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M. 1OO Samstag den 1. Mai 1866

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hheit.

Betreffend: Die Vertilgung der Raupennester. Gießen, am 29. April 1886.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglr-chen Bürgermeistereien beziehungsweise die Localpolizeibeamten.

Unter Bezugnahme auf § 368, pos. 2, des Reichsstrafgesetzbuchs und resp. Art. 80 des Feldstrafgesetzes empfehlen wir Ihnen, in Ihren Gemeinden zur Vertilgung der Raupennester an Bäumen, Sträuchern und Hecken unter dem Bemerken öffentlich aufzufordern, daß gegen Diejenigen, welche dieser Auf­forderung nicht längstens bis zum 30. k. Mts. entsprochen haben werden, auf Grund der genannten Gesetzesstellen Anzeige erhoben, sowie die Vertilgung auf Kosten der Säumigen angeordnet werden würde.

Wir erwarten, daß Sie die Feldschützen bei Erfüllung ihrer Obliegenheiten in dieser Beziehung überwachen und die bezüglich der säumigen Baum­besitzer anzuorduende Reinigung alsbald nach Ablauf des Termins anordnen, so daß die Säuberung bis zum 30. k. Mts. überall vollständig aus- Heführt ist. Außerdem ist gegen die Säumigen Anzeige zur Feldrüge nach § 368, Nr. 2 des Straf-Gesetz-Buchs zu erheben.

Auf den der Gemeinde gehörigen Grundstücken wollen Sie die Säuberung von den Raupennestern auf Gemeindekosten alsbald veranlassen.

Dr. Boekmann.

Betreffend: Hagelschäden.

Bekanntmachung.

Bei dem Heranwachsen der Feldfrüchte machen wir auf die durch die Hagelversicherungsgesellschaften gebotene Gelegenheit zur Versicherung gegen Hagelschäden unter dem Anfügen aufmerksam, daß das Collektiren wegen Hagelschäden nicht statthaft ist.

Gießen, am 29. April 1886. Großherzogl. Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

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Betreffend: Schießübungen.

Bekanntmachung.

An den nachfolgenden Tagen werden militärische Schießübungen stattfinden:

1. Am 3., 4., 5. und 6. Mai curr. Vorm. von 7 bis 11 Uhr gefechtsmäßiges Einzelschießen in der Sandgrube bei Wiese ck mit der Schuß­richtung gegen den Hang elfte in.

Das Terrain, welches an diesen Vormittagen nicht betreten werden darf, ist der Hangelsteiner Wald zwischen den beiden Straßen Wieseck- Alt-Buseck und Gießen-Daubringen, im Norden begrenzt durch den Hangelsteiner Bergrücken.

2. Am 3., 4., 5. im 6. Mai cur. Vorm. von 7 bis 11 Uhr gefechtsmäßiges Einzelschießen an der Wenkbach bei Steinberg mit der Schußrichtung von der Höhe des Stein-Gipfels h'nunter in die Wenkbachsschlucht. Das Terrain, welches hier an den genannten Vormittagen nicht betreten werden darf, reicht vom Steingipfel bis Leihgestern und wird nördlich durch die Straße LeihgesternSteinberg, südlich durch den Weg Leih­gestern-Obersteinberg begrenzt.

Die Großherzogl. Bürgermeistereien der betheiligten Gemarkungen wollen dies alsbald auch noch in ortsüblicher Weise verkündigen lassen.

Gießen, am 30. April 1886. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische «eberstcht.

Gießen, 30. April.

Die Genesung des deutschen Kronprinzen von der Masern­krankheit schreitet erfreulich vorwärts. Der hohe Herr gedenkt nach seiner voll­ständigen Wiederherstellung Berlin sofort zu verlassen und fich mit den Prinzessinnen-Töchtern Sophie und Margarethe zunächst nach Homburg v. d. H. zu begeben, um daselbst einen mehrwöchentlichen Kuraufenthalt zu nehmen. Die Frau Kronprinzesstn ihrerseits beabsichtigt, in Begleitung von Prinzeß Victoria, demnächst einen Besuch am englischen Hose abzustatten.

Prinz Wilhelm von Preußen ist an der Spitze einer Deputation des Officier-Corps des Garde-Husaren-Regiments am Dienstag in Stuttgart eingetroffen, um den Prinzen Wilhelm von Württemberg und dessen Gemahlin anläßlich der kürzlich stattgesundenen Vermählung des hohen Paares zu beglückwünschen.

