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1.8.1886 Zweites Blatt
 
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Nr. 176 Zweites Blatt Sonntag den 1. August 1886.

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Woche« - Ueberfkcht.

Gießen. 31. Juli.

Die Gasteiner Badekur Kaiser Wilhelms erlitt am Montag Lurch ein leichtes Unwohlsein, welches sich der greise Monarch am vorhergehen­den Tage bei einem Ausgange zugezogen hatte, eine Unterbrechung. Erfreulicher Weise war aber das Unwohlsein, das sich als eine gastrische Verstimmung erwies, von keinerlei Bedeutung und konnte der Kaiser die Kur am Dienstag in ge­wohnter Weise fortsetzen. Am Mittwoch mußten die übliche Promenade und Ausfahrt des hohen Herrn unterbleiben, da regnerisches Wetter herrschte.

Die politische Reisezeit drückte auch der abgelausenen Woche ihren Stempel aus, denn es schwirrte in der Prefle förmlich von allerhand Mitthei­lungen über Reisen und Reiseprojecte hochgestellter Persönlichkeiten. Besonder- eingehender Commentare und Betrachtungen hatte sich namentlich die so oft angekündigte und immer wieder verschobene Reise des Herrn v. Giers in's Ausland zu erfreuen, von der man aber auch heute nur weiß, daß sie eben noch nicht zur Ausführung gelangt ist. Jedenfalls wird auf die Begeg­nung des Fürsten Bismarck mit dem Grafen Kalnoky in Kisstngen diejenige des deutschen Reichskanzlers mit bem leitenden russischen Staatsmanns noch nicht so bald folgen und diese fortgesetzte Verzögerung in der Ausführung der Reisedis­positionen des russischen Staatsmannes giebt natürlich in dieser stoffarmen Zeit Gelegenheit zu den verschiedensten Muthmaßungen, deren Auszählung wir uns aber lieber ersparen wollen. Anstatt des russischen Ministers, dessen heurige Badereise schon mehr zum politischen Sommer-Mythus wird, ist dagegen ein anderer Diplomat zum Besuche des Reichskanzlers nach Kisstngen unterwegs, nämlich Marquis Tseng, der bis jetzt in London und Petersburg beglau­bigt gewesene, von seiner Regierung aber abberusene Gesandte Chinas. Der Besuch, den die chinesische Excellenz dieser Tage dem leitenden deutschen Staats­manns in dem unterfränkischen Weltbade abstattet, ist ein höchst erfreuliches Leichen für die fortdauernden guten Beziehungen zwischen Deutschland und dem fernenReiche der Mitte", zu dem Deutschland durch die Eröffnung der Post­dampferfahrten nach Ostasien soeben in neue Beziehungen getreten ist und für die gelammte Stellung des Deutschthums in Ostasten kann dieses freundschaft­liche Verhältniß selbstverständlich nur von günstigem Einflüsse sein. Von Kissiu- gen reist Marquis Tseng zunächst nach Potsdam, um vom deutschen Kronprinzen in Vertretung des Kaisers empfangen zu werden und begiebt sich dann nach Petersburg, wo er sein Abberufungs-Schreiben überreicht. lieber die Dauer des Aufenthaltes des Fürsten Bismarck in Kisstngen und ebenso über seine an­gebliche Nachkur in Gastein laufen fortgesetzt so widersprechende Gerüchte um, daß man am besten thut, von denselben vorläufig gar keine Notiz mehr zu' Nehmen.

In Berlin fand am Mittwoch die feierliche Beisetzung der Leiche des Gouverneurs von Berlin, Generals der Kavallerie v. Willis en, aus dem Jnvaliden-Kirchhofe statt. Der Kronprinz wohnte in Vertretung seines kaiser­lichen Vaters der Beisetzungsseier bei.

Im Freiberger Socialisten-Proceß ist am Dienstag das Beweis- verfahren nach zweitägigen Verhandlungen geschloffen worden und haben am folgenden Tage die Plaidoyers begonnen. Das Urtheil wird kommenden Mitt­woch verkündet.

Der am Sonntag consecrirte neue Bischof von Mainz, Dr. Haffner, hat seinen ersten Hirtenbrief erlaffen und ist derselbe besonders durch seine ent­schiedene Sprache gegen die socialtstischen und anarchistischen Bestrebungen bemer- kenswerth. Dr. Scheuffgen, Director des bischöflichen Gymnasiums in Mon- tigny bet Metz, ist zum Domprobst in Trier ernannt worden.

