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30.4.1885 Zweites Blatt
 
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mit der Absetzung des Pariser Polizei-Präfekten Camescasse gemacht hat, wird die dieser Ansicht Huldigenden gründlich eines Befferen belehrt haben. Wir können dies entschlossene Vorgehen Freycinet's nur mit Genugthuung begrüßen, denn es liegt darin eine Fortsetzung jener auswärtigen Politik, die das größte Verdienst des CabinetS Ferry war, und welcher eine Verständigung mit uns zur unerläßlichen Voraussetzung dient.

Zugleich läßt sich aus diesem Debüt des neuen französischen CabinetS mit vollem Rechte schließen, daß ihm für seine Haltung im europäischen Concert nicht das innige Einverständniß mit England als maßgebende Grundlage gilt. Dieser Fortschritt der politischen Weisheit der französischen leitenden Staats­männer hat für uns eine weittragende, nicht zu unterschätzende Bedeutung.

Gießen, 29. April.

Trotz der vielen Conslicte, in welche das Cabinet Gladstone durch lebte schroffe und einseitige Haltung bereits verwickelt ist, hat dasselbe es nun doch noch dahin gebracht, eine neue ernstliche Verlegenheit sür England herauf- zubeschwören. Während nämlich die englische Regierung ihre ganze Aufmerk­samkeit und Kraft dem Streite mit Rußland zuwenden muß, tritt plötzlich Frankreich auf den Schauplatz, um die Schwierigkeiten der Lage in bedenklicher Weise zu erhöhen. Dadurch hat Gladstone im Augenblick zwei große Conflicte Mi dem Halse, er hat sozusagen eine Doppelkrise zu überwältigen.

Der Nachbar und ehemalige langjährige Bundesgenoffe, das durch seine Verdrängung aus Egypten tief verletzte Frankreich pocht mit ungestümer Hand an die ihm verschloffenen Pforten des Ril-ReicheS. Es hat eine paffende Hand- hai»e gefunden, den Engländern jetzt im unangenehmsten Augenblicke auf den Leib zu rücken und ihnen zu Gemüthe zu führen, daß Frankreichs Interessen in Egypten denn doch nicht so ohne Weiteres ignorirt werden dürfen.

Der Gegenstand dieses neuen Streites ist bekannt. Ein französisches Blatt in Kairo, derBosphore Egyptien", veröffentlichte jüngst selbstverständlich nicht aus Freundschaft für England eine Proklamation des Mahdi. Der lebende Minister Egyptens nahm daraus Veranlassung, natürlich durch seine englischen Rathgeber dazu bewogen oder vielmehr gezwungen das Blatt zu unlerdrücken uno bei dem Einschreiten der Polizei wurden angeblich auch zwei französische Consularbeamte beleidigt, nach einer andern Lesart sogar thätlich mißhandelt. Bei dieser Sachlage zögerte die französische Regierung nicht lange Md» forderte alsbald von Rubar Pascha in energischer und zugleich schroffster Weise Genugthuung, und da dieser aus das Begehren Frankreichs nicht sofort einging und sich durch die mit einem Male wieder betonte Oberhoheit der Pforte zu decken suchte, griff die Republik ungesäumt zu dem schärften Mittel der diplo- maltischen Pression, indem sie ihren Vertreter anwies, sich von Kairo nach Alexandrien zu begeben und bis auf Weiteres die Beziehungen zu Egypten ab# Mechen. Gleichzeitig aber zog Frankreich seine Zustimmung zu jenem finan­zieren Abkommen zurück, durch welches Egypten, wie bekannt, vom Bankerott gerettet werden soll. Kurz, das Land des Khedive befindet sich nun durch die Schuld der Engländer in einer äußerst schwierigen Lage, wenn sich auch das Gerücht von dem Auslaufen einer französischen Panzerflotte nach Alexandrien nicht bestätigen sollte. , p

