Nr. 77.
Erstes Blatt. Donnerstag den 1. April ISS®
ichener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
BtWtMU Schvlffraß, 7.
Erscheint mit »«Smchmr big
Frankreich.
Pari-, 30. März. Die Arbsitseinstellunq in Decazeville ist jetzt eine allgemeine. — Die Minister de« Innern, des Krieges und der Justiz sandten Instructionen an die Präfekten der an Belgien grenzenden Departements, um das Uebergreifen der dortigen Bewegung nach Frankreich zu verhindern. Es sind strenge Maßnahmen zur Unterdrückung etwaiger Angriffe gegen Personen und Eigenthum angeordnet.
— Dem Marineminister ging eine Depesche vom Senegal zu, wonach eine Compagnie eingeborener Ttrailleure durch Streitkräfte unter dem Marabut von Buda angegriffen worden sind; 1 Osficier und 8 Mann wurden getödtet und 32 verwundet.
ßngkand.
London, 30. März. (Unterhaus.) Heaton beantragt die Anknüpfung von Unterhandlungen mit anderen Regierungen zwecks Einführung des Welt- Penny-Postsystems. Hutton stellt einen Unter-Antrag, der die Neuerung auf das gesammte britische Reich beschränkt. Fowler bekämpft beide Anträge. Der Staatsschatz verliere jährlich am Fremden - Postverkehr bereits 365,000 Pfund. Die beantragte Neuerung würde den Verlust um circa eine halbe Million steigern. Hutton's Unter-Äntrag wird abstimmungslos, Heaton'S Antrag mit 258 gegen 127 Stimmen verworfen.
Reichstag.
E. R. Berlin, 30. März 1886.
Der Reichstag berieth heute in zweiter Lesung den Gesetzentwurf betreffeiib die Verlängerung des Socialistengesetzes bis 30. September 1891.
Minister v. Puttkamer erklärte sich gegen die Windthorst'schen Abänderungsanträge; wenn man Erfolge erreichen wolle, könne man dies nur durch eine strenge, aber gerechte Handhabung des unabgeschwächten Gesetzes. Die Verlängerung sei eine unbedingte Nothwcndigkeit. Es sei unmöglich, die Discussion zu führen, ohne einen Blick auf die Vorgänge in Belgien zu werfen, das in einem schweren Kampfe stehe für die öffentliche Ordnung Europas. In Belgien sei es den Führern der Socialisten möglich gewesen, ihr aufrührerisches Handwerk zu treiben. Solche Zustände würden auch bei uns zu fürchten sein, wenn wir nicht in dem Socialistengesetz das Sicherheitsventil hätten. Der Kaiser habe ihn ausdrücklich autorisirt, auszusprechen, daß ihm kein herberer Schmerz und keine bitterere Enttäuschung zugefügt werden könne, als zu sehen, daß die Vertretung der Nation ihn bei Erhaltung und Sicherung des inneren Friedens im Stich gelassen habe. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Wind Ihorst tadelte diese Hereinziebung des Monarchen in die Debatte. Das Gesetz dürfe keine dauernde Institution werden; seine Anträge bezwecken, allmälig wieder in normale Bahnen einzulenken; den berechtigten Kern der socialistischen Bestrebungen müsse man herausschälen. Die Polizei behält ohne dieses Gesetz auch noch genügende Macht, aber ohne Freiheit der Kirche sei die Socialdemokratie nicht zu bekämpfen. Einen Zusammenhang der deutschen Socialdemokratie mit den belgischen Vorgängen hat der Minister nicht nachgcwiesen; in Belgien seien auch nur Anarchisten an der Arbeit. Das vorliegende Gesetz werde nicht nur von der Socialdemokratie empfunden, sondern von allen, auch den gut gesinnten Arbeitern. Weise man die Anträge zurück, so haben Diejenigen die Verantwortung zu tragen, welche sie ablehntcn.
