Nr. 176 Drittes Blatt Sonntag de» l. AutjUst 1886.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlich er Hheit.
Bekanntmachung.
Königliches Polizei-Präsidium Frankfurt a. M. erläßt nachstehende Bekanntmachung, welche mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht wird, daß etwaige diesbezügliche Mittheilungen bei dem unterzeichneten Polizeiamte zu erstatten sind.
Gießen, den 29. Juli 1886. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius..
300 Mark Belohnung.
Seit längerer Zeit werden in hiesiger Stadt, besonders in den Nachtstunden, schwere Einbruchsdiebstähle verübt, bei welchen zumeist Gegenstände von echtem Silber entwendet worden sind. Es ist bisher noch nicht gelungen, eine sichere'Spur von den Dieben ausfindig zu machen und wird deshalb denjenigen, welche zur Ermittelung der Diebe wesentlich beitragen, eine Belohnung im Gesammtbetrage von 300 Mark (Dreihundert Mark) zugesichert. Außerdem sind zu gleichem Zwecke von zweien Bestohlenen Belohnungen bis zu 50 (fünfzig) resp. 200 (zweihundert) Mark ausgesetzt worden.
Frankfurt a. M., den 23. Juli 1886.
Königliches Polizei-Präsidium.
Universität» - Chronik.
— Unter den alten Acten der früheren Universität Wittenberg ist ein interessantes Schriftstück aufgesunden worden, welches ein gut Stück Wittenberger Sittengeschichte aus der Mitte des 16. Jahrhunderts enthält. Die Studenten jener Zeit waren nämlich grotz im Schuldenmachen bei Gastwirthen und Schneidern. Um diesem Unwesen zu steuern, erließen die Universität und die Stadt Wittenberg Edicte, welche vorschrieben, daß die Studenten jeden Freitag die Wtrthe bezahlen sollten. Geschah dies nicht und kreditirte der Wirth über ein gewisses Maß hinaus, so wurde er als Beförderer der Lüderlichkeit bestraft. Der große Schuld-Erlaß, wandte sich aber besonders gegen die hohen Schneiderrechnungen. Er verordnete: „Dieweil die Pluderhosen eine schändliche Tracht sind, soll der Schneider, welcher sie gemacht, dem Rathe 10 Gulden und der Student, welcher sie trägt, dem Rector • 10 Gulden zur Strafe geben oder 3 Jahre relegirt und dazu -solch' Kleid dem Rector zu überantworten schuldig sein." Im Jahre 1568 erschien eine ausführliche „Wittenberger Kleiderordnung", welche sogar das Wochenlohn bestimmte, das die Schneidermeister nicht überschreiten dursten. Rach derselben war ihnen erlaubt, für einen Mantel höchstens 2 Thaler, für einen Rock von lundener Tuch 15 Groschen, für eine Hose 10 Groschen 2c. zu verlangen.
Lokale».
Gießen, 31. Juli. sStadtverordnetensitzung vom 29. Juli, Nachmittags 4 Uhr.) Anwesend Herr Bürgermeister Bramm und die Herren Stadtverordneten Baist, Grüneberg, Dr. Gutfleisch, Haustein, Hoch, Homberger, Kauf, Adolf Noll, August Noll, Scheel, Schopbach, Simon, Vogt und Wortmann.
Vor Erledigung des ersten Punktes der heutigen Tagesordnung wurden erst Verhandlungen über die von dem Schulvorstande eingebrachten, nicht auf der Tagesordnung stehenden Angelegenheiten gepflogen und nachfolgende Beschlüsse gefaßt: Betreffs Anschaffung von neuen Schulbänken für die neue Stadtmädchenschule, worüber Großh. Kreisamte Mittheilung gemacht werden muß, wurden das zwei- und dreisitzige Modell vorgeschlagen und von der Versammlung angenommen. Betreffs Anschaffung der Turn- geräthschaften für dieselbe Schule wurde beschlossen, dieselben von Schreiner Biecker in Darmstadt, welcher dieselben für säst sämmtliche Schulen in Hessen unter Oberaussicht und Garantie anfertigt, ebenfalls zu beziehen. Es wird noch weiter die Theilung der 4. Classe der Stadt-Mädchenschule und der 7. Elaste der Stadt-Knaben- schule, welche beide (erstere 92 Schülerinnen, letztere 134 Schüler) überfüllt sind, auf Antrag des Schulvorstandes genehmigt; desgleichen die definitive Besetzung der Lehrerstelle der 8. Classe der Mädchenschule, welche ausgeschrieben werden soll; ebenso wird noch die Besetzung einer dritten Handarbeitlehrerinnenstelle mit einem jährlichen Gehalt von 400 JL nebst 100 JL. Wohnungsgeldzuschuß vorgeschlagen und angenommen.
