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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Nr. 287. Zweites Blatt Sonntag den 29. November
Vchukstraße 7.
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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit $8rin<eri* Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 56 P?.
Erscheint mit W MsnIchgO.
Wochen - Ueberficht.
Gießen, 28. November.
Der Reichstag ist mit der Generaldebatte über den Etat in dieser Woche eigentlich erst an sein richtiges Arbeitspensum herangetreten. Er hat diesmal zur Erledigung Der ersten Lesung des Etats nur zwei Tage, Dienstag und Mittwoch — und letzteren auch nur zur Hälfte — gebraucht, während sich sonst hierzu drei, ja selbst vier Sitzungen nöthig machten. Aller- dings war auch diesmal, wie früher, in der ersten Verhandlung über den Reichs- Haushalt nicht nur von letzterem, sondern auch von vielen anderen Dingen, so namentlich von der Colontalpolitik, dann von den Kornzöllen, von den Steuerlasten, vom Postwesen und von den Missionen, weiter von den Ausweisungen der Polen aus Preußen, ja sogar vom Drei-Kaiser-Bündniß und der Balkan- srage und noch so manchem Anderem die Rede. Nun, dies ist bei der General- discussion über den Etat einmal so Brauch und darf daher nicht Wunder nehmen, nur fehlten Heuer — mit wenigen Ausnahmen — die zahlreichen mehr persönlichen Auseinandersetzungen zwischen den Rednern der einzelnen Parteien, auch griff keiner derselben zwei ober gar drei Mal in die Debatte ein und so kam es, daß sich die erste Lesung des Etats verhältnißmäßig rasch abwickelte. Es gelangten die Redner sämmtlicher Parteien zum Worte, sogar der Däne Junggreen durfte seine alten Klagen über die angebliche Bedrückung der dänischen Bevölkerung in Nordschleswig wieder vorbringen. Hervorzuheben ist noch aus der Etatsdebatte die Erklärung des Centrums-Abgeordneten v. Huene, daß das Centrum seine fernere Unterstützung der Colonialpolitik von der Art und Weise der Regelung des Missionswesens in den Colonial-Gebieten abhängig machte, worüber von der genannten Partei bereits eine Interpellation eingebracht worden.ist. Sonst ist aus der Berathung im Allgemeinen noch zu bemerken, daß sämmtliche Redner mehr ober weniger Bedenken bezüglich der verschiedenen Etats-Posttionen äußerten und werden diese Bedenken jedenfalls bei der Berathung der Specialetats zu lebhafterem Ausdruck gelangen. Die Generaldebatte endete am Mittwoch damit, daß eine Reihe von Etats'Posttionen fcer Budget-Commission überwiesen wurde. Am gleichen Tage erledigte das Haus noch die erste Lesung des Viehseuchengesetzes und verwies dasselbe an eine Commission.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist am Mittwoch von Friedrichsruhe wieder in Berlin eingetroffen. Der Fürst erfreut sich gegenwärtig des besten Wohlbefindens und man darf deshalb wohl baldigst seinem Eingreifen in die Reichstags-Verhandlungen entgegensehen. Vielleicht, daß den Reichskanzler hierzu schon die Angriffe, welche seine Colonialpolitik und speciell seine Politik in der Karolinenfrage gelegentlich der Etatsdebatte im Reichstage erfahren haben, veranlaffen.
Von Ereignissen auf dem Gebiete der inneren Angelegenheiten sind diesmal die Berliner Stadtverordnetenwahlen — soweit sie in der dritten Klaffe der Communal-Wählerschast stattgesunden haben — zu registriren. Hauptsächlich deshalb, weil sie ganz entschieden ein weiteres Anwachsen der socialdemokratischen Partei in der Reichshauptstadt bekunden. Während die Zahl der für die Candidaten der Liberalen und der Conservativen abgegebenen Stimmen — es ist hier von den Heuer in Betracht kommenden städtischen Wahlbezirken die Rede — gegen 1883 abgenommen hat, weist die Zahl der für die Socialdemokraten abgegebenen Stimmen eine ganz beträchtliche Steigerung auf. In Folge dessen haben die Socialdemokraten ihre zwei Mandate nicht nur mit Mühe behauptet, sondern sie kommen auch noch in zwei anderen Wahlbezirken mit dem Candidaten der Fortschrittspartei, resp. der Bürgerpartei in die Stichwahl ; sechs Stichwahlen haben außerdem zwischen den beiden letztgenannten Parteien stattzufinden. Es sind demnach bei den 14 Ersatzwahlen, die vorzunehmen waren, nur sechs Stadtverordnete definitiv gewählt worden, von den drei der Fortschritts-, einer der Bürger- und zwei der Arbeiterpartei, oder lagen wir richtiger, der socialdemokratischen Partei angehören. Da auch der dem Reichstag vorgelegte Bericht der Regierungen von Preußen, Sachsen und ^es Senats der Hansastadt Hamburgs über den Belagerungszustand in Berlin, Leipzig und Hamburg ein Anwachsen der socialdemokratischen Bewegung con- statirt, so wird man bei den nächsten Reichstagswahlen von neuen Siegen dieser Partei in den großen deutschen Städten hören.
