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Ikr 279 Drittes Blatt Sonntag den 29. November L8TA
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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wunden und Schrammen, die ihm augenscheinlich Diese hatten ihm auch die Kleider vom Leibe gerissei
UniverflLätS $ Chronik.
Marburg, 24. November. Am vergangenen Samstag wurden in feierlicher Sitzung des Senats der bissigen Universität von: derzeitigen Rector, Herrn Professor Vr. Mannkopff, die neuen Statuten der Universität, über deren äußere Ausstattung wir neulich schon eine kurze Notiz brachten, der Universität übergeben. Herr Rector Mannkopff hielt dabei eine mit einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser schließende Ansprache an den Senat, die mit allseitiger Befriedigung ausgenommen wurde. — Die nutzere Ausstattung des Bandes ist eine prächtige und die Schrift der Statuten selbst eine überaus künstlerische und gelungene.
Vermischtes.
Euskirchen, 19. November. Bei einer heute hier in der Umgegend abge- haltenen Treibjagd wurden 575 Hasen geschossen. Der Jagdbesitzer hatte gewettet, 400 Hasen zur Strecke zu bringen, wohingegen ihm für jeden weiteren Hasen eine Flasche Sekt bezahlt werden mußte. Wie man sieht, wird der Verlierer der Wette empfindlich am Geldbeutel gefaßt. Uebrigens dürfte obige Jagdbeute die glänzendste sein, welche seit langer Zeit in unserer Provinz erzielt worden ist.
— sPostlagernd.s Zieht vor einiger Zeit ein Mädchen aus der Gegend von Siegburg nach Köln. Im ersten Briefe bittet sie die Eltern, die Briefe an sie — die Gründe sind nicht bekannt geworden — „postlagernd" Köln zu senden. Postlagernd — das ging doch über den Horizont der guten Alten; auch sie waren in der Umgegend von Köln bekannt, aber von einem „Postlagernd" hatten sie nie gehört. Wie nun immer, wird dem Ortsvorsteher der schwierige Fall vorgetragen. Der zieht seine Hornbrille heraus, setzt sie gewichtig auf.feine Nase, um aus der Specialkarte die Existenz eines Ortes „Postlagernd" herauszutüfteln. Aber leider gibt auch diese nicht den gewünschten Ausfchluß. Nun wird auch der 12jährige Schuljunge des Ortsvorstehers zu Hilfe gezogen; aber auch seine geographischen Kenntnisse erstrecken sich nicht so weit. Da endlich hebt der Herr Ortsvorsteher das vom Sehen müde Haupt zu dem weisen Ausspruch: „Postlagernd" muß wohl ein sehr kleines Gehöft in der Nähe Kölns sein, da es nicht auf der Specialkarte verzeichnet ist; doch geht zur Post, die wissen alles, auch wo „Postlagernd" liegt. Selbstverständlich besorgten Stephan's Jünger den Brief rasch seiner Besiimmung entgegen.
— sDie Bekämpfung der Hausschwamm-Epidemie.) Unzählige Millionen des Volksvermögens gehen jährlich nutzlos durch das massenhafte Auftreten des Haus- „ fchwammes zu Grunde, gegen den bisher noch kein sicheres Mittel aufgefunden ist. Erst in der letzten Zeit ist es den Forschungen zweier Gelehrten, des verstorbenen Geh. Medicinalraths Prof. Dr. Göppert in Breslau und des Prof. Dr. Hartig in ; München, gelungen, über die Natur und die Entwickelungsbedingungen des Haus- Ickwammes Sicheres festzustellen. Beide Gelehrte haben ermittelt, daß der zur Familie -der Hutpilze gehörige und, wie alle Pilze, aus Sporen entstehende Hausschwamm weder -an lebenden, noch an abgestorbenen Bäumen im Walde vorkommt, sondern lediglich in Bergwerken, Schiffen, Bauwerken gedeiht, wenn die Bedingungen seiner Existenz, nämlich Feuchtigkeit, Licht- und Luftmangel vorhanden sind. Auffälligerweise sind es gerade meist neue, kaum fertiggestellte Bauten, welche dem Hausschwamm zum Opfer fallen; wenn ältere Gebäude vom Schwamm ergriffen sind, so ist das in der Regel > nach der Vornahme von Reparaturarbeiten geschehen, bei denen eine Verschleppung von