Weitere, nicht in der Tagesordnung enthaltene Gegenstände bilden die Genehmigung der Abgabe eines ca. 12 Meter langen und 15 Meter breiten Erbbegräbniß- platzes an Hernr Dr. F. Mahla von Chicago zu dem üblichen Preise, sowie die vorläufige Kenntnißnahme eines von Herrn Ehr. Lony eingereichten Bauerlaubniß- Grsuches.
In der Angelegenheit des Bahnüberganges an dem Cöln-Gießener Güterschuppen liegt ein von Großh. Kreisamte mitgetheilter Bericht vor, wonach die König!. Eisenbahn- Direction Hannover einen Umbau des Bahnhofes Gießen an dieser Stelle beabsichtigt; da jedoch an der prompten Ausführung dieses Versprechens gerechte Zweifel geltend gemacht werden, so soll Großh. Kreisamte die Dringlichkeit dieser Angelegenheit weiter an's Herz gelegt und dasselbe veranlaßt werden, sich vorerst nähere Angaben über das „Wie" und „Wann" zu erwirken.
Einige do* der Großh. Centralstelle für Landwirtschaft vorgefchlagene Abänderungen von Paragraphen der polizeilichen Milchcontroleordnung findet gerne die Genehmigung von Seiten der Versammlung.
Die hiesige Militärbehörde findet den Pachtpreis für ein als Militärbabeplatz zu benutzendes Gelände unterhalb des Männerbades, unter besonderer Bezugnahme auf eine in den „Oberh. Nachr." enthaltene, Hineingeoachte Begründung des hierauf bezüglichen Gesuchs, zu hoch; die Versammlung beharrt jedoch nach dem Antrag der Baudeputation auf der gestellten Forderung.
Von dem Stadtbaumeister werden zur Weiterführung des Schlachthausbaues weiter nöthige Erdarbeiten und Vergebung der inneren maschinellen Einrichtungen vorgeschlagen ; die Baudeputation empfiehlt diese Vorschläge und die Versammlung genehmigt dieselben.
Anläßlich der Ueberfüllung des Landeshospitals Hofheim und des hiesigen akademischen Hospitals wird beschlossen, in dem hiesigen alten Arresthaus 3 Zimmer für vorläufige Unterbringung von Geisteskranken einzurichten.
Herr Anton Petri muß zu dem Bau des neuen Universitäts-Laboratoriums einen seiner Zeit von der Stadt erworbenen Bauplatz an die Universität abgeben; laut bem seinerzeitigen Kaufvertrag verpflichtete sich die Stadt, ihm in diesem Falle einen Bauplatz zum gleichen Preise abzugeben, welchem Ansinnen auch ohne Debatte entsprochen wird.
Schluß der öffentlichen Sitzung V-7 Uhr.
Vermischte».
Aus Westfalen, 25. Juli. Ein schreckliches Brandunglück hat sich am 21. d. M. in dem in der Nähe des Städtchens Rhede gelegenen Dorfe Herzebrock zu- getragen. Ein dortiger Bauer war mit seiner Frau und seiner erwachsenen Tochter damit beschäftigt, das eingefahrene Heu auf dem Boden seiner Scheune unterzubringen, während sein kleines Söhnchen in einem Nebenraum derselben spielte. Plötzlich stehl auf eine bis jetzt noch nicht aufgeklärte Weise das Heu in Flammen, jedenfalls entzündet durch ein Streichhölzchen, welches das Kind in der Weste seines Vaters, die in demselben Raume lag, gefunden hatte. Der Bauer, nur an der Unterdrückung des immer schneller um sich greifenden Elementes bedacht, vergißt in seiner Verwirrung die beiden auf dem Boden befindlichen Frauen, die später durch die Rettungsmannschaften in einer Kammer, wohin sie, nachdem das Gebälk des Bodens durchgebrannt war, jedenfalls gefallen sind, vollständig verkohlt aufgefunden wurden.
