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Nr. 227. Mittwoch ben 30. September 1865

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

WHBteent SchalOraße 7.

Erscheint täglich mit SoSchchm« bet Moni«--.

Breil vierteljährlich 2 Mark 20 Pi. mit Brtngerlsh«.

Durch die Poft bezoqen vierteljährlich 2 Mart 5<f W.

Amtticher Theit.

Gießen, am 29. September 1885.

Betreffend: Die Ausführung des Gesetzes über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

«m die GroHherroslichen Bürgermeistereien B-r-rod, Beuern. Birklar. Dorf-Gill. Göbelnrod, Grosten-Linden. Grünberg. Larbach. Lang«dorf, Obbornyofen. Ober-Beffinge«, Odenbaufen. Rabertshausen. Rotbge». Ruddlng»hausen. Saasen. Stangenrod. Staufenberg. Steinheim. Trais-Horloff, Treis a. d. «da., Trohe, Weickartshain und WeiterShaiu.

Wir erinneni Sie nochmals «n Erledigung der Verfügung vom,29. Juli 1885 Gießener Anzeiger Nr. 175, 190 und 203 - binnen 3 Tagen.

Dr. Boekmann. _____________________________________

Politische Ueberstcht.

Gießen, 29. September.

Die diesjährigen Herbstmanöver in Süddeutschland, bei denen die Truppen des badischen und württembergischen Armee-Corps unter den Augen des Kaisers ihre militärische Tüchtigkeit zu erproben hatten, sind nun -vorüber und der kaiserliche Herr erholt sich zur Zeit in dem idyllischen Baden- Baden von den Anstrengungen, welche sowohl die Manövertage, als auch die dazwischen liegenden Festlichkeiten für den greisen Monarchen mit sich brachten. Gleichwie oie Leistungen des badischen Armee-Corps die entschiedenste Anerkennung des obersten Kriegsherrn gesunden haben, so gilt dies auch von denen der würt- lembergischen Truppen und in einem Handschreiben an König Karl, sowie in einem solchen an den commandirenden General des württembergischen Armee- Corpr, v. Schachtmeyer, hat der Kaiser diese seine unumwundene Anerkennung ausgesprochen. Die Ernennung des Generals v. Schachtmeyer zum Chef eines preußischen Jnsanterie-Regimentes des in Stettin garnisonirenden zeugt gleichfalls von der kaiserlichen Zufriedenheit mit Den Leistungen der württember­gischen Truppen. Wie lange der Herbstausenthalt der kaiserlichen Majestäten in Baden - Baden dauern wird, ist noch unbekannt.

Der Bundesrath hielt am Freitag wieder eine Plenarsitzung ab. In derselben wurde zunächst die von Preußen beantragte Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes über Hamburg-Altona in der vorhergegangenen Sitzung war nur die Verlängerung des über Berlin verhängten kleinen Belage­rungszustandes ausgesprochen worden aus ein Jahr genehmigt. Außerdem wurden die Ausschuß-Anträge zu den Anträgen Badens, betr. die Zollbehandlung der Mineral-Oelsässer, sowie die Ausschuß. Anträge zu den Ausführungs-Bestim­mungen zum Börsensteuergesetz angenommen.

Die Karolinen.Frage, welche in Folge der Ereigniffe aus der Balkan- Halbinsel nur noch aus ein kleines Winkelchen in den Spalten der politischen Tagespresse beschränkt war, erweckt durch eine sensationelle Meldung plötzlich allseitiges Interesse. Wie dieAgence Havas" zu melden weiß, soll Spanien die von Deutschland an Stelle eines Schiedsgerichts in der Karolinen-Frage vorgeschlagene Vermittelung des Papstes angenommen haben. Das Interessan­teste an dieser Mittheilung deren Bestätigung von competenter Seite aller- dings noch abzuwarten bleibt ist jedenfalls der Umstand, daß der Vorschlag, den Papst zum Vermittler in der deutsch-spanischen Streitsache zu wählen, von Deutschland ausgegangen ist. Daß das protestantische Kaiserreich gerade das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche als Mittelsperson vorschlägt, ist als ein Act entgegenkommendster Courloisie Seitens der deutschen Regierung gegen­über dem katholischen Spanien auszufassen, wie er anderseits auch darauf hin­weist, daß gegenwärtig trotz aller entgegengesetzten Mittheilungen sehr freundliche Beziehungen zwischen dem Berliner Cabinet und dem Vatikan herrschen müssen. Man darf wohl annehmen, daß man sich deutscherseits vorher darüber verge- wissert hat, ob der heilige Vater auch geneigt ist, das delicate Amt eines Ver­mittlers zwischen Spanien und Deutschland anzunehmen und darf man nur hoffen, daß diese Friedensmission, welche Leo XIII. übernommen hat, auch vom besten Erfolge begleitet sein werde.