Minister v. Puttkamer bestreitet, daß nach Annahme der Anträge das Gesetz stark genug sei, um Ausschreitungen vorzubeugen. Das officielle Organ der Partei, „Der Socialdemokrat" in Zürich, habe erst vor Kurzem die Commune getadelt, weil sie zu milde verfahren sei. Er fordere ausdrücklich die Socialdemokraten auf, sich über ihre Haltung zu derartigen Artikeln zu äußern. Wenn der Abgeordnete Windhorst so über, das Gesetz denke, wie er es ausgeführt habe, dann sei es unerklärlich, wie er dann die Hand bieten könne auch nur zur Annahme des abgeschwächten Gesetzes. Pflicht der Volksvertretung sei es, die Negierung nicht im Stiche zu lassen.
Abg. v. Helldorf (cous.) meinte, die Anträge des Abg. Windthorst machten den Eindruck, wasch nur den Pelz, aber mache ihn nicht naß; die Anträge seien vollkommen unannehmbar; die gute Wirkung des Gesetzes wäre doch unbestreitbar.
Abg. Bebel (Socdem.): Nach meiner Ueberzeugung ist der Regierungsvorlage eine Mehrheit gesichert. Die Amendements des Eentrums sind nur eine Rückzugslinie den Wählern gegenüber. Wir werden uns der Abstimmung über die Windthorst'schen Anträge enthalten. — Redner schildert sodann die Auflösung einer Versammlung in Berlin vor 14 Tagen, in der er ganz Unverfängliches gesprochen. Ein solches Verfahren kann nur Entrüstung und Erbitterung Hervorrufen. Die neueste Bewegung in Belgien ist zu einer Revolution aufgebauscht worden, während es doch eine ganz gewöhnliche Revolte war (große Heiterkeit rechts), wie sic mit Nothwendigkeit hcrbeigeführt werden mußte, wo das Volk im tiefsten Elend, Noth und Unwissenheit lebt! Man hat mir imputirt, ich hätte wenige Tage nach der Ermordung des Czaren den Fürstenmord verherrlicht und doch habe ich nur behauptet, daß das russische System mit Nothwendigkeit den Nihilismus und solche Folgen erzeugen mußte. — Auf allen' Seiten ist das Bewußtsein vorhanden, daß die Dinge in unserer jetzigen öconomischen Lage nicht weiter bestehen können. Gerade das Bewußtsein Ihrer absoluten Ohnmacht auf socialpolitischem Gebiete drängt Sie so eifrig, das Socialistengesetz zu verlängern. Wir haben gar nichts dagegen, wenn das Gesetz so lange besteht, wie das gegenwärtige System im Deutschen Reiche existirt. An dem Tage, wo dieses zusammenbricht, wird auch Ihr Gesetz zusammenbrechen.
Minister v. Puttkamer: Herr Bebel ist wieder ganz der Alte, der er früher war; noch heute erklärt er, er würde unter Umständen für die Beseitigung der ganzen Monarchie sein. Eine solche Partei macht Anspruch darauf, nach gemeinem Recht behandelt zu werden. Die Auflösung der Versammlung, in der Herr Bebel sprach, billige ich; außerhalb der Tribüne werde ich Herrn Bebel in Berlin nicht sprechen lassen. Meine Provokation an Herrn Bebel, ob die Socialdemokratie mit der Commune syinpathisirt, ist unbeantwortet geblieben. Jeder Culturstaat hat das Recht, gegen solche Parteien mit Zwangsmaßregcln vorzugehen. (Beifall rechts.)
Abg. Stöcker (coiib): Socialdemokraten und Anarchisten sind nicht so himmelweit verschieden. Sie haben gar nicht das Recht, sich als Vertreter der deutschen Arbeiter hier aufzuspielcn. Wenn das Ausbeuten der armen Mäntelnaherinnen unrecht ist, dann darf man nicht, wie Einer von Ihnen, der sich sonst ein arbeiterfreundliches Etikett auf den Rücken klebt, Unternehmer werden; dazu braucht man auch nicht
Preis vierteljährlich 2 Merk 20 Pf. mit DrivHorkHs
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 P-.
