Ausgabe 
29.11.1885 Erstes Blatt
 
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Mr. 279. Erstes Blatt. Sonntag den 29. November

Bureau r Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

tret- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Psi

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Amtlicher Hheil.

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Gefunden: 1 Taschenmesser, 3 Stück Oberleder, 1 Knabenpelzmütze, 3 einzelne Handschuhe, täfel, 1 Lesebuch, 1 Häkelnadel.

Zugelaufen: 1 Schaflamm und 1 Hühnerhund.

Gießen, den 28. November 1885. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius. ......... II.H. .awrAJIMMaMCTTTimilBM

1 Tabakspfeife, 1 Peitsche, 1 Peitschenstiel, 1 Schiefer-

Keutschlani).

Berlin, 26. November. Das Centrum hat im Reichstag einen Antrag einaebracht, welcher durch einen Zusatz zum Strafgesetzbuch Arbeitgeber daran hindern will, die wirthschaftliche Abhängigkeit ihrer Arbeiter zu mißbrauchen, um sie in der Ausübung ihres Wahlrechts zu beeinflussen. Mit dem Ziele dieses Antrags wird Jedermann einverstanden fein. Das wirthschaftliche lieber# gewicht zu einem Druck auf die Bethätigung der politischen Gesinnung der Un­tergebenen und Abhängigen zu mißbrauchen, halten wir für ganz verwerflich. Es wird Niemand behaupten wollen, daß die eine Partei mehr als andere sich solcher Maßregel bediente oder davon Nutzm hätte. Kommt es mitunter vor, so wird es zum Vortheil bald dieser, bald jener Partei geschehen. Wenn man mit dem Ziele des Antrags einverstanden ist, so wird man aber doch gegen das oorgeschlagene Mittel schwere Bedenken hegen können. Kann überhaupt so fragt dieNat.'Lib Corresp." ein Arbeitgeber vernünftiger. und bllllger- weise gesetzlich gezwungen werden, Leuten, die ihm nun einmal nicht passen, fernerhin Arbeit zu geben? Und wer will entscheiden, aus welchen Gründen Arbeiter#Entlassungen stattgesunden haben? Oder nehmen wir einen bestimmten Fall: Ein Fabrikherr entläßt einen Arbeiter, der ihm durch politische Aufrei­zungen den Frieden auf dem ganzen Werke gestört und die andern Arbeiter aus­gewiegelt hat. Wer will ihm das verübeln? Auch ein solcher Fall aber ließe nck leicht unter den vom Centrum beantragten Paragraphen bringen. Soll em Arbeitgeber strafbar sein, der sagte: Ich will Ruhe und Ordnung in meiner Fabrik Wtw und kann Friedensstörer und Aufwiegler nicht gebrauchen? Das Gesetz Ä praktisch ganz undurchführbar sein oder aber zu völlig unbilligen Be# schränkangen der Willensfreiheit der Arbeitgeber führen.

Spanien.