In der österreichischen Presse begegnet man eingehenden Betrachtungen über den Erlaß, welchen der neue Handelsminister, Marquis Bacquehem, an sämmtliche österreichischen Handels- und Gewerbekammern, landwirthschastlichen Vereine und industriellen und gewerblichen Corporationen gerichtet hat. In demselben wird darauf hingewiesen, daß der Handelsvertrag mit Deutschland, sowie der Handels- und Schifffahrts-Vertrag mit Italien nebst Zollkartell und Viehseuchen-Uebereinkommen am 31. December 1887 außer Kraft treten, und zwar ersterer in jedem Falle, letzterer im Falle der Kündigung Sei­ten» eines der contrahirenden Theile. Der Minister fordert nun Interessenten auf, ihm jetzt schon Wünsche, welche sich aus Grund der während der Geltungs­dauer der Verträge mit Deutschland und Italien gemachten Erfahrungen ergeben, für die Erneuerung des Vertrags-Verhältnisses zu unterbreiten und macht zugleich daraus aufmerksam, wie außerordentlich wichtig die Erhaltung und Er­weiterung der auswärtigen Absatzgebiete für die land- und forstwirthschaftlichen und industriellen Producte Oesterreichs sei. Weiter spricht es der Erlaß offen aus, daß nur Verträge mit Conventional-Tarifen das Ziel der Bemühungen der österreichischen Regierung seien und drückt in Hinblick auf die Schwierigkeiten, welche der richtigen Auswahl und Abwägung Der beiderseitigen Concessionen bei den Zolltarif-Verträgen entgegenstehen, Die Erwartung des Ministers aus, daß die um ihre Steuerungen ersuchten Corporationen bei ihren bezüglichen Anträgen Wichtiges von Minderwichtigem scheiden und die Gesammtheit der wirthschast- lichen Interessen am Zustandekommen der neuen Verträge im Auge behalten werden. Die tonangebenden Wiener Blätter besprechen den Erlaß des Handels­ministers sehr wohlwollend und bezeichnen die Kundgebung als einen ernsten kühnen Schritt, durch freundschaftliche Vereinbarungen und nicht durch rücksichts­lose Verfolgung der Schutzzollpolitik zur Erweiterung des Absatzgebietes für die

Erzeugnisse der Monarchie zu gelangen. Im Uebrigen bringen die Wiener Blätter Den Erlaß mit den Kissinger Minister-Conferenzen in Verbindung und ist cs allerdings sehr wahrscheinlich, daß sich die Besprechungen zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Grafen Kalnoky auch auf das handelspolitische 23er» bältniß, in welchem Deutschland und Oesterreich zu einander stehen, bezogen haben.

Unter den aus Frankreich aus dieser Woche vorliegenden Nach­richten ist diejenige von besonderem Belang, wonach sich die französische Re­gierung entschlossen habe, die für das Jahr 1889 projectirte Pariser Welt­ausstellung auf das Jahr 1890 zu verlegen. Die osficielle Bestätigung dieser Meldung bleibt zwar noch abzuwarten, aber sie klingt an und für sich durch­aus nicht unwahrscheinlich, und die fernere Mittheilung, mehrere Continental- staaten hätten sich geweigert, die Ausstellung zu beschicken, da sie nut der Jubelfeier" der ftanzösischen Revolution zusammenfalle, würde den Entschluß der französischen Regierung hinreichend erklärlich erscheinen lassen. Den Radicalen gegenüber wird das Ministerium Freycinet freilich einen harten Stand haben, falls es wirklich' aus seinem Entschlüsse verharrt, denn den Rothen sollte die Pariser Weltausstellung doch nur zur Folie für die Ver­herrlichung des Bastillensturmes und seiner Folgen dienen. Das am Mittwoch an der Pariser Börse verbreitet gewesene Gerücht von einer Er­krankung des Präsidenten Grevy wird von derAgence Havas" für un­begründet erklärt.

Von der Balkanhalbinsel ist die Eröffnung der serbischen Skupschtina-Session für 1886 zu verzeichnen. Vorerst ist die Skupschtina noch bei den constituirenden Arbeiten; am Dienstag wurde die Wahl des Prä­sidiums und.des wichtigen Wahlprüfungsausschusses vorgenommen, woran sich am Mittwoch die Wahl des Gesetzgebungsausfchuffesdes Finanz- und des Petltipnsausschusses schloß; in letzteren drei Ausschüßen sitzen auch je zwei Oppositionsmitglieder. Die Regierung legte der Skupschtina bereits ein an­sehnliches Arbeitsmaterial vor und befindet sich unter demselben auch ein Gesetzentwurf, fct^ffenb den Abschluß einer Convention zwischen Deutsch­land und Serbien über den Modell- und Musterschutz, sowie die dazu gehörige Declaration.