Der Reichskanzler hat die Osterfeiertage nicht, wie er ursprünglich beabsichtigte, in Friedrichsruh zugebracht, sondern ist in der Reichshauptstadt zurückgeblieben. Das unerwartete Hinscheiden des Unter - Staatssecretärs Dr. v. Möller war für den Kanzler der nächste Anlaß, am Centralpunkte der Geschäfte zu verbleiben, da Fürst Bismarck durch das Ableben dieses bewährten Beamten, der als die rechte Hand des leitenden Staatsmannes in Handelssachen galt, genöthigt ist, verschiedene Angelegenheiten, die sonst Dr. v. Möller zu erle­digen hatte, selbst in die Hand zu nehmen. Außerdem ist aber der Unter- Staatssecretär im auswärtigen Amte, Gras Herbert Bismarck, seit einigen Tagen nicht unbedenklich an einer Lungenentzündung erkrankt, so daß hier der Reichskanzler ebenfalls verschiedene Geschäfte persönlich in die Hand nehmen muß, die sonst zu den Obliegenheiten seines Sohnes gehörten. Uebrigens geht es mit dem Grafen Herbert bereits wieder etwas besser.

Die unerwartete rasche Rückkehr des preuß. Gesandten beim Vatikan von seinem Oster-Urlaube nach Rom Herr v. Schlözer ist bekanntlich noch vor den Feiertagen wieder aus seinem Posten eingetroffen hat begreiflicher Weise mancherlei Commentare hervorgerusen. Dieselben erblicken, theilweise wenigstens, in der beschleunigten Rückkehr des Gesandten nach Rom ein bedenkliches Zeichen für die weitere Gestaltung der kirchenpoliti- schen Frage eine Combination, die indessen durchaus nicht dem wahren Sach­verhalte entspricht. Die Wiederabreise des Herrn v. Schlözer von Berlin ist vielmehr durch den Umstand beschleunigt worden, daß Herr v. Schlözer dem Papste zum Osterfeste ein Geschenk unseres Kaisers, bestehend in einem ebenso I kunstvoll gearbeiteten wie kostbaren Kreuze, zu überreichen hatte und hierauf I

dürste sich auch das kaiserliche Handschreiben bezogen haben, welches der preußische Gesandte dem heiligen Vater überbrachte. Uebrigens sind zur kirchen­politischen Lage verschiedene Aeußerungen, welche Leo XIII. jüngst beim Empfange von deutschen Rompilgern gethan, zu verzeichnen und welche von dem lebhaften Wunsche des Papstes, den kirchlichen Frieden in Preußen hergestellt zu sehen, wiederum Zeugniß ablegen. Indessen vergaß Leo XIII. hierbei auch nicht, die Haltung der Centrumspartei im Reichstage und im preußischen Landtage rüh­mend hervorzuheben, wobei er besonders betonte, daß das Centrum auch in etwaigen neuen Kämpfen seinen Muth und seine Beharrlichkeit beweisen werde. Doch glaubte der Papst nicht, daß diese Möglichkeit eintreten werde und rieth er schließlich, die neue Kirchen-Vorlage, wenn sie auch nicht Alles gewähre, was der Kirche noth thue, mit Befriedigung und Wohlwollen aufzunehmen.

Eine besondere Rolle in der Orient-Asfaire spielt das diplo­matische Rendez-vous, zu welchem sich der Frühlings-Aufenthalt des Kaisers Alexander III. in Livadia in der Krim allgemach gestaltet. Die Vertreter Ruß­lands in Bukarest, Athen und Konstantinopel befinden sich bereits in Livadia und wahrscheinlich werden in diesen Tagen auch der rumänische Kriegsminister Angelescu und als Specialgesandter des Sultans Edhem Pascha derselbe ist für den ursprünglich zur Begrüßung des Czaren bestimmt gewesenen, aber inzwischen erkrankten Server Pascha eingetreten daselbst eintreffen. Beson­ders auffällig erscheint die Reise des rumänischen Kriegsminiflers nach der Som­merfrische des russischen Herrschers und ein vielverbreitetes Gerücht will sogar wissen, daß die Anwesenheit des Generals Angelescu in Livadia mit dem beab­sichtigten Durchzuge russischer Truppen durch Rumänien nach Bulgarien Zusam­menhänge. Man kann nur aufrichtig wünschen, daß dieses beunruhigende Gerücht ein baldiges Dementi erfährt.

Die italienische Colonialpolitik hat nun mit der Ermordung der sämmtlichen Mitglieder der italienischen wissenschaftlichen Expedition durch die Soldaten des Emirs von Harrar ebenfalls ein blutiges Blatt in ihrer Ge­schichte auszuweisen. Der Expedition, die unter der Führung des Grasen Porro stand, war die Aufgabe gestellt, die Gegenden zwischen dem Rothen Meere und dem großen Seeenbecken des äquatorialen Afrika zu erforschen und zu diesem Zwecke in reichster Weise ausgerüstet worden. Letzterer Umstand scheint aber die Habsucht des Emirs von Harrar erregt zu haben, welcher sich nicht mit der Beraubung der Expedition begnügte, sondern deren Theilnehmer kaltblütig nie- dermetzeln ließ. Italien bleibt nichts übrig, als den grausamen Herrscher zur Rechenschaft zu ziehen und hielt das italienische Staatsministerium in dieser An­gelegenheit am Montag eine Berathung ab. Da der Emir durch die gleich