Israelit zu sein. Dann ist man kein Beschützer der unterdrückten Arbeiterinnen, sondern eine komische Figur.
Abg. Bebel (ruft): Und Sic sind ein Narr!
Präsident v. Wcdell ruft den Abg. Bebel zur Ordnung.
Abg. Stöcker (fortfahrend): Das Gesetz hat unstreitig erziehlich auf Sie §c- wirkt. Das übertriebene Manchesterthum ist ein ungesunder Zug unserer Zeit, deshalb stehe ich auch auf antijüdischer Seite. Die Juden sind unter den russischen Nihilisten besonders stark vertreten; das ist eine Perfidie des öffentlichen Lebens, die gen Himmel schreit. Sticht die starken, sondern die schwachen Regierungen sind die Mutter der Anarchie, und vor einer schwachen Negierung behüte uns der liebe Gott in der Zukunft!
Abg. v. Vollmar (Socdem.): In Ewigkeit! Amen!
Präsident v. Wedell ruft den Abg. v. Vollmar wegen dieser Blasphemie zur Ordnung.
Abg. Singer (Socdem.) berichtigt die Mittheilung des Abg. Stöcker bezüglich der Mäntelnäherinnen. Herr Stöcker sagte, ich klebte mir ein arbeiterfreundliches Etikett auf die Stirn; ich erwidere, er trägt kein solches Etikett, dafür aber ein Brand- ,mal an der Stirn, welches--
Die letzten Worte des Redners verhallen in dem Beifallsgetose der Linken.
Präsident v. Wedell-Piesdorf ruft den Redner wegen dieser Aeußerung zum zweiten Mal zur Ordnung.
Nächste Sitzung Mittwoch. Fortsetzung der heutigen Debatte.
Telegraphische Depeschm.
' Wolff'- telegr. Eorresvorrdeirz-Brrreinr.
Berlin, 30. März. Bis heute Vormittag IV/2 Uhr war die telegraphische Verständigung aus längeren Leitungen durch Erdströme sehr erschwert und theilweise unmöglich. Seit dieser Zeit ist die Verständigung im Allgemeinen besser geworden.
Karlsruhe, 30. März, lieber das Befinden des Erbgroßherzogs wird heute gemeldet: Unter Fieberbewegung schwollen gestern abermals die linke Hand und das linke Kniegelenk an, auch die rechte Schulter ist noch empfindlich, die übrigen Gelenke sind frei von Schmerzen. Schlaf trat erst um Mitternacht ein, die Pleuritis ist unverändert.
Bern, 30. März. Wegen Nichtbewilligung der zehnstündigen Arbeitszejt haben die Schreiner, Zimmerleute, Glaser, Drechsler und Bildhauer die Arbeit niedergelegt.