Die Verbindnngsb ahn zwischen Nskub (türkisch) und Vranja (bulgarisch) wurde am Mittwoch auf eine gewisse Strecke probeweise mit einer Locomotive mit der allerdings nicht allzu großen Geschwindigkeit von 40 Kilo­meter per Stunde befahren.

Eine Friedenstaube aus Konstantinopel! Der russische Botschafter v. Nelidoff hat dem Sultan ein Handschreiben des Czaren über­reicht, in welchem der letztere seinen fteundschaftlichen Gesinnungen gegen die Türkei Ausdruck verleiht und die Hoffnung auf das fernere Bestehen freund­schaftlicher gegenseitiger Beziehungen zwischen Rußland und der Türkei ausspricht.

Mit der Neubildung des englischen Cabinets ist jetzt end­lich der Anfang gemacht worden. Zum Staatssecretär des Auswärtigen ist Lord Jddesleigh (Marquis Northcote), der bisherige Führer der Conservativen im Oberhause, zum Staatssecretär für Irland Hicks Beach, der Führer der Conservativen im Unterhause, zum Schatzkanzler Lord Churchill, dasenfant terrible der Tories und der heißblütigste Gegner Gladstone's, und zum Vice- könig von Irland der Marquis von Londonderry ernannt worden. Schon diese Namen zeugen dafür, daß das Ministerium Salisbury den Character eines streng conservativen Cabinets tragen wird.

Auf der Insel Tirre, an der Küste von West-Schottland, revoltiren die Kleinbauern. Ein englisches Kriegsschiff ist daher nach Tirre ab» gegangen.

Vermischte».

Frankfurt a. M. Die Maincanalisation geht ihrer Vollendung entgegen und wird voraussichtlich am 1. Octover d. I. dem Betriebe übergeben werden. Dieselbe bezweckt bekanntlich die Mainstrecke von Frankfurt bis Mainz, welche jetzt eine Wasser­tiefe von 0,90 Meter bei Mittelwasser hat, durch Stauanlagen und Schleusen derart zu reguliren, daß diese Strecke überall eine Wassertiefe von vorläufig 2 Meter hat, während die Kunstbauten der Canalisation von vornherein für eine Wasserttefe von 2,5 Meter eingerichtet sind. Durch die Canalisation wird es den schwersten Nhein- chiffen von 20,000 Centnern Tragfähigkeit ermöglicht, bis Frankfurt a. M. hinauf­zufahren. Die regulirte Strecke ist 36 Kilometer lang und hat ein Gesammtgefalle von 10 Meter. Auf derselben sind 5 Haltungen angelegt und zwar zwischen Frankfurt und Ntederrad, oberhalb der Mündung der Nidda, zwischen Kelsterbach und Okriftel, zwischen Naunheim und Flörsheim und nahe der Mündung des Mains bet Hochheim. Jede Stauanlage oder Haltung besteht aus dem Nadelwehr, dessen feste Theue rn den Fluthöffnungen in Höhe von Niedrigwasser, in dem als Schiffsdurchlaß ausgebildeten Theile dagegen 0,60 Meter unter Niedrigwasser liegen. Der Schiffsdurchlaß wird bei niedergelegtem Wehre den Fahrzeugen ungehinderte Durchfahrt gestatten. An- sammt- lichen fünf Haltungen liegt auf dem linken Ufer derSeiten-Canal mitderSchifffahrts- Schleuse, welche die zu Berg fahrenden Schiffe zu passiren haben.. Derselbe hat eine Sohlenbrette von 20 Meter, eine Wassertiefe von 2,50 Meter und Mache Böschungen. Die Schleuse hat eine Lichtweite von 10,5 Meter und eine nutzbare-Lange von80'Meter. Auf dem rechten Ufer liegt sodann die Floßrinne, welche 12 Meter Sohlenbreite und ein Gefälle von 1 : 200 hat. Der Ausstau wird an den Schien cn 2,5 Meter bet niedrigem Wasserstand betragen. Die Strecke von der Schleuse bet Frankfurt bis zu derjenigen bei Höchst hat ein Gekäste von 0,70 Meter, dte Strecken von da ab bis zur Schleuse bei Flörsheim habet! ein solches von je 1,80 Meter, wahrend die Strecke von der Schleuse bei Flörsheim dis zu derjenigen bet Hochhetm wieder etn Gefalle von 2,70 Nieter hast Bei Hochheim ist indessen tu Folge des Nncksiancs des Rhcmes dteS Gefälle sehr verschieden und verschwindet unter Umstanden ganz. <£.ie Gelammtkosten.