Eine wahre Hochsluth von Depeschen über die Lage auf der Balkan-Halbinsel ergießt sich täglich von allen Seiten her, von Sofia, Konstan­tinopel und Athen, von Wien, Paris und London über die Tagespresse und die Sichtung dieses zahlreichen Materials ist daher keine Kleinigkeit. Noch immer erscheint in erster Reihe die Frage, wie sich die Großmächte zu der ostrumeli- schen Revolution stellen werden, doch hat der lebhafte Meinungs-Austausch, der hierüber zwischen den Berliner Vertragsmächten gepflogen wird, noch zu keinem bestimmten Resultate geführt. Rur wird aus Paris gemeldet, daß Rußland eine gewisse Initiative in den Verhandlungen zu nehmen scheine und daß das Ziel der Mächte der baldige Zusammentritt einer Conferenz fei. Auch soll Frankreich den Mächten vorgeschlagen haben, bei Serbien, Rumänien und Grie­chenland geeignete Schritte zu thun, damit jeder Agitation in anderen Theilen des türkischen Reiches vorgebeugt werde. Da unter den Griechen in den türki­schen Provinzen große Aufregung herrscht und da ferner in Kreta angeblich Vorkehrungen zur Unabhängigkeits-Erklärung getroffen werden, so erscheinen derartige Schritte in der That sehr angebracht. Während aber so der diplo­matische Apparat nach allen Richtungen hin thätig ist, gehen die Dinge auf der Balkan-Halbinsel ihren unaufhaltsamen Gang weiter. Die Bulgaren vervoll­

ständigen ihre kriegerischen Rüstungen, die bulgarische Sobranje hat einen außer­ordentlichen Kredit von 10 Millionen Frcs. für ben Kriegsfall bewilligt und die Rumelioten überbieten sich an Huldigungen für den Fürsten Alexander, den Herrscher des neugebackenen FürstenthumsNord- und Süd-Bulgarien." Be- merkenswerth ist, daß auch die mohamedanischen Einwohner Rumeliens an diesen Huldigungen Thell nehmen, ja, das in Philippopel erscheinende türkische BlattHilal" erkennt den Fürsten von Bulgarien unumwunden als Souverän an und lobt dessen Haltung gegenüber den Mohamedanern, es appellirt an den Sultan, die bulgarisch-rumelische Union anzuerkennen. Für den bisherigen bul­garischen Kriegsminister Cantacucvno, welcher bekanntlich auf Befehl des Czaren demissionirte, hat sich in der Person des Artillerie-Hauptmannes Nikiforow bereits ein Ersatzmann gefunden. Doch bleibt Cantacucäno als russischer Militär- Attacho in Bulgarien, selbstverständlich um die weiteren Ereignisse zu überwachen. An den noch immer in Kopenhagen sich aushaltenden Kaiser von Rußland hat Fürst Alexander telegraphirt, daß, wenn die Abberufung der russischen fiere aus Der bulgarischen Armee^ gegen ihn persönlich gerichtet sei, er bereit ür das Wohl der bulgarischen Nation seine Krone zu opfern, vorausgesetzt, Rußland die Union schütze. Auch ist nach Kopenhagen eine bulgarische Deputation unterwegs, um den Kaiser Alexander zum Eintreten für die Union zu bewegen. Von militärischen Ereignissen an der rumelisch-türkischen Grenze ist es noch ziemlich still; nur wird gemeldet, daß die Türken,zur Wahrung ihrer Rechte", ein rumelisches Dors unweit Der Grenze besetzt haben, daß sie aber nicht beabsichtigten, vor einer Verständigung mit den Mächten in Rumelim weiter vorzugehen.

In Konstantinopel selbst haben anscheinend die Vorgänge in Ost- Rumelien den Anstoß zu umfassenden Veränderungen im Ministerium gegeben.

Eine officielle Depesche aus Madrid meldet, daß sich Deutsch­land durch die Erklärung, welche die spanische Regierung wegen der Pübelan- griffe aus Die deutsche Gesandtschaft abgegeben habe, für vollständig befriedigt erklärt habe.

Die griechische Regierung trifft Angesichts der Vorgänge in Ost- Rumelien Vorbereitungen, um die Armee schnell mobllisiren zu können. In Thessalien werden Truppen concentrirt' und soll demnächst ein Theil der Reserve einberufen werden. Die der Regierung nahestehenden Preßorgane, wie die Blätter der Opposition bezeichnen übereinstimmend die bulgarische Union als eine Bedrohung der Lebens-Interessen des Griechenthums und dringen in die Regierung, alle Opfer zu bringen, um Die Rechte des Hellenismus zu wahren. Die griechischen Kammern sollen demnächst zusammentreten.

Darmstadt, 28. September. Durch Entschließung Großh. Ministe­riums des Innern und der Justiz vom 24. September 1885 wurde der Hülfs- gerichtsschreiber Julius Weigand zu Gießen zum Hülfsgerichtsschreiber bei Großh. Amtsgericht Langen bestellt.

Durch Entschließung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 24. September d. Js. wurde der Hülfsgerichtsschreiber Wilhelm Lind in Gießen zum Hülfsgerichtsschreiber am Großh. Amtsgericht Gießen bestellt.

Durch Entschließung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 25. September d. Js. wurde der Gerichtsschreiber-Afpirant Jacob Do sch in Vilbel zum Hülfsgerichtsschreiber bei dem Untersuchungsrichter an dem Land­gericht der Provinz Oberhessen bestellt.

Für das Großherzogthum Hessen sind für die Session von 1885 als Bevollmächtigte zum BundeSrath ernannt: Finger, Staatsminister, Minister des Großherzoglichen Hauses, des Aeußern, des Innern und der Justiz, Dr Neidhardt, Wirklicher Geheimer Rath, außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister, Weber, Präsident des Finanzministeriums Stell­vertreter: Hallwachs, Geh. Staaisrath, v. Werner, Ministerialrath, Müller, Ministerialrath, Schulz, Geh. Oberfinanzrath. _____

Telegraphische Depeschen.

Wolff'- tele-r. -Korrespondenz-Bnrea«.

Berlin, 28. September. DerReichsanzeiger" pnblicirt den BundeSraths- beschluß über die Zollbebandlung der mit Mineralöl eingehenden Fässer, dessen Bestumr^ ungen am 1. November er. in Kraft treten.