24 Donnerstag den 29. Januar 188»
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil.
Bekanntmachung.
®n(tb,m durch Entschließung Großherzoglichen Ministerium» de» Innern und der Justi» vom 21. Januar L I. der Militärbrenft- unb Auüsteuer- Versicherungs-Gesellschaft für Deutschland „Hannover»" in Hannover die Trlarchniß zum Geschafttbelneb im Großherzogchum Hessen ertheitt worden Ist, Io wirb die« hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht. - ..nnl. .
Gießen, am 26. Januar 1885. Großherzogliche» Krersamt Gießen.
0 vr. Boekmann.__
Politische U-b-rsicht.
Gießen, 28. Januar.
In Berlin fand am Sonntag eine Sitzung de« Aurfchufse« de« Lentralverbande« deutscher Industrieller stall, welcher angesehene Mitglieder de« Verbandet au« allen Theilen Deutschland«, auch au« dem Elsaß beiwohnten. Die Versammlung nahm in Bezug auf die dem Reichstage vorliegenden Anträge, betreffend die Lu«dehnung der Arbeiterschutz-Gesetzgebung, eine Resolution an, welche die Bereitwilligkeit der deutschen Industrie au«spncht, da« Loo« der arbeitenden Klaffen mit bessern zu Helsen, e« dabe. aber al« gleichmäßig den Interessen der Arbeitgeber wie der Arbeiter zum Schaden entgegenlaufend bezeichnt wenn nach dieser Richtung hin im Reichttage fortwährend gesetzgeberische Versuche ohne genügend- Vorbereitung und Berücksichtigung der bestehenden ver- schiedenen Verhältniffe unternommen würden. Die Resolution erklärt, daß der Aurschuß de« Lentralverbande« deutscher Industrieller e« für unumgänglich nothwendig Halle, vor Einbringung weiterer Vorlagen aus diesem Gebiete ein- »chende Erhebungen darüber anzustellen, ob und inwieweit zu solchen em prak- -ische« Bedürsniß vorliege, ob die Concurrenzsähigkeit der deutschen Industrie -uf dem Weltmarkt hierdurch beeinträchtigt und ob nicht da« wohlverstandene Interesse der Arbeiter selbst geschädigt werde. Al« wünschen«werth wird e» bezeichnet daß hierbei auch Arbeiter, welche für Familienangehärige zu sorgen haben, g-härt werden. Schließlich spricht sich die Resolution schon jetzt gegen tz'.e generelle Begrenzung der Arbeitrzeit erwachsener männlicher Personen au«.
Dir am Samttag und Sonntag in Frankreich stattgefundenen Senaltwahlen stnd nunmehr vollständig bekannt, und läßt sich au« den zur Kenntniß gelangten Resultaten entnehmen, daß die Wahlen bte republikanische Partei im Senate entschieden verstärkt haben. Bei den Senat«- wählen wurden den neuesten Depeschen zufolge 67 Republikaner und 20 Confer- native gewählt, die Republikaner gewannen 22 Sitze. In Pari» wurde Martin (rabkal) gegen Spuller (Opportunist) in ber Stichwahl gewählt. — Die Schlappe, welche Admiral Courbet bei seinem jüngst versuchten Angriffe aus Keelung erhalten hat, wird von der „Ag. Hao." al» unbedeutend dargeslellt. Da» osficiöse Blatt schreibt, daß nach cingelaufenen telegraphischen Berichten Cour» bei’« eine Abtheilung leichter afrikanischer Jnsanterie unvorsichtiger Weise versucht habe, die sehr starken Werke im Süden Keelung» zu nehmen und hierbei mit einem Verluste von 43 Mann an Tobten und Verwundeten zurückgeschlagen worden sei. Da» Treffen habe vor der am 10. Januar erfolgten Ankunst der Verstärkungen stattgesunden, welche in gutem Gesundheitszustände und nach glücklicher Fahrt gelandet worden seien. Englische Berichte sprachen allerdings von einem Verluste von 75 Mann, den die Franzosen bei dieser Affaire erlitten haben sollen; schließlich kommt e» aber nicht daraus an, ob der französische Verlust 43 oder 75 Mann beträgt, sondern es handelt sich um einen leichtsinnigen Angriff aus sehr stark- Werke, und daß ein solcher mißlingen mußte, hätte sich der fron- zösische Oberbefehlshaber wohl eher sagen können. Jedenfall» ist durch diese Schlappe da» Prestige der sranzösischen Waffen aus Formosa nicht erhöht worben.