Pilzsporen stattgefunden hat, was bei der mikroskopischen Kleinheit der Sporen, von I denen 4 Millionen in einem Cubikmillimeter Platz haben, leicht unbemerkt geschehen I ' kann. Von Wichtigkeit ist die. Feststellung der beiden Gelehrten, daß der Hauptgrund I . für die Ausbreitung des Hausschwamms unsere heutige schnelle Bauweise ist. Um für I V. -as in einem Bau angelegte Capital Zinsverluste zu vermeiden, wird mit der größten I | Schnelligkeit der Rohbau aufgeführt und unbekümmert darum, ob die Jahreszeit es I t gestattet, der innere Ausbau und die äußere Verputzung des Baues gleichzeitig in An- I [ griff genommen, ehe noch die Wände und die Balken Zeit gehabt haben, auszutrocknen. I I Sind durch das Füllmaterial, wie häufig der Fall ist, oder durch Verwendung mit I
Sporen behafteten Holzes Pilzsporen in ein solches rasch erbautes Haus gekommen, so I I wird nur kurze Zeit vergehen und der Schwamm hat sein Zerstörungswerk vollendet. I f Unter den Dielen, wo das Holz von feuchtem Mauerwerke umgeben ist, beginnt der I । Schwamm seine licht- und luftscheue Thätigkeit von innen nach außen und eines Tages I | bricht die Diele ein oder die Täfelung stürzt von der Decke. Dem Maurer, dem I , Zimmermann, dem Tischler und Maler wird dann die Schuld dafür aufgebürdet. Und I doch trägt die Hauptschuld nicht der,Einzelne, sondern unsere moderne Bauweise, die I i es den Handwerkern fast unmöglich macht, die Sorgfalt zu beobachten, welche bei dem I I Bau eines Hauses erforderlich ist. Erst wenn das bauende Publikum sich aus den I
Forschungen der Gelehrten die Lehre zieht, daß der Schnellbau das sicherste Förderungs- I mittel des Hausschwammes und also auch auf dem Gebiete des Bauwesens das Billigste I das. Theuerste ist, wird eine durchgreifende Besserung zu erwarten sein.
Hildesheim, 22. November. Heber die Verhaftung des Militärlieferanten I Wollank und der Zahlmeister gehen der „Freis. Ztg." aus zuverlässiger Quelle folgende I L Nachrichten zu: „Die Unterfuchungen haben einen bedeutenderen Umfang angenommen, I als anfänglich erwartet wurde. Bereits 60 Zahlmeister, Zahlmeisteraspiranten, Feld- I roebel u. dergl. befinden sich in Haft. Besonderes Aufsehen hat es erregt, daß auch ein I höherer Beamter darin verwickelt ist, der den Lieferanten Wollank veranlaßt haben soll, | ihm ein Darlehen zu geben. Die verschiedenen Mittheilungen der Presse, wonach bei I dem Concurse eines Stettiner Kaufmannes verdächtigende Thatsachen ermittelt wären I oder ein Angestellter im Geschäft eines Armeelieferanten eine Denunciation erlassen I hätte, sind sämmtlich unrichtig. Der Verdacht ist durch einen Brief des jetzt verhafteten I Fr. Wollank, Inhaber des Militärlieferantengeschäfts F. Wollank, Berlin, Elisabeth- I ufer 44, an einen Zahlmeister entstanden, in welchem er diesem Belohnungen ver- I sprachen hat, wenn er ihm zur Erlangung einer bestimmten Lieferung behilflich sein I wolle. Dieser Brief ist von dem Adressaten verlegt, in die Acten der Menage-Com- I Mission und dadurch in die Hände des Präses der Commission gerathen, der ihn sofort | <m seinen höheren Vorgesetzten eingereicht hat. Der Divisionscommandeur hat nun I den Befehl zur Verhaftung des Zahlmeisters gegeben, gleichzeitig aber der Staats- I «mwaltschaft Anzeige erstattet. Diese hat die Beschlagnahme der Geschäftsbücher I ! Wollank's und die Durchsuchung der Papiere eines früheren Associäs derselben Firma I , veranlaßt. Bei letzterem fanden sich zahlreiche Briefe von Zahlmeistern, Feldwebeln | I ii. dergl. vor. Demzufolge haben am 16. November, Morgens 8 Uhr, die Eingangs I genannten Verhaftungen in etwa 25 Garnisonstädten stattgefunden. Wollank, der für I 43 Bataillone in 6 verschiedenen Armeecorps Kartoffeln, Gemüse, Hülsenfrüchte u. s. w. I ■ ju den Menagen liefert und deshalb eine große Anzahl Filialstellen, unter anderen I auch in Hildesheim, unterhalten muß, war verreist und ist bei seiner Rückkehr am 16., | Nachmittags 5 Uhr, auf dem Schlesischen Bahnhof verhaftet worden und sofort nach I । ’ At-Moabit abgeführt. Was über die Schuld oder Nichtschuld der Verhafteten in der I 1 Presse gebracht wird, sind meist Vermuthungen, deren Berechtigung sich zur Zeit gar I ! nicht übersehen läßt." Außer den früher genannten Orten Posen, Verden, Sagan, I
— sBeim Antiquitätenhändlers Eine Dame: „Ach, welch' reizender Krug. Er ist doch antik, nicht wahr?" — Der Händler: „Nein, meine Gnädige, er ist modern." — Die Dame: „Wie schade! . . . Er ist sonst so hübsch!"