In Oesterreich lenkt die am Mittwoch erfolgte Eröffnung der Land- tags-Sesfionen den Blick wieder auf die parlamentarische Thätigkeit in den Volksvertretungen der Kronländer. In den meisten derselben wird die Session leine allzulange sein, wenigstens nach den hierüber bis jetzt vorliegenden Dispositionen, welche die landtägliche Thätigkeit auf die allerdringendste Nothdurst beschränken. Immerhin wird es in manchen Landstuben, wie in denen von Prag md Brünn, noch lebhaft genug zugehen.
Die unerwartete Trauerkunde von dem so frühen Hinscheiden ves spanischen Monarchen wird namentlich am Berliner Hose schmerzlich berühren, denn König Alfonso hatte sich gelegentlich seiner Anwesenheit bei den Mermanöoern in Hessen durch fein liebenswürdiges und ritterliches Wesen die Freundschaft Kaiser Wilhelms in besonderem Grade erworben. In Spanien selbst hat der Tod König Alfonso's die Demission des CabinetS Canovas del Castillo zur nächsten Folge gehabt, doch glaubt man, daß die Minister so lange im Amte bleiben, bis die Cortes, deren Einberufung unverweilt bevorsteht, zu- sammengetreten sind. Es heißt, Sagasta, das Haupt der liberalen Partei, werde Mann ein neues Cabinet bilden mit Marschall Jovellar als Kriegsminister,
Camacho als Finanzminister, Martos als Minister des Auswärtigen und Gonzales als Minister des Innern — sämmtlich liberal. Marschall Martinez Campos wird das Commando über die 30,000 Mann zählende Nordarmee übernehmen, was als eine gegen eine etwaige carlistifche Schilderhebung gerichtete Maßregel zu betrachten ist. Prinzessin Mercedes, die fünfjährige Tochter König Alsonio's, aus dessen zweiter Ehe mit Erzherzogin Christine von Oesterreich, soll unter Vormundschaft ihrer Mutter die Regierung übernehmen. König Alfonso wurde geboren am 28. November 1857, ist also in dem blühenden Alter von fast genau 28 Jahren dahingerafft worden; die Regierung übernahm er im December 1874. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß sein Tob Spanien abermals in liefe innere Wirren stürzen wird und vielleicht Sen Anlaß zur Wiederholung der blutigen spanischen Bürgerkriege der früheren Jahre giebt.
Die Tongkingsrage steht jenseits der Vogesen wieder einmal im Mittelpunkt der parlamentarischen und politischen Diskussion. Die zur Vor- berathung der von der Regierung in der Deputirtenkammer eingebrachten Vorlage, welche für Tongking einen Credit von 75 Millionen fordert, eingesetzte Commission hat sich in ihrer großen Mehrzahl für eine vollständige Räumung Tougking's ausgesprochen. Da nun vom Ministerium Brisson die Erklärung vorliegt, daß es hierin nie einwilligen würde, so betrachten die tonangebenden Pariser Journale die Lage für das Cabinet übereinstimmend als sehr ernst. In der Dienstagssitzung der Kammer hat zwar der Cabinets- präsident Brisson einen eindringlichen Appell an die Volksvertreter gerichtet wenigstens zur Ehre Frankreichs das Unternehmen in Tongking nicht sang- und klanglos fallen zu lassen; es ist aber sehr fraglich, ob dieser Appell die beabsichtigte Wirkung haben wird.
Das italienische Parlament hat am Dienstag ebenfalls seine Thätigkeit wieder eröffnet. Es wird sich gleich in einer der nächsten Sitzungen mit der Balkanfrage zu beschäftigen haben, da hierüber schon eine Interpellation in der Deputirtenkammer vorliegt.