Brüssel, 30. März. Deputirtenkammer. Minister Bernaert ergreift das Wort zu Mtttheilungen über die industrielle Krise, die zu den tief beklagenswerthen Vorgängen der letzten Tage geführt habe. Die Arbeiter klagten über unzureichenden L^yn und verlangten eine Verkürzung der Arbeitszeit. Die Erträgnisse aus der Ausbeutung der Kohlengruben seien indeß äußerst spärliche, in den letzten 8 Jahren babe das dabei interessirte Kapital nur 1 pCt. ergeben und, wenn man das den Arbeitern zukommen lassen wolle, so würden diese daraus doch nur einen Mehrverdienst von 6 Centimes täglich haben. Der Minister gibt sodann eine Darstellung der Vorgänge, bei denen sich die Hefe des Volkes betheiligt habe. Durch die am 18. März in Lüttich vorgekommenen Ruhestörungen seien die Behörden überrascht worden, am 20. aber seien Truppen requirirt und die Ordnung sei sofort wieder hergestellt worden. Auch die Unterdrückung der am 16. ds. im Kohlenbecken von Charleroi stattgehabten Ausschreitungen und Zerstörungen habe nicht auf sich warten lassen. General van der Smissen habe bereits am 27. mit 12 Bataillonen und 9 Eskadrons in dem Kohlenrevier von Charleroi gestanden. Man machte der Regierung den Vorwurf, daß sie den Effectivbestand des Heeres zu sehr verringert habe, der Effectiobestand betrage 44,750 Mann. Am 27. ds. sei die Einberufung weiterer zwei Klassen der dienstpflichtigen Mannschaft angcordnet, dieser Befehl sei in rascher Ausführung begriffen. Man müsse jetzt an die Zukunft denken. Die Regierung werde dies in aller Ruhe thun und nach Mitteln suchen, den Arbeitern zu helfen und Arbeit für sie zu finden. Nicht die Arbeiter seien es, denen man die vorgckommenen Verwüstungen zuzuschreiben habe. Die Regierung werde einen Credit von 43 Millionen fordern, man sei beschäftigt mit den Vorarbeiten für den Bau von Vicinallinien und noch vor dem Ende des Jahres würden 352 Kilometer dieser Linien dem Betriebe übergeben werden können.
Tournai, 30. März. Eine Anzahl Strikender ist in die Stadt eingedrungcn und verlangt von den Besitzern der Steinbrüche eine Erhöhung der Löhne, sowie schriftliche Verpflichtungen der Arbeitgeber.
— Der größte Steinbruchbesitzer der Umgegend hat sich bereit erklärt, die Löhne zu erhöhen.
— Aus Antoing wird gemeldet, daß zahlreiche Abtheilungen Strikender die ländlichen Orte durchziehen und zur Arbeitseinstellung auffordern.
Torrrrrai, 30. März. Die Besitzer der Steinbrüche haben beschlossen, die im September bezahlten Löhne wieder einzuführen. Man hofft, dieser Vorschlag werde zn einem Ausgleich führen.
Lokale-.
G. Gießen, 30. März. sSterblichkeit in Gießcn.j Die Sterblichkeit in unserer Stadt blieb auch während der Woche vom 21. bis 27. März ziemlich dieselbe, wie vorher. Es waren im Ganzen 9 Todesfälle zu verzeichnen, 6 bei erwachsenen Personen, 3 bei Kindern. Von diesen letzteren starb eins im ersten Lebensjahre an Bronchiencntzündung, ein Mädchen von 8 Jahren an Herzbeutelentzündung, ein solches von 13 Jahren an Lungenschwindsucht. Von den Erwachsenen starb eine Frau an sog. Basedow'scher Krankheit (Kropf- und Herzkrankheit) und 5 andere Personen erlagen, der Lungenschwindsucht.
Vermischtes.
Aus Hessen. In Folge der auf der Generalversammlung des Landes- Gewerbevereins in Pfungstadt gegebenen Anregung sind bis jetzt von 19 Local-Gewerb- oereinen gutachtliche Aeußerungen über die Lage und Beschwerden der Kleingewerbe bei der Centralstelle cingegangen. Diese Aeußerungen lassen stch dahin zusammen- fasscn, daß vier Local - Gewerboereine sich für die Bildung freiwilliger Innungen, 11 für Wiedereinführung von Musterprüfungen und für Lehrlingsprüftmgcn, 6 für Aushebung des Hausirhandels, 3 gegen die Concurrenz der Strafanstalten, 2 gegen Concurrenz von Militär-Handwerkern. 7 für Verbesserung des Submissionswesens bei staatlichen und Gcmeindearbeiten, 1 für Beschränkung der Consumvereine durch angemessene Besteuerung und 3 für Verbesserung des Creditwesens erklärt haben. 2 Local-Gcwerbvereine haben sich für Einführung gewerblicher Schiedsgerichte, 1 für Herabminderung der Gewerbsteuer ausgesprochen. Zur Förderung der Kleingewerbe


