stärksten parlamentarischen Partei die Situation trotz seines Sturzes mehr oder weniger beherrscht, so kann man das neue englische Cabinet getrost als em solches von „Gladstones Gnaden" bezeichnen. Aus einem von Gladstone im Unlerhause verlesenen Schriftenwechsel zwischen ihm und Salisbury geht hervor, daß Gladstone nur allgemeine Versicherungen gegeben, dagegen im Einzelnen bestimmte Zusagen versagt hat und dies besagt deutlich, daß Salisbury und sein Ministerium nicht auf Rosen gebettet sein werden.
Auf der Pyrenäen-Halbinsel scheint die politische Ruhe jetzt am längsten gedauert zu haben. Wenngleich die drohende Ministerkrisis einstweilen als beseitigt erscheint, so gllt doch die Stellung des Cabinets Canovas dell Castillo als bedenklich erschüttert und man hält seine Ersetzung durch ein liberales Ministerium nur für eine Frage der nächsten Zeit. In der spanischen Hauptstadt selbst ist die Stimmung nach wie vor eine unbehagliche und durch den Umstand keineswegs verbessert worden, daß König Alfonso das Gesuch des Delegirten des Madrider Handelsstandes um Aufhebung des Deeretes wegen Ausbruchs der Cholera in Madrid abschlägig beschießen hat. Vielleicht ist diese Stimmung auf den Entschluß des Königs, von der Reise nach Murcia Abstand zu nehmen, von Einfluß gewesen, statt seiner sind nun die Minister Canovas del Castillo und Römers nach den von der Cholera verseuchten Provinzen abgereist.
In Italien laborirt man noch immer an der Ministerkrisis. Dieselbe dürfte indessen am längsten gedauert haben, da der bisherige Ministerpräsident Depretis in der Mittwochssitzung der Deputirtenkammer die Erklärung abgegeben hat, daß er vom König mit der Bildung eines neuen Cabinets betraut worden sei und daß er diesen Auftrag angenommen habe. Von der Kammer ist das Budget der öffentlichen Arbeiten und das Einnahmebudget genehmigt worden. Die Opposition betheiligte sich an der Abstimmung.
Zwischen Rumänien und Frankreich drohen in handelspolitischer Beziehung Mißhelligkeiten. Eine Depesche aus Bukarest meldet, daß der dortige französische Gesandte, Ordega, den Protest seiner Regierung gegen die Weigerung der rumänischen Regierung, das seit mehreren Jahren Frankreich gegenüber bestehende Handelsregime fortzusetzen, erneuert habe.
* Die egyptische Frage ist bezeichnender Weise der erste Gegenstand, mit welchem sich das neue englische Cabinet nach außen beschäftigt. Rach einer Meldung der „Morning-Post" soll sich Drummond Wolff demnächst als außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister Großbritanniens nach Egypten begeben, ohne Zweifel, um über die gesummte augenblickliche Lage in Egypten seiner Regierung Bericht zu erstatten. Von letzterem wird es abhängen, welche Politik das conservative englische Ministerium im Pharao- nenlande einzuschlagen gedenkt.
Die Selbstentzündung des Heues.
(Nachdruck verboten.)
Von vielen Seiten ist die Möglichkeit der Selbstentzündung des Heues oder des Grummets angezweifelt und als Fabel bezeichnet worden. Und doch ist das keineswegs unmöglich.
Es ist Thatsacke, daß jenes Heu, welches im feuchten Zustande eingebracht und zu großen Haufen aufgeschichtet wird, in eine Art Gährung übergeht, welche von einer ganz beträchtlichen Wärmeentwickelung begleitet ist.
Wenn nun eine freiwillige Zersetzung feuchten Heues und als Folge derselben eine bedeutende Wärmeentwickelung als wohl eonstatirt angenommen werden muß, so läßt sich auch denken und behaupten, daß, wenn der größte Theil des im Futter enthaltenen Wassers verdampft ist, durch fortgesetzte Sauerstoffanziehung und Verwesung unter besonders günstigen Bedingungen Die Hitze bis zur Entflammung gesteigert werden kann. Diese fortwährende uno immer mehr und mehr zunehmende Zersetzung des Heues ist eine Art Verkohlung zu nennen. Alle nun auf solche Weife entstandenen kohlenartigen Massen erlangen, ähnlich anderer Kohle, z. B. mancher Torfkohle oder mit Kohle gemengter Torfasche oder mit fein zertheiltem Schwefelkies gemengter Steinkohle oder Braunkohle, vermöge großer Porosität und der eingemengten, zur raschen Sauerstoffanziehung und Oxydation geneigten Stoffe, die Eigenschaft eines Pyrophors, und dann werden sich diese Stoffe bei ungehindertem Zutritt von Luft auf ihrer Oberfläche in so hohem Grade verdichten, daß dadurch die ganze Masse in's Glühen kommt und bei etwa entstehendem Luftzuge, sei dies hervorgerufen durch das Oeffnen von Thüren oder Fenstern oder sonst dergleichen, in Hellen Flammen verbrennt.