1 r dem zahlreichen zur Situation auf der Balkan- halbins el vorliegenden Meldungen machen sich die ersten Friedenstöne be-^ merkbar? König Milan hat, nachdem er mit seiner Hauptarmee von den Bulgaren bis auf serbischen Boden selbst wieder zurückgedrängt worden ist, in Folge einer Pression der Mächte die einstweilige Einstellung der Feindseligkeiten angeordnet. Es ist jedoch noch nicht bekannt, ob Fürst Alexander eine gleiche Maßregel angeordnet hat; es wäre aber klug von ihm, trotz seiner Siege den Bogen nicht zu scharf zu spannen, die Waffenehre Bulgariens ist ja von ihm doch glänzend wieder hergestellt worden, mehr kann er nicht aut verlangen.
Die Sensationsdepesche der „Times", daß König Milan beabsichtige, abzudanken und mit seiner Familie nach Frankreich überzusiedeln, hat bereits wieder ein Dementi erfahren und dasselbe gilt von der Nachricht, daß Rumänien beabsichtige, einige bulgarische Plätze zu besehen. Dagegen soll Montenegro eine innere kriegerische Haltung annehmen und geneigt sein, den Serben beizuspringen. Auch in Griechenland möchte man je eher, je lieber, sich in den Kampf — und zwar gegen die Pforte — stürzen, wenn letztere nur nicht 100,000 Mann an der griechischen Grenze zusammengezogen hätte.
Was die Konstantinopeler Conferenz anbelangt, so hat die- felbe am Montag wie am Mittwoch resultatlose Sitzungen abgehalten, und zwar, wie es heißt, weil England bezüglich der ostrumelischen Frage immer größere Vorbehalte macht. Die nächste Eonferenzsitzung soll an diesem Sams- taQ stattsinden._________________________________________________________
Vermischtes.
— sDer Vater statt des Sohnes.] Vater General zum Lieutenant, seinem ^ohne: „Schöne Geschichten das! Läßt für Balletteusen Zimmer ausmöbliren, kannst natürlich nicht bezahlen. Lieferant will an's Regiments - Commando schreiben, foni wag sind das für Streiche?!" — Sohn Lieutenant: „Muß entschieden in Abrede stellen! Ist nicht wahr!" — Vater General: „Ist nicht wahr'? So'? Hast aber Mer rm Zimmer den Brief vom Lieferanten verloren, den ich gefunden. Da ist er ba „Herrn Lieutenant v. H.! Sie haben mich lange genug zum Narren
gehabt. Die Möbel, die ich für Fräulein Z. geliefert habe, sind noch nicht be- zahlt u. s. w. Lies selbst! Was nun?" — Sohn Lieutenant liest den Brief, dann lachend : „Papa hat vergessen, das Datum zu lesen, der Brief ist vom Jahre 1850 an Papa selbst, als er noch Lieutenant war."
lKur für Zeitungsborger.] So mancher Abonnent einer Zeitung ärgert sich, wenn der Nachbar, der zu geizig ist, die Zeitung zu halten, aber doch wissen mochte, was in derselben steht, öfter und oft sogar regelmäßig zu ihm schickt mit schönem Gruß und man möchte so gütig sein, ihm auf einen Augenblick die Zeitung
Aus Gutmüthigkeit, aus Geschäftsrücksichten und um sich mit deni freund- llchen Nachbar nicht zu verfeinden, willfährt man seinem höflichen Ersuchen immerfort, wenn auch mit geheimem Grimm über die fortwährende Unverfrorenheit des Herrn Nachbars. Für solche Fälle bringt die „Pap.-Ztg." folgendes praktische Re- cept: Man schneide sorgfältig eine beliebige Notiz aus der Zeitung, ehe man sie weitergibr. Kurz, nachdem sie verliehen ist, wird ein Bote' des Borgers fortrennen, um ein Exemplar derselben Nummer zu kaufen. Die Leserinnen, unter denen das geliehene Blatt circulirt, werden ebenfalls, jede für sich, ein Exemplar kaufen: keine derselben kann ruhig schlafen, ehe sie weiß, was die ausgeschnittene Stelle enthält. Man wiederholt das Experiment den nächsten Tag mit gleichem Erfolge, in hartnäckigen Fällen noch einige Mal — dann wird es aber, besonders bei weiblichen Borgern, nicht mehr nöthig sein.
— sGansviertel ä la mode!] Der Gast sucht vergebens an dem Hinteren Theil einer ihm aufgetischten, höchst mageren Gans nach etwas Fleisch. Endlich ruft er bat Kellner: „Sagen Sie mal, Sie haben mir wohl blos die Tournüre von der Gaus gebracht!"