Aus dem Gesagten ergiebt sich klar, daß Frankreichs Vorgehen in dieser Angelegenheit seine Spitze nicht so sehr gegen Egypten, als vielmehr gegen Eng­land richtet. Das britische Reich übt ja zur Zeit ein stillschweigend anerkanntes Protektorat über Egypten aus, und wenn auch Rubar Pascha momentan den Mzerain" des Landes, den Sultan, vorschiebt, so empfängt doch der Minister Ägyptens seine Befehle zweifellos aus dem britischen Cabinet. Und nun erwäge mn die peinliche Wahl, vor welcher sich Lord Granville befindet. Wenn er Aubar fallen läßt und der Khedive sich vor den Forderungen Frankreichs beugen , ist der letzte Rest des Ansehens der Engländer in Egypten verloren. Schon hat die jämmerliche Zauderpolitik Gladstone's im Sudan die Briten zum Gegenstände des Spottes für die Fellahs gemacht. Eine neue Demüchigung der Engländer, ein Zurückweichen vor dem energisch austretenden Frankreich roinbe sie vollends der Verachtung derselben überliefern, und der Khedive dürste dann vielleicht zu denselben Anschauungen über den Werth des englischen Schutzes gelangen, wie der Emir von Afghanistan sie insgeheim hegen mag.

Auf der anderen Seite unterliegt es kaum einem Zweifel, daß es für Agland ungleich fataler sein müßte, wenn Lord Granville in diesem Streite energisch auftreten wollte. Dann läge die Gefahr allzu nahe, daß Frankreich dadurch Rußland in die Arme getrieben würde. Es käme in Folge dessen das britische Reich in die äußerst mißliche Lage, gleichzeitig Herat und Kairo, die Grenze Indiens und den Suezkanal gegen einen feindlichen Stoß beschirmen |u müssen.

Drängt sich doch dem Beobachter dieser Vorgänge unwillkürlich der Ge- dmke auf, daß Frankreich den neuesten Conflict mit Egypten absichtlich herauf- brschworen hat, um seine Revanche an England zu nehmen und den hundert­jährigen Streit um das Nil - Delta von Neuem wieder auszufrischen. Man weiß das in London nur zu wohl, und man wird sich dort voraussichtlich rasch entschließen, Nubar fallen zu lassen, um der Republik jede weitere Hand- jllbis zur Fortsetzung des Conflictes zu entziehen.

Dieses schneidige Auftreten des Herrn v. Freyeinet in der Angelegenheit desBosphore Egyptien" ist das erste kräftige Lebenszeichen des CabinetS BcSffon-Freycinet seit seiner bisherigen Amtsthätigkeit. Man war in Frankreich dislhalb fast zu der Ansicht verleitet worden, daß diejenigen doch Recht hätten, Mlche dasselbe zu einem geschäftssührenden Ministerium der republikanischen Majorität bis zu den neuen Wahlen, die nahe bevorstehen, stempeln wollten, te gleichzeitige Säuberurgswerk in den Präfekturen, bei dem man den Anfang

Universität-- Chronik.

Professor von Bezold (der einen Ruf nach Berlin erhalten hat) ist geneigt, in München zu bleiben, wenn ihm die durch den Tod des Professors v. Jolly erledigte Professur für Physik an der Münchener Universität verliehen würde. Für letztere wird u. A. auch Professor Dr. Recknagel, Rector des Seminars in Kaisers­lautern, gc mnnt. , , ,

Der außerordentliche Professor vr. Oberdeck in Halle ist zum ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät daselbst ernannt worden.

Literarisches.

Die große illustrirte Pracht-Ausgabe von Goethes Werken, welche die Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart ihremShakespeare" und Schiller" angereiht, liegt jetzt mit dem Erscheinen der letzten Lieferungen 8190 vollendet vor und drei der größten Dichterheroen aller Zeiten haben nunmehr ihre würdige Illustration durch die Hand hervorragender Künstler der Gegenwart, durch die ersten Werkstätten der Xylographie, durch Meisterleistungen der Typographie gefunden. Bei einem w reichen Genius wie Goethe, der in allen Zweigen der Dichtung sich bewegt, war es eme grotze Aufgabe, immer den richtigen Künstler für das einzelne Werk zu finden; aber die reiche Erfahrung, welche der Verlag durch seine illustrirten Zeitschriften und» die vorange­gangenen Dichterheroen hatte, bot ihm das Verstänbniß und die Mittel, eine nicht minder glänzende Ausgabe Goethe's zu veranstalten, die, wie wir constatirm zu können uns freuen, bereits eine überraschend große Verbreitung gefunden ^m Zeugyiß, daß Goethe heute immer mehr in die Herzen der Ration dringt, populär wird rote schiller. Und nicht zum wenigsten trägt dazu eine solche illustrirte Ausgabe bet, die dem Worte den Reiz des Bildes verletzt, sie macht den Dichter auch Denen noch fieber, die ihn längst gekannt, macht ihn zti einem doppelten Schatz unserer Bibliotheken und verleih ihm einen Reiz, der immer wieder zu ihm hinfuhrt und ihn so recht zum Familienbuch stempelt. Und dieser Pracht-Ausgabe ist ein Text zu Grunde gelegt, der, von der Hand eines der größten Goethekenner, des Dichterbiographen Heinrich ^untzer, auis Sorgfältigste ausgewählt und revidirt, dem monumentalen Werke eine ganz wesentlich erhöhte Bedeutung verleiht, die sich auch nach der krttizchen Sette zu einer Dlchter- ausgabe ersten Ranges erhebt. So ist Alles geschehen, um ein des Dichters würdiges Prachtwerk herzustellen, das in seinem herrlichen Einbande eine Zierde feder Famtlicn- bibliothek bildet und sich wie wenig andere Werke als Festgeschenk für das Leben eignet.