, Das Vorhandensein solcher Feuerherde in Scheunen wird sich stets wochenlang vorher durch einen brenzlichen Geruch kennzeichnen. An der Außenseite dieser Heulager ist bislang selten eine Temperaturerhöhung wahrzunehmen gewesen und hat auch eine Farbeveränderung des Heues an der Oberfläche des Hansens niemals statt- tzefunden.
Nachstehender Fall dürfte zur weiteren Aufklärung erheblich beitragen. Bei einem Heulager eines Rittergutes, in dessen Innenseite man eine obengedachte Vermahlung, bezw. Entzündung vermuthete, erlangte man folgende Thatsachen:
Der in Frage stehende Heuhaufen hatte einen Umfang von ca. 8 Meter Höhe, .3 Meter Länge und 6 Meter Tiefe, und zwar war das Heu zwei Monate vorher in -anscheinend vollständig trockenem Zustande geerntet worden.
Gelegentlich einer Revision des Heuhaufens, also zwei Monate nach der Ernte, schwitzten die oberen Halme so stark, daß förmliche Tropfen an den Halmen hingen.
Das Abrämnen wurde nunmehr vorgenommen und zwar hob man die schwitzenden Partien bis zu einer Tiefe von V2 Meter ab. Schon hier gelangte man auf
trockenes, sehr warmes Heu. Bei dem Abräumen von der Seite des Haufens hin hatte sich schon bei V* Dieter Tiefe eine nach innen zunehmende Wärme bemerkbar gemacht. Der Geruch, welcher bei den Räumungsarbeiten dem Heuhaufen entströmte war ein stark brenzlicher. In einer Tiefe von % Meter kamen plötzlich einzelne fünfen zum Vorschein. Die Räumungsarbeiten konnten nun nur unter beständigem Zugießen von Wasser fortgesetzt werden und trotzdem war es nicht zu verhindern, daß im Freien iviederholt die offene Flamme aus dem Heu hervorschlug.
Die Arbeiter konnten kaum einige Minuten in der Scheune verbringen, da sie in Folge der heftigen Gasausströmung, wahrscheinlich von Kohlenorydga^ fortgesetzt dem Ersticken nahe waren.
Der Zustand solcher glühender Heumassen ist der einer wirklichen Koble mit Erhaltung der Struktur. Jedes Grasblättchen, jede Blüthe und Knospe, ist deutlich zu erkennen. Zerreibt man diese Gras-, bezw. Heukohle auf weißem Papier, io wird dasselbe schwarz gefärbt.
Zur Bildung von Heukohle ist eine Temperatur von 300 Gr. erforderlich und es muß demnach in jedem selbstentzünderen Heuhaufen eine Temperatur in der besagten Höhe vorhanden gewesen sein.
Diese hohe Temperatur im Innern des Haufens, deren Entstehungsbeginn offenbar in Gährungsvorgängen, und deren weitere Steigerung in fortschreitender chemischer Umsetzung der Bestandthcile des Heues begründet ist, wird nur verständlich, wenn man im Auge behält, ein wie unendlich schlechter Wärmeleiter dicht gesetztes Heu tfr, und namentlich wenn man bedenkt, daß in Folge dessen im Innern eines solchen Haufens fast sämmtliche durch die Zersetzung frei werdende Wärme sich anhäust, daß fort und fort nur Wärme zugeführt, daß aber nirgends sie abgeleitet wird.
Es ist deßhalb von größtem Werthe, wenn nur vollständig trockenes und ebenso vollständig gedörrtes Hell geerntet wird unb zur Aufschichtung gelangt. Wie viele Schadenfeuer mögen schon auf diese Weise entstanden sein, als deren Ursache man böswillige Brandstistung zu Gruilde gelegt hat.
Wenn auch nicht in allen Fällen derartige Schadenfeuer eiltstehen, so ist doch immerhin die größte Vorsicht bei der gegeilwärtig stattfindenden Heuernte zu empfehlen.
Endlich sind sofort bei bemerkbar werdendem brandigen Gerüche in den Scheunen die erforderlichen Maßregeln zu treffen, so daß ein Aufgehen des Feuers rechtzeitig verhütet werden fnnn. Das Abräumen der Heuhaufen darf nur unter beständigem Uebergieße mit Wasser vorgenommen werden, da sonst zu leicht die glühenden Heu- halme in Heller Flamme verbrennen.
Uebrigens ist die Gefahr einer Selbstentzündung nicht nur für feuchtes Heu vorhanden, sondern sie besteht auch für alle Stroharten, sobald diese in nassem Zustande in Scheunen aufeinander gehäuft werden unb ber Eingangs erwähnte Gährungs- unb spätere Verkohlungs-Proeeß ungehinbert staitfinben kann.