Sprottau, Wittenberg, Berlin wird auch jetzt Hagen genannt, wo 4 Zahlmeister vom Io. Infanterieregiment und dem Trainbataillon verhaftet sind, welche von der Hildes-: Heimer Filiale Wollank's Lieferungen für ihre Menage bezogen. Ueber den Militär- lteseranten Wollank wird demselben Blatte Folgendes mitgetheilt: „Wollank ist gelernter Landwirth hat als Jnspector auf Gütern conditionirt, kam dann nach Berlin und wurde bet der Omnibusgesellschaft angestellt. Es waren damals Veruntreuungen bet Verwaltungen der Depotinspectoren dieser Gesellschaft vorgekommen, bei denen Wollank m Mitleidenschaft gezogen wurde; indessen wurde ihm nichts nachgewiesen Von der Gesellschaft entlassen, nahm er eine Jnspectorstelle in Pommern an, kehrte dann nach Berlin zurück und ernährte sich längere Zeit kümmerlich von Commissions- geschaften. Als vor ungefähr 10 Jahren bei der Militärbehörde eingeführt wurde, daß
I ledes Bataillon die Lieferungen an einen Lieferanten übertrug, gelang es ihm die | Lieferungen für das Bataillon in Treuenbrietzen zu erhalten. Von einem Vorkost- handler, dem er einen Abschluß gemacht hatte, borgte er sich 300 dt, um die nöthige Kucheneinrichtung für das Treuenbrietzener Bataillon ausführen zu können. Erst allmälig bekam er die Lieferungen für viele andere Bataillone."
. f — ^Mittel gegen Frostbeulen.) Dr. Dyrenfurth giebt in der „Tägl. Rundsch." I folgende Rathschlage: „Gegen Frostbeulen haben wir eine Legion von angepriesenen | Mitteln — Beweis genug, daß ihre Heilkraft viel zu wünschen übrig läßt! Denn I auch nur einige davon wirklich so wunderbar hilfreich, so würde sich doch I Niemand noch nach anderen umsehen! Dem Einen hilft dies, dem Andern jenes
Und so wollen wir denn zu Nutz und Frommen unserer Leser eine Anzahl von Mitteln I auffuhren, welche sich in vielen Fällen als heilsam bewährt haben. Die Rothe an I er'wren gewesenen Nasen, Ohren und Wangen weicht beharrlichen Abreibungen mit
Kampferspiritus allein, oder mit einer Mischung von 12 Theilen des letzteren mit I eutem Theil Safrantinctur. — Für gründliche Heilung des Frostes empfiehlt man:
Ungegohrenes Vier, am besten Weißbier, wird bis zur Syrupsdicke eingekocht, dann | der erfrorene Theil damit bestrichen, lockere Baumwolle darüber gelegt und mit Leinen I verbunden, gleichviel ob die Frostbeulen offen sind oder nicht; das Mittel ist alle I Abende frisch aufzulegen. Die hart gewordene Salb? auf der Wunde soll durch warmes I Wasser erweicht und abgelöst werden. — Devergie's Salbe gegen Frostbeulen besteht I aus Fett, 30 Gramm, Kreosot, Bleiessig, Opiumtinctur 10 bis 30 Tropfen Morgens und Abends auf die angeschwollenen Theile zu streichen und mit etwas Leinwand zu befestigen. Schlesier empfiehlt heiße Umschläge von geriebenem Schwarzbrod, Essig und
I ie.nach der Masse 2—4 Loth gepulverten Alaun zu einem Brei gekocht, diesen auf I Leinwand gestrichen und so heiß, wie er vertragen werden kann, über den erfrorenen I Theil zu schlagen und so oft er abgekühlt ist, zu wechseln und damit 8—16 Stunden I '^nosgesetzt fortzufahren. — Ein sehr gerühmtes Waschwasser gegen nicht aufgebrochene Frostbeulen an Händen und Füßen besteht in einer Abkochung von 2 Pfund Eichen-
I rinde mit 10 Pfund Wasser bis auf ein Drittel eingekocht, mit Zusatz von 2—4 Loth I Alaun. Dies Mittel soll im Spätherbst sogleich angewandt werden, sobald das erste
Jucken entsteht; täglich 2 bis 3 Bäder V2—3/< Stunden lang zu brauchen. — Ein- I Reibungen von Petroleum allein oder mit der Hälfte Terpentinöl vermischt bei alten I Frostballen; bei frischen und schmerzhaften Umschläge von Bteiwasser. — Bei rothen
Händen Bäder in einprocentiger Carbollösung, wochenlang fortzusetzen, doch muß die Haut noch unverletzt sein, da sonst Carbolvergiftung entstehen könnte. — Ein in Süddeutschland mel angewandtes Geheimmittel hat die württembergische Regierung dem Pastor Mahler vor langen Jahren abgekauft; seine Hauptbestandteile sind: Ochsen- und Schweinefett je 1 Pfund, mit 4 Loth Eisenoxyd gekocht, sodann geklärt, 4 Loth Serpentin und 1 Quart Bergamottöl zugesetzt; damit die kranken Theile ein- bis zweimal täglich zu belegen. — Bei offenen Geschwüren Zinksalbe auf Charpie gestrichen Vielleicht wird aus dieser Blumenlese von Heilmitteln eins oder das andere wirklich
I heilen! (Frkf. Z.)