Madrid. Noch hat sich nicht die Gruft über den sterblichen lieber# reften König Alfonso's geschlossen, und wiederum bringt der Telegraph die Kunde von dem Ableben eines Mannes, dem es wie jenem eine Zeitlang ver­gönnt war, die Geschicke Spaniens, wenn auch nicht als gekrönter Herrscher, 'so doch als Regent und Erwählter des Volks, in seiner Hand zu vereinigen: Marschall Serrano ist am Donnerstag nach längerem Leiden, nachdem gerade in der letzten Zeit eine Besserung seines Zustandes eingetreten war, im Alter von 75 Jahren gestorben. Mit Serrano's Tod ist auch die letzte Leuchte des Dreigestirns Prim, Serrano, Topete, welches im September 1868 strahlend und glückverheißend an dem anfangs so heitern republikanischen Himmel aufging^ erloschen. Serrano war Soldat vom Scheitel bis zur Sohle; ehrlich und aufrichtig, wie er war, hat eg stets verschmäht, seine Ueberzeugung des persönlichen Vortheils wegen zu verleugnen, anderseits aber hat er es deshalb auch nicht verstanden, auf dem Felde der Diplomatie nennenswerthe Erfolge davonzutragen. Nach dem Tode Ferdinands VII. zog er ben Degen für die unmündige Königin Isabella und focht in den fast siebenjährigen Kämpfen gegen die Carlisten mit großer Auszeichnung, sodaß er schon 1840 zum Brigadeeommandeur und Befehlshaber der Truppen in Barcelona er­nannt wurde. Damals unterstützte er noch mit allen Kräften Espartero, als aber später der Regent sich immer mehr in den Netzen Maria Christina's verstrickte und die Cortes auflöste, begab sich Serrano verkleidet nach Barce­lona, erklärte den Regenten für abgesetzt und hatte so den Hauptantheck an der Schilderhebung Narvaez'. In diese Zeit fällt der große persönliche Ein­fluß Serrano's bei Hose und besonders bei der jungen, eben verheirateten Königin; er wurde Generallieutenant und hatte mehrmals das Portefeuille des Kriegsministeriums inne. In Narvaez aber hatte sich Serrano bitter ge­täuscht, und allerlei Hofränke mögen das ihrige dazu beigetragen haben, ihn in die Opposition und zur liberalen Partei hinüberzudrängen, deren Grund­sätzen er von da an bis an sein Lebensende treu blieb. Serrano wurde vom Hose entfernt, bekleidete vorübergehend den Posten eines Generalgouverneurs von Cuba und wurde wegen feiner dortigen Verdienste von der Königin durch den Titel eines Herzogs de la Torre ausgezeichnet. Als aber immer offen­kundiger das schamlose Treiben Jsabella's zu Tage trat und finstere Fanatiker und Emporkömmlinge vom Schlage eines Marsori die Zügel ber, Regierung in ihren unsaubern Händen vereinigten, als endlich nach O Donnell s Tode ein Gonzalez Bravo jedem Recht und Gesetz Hohn sprach, da entschloß sich Ser­rano zum letzten Mittel, zur Revolution, und wenn auch der erste Versuch fehlschlug und mit Verbannung der Anstifter nach den Canarischen Inseln en­dete, so gelang es Serrano doch, von dort zu enfommen, und am 19. Sep­tember 1868 versetzte die Proclamation von Cadix, mit Serranos

Namen an der Spitze, dem Regiment der Königin den Todesstoß.

Ganz Spanien athmete erleichtert auf, als es von dem entwürdigenden Joche befreit war, und nachdem Serrano das königliche Heer unter dem Marquis von

Novalichcs bei Alcolea zu Paaren getrieben hatte, kannte der Jubel keine Grenzen und die echte, unverfälschte Begeisterung eines in seinen heiligsten Ge­fühlen verletzten Volkes dankte den Befreiern. Der Sturz der bourbonischen Königin war die Thal seines Lebens, das Volk hat sie ihm nicht vergessen, und bis an sein Ende schauten seine Landsleut-' mit ehrwürdiger Verehrung zu dem greisen Sieger von Alcolea auf. Während seiner später» Regentschaft trat Serrano vor der bebeutenbern Begabung Prims mehr in den Hintergrund; unter Amadeo war er eine Z il lang Ministerpräsident und Kriegsminister, warf wiederum die alten Feinde, die Carlisten, nieder und zog sich dann vom politischen Schauplatz zurück. Die Republik von 1874 berief ihn noch einmal zur Leitung der Regierung, aber selbst das alte Kriegsglück war Serrano un­treu geworden: er konnte des Callisten-AusstandeS nicht Herr werden, und als König Alfons, der Sohn der grau, welche er vom Throne gestoßen hatte und er war stolz daraus, daß er es gelhan, in Spanien seinen Einzug hielt, ging er mit seiner ganzen Familie freiwillig in die Verbannung, kehrte aber später, nachdem er das ehrliche Streben des jungen Bourbonen erkannt hatte, nach Spanien zurück und nahm seinen Sitz im Senat ein, ohne indessen tiefer in das politische Leben einzugreifen, als daß er eine Zeit lang spanischer Botschafter in Paris war.

Telegraphische Depeschen.

MHG'S telegr* Eorrespondenr»Brrrearr*

MWRM'.nber., Seine Majestät der Kaiser empfing das Reichstaas- Präsidium: Dtt^WMnten Di Wedell, den zweiten Vicepräsidenten Hoffmann; der erste Vicepräsident v. Franckenstein war nicht anwesend, weil er verreist ist. Der Kaiser unterhielt sich mit den Präsidenten auf das Leutseligste über die Aufgaben der Session und sprach die Hoffnung aus, daß die Verhandlungen ruhig und friedlich ver­lausen würden. Nachmittags empfing der Kaiser den Grasen Bismarck zum Vortrag. Der Kronprinz besuchte um 4 Uhr den Fürsten Bismarck.