Also nochmals Vorsicht! Sicheres Merkal ist einzig unb allein nur ber wochenlang vorher sich bemerkbar machende brandige (brenzliche) Geruch. E. W.
Vermischtes.
Frankfurt, 22. Juni. Das Interesse des Tages bildet hier, wie man ohne Uebertreibung sagen darf, der nächsten Montag vor devl Schwurgerichtshofe beginnende Proceß gegen den Schustergefellen Julius Lieske aus Zossen. Er ivird indeß nur für wenige Auserwählte zugänglich sein, da Niemand den Saal ohne Karte, die nur persönlich giltig ist, betreten darf, ans Furcht, es möchte möglicherweise um anarchistisches Attentat versucht werden. Infolge dieser Befürchtung wird das iLchwlKtzerichtsgebälldc sowohl, als auch die daran stoßenden Gebäulichkeiten eine Besatzung von Schutzleuten erhalten, während die Straßenzugänge von mehreren Zügen Infanterie abgesperrl werden sollen. Unter starker Bedeckung wird derjenige, um deswillen der ganze, große Apparat von Beamten. Bürgern und Soldaten in Bewegung gesetzt wird, dem Assisen- gebäude zugeführt werden, wo er des zum Beginne der Sitzung in dem Jnkulpaten- stüblein Aufnahme finden wird, dasselbe gleicht an diesem Tage einer Wachtstnbe, denn es wird von einer Abtheilung Schutzleute, die ebenso wie die übrigen im Hause ocr- theilten Sicherheitswachleute unter dem Commando zweier Cornmissare stehen, occupiN werden. Zeugen marschiren nicht weniger wie vierundfünfzig auf, während zwei Dutzend Berichterstatter an den für sie bestimmten Tischen Platz finden werben. Einer dieser Herren von der Presse, ein Berliner, welcher das Neuigkeitsbedürsniß der Vcfer- weit en gros befriedigen zu wollen scheint, hatte auch eine Druckerpresse als stummen Gast angemeldet, doch wurde ihm die Einführung dieses Mitarbeiters aus leicht begreiflichen Gründen ebensowenig gestattet, wie die Einsichtnahme der Anklageacte, bic bis zum Tage ber Verhandlung unter Schloß unb Riegel gehalten wird. Den Vorsitz bei der Verhandlung führt der hierorts vortheilhaft bekannte Landgerichtsdirector Dr. Leykauf, die Staatsanwaltschaft vertritt ihr erster Chef Herr Dr. Frehsee unb den Angeklagten vertheibigt Herr Dr. jur. Fester.
Wehlheiben, 23. Juni. Daß bie Dummen nicht alle werden, beweist folgender ergötzliche Vorfall, der zur Genüge zeigt, wie sehr der Aberglaube noch eine Rolle spielt. Zu einem hiesigen Metzgermeister, der sich durch seinen urwüchsigen Humor auszeichnet, kam vor einiger Zeit eine Frau und klagte über heftige Zahnschmerzen. „Das verursacht mir keine große Mühe, liebe Frau, die Krankheit zu versprechen unb die Schmerzen zu lindern", entgegnete der biedere Schlachter, indem er das treuherzigste Gesicht von der Welt machte, „nur müssen Sie alles dasjenige, was ich Ihnen vorsage, wiederholen und meinen Anordnungen genau Folge leisten." Wie gesagt, so geicheben. Jetzt begann die (Zeremonie. Es wurde eine Anzahl spiritistischer Worte gewechselt unb dem armen Frauenzimmer außer Schweigen für einige Zeit noch eine Schwitzkur verordnet. Dies alles befolgte die Gläubige getreulich. Den Gruß ihrer Nachbarn erwiderte sie nur mit stillem Kopfnicken unb als ihr Mann zu Hause anlangte, bedeutete sie denselben nur» durch Zeichensprache, so daß ihr Ehegemahl ob dieses sonderbaren Benehmens wie aus den Wolken gefallen war. Endlich öffnet die theure Ehehälffc wieder ihren Mund und erzählte ihrem Gatten das Vorkommniß. Dieser, mit Rcäil erbost über die Dummheit seiner Gattin, machte derselben Vorwürfe. Sie erwiderte aber falt: „Hör uff — s hodd geholfen!" So geschehen im Jahre des Heils 188a. Ta nun diese Kur unzweifelhaft den gewünschten Erfolg gehabt hat, so möchten nm allen Denjenigen, welche an dem vermaledeiten Zahnschmerz leiden, empfehlen, lenen Helfer in der Noth zu confultiren, sie werden dann sicherlich sich bald von einem Saulus zu einem Paulus bekehren. Veritas! _
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