I — sKannibalen.) Das nahe der Stadt Spandau gelegene Gut Karolinenhöhe I ist am Montag Nachts der Schauplatz einer Blutthat gewesen, wie sie entsetzlicher kaum gedacht werden kann. Am Montag wurde in Tegel eine größere Anzahl Arbeiter entlasten, die sich daraus nach allen Richtungen der Windrose zerstreuten, um anderweitig Unterkommen zu suchen. Einer dieser Leute hatte die Absicht, sich nach Potsdam zu begeben und er langte auf dem Wege nach dorthin am Abend in später Stunde beim Gaftwirth Eckart in den Weinbergen an. Er trank dort eine kleine Quantität Branntwein und fragte an, ob er nicht über Nacht bleiben könnte. Auf die verneinende Antwort entfernte sich der Fremde. — Am Dienstag früh wurde nun in einer Entfernung von etwa 200 Schritt vom Gutshofe auf freiem Felde in der Nähe einer Heurniethe der unbeschreiblich entstellte Körper eines Mannes gefunden. Der Kopf war in eine unförmliche Masse umgewandelt. Auf der rechten Seite des Vorderhauptes befindet sich eine mehrere Zoll lange Wunde, aus welcher das Gehirn hervortrat. An verschiedenen anderen Stellen des Schädels sind gleichfalls tiefe, mit einem scharfen Instrumente hervorgebrachte Eindrücke. Die Nase und die Zähne sind buchstäblich aus ihrer natürlichen Lage gerückt und in den Kopf hineingepreßt. Einen gleich schrecklichen Anblick gewährte der ganze Körper des Unglücklichen, der, von aller Kleidung entblöst und mit Schmutz bedeckt, dalag. Er zeigte an allen Stellen unzählige Bißwunden und Schrammen, die ihm augenscheinlich von Hunden beigebracht waren Diese hatten ihm auch die Kleider vom Leibe gerissen, die, in tausend Stücken zersetzt auf dem Felde lagen. Nur die Stiefel bedeckten noch die Leiche. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Nachricht von dem grausigen Funde auf dem Gute und gelangte auch bald nach Spandau. Die sofort nach den unmenschlichen Thätern angestellten Recherchen waren von Erfolg. Es wurde alsbald ermittelt, daß sich zu derselben Zeit als der fremde Arbeiter, welcher mit Mühe in der Leiche wiedererkannt wurde, in den Eckart'schen Gasthof einkehrte, der Kutscher und der Gärtner aus Karolinenhöhe daselbst befanden. Dieselben hatten, da der Reifende ein Nachtlager nicht erhielt und sich entfernen mußte, geäußert, er solle nicht in die Mieten kriechen, sonst würde es ihm schlecht bekommen. Auf,Grund dieser Kenntnis; wurden die beiden, welche angesichts der sich in dem Dorf abspielenden Vorgänge ruhig ihre Arbeit verrichteten, verhaftet und nach Spandau trmisportirt. Die Leiche wurde nach der Obductionshalle auf dem hiesigen Communalkirchhof geschafft, wo die Section stattfand. Die beiden Gutsleute wurden vorher der Leiche gegenüber gestellt und räumten ein, den Unglücklichen, der trotz der Warnung in einer Miete Schutz vor der Nacht gesucht hatte, daraus hervorgezogen und gemißhandelt zu haben. Sie hätten sich dabei aber keines scharfen Instrumentes bedient, sondern ihn nur mit ihren Stiefelabsätzen bearbeitet. Dann haben sie, wie feststeht, zwei sehr bissige Hunde vom Gutshofe auf den Aermsten gehetzt. Die Unholde trugen bei dem Anblick ihres Opfers eine cynische Ruhe zur Schau.