— (Zur Saurengurkenzeit.) Nachdem die Nachricht von dem Austauchen des „Eisenwurms" im westfälischen Eisenbezirk t.heils auf Treu und Glauben nachgedruckl, theils mit ironischen Randbemerkungen versehen mitgelheilt war, beeilt sich die „Wests. Vokks-Ztg", eine ausführliche Beschreibung dieses höchst merkwürdigen Thieres, sowie seiner Lebensgewohnheiten und Sitten zu geben. In derselben-heißt es u. A.: Der Eisenwurm, oder besser die Eisenraupe, ist gut fingerlang und fingerdick, hat 14 Paar Füße, ist mit rostbraunen Haaren bedeckt und hat ein sehr tückisches Aussehen. Am unteren Rückenende besitzt das Thier einen halbmondförmig nach unten gekrümmten Stachel, der in eine feine Spitze endigt. Wenn man den Wurm reizt, so läßt er aus diesem Stachel eine wasserhelle, nach Ameisensäure riechende Flüssigkeit fahren; reizt man ihn nicht, so thut er es doch, und zwar alle 10 Minuten aus angeborener Bosheit und Niedertracht. Auf die Hand gebracht, wirkt die Säure ähnlich wie salpeter- saures Silberoxyd in starker Lösung. Eisen und Stahl werden von dieser Säure in eine bräunliche, schwammig-poröse Masse verwandelt, welche die einzige Nahrung des gefräßigen Jnfectes bildet. Wie ich höre, kam das Thier bis vor Kurzem allein in China vor und wurde, bei der dortigen primitiven Manier der Kanonensabrikation, verwandt, um die Stahlblöcke auszubohren. Die Ausfuhr des Thieres und feiner Eier ist ans Gründen, welche hier anzuführen zu weitläufig fein würde, in China bei Todesstrafe verboten; doch ist es zwei Emissären des internationalen Schienencartells ii) aller Stille gelungen, zwei hohle Bambusstöcke voll Eier aus dem Lande und nach Europa zu bringen. Mein Begleiter, ein durchaus wahrheitsliebender und zuverlässiger Mann, wie alle Ingenieure der Eisen- und Stahlwerke, theitte mir mit, daß die Eier ungefähr wie Linsen aussehen. Man legt etwa 6 Stück derselben in ein mit Eisen- feilspähnen gefüllt Cigarrenkistchen und stellt dasselbe an einen warmen Ort. Nach etwa acht Tagen kriechen die Maden aus und beginnen mit Begier die Eisenfeilspäne zu fressen, welche sich unter der Einwirkung der von den Thieren abgegebenen Säfte in eine bräunliche Masse, etwa wie Schnupftabak verwandeln. Wenn die Kiste leer ist, gelten die Eisenraupen als ausgewachsen. Die auf der Witten - Hagener Strecke vorhandenen Exemplare sind auf dem Wittener Gußstahlwerk in der oben beschriebenen Weise ausgebrütet worden. Es ist nicht uninteressant, das Treiben dieser Würmer auf den Schienen zu beobachten, denn es stellt sich habet heraus, daß diese auf so niedriger Stufe stehenden Thiere eine Art gemeinsamen Haushalt führen. Da sie Eisen und Stahl nur dann fressen können, wenn es ihnen durch die bereits erwähnte Säure mundgerecht gemacht wird, so kriechen sie in doppelter Reihe auf den Schienen hintereinander her und jede Raupe präparirt der folgenden durch Abgabe der Säuren auf die Schienen ihre Mahlzeit. Die zwei Raupen, welche vorankriechen, können also nichts fressen; der Vortritt wechselt daher alle 2—3 Meter, eine Strecke, welche die Thiere in etwa 3—4 Stunden zurücklegen. Die vorne abtretenden Thiere schließen sich der Procession von hinten wieder an und fressen mit Begier das ihnen von den Vorgängern bereitete Mahl. Es ist schade, daß Darwin diese interessante Beobachtung nicht in seine Abhandlung über den thierischen Jnstinct hat aufnehmen können. Erlauben Sie mir noch ein Wort über die Excremente der Thiere, welche, zu beiden Sekten der Schienen niederfallend, den Weg derselben bezeichnen. Dieselben sind so hart wie Schrot Nr. 6, aber nicht rund, sondern eiförmig. Mein sachverständiger Begleiter meinte, man würde dieselben ohne Bedenken zur Hasen- und Hühnerjagd benutzen können; ich meine aber, das ist nicht appetitlich und die Hausfrauen werden mir gewiß beipflichten. Trotz ihrer Gefräßigkeit dürften übrigens diese Würmer keine nennens- werthe Gefahr für die Eisenbahnschienen sein; ihre Bedeutung liegt denn aber auch auf einem ganz anderen Gebiete. Nach Verlauf von etwa 4 Wochen verlieren bte Eisenraupen den Appetit und beginnen sich einzuspinnen. Sie besorgen diese mißliche Thätigkeit am liebsten in einem Lager alter Stahlschienen, gibt es deren nicht, so nehmen sie auch mit neuen vorlieb. Der Cocon erreicht die Große eines ^anseeies. ist glänzend stahlgrau und läßt sich mit Leichtigkeit abhaspeln wöbe man etwa 200Ö bis 3000 Meter eines Gespinnstes erhält, welches ich als Stahlsadcn bezeichnen mochte. Derselbe läßt sich spinnen und webe» wie die beste Seide und liefert einen Stoff, der ungemein haltbar, leicht und weich, dabei unzerreißbar und nicht verbrennlich zst. Derselbe wird in der Bekleidung der Zukunft eine große Rolle spielen, da die Herstellungkosten kaum nennenswerth sind. Mit Hilf- des nützlichen Wurmes wird inan • alsbald oieltansend Tonnen Eisen und Stahl all,°hrl,ch in Gespinnste verwandeln und dadurch vielen Arbeitern lohnende Arbeit geben. Ich hatte der Redaetion gern ein I irbmdez Exemplar des Eisenfplnners übermittelt und hatte auch zu diesem Zweck etwa