Die Budget - Commission genehmigte 4,400,000 Jt Dampfersubvention mit dem Vorbehalte, daß eine entsprechende Kürzung dieses Betrages eintritt, wenn die Fahrten nicht am 1. April 1886 ausgenommen werden können.

DerKreuzzeitung" zufolge ist der Chef der Admiralität, v. Caprivi, soweit hergestellt, daß er voraussichtlich noch vor Ende des Jahres seine Geschäfte wieder in vollem Umfange übernehmen wird. Die Nachricht, daß sich Caprivi zu seiner Erholung einige Zeit nach Italien begeben werde, ist völlig unbegründet. Es hat niemals eine derartige Absicht bestanden.

München, 27. November. Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern nebst Ge­mahlin, Infantin Maria della Paz, sind heute Nacht nach Madrid abgereist.

Madrid, 27. November. Canovas begab sich Abends nach dem Pardo und überreichte der Königin die Demission des Ministeriums, welche angenommen wurde. Das neue Ministerium dürfte folgende Zusammensetzung aufweisen: Präsident Sagasta, Ärmeres Gonzales, Finanzen Camacho, Arbeiten Gamazo, Colonien Moret, Aeußeres Marios Justiz Montero Nios, Krieg Jovellar, Marine Beranger, Präfekt von Madrid'wird Xtquena; der erste Kammerherr des Palastes, Herzog von Tetuan, wird ersetzt ^^^^2'7. November. Das Ministerium Sagasta wird voraussichtlich heute Abend gebildet Die Sprache der republikanischen und carlistischen Blätter ist fortgesetzt maßvoll. Vorsichtshalber wird in Chartagena, Barcelona und San Sebastian der Belagerungszustand erklärt. .

_ Alle entlassenen, noch militärpflichtigen Soldaten sind wieder ctnbcrufen. Die Armee wird dadurch um 60,000 Mann verstärkt.

London, 27. Novbr. Bis Mitternacht waren folgende Wahlresultate bekannt: Es sind 113 Conservatioe, 108 Liberale und 9 irische Nationale gewählt. Man­chester wählte fünf Conservatioe und einen Liberalen. In der Londoner Vorstadt ftamvffead unterlag der liberale Marquis of Lorne.

London, 27. November Wahlresultat bis 3Vr Uhr Nachmittags: 119 Con- servative 116 Liberale, 12 irische Nationale. Die Conservatioen gewannen 73, die Liberalen' 29 Sitze. In den beiden Wahlbezirken Censington und westliche Vor­stadt von London wurden Liberale, in zwei südlichen Vorstädten Londons Conservatioe gewählt^ Dimes" erfährt, der Vicekönig von Irmnans habe den Befehl er­halten ein Beobachtungscorps an der Grenze gegen Birma aufzustellen, um daselbst während der Dauer des britischen Feldzugs gegen Ober-Birma die Ordnung ausrecht- ruerbalten und die Flucht Thibau's nach China zu verhindern.

* Petersburg, 27. November. Der serbische Gesandte, Horwatowrtsch, ift nach feem «jUanbe A^ovember. Die Bulgaren überschritten am 26. November, Nach­mittags um 1 Uhr, die serbische Grenze. Das Gros der bulgarischen Armee, mit dem Fürsten an der Spitze, rückte in der Ebene bis 5 Kilometer von Pirot vor. Die Serben hatten Tags vorher die Positionen bei Grindol, im Centrum, verlaßen, woher einige kleine Gefechte auf dem rechten und linken Flügel stattfanden. Die Serben stellten alsdann vor Pirot auf den die Stadt beherrschenden Hohen mehrere Batterien und den größeren Theil ihrer Streitkräfte auf Hier wurden nun die Serben um 4 Uhr angegriffen Die Bulgaren nahmen nach hartnäckigem Kampfe gegen 6 Uhr die Position links von Pirot. Die Dunkelheit beendete den Kampf.

Bukarest, 27. November. Der König eröffnete die Kammer mit emer Thron- rede, worin es bezüglich der auÄvarligeu Lage heißt: Stark durch die klare Position, die wir einnehmen und in freundschaftlichen Beziehungen zu allen Machten verfolgten wir die Ereignisse jenseits der Donau mit der größten Ruhe, aber auch mit beständiger Aufmerksamkeit. Unsere Enthaltung im Confllct, dessen Losung wesentlich den Signatar-