Die militärische Action Italiens am Rothen Meere hat mit der Besetzung von Beilul bei Assab durch italienische Truppen ihren Anfang genommen. Wie Frankreich diesen Schritt ausnehmen wird — Frankreich recla- mirt bekanntlich Beilul für sich — bleibt noch abzuwarten, vorläufig handelt es sich darum, ob die italienische Colonialpolitik wirklich in den von den Regie- rungsvcrtretern im italienischen Parlamente gekennzeichneten engen Grenzen bleiben wird. Die von der „Neuen Fr. Presie" gebrachte Sensations-Nachricht, daß Italien die Türkei eventuell mit Waffengewalt verhindern würde, die Häsen am Rothen Meere zu besetzen, ist zwar inzwischen von der osficiösen „Agenzia Stefans wieder dementirt worden, immerhin ruht aber über den Absichten Italiens am Rothen Meere noch ein gewiffer Schleier. Mittlerweile hat das italienische Cabinet den Vorschlägen Frankreichs bezüglich Lösung der egyptischen Finanzkrisis zugestimmt, mit einziger Ausnahme der aus die Reduction der Zinsen der StaatSschuW sich beziehenden Punkte, wofür Italien eine vorübergehende Besteuerung vorschlägt. Auch wird UalienischerseitS die Bereitwilligkeit bekundet, an einer hinsichtlich dieser Frage zu veranstaltenden internationalen Enquete thellzunehmen und falls keine Einstimmigkeit hierin vorhanden fei, so solle dies die Ausführung der übrigen Punkte, über welche sich die Mächte geeinigt hätten, nicht hindern.
Die senifch-irischen Dynamit-Verschwörer entwickeln in der Verfolgung ihrer dunkeln Pläne eine merkwürdige Zähigkeit. Sie scheinen es förmlich daraus angelegt zu haben, die öffentlichen Gebäude u. s. w. der englischen Hauptstadt zu zerstören und erscheint es nur verwunderlich, daß diese
unheimliche Thätigkeit verhältnißmäßig so wenig Erfolg hat. Auch die in voriger Woche unternommenen Versuche, das englische ParlamentSgebäude und TheUe des Towers in die Luft zu sprengen, find mißlungen, wenngleich dort wie hier die Baulichkeiten starke Beschädigungen erlitten haben. Leider stnd aber diesmal eine Anzahl Personen bei der Explosion mehr oder minder schwer verletzt worden, darunter zwei Polizisten, deren Zustand hoffnungslos ist. Da im Parlamentsgebäude wie im Tower dem Publikum nur Samstags der Zutritt gestattet ist, so hätten die Folgen der bübischen Attentate leicht noch viel dekla- genSwerther sein können, da an beiden Orten viele Besucher versammelt waren, lieber die Urheber der Explosionen ist noch nicht» bekannt, zwei verdächtige Individuen, welche verhaftet wurden, sind wieder sreigelaffen worden. Da» eine Gute haben aber die jüngsten Verbrechen der senischen Dynamit-Strolche wenigsten» gehabt, daß sie die Einbringung eine» vom Senator Edward» ausgeardei- teten Gesetzentwurfes gegen den Mißbrauch von Sprengstoffen im amerikanischen Senat beschleunigt Haden. ___________________________
Deutschland.
—1. Darmstadt, 27. Januar. (Bwettc Kammer der Landflände.) Zu der Tagesordnung berfeutc zusammevgettetenev 2. Jtammcr war noch die B«avt»ortm>s dreier Interpellationen gesktzt worden und wurde deren erste, die de» Sbg. Stephan, die in Folge Verlegung de» Mainzer Bahnhof» eingettetenen Betrieb«- und Tarif- ändervngen bet«., von Großh Regierung dahin beantwortet, daß durch Weigerung einer betheiltgteu Bahn eine Herabsetzung de» Tarif« bi« jetzt nicht ermöglicht fei, die Hess. Ludwig«bahu aber von Seiten der Regierung die Ermächtigung erhalten hade, auf ihrer Strecke eine Tarifermätzigung etntreten zu lasten.