Vermischtes«

sJst der Tod schmerzhaft?) Diese vielbewegte Frage erörtert ein Dr. Beards- ley imTemps" durch die folgenden interessanten Auseinandersetzungen: Die Todes­furcht ist, so beginnt er, eines der allgemeinsten menschlichen Gefühle, weil, außer dem, allen lebenden Wesen innewohnenden Selbsterhaltungstriebe, die Meinung verbreitet ist, der Tod sei gewöhnlich mit Schmerzen verknüpft. Diese Meinung jedoch ist durch aus unbegründet. Der Tod ist in den meisten Fällen, wenn nicht in allen, em rein vegetativer Proceß, und wenn die Menschen wüßten, rote wenig peinooll ein solcher ist, würden sie denselben vielleicht mit Freuden oder toenigstens mit Neugierde er­warten. Es ist klar, daß der Grad der Empfindlichkeit der Gewebe gewöhnlich pro­portional ihrer Integrität ist und daß die Entzündung, welche jene Empfindlichkeit anfangs steigert, nur mit ihrer Verminderung oder gänzlichen Aufhebung enden kann. Jedes Ernährungshinderniß bewirkt so lange eine Störung in dem Allgemeinbefinden des Individuums, bis die Kohlensäure, welche sich aus der Devitalisatton des Blutes bildet, aufhört zu circuliren und sich an den einzelnen anatomischen Therlen sestsetzt. Durch dieses Gift verlieren aber die sensoriellen Ganglien ihre Reizbarkeit und lasten die Nervenströme nicht mehr passiren. Und dann ist eben der Tod emgetreten. Während aber die Zerstörung der Nerventhätigkeit, welche allmählich zum vollständigen Erloschen führt, so fortschreitet, muß doch der Körper ein ähnliches Wohlgefühl empfinden, rote es dem Einschlafen vorhergeht oder wie es sich etwa im Opium- oder narkotischen Rausche zeigt. Wenn man also von den Hallucinationen absiebt, welche zuweilen aus der unvollständigen Gehirnthäfigkeit resultiren mögen, können die Empfindungen eines Sterbenden nichts Schmerzliches haben. Die Kohlensäure ist zum still wirkenden Gift geworden, hat die Ganglien empfindungslos gemacht, Reflexbewegungen werden daourch unmöglich und eine Schmerzlosigkeit hat Platz gegriffen. Ein Beweis dafür ist die Unempfindlichkeit der meisten Sterbenden gegen stimulirende Mittel. Denn die Be­dingung für die Reizbarkeit besteht doch darin, daß die Nervencentren und Leitungen sich in normalem Zustande befinden. In dem Augenblicke, wo ihre Thätigkeit aufhört, muß auch jedes Schmerzgefühl physiologisch unmöglich geworden sein., Die Er­fahrung bestätigt durchaus diese theoretischen Annahmen. Die Vtvisecfionen und das Zeugnitz von Menschen, welche aus dem Scheintode wieder erwacht waren, zeigen ebenso wie die Versicherungen von Sterbenden, welche über ihren Zustand noch Rechenschaft geben können, die Thatsache, daß der Tod im Allgemeinen nicht schmerzhaft ist. Be­sonders von Ertrinkenden, Erfrierenden oder Solchen, die im Begriff waren, durch Erhängen zu sterben, liegen hierüber zahlreiche Zeugnisse vor. Mann kann also annehmen, daß dem Menschen der Ausgang aus dem Leben ebenso wemg pemvoll ist, wie es der Eintritt in dasselbe war. ____

Mr. 99. Zweites Blatt. Donnerstag den 30. April LV8S

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