von Baden-Baden nach Berlin einen Besuch abzustatten, wird von der Münche­nerAllg. Ztg." als verfrüht bezeichnet. Dem genannten Blatte zufolge besteht allerdings beim Prinzen Luitpold die Absicht, noch vor Ablauf des Jahres am Berliner Hofe einen Gegenbesuch zu machen, doch sind noch nähere Dispositionen vorbehalten und wird der Prinz-Regent die Reise jedenfalls nicht unmittelbar nach dem Münchener Octoberseste antreten.

Die bulgarische Frage wird von derNordd. Allg. Ztg." an leiten­der Stelle wieder einmal einer eingehenden Erörterung unterworfen. Das osficiöse Blatt forscht den Gründen nach, welche eigentlich den Fürsten Alexander von Bulgarien zur Abdankung gezwungen haben und kommt hierbei zu dem Schlüsse, daß, wenn er in Bulgarien geblieben wäre, er sich aus die gewaltige Mehrheit der bulgarischen Armee und Volksvertretung hätte stützen können. DieNordd. Allg. Ztg." widerspricht der Annahme, als ob der Fürst durch die Großmächte, und namentlich durch Rußland, verdrängt worden wäre, er habe ja schon 5 bis 6 Jahre lang dem Zorne Rußlands zu trotzen können geglaubt. Das osficiöse Blatt erwartet nun die Beantwortung der von ihm aufgeworsenen Frage Seitens der die Sache des Battenbergers vertretenden Blätter, wenn nicht, so werde sich diese Beantwortung aus den Verhandlungen der österreichi­schen und ungarischen Parlamente und des deutschen Reichstages ergeben. Wie man heute die Frage nach den Gründen für die Abdankung des Bulgaren- Fürsten aufwersen kann, ist schwer verständlich. Rußland hat es dem Fürsten doch so deutlich zu erkennen gegeben, wie wenig es mit seinem ferneren Ver­weilen aus dem bulgarischen Throne einverstanden ist, daß sich schon hieraus seine freiwillige Abdankung zur Genüge erklärt. Fürst Alexander erkannte eben selber, wie unhaltbar seine Lage trotz der Treue seines Volkes und der Erge­benheit seiner Armee geworden war und diese Erkenntniß führte ihn zum frei- freiwilligen Verzicht auf die bulgarische Krone dies ist doch so klar und einsach, daß man wirklich nicht begreift, weshalb dieNordd. Allg. Ztg." sich oder anderen Leuten wegen der Gründe für die Abdankung des Fürsten Alexander den Kopf zerbrechen will!

In der österreichischen Hauptstadt wurde am Montag der siebente internationale Orientalisten-Congreß von dem Protector desselben, Erz­herzog Rainer, mit einer kurzen Begrüßungs-Ansprache eröffnet. Alsdann hielt der Unterrichts-Minister, Dr. v. Gautsch, Namens der österreichischen Regierung eine längere und treffliche Rede, in welcher er darauf hinwies, wie gerade Wien durch seine Lage und Geschichte an den Orient anknüpfe und daß Oesterreich im Verkehre mit demselben dem politisch-praktischen Bedürfnisse in erster Linie Rechenschaft getragen habe. Schließlich wünschte der Minister den Arbeiten de- Congreffes den besten Erfolg.

In Pesth ist eine allmälige Abnahme der täglichen Cholera­fälle zu constatiren und darf man nun wohl hoffen, daß der gefürchtete asia­tische Gast aus seinem Zuge durch Europa endlich Halt machen werde.

In Triest, dem Sitze des österreichisch-ungarischen Lloyds, wurde am Montag das 50jährige Jubiläum dieser Schiffsgesellschast gefeiert, aus welchem Anlaß der neu erbaute größte Lloyd-DampserImperator" vom Stapel lief.

Im Kanton Genf, wo sich der politische Radikalismus und der Kleri- kalismus das Feld streitig machen, hat der letztere soeben einen Erfolg zu ver- zeichnc.r. Bei der am Sonntag in Gens über den von Conservativen unter­stützten klerikalen Antrag, sämmtliche Volksabstimmungen und Wahlen, anstatt wie bisher in einheitlichen größeren Versammlungen, in den Gemeinden statt­finden zu lassen, vorgenommenen Volksabstimmung ist derselbe mit geringer Mehrheit angenommen und hiermit der klerikale Einfluß, namentlich in den Landgemeinden des Kantons, unzweifelhaft gestärkt worden.

Die klerikale Partei Belgiens sucht der dortigen Arbeiter-Bewe­gung auf recht vernünftigem Wege beizukommen. Aus dem am Sonntage in Lüttich eröffneten katholischen Congresse für sociale Reform sprach sich der Bischof von Lüttich dahin aus, daß die leitenden Gesellschafts-Klaffen sich mehr mit den öffentlichen und politischen Angelegenheiten befassen und dem Luxus entsagen müßten, um das Loos der Armen zu erleichtern. Beide Mahnungen sind gewiß beherzigenswerth ob sie aber auch befolgt werden?

Für Frankreich scheint eine neue Auflage des unfruchtbaren Feldzuges auf Madagaskar bevorzustehen. Die Regierung der Howas weigert sich unter allerhand Ausflüchten, den ihr abgezwungenen Vertrag von Tamatave durchzu­führen und dieLanterne" weiß daher zu berichten, daß von der französischen Regierung bereits alle Vorkehrungen zu einer neuen Expedition nach Madagaskar getroffen feien. Von derAgence Havas" wird das Gerücht, die Expedition habe lediglich den Zweck, die Küste zu blokiren, nicht aber in das Innere der Insel vorzudringen, dementirt, mit dem Bemerken, daß überhaupt noch keine bestimmten Entschlüsse gefaßt feien. Die französischen Kammern treten am 14. October wieder zusammen.

Von der französisch-spanischen Grenze wird das Auftauchen carlistischer Banden gemeldet.

In Belfast sind die Unruhen zu einer sich säst täglich erneuernden Erscheinung geworden. Auch am Sonntag kam es daselbst zu ausgedehnten Ruhestörungen, in deren Verlause die Polizei von den Schußwaffen Gebrauch machen mußte und schließlich war sogar das Militär genöthigt, gegen die Tumul­tuanten einzuschreiten.

Daß England nicht gesonnen ist, irgend etwas Positives gegen das Vordringen Rußlands aus der Balkan-Halbinsel zu thun, erhellt auch aus einem neuerlichen Artikel derTimes." In demselben wird ganz kaltblütig ausgeführt, daß die Türkei es sich selber zuzuschreiben habe, wenn sich die Russen südlich von der Donau festsetzten. Die Pforte habe sich beständig ge­weigert, der Haupt-Organisator der Balkanstaaten zu werden und es sei des­halb diese Rolle von Rußland übernommen worden und es sei da für die anderen Nationen eine Einmischung äußerst schwierig. Jedenfalls hat die englische Orientpolitik in der jüngsten Zeit eine gänzliche Umwandlung erfahren.

Deutschland.

Darmstadt, 29. Septbr. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 21. September den Lehrer an dem Realgymnasium und der Real­schule zu Darmstadt, Dr. Karl Gaquoin, auf sein Nachsuchen bis zur Wie-