De Interpellation de« Abg. Arnold, bctr. die Erbauung einer Staatsstraße von Unreradtsteinach über Oberadtstrinach und Siedelsbrunn bi« auf die Kreidacher Höhe, ist dahin erledigt, daß die nöthigen Ermittlungen und Erwägungen, wie fie von den beiden Kammern gewünscht worden waren, baldthunüchst von der Regierung gemacht werden. Zuletzt versicherte die Regteruna, daß auch die durch die Interpellation Wolz, bett. die'Regulirung de« Mainfluste« bei Seligenstadt, angeregte Frage in Erwägung gezogen würde.
Die Kammer trat nun zunächst ein in die Berathung über die Wahl zweier Landtagsabgeordneten für die Provtnztalhauptstadt Mainz. Gegen den AuSschutzantrag, der, wie bekannt, auf UngültigkettSerkiLruns der Wahl geht, sprach man nur von ultra- montaner Sette und wurde nach erregter Debatte, an der sich die Abgeordneten W as s e r- burg, Pennrich, Franck, Racks, sowie die Abgeordneten Metz, Küchler, Hau- stein, Osann und Hetnzerltng betheiligten, der AuSschußantrag mit ollen gegen 7 Stimmen angenommen, indem von letzterer Seite besonder« auf die ^sikhende Gesetzesbestimmung hingewiesen wurde, wonach nur hessische Staatsbürger wahlberechtigt sind. Der Ausschußantrag bezüglich der Wahl eine« LandtagSadgeordneten sür den 3. Wahlbezirk der Pcovtnz Od«rheflen (Butzbach-Bad-Nauhrim) wurde ohne wAvt- liche Debatte angenommen und sonach in Erwägung, daß bet der Vornahme der Wahl verschiedene Verstöße gegen gesetzliche Vorschriften geschehen seien und doS Resultat der Wahl bei Befolgung der gesetzlichen Vorschriften möglicherweise ein andere« »ewordm wäre — die Wahl der Wahlmänner und de« LandtagSadgeordneten für den 3. Bezirk der Provinz Oberheffen für ungültig erklärt und Großh. Regierung ersucht, baldmöglich eine Neuwahl der Wahlmänner in den betreffenden G-meivdev, bezw. de» Laad- tagSabgeordneten fflr den gedachten Wahlbezirk avzuderaumen. . _
Sämmtliche übrigen Wahlen wurden einstimmig für gültig erklärt und schloß der Präsident die Sitzung mtt der Mtttheilung, daß Donnerstag den 19. Februar der Zusammentritt der Kammer zu erwarten stehe.
Hesterreich.
Wien, 27. Januar. Vor ber Eröffnung bet heutigen Vorstellung im Theater an bet Wien entjünbeten sich einige Balken bei ber Luftheizung unter dem Fußboden. Angesicht« bes Publikum» würben bie Fußboden-Bretter weg. gerissen und da» Feuer gedämpft. Da» Publikum rührte sich nicht vom Platz und die Vorstellung fand ungestört statt. (Frkstr. Zig)
Berlin, 27. Januar. fReichStag.f Im Reichstag- wurde «etile bl. «e. rathung der Zölle und Verbrauchssteuern mit der Branntweinsteuer sortges-rr «« lagen hierzu eine Resolution des Abg. Buhl Gatlib) »"d^n Antrag de» «bg llhdm (conf.) oor. Ersterer wünscht die schleunige Vorlegung eine» Gesetz-Entwurfs Oder die Erhöhung der Branntweinsteuer, in dem die Jrstereffen besonder«- der kl inen land wirihschasttichen Brennereien eine entsprechende «erückstchtigung finden, L-tztererbean tragt die Verlängerung der Frist für die entrichtung der Brann weinfteuer stü da« BetriebSjahr oom 1. September 1884 bl» ebendahin 1882 ® “ ’ htfielbm wie d"
Antrag Höben wurde denn auch nach einer aursührlichen Grönnung desse ben^wie: b er Position überhaupt, woran sich außer den «ntragft-llern d>- »bgeordne,en Lir,chI,t Fürst Hatzseldt, p. Schalcha, Heine und o. «ardorff betheiiigien, au die Budget-Eom- misston überwiesen, während über die Resolution, die derselbe mtt Htnwei« aus die schwierige finanzielle Lage der Reichsfinanzen begründete, erst bei der 3. Lesung gro6™6en4 wü^; a6e5t die Beibehaltung derselben mit einer ZuschlagSsteuer würde


