Ausgabe 
27.9.1885 Drittes Blatt
 
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können, so haben diese noch andere Fuhrleute zu Hülfe zu nehmen. Die Fuhr­leute sind gehalten, dafür zu sorgen, daß die Straßen durch herabsallenden Koth ic. nicht neuerdings verunreinigt werden.

S 13;

Die Fuhrleute sind verbunden, den gewöhnlichen Hauskehricht bezw. Hausabfälle aller Art ohne Anspruch auf besondere Vergütung mitzunehmen. Dieselben sind in der in § 2 erwähnten Art auszubewahren und zur Abholung durch die Fuhrleute bereit zu halten.

S 14-

Die Fuhrleute dürfen den ausgeladenen Koth rc- nur auf die ihnen dafür besonders angewiesenen Plätze bringen.

S 15-

Zuwiderhandlungen gegen obige Bestimmungen unterliegen der in § 366, pos. 9 und 10 des Neichsstrasgesetzes bezw. Art. 114 und 120 des Polizei- Gießen, am 10. November 1879.

Großherzogliche Polizeiverwaltung Fr e s '

SS. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte.

(Schluß.)

E. C. Straßburg, 22. September.

In der 2. öffentlichen (Schluß)-Sitzung sprach, wie ich bereits mitgetheilt, Herr Professor Virchow über dieAcclimatisation". (Zs habe lange gedauert, so etwa be­gann Redner, bis die coloniale Bewegung des 15. und 16. Jahrhunderts zum wissen­schaftlichen Studium gemacht worden sei. Im vorigen Jahre sei die interessante Er­scheinung zu verzeichnen gewesen, daß in Verbindung mit der Colonial-Ausstellung zu Amsterdam zum ersten Male ein colonialer Eongreß getagt habe. Es sei auch Sache der Staturforscher und Aerzte, und zwar unabhängig von der Frage, ob die von der Reichsregierung eingeschlagcne Colomalpolitck nutzbringend sei oder nicht, dieser neuen Bewegung nicht thatenlos gcgenüberzustehen, und namentlich sei es ihre Aufgabe, über die Acclimatisation wissenschaftliches Licht zu verbreiten. Der erste Mann, der leit Hippokrates versucht habe, die Punkte aufzufinden, wie sich die gegenseitigen Acclima- ttsationsverhältnisse zu einander verhalten, sei der Venetianer Prosper Albini gewesen, welcher über die Verhältnisse in Egypten geschrieben habe. Trotz der modernen An­schauung vom Cosmopolitisnms des Menschen, sei die von Hippokrates ausgestellte Theorie, daß das Klima mit gestalten helfe, daß die physische Beschaffenheit des Menschen durch Wasser und Luft bestimmt werde, noch heute in Geltung.

Redner kann sich mit der von Weißmann ausgestellten Sclectionstheorie nicht be­freunden, und befürwortet ein engeres Zusammengehen der einzelnen naturwissenschaft­lichen Disciplinen. Den Ausführungen Weißmann's entgegentretend, stellt Redner die Behauptung auf, daß erworbene Eigenschaften krankhafter Art sich vererben und sucht seine Behauptung an der im Elsaß wohlbekannten Familie Rohan, bei deren Mit- gliedern sich mitten im Haupthaar ein weißes Haarbüschel befinde, zu erweisen. Komme Jemand in ein neues Klima, so müsse sein Organismus sich erst den neuen Verhält­nissen anpassen, bis er sich behaglich fühle. Das sei nichts Rems und schon vor Dar­win bekannt gewesen. Franzosen hätten in der Untersuchung der durch den Klima­wechsel bedingten Eonsequenzen viel Löbliches geleistet, leider aber über die Vorbeding­ungen der betreffenden Krankheiten keine Anhaltspunkte zu geben gewußt. Gerade dies sei aber das viel Wichtigere und Interessantere. Ebenso wenig wüßten wir etwas über Rassenentstehung. Wir wüßten iticht, ob unter deut Einfluß der Sonnenstrahlen in tropischen Ländern der Weiße zum Sieger oder letzterer, nach den Polargegenden ver­setzt, zum Weißen werde.

Welche Acclimatisationsfähigkeit hat nun der Weiße vom historischen Gesichts- punkte aus gezeigt -' Wenn man von der Einheit der Menschenentstehung absehc, so zeigten sich selbst unter den weißen Völkern zwei abgegrenzte Glieder: Die Semiten und die Arier, von denen die ersteren viel acclimatisanonssähiger seien, während unter den letzteren die Südeuropäer größere Acclimatisationsfähigkeit besäßen als die Rord- curopäer. So lebten beispielsweise die spanischen Colonisten auf den Antillen unter- viel günstigeren Verhältnissen als die französischen und englischen in der gleichen Region, ein Umstand, der sich aus der Völkervermischung erklärte. Ueberhaupt seien die Misch- rasfcn und namentlich diejenigen semitischer Abstammung in höherem Maße befähigt, sich neuen Verhältnissen besser zu accomodiren als die reinen Arier.

Nordamerika zeige insbesondere interessante Erscheinungen. Während unsere deutschen Auswanderer allmälig in dem großen Strome verschwänden, hätten sich die Franzosen in Canada gut acclimatisirt und ihr Stammesbewußtsein sich bewährt, das ja bei dem jüngsten mißglückten Mischlings-Ausstande Louis Ricl's zu Tage trat. Da­gegen seien sie in Algier wie die Fliegen dahingcstorben. Der yjanfee, der coloni- satorisch entstanden, weiche auch physiologisch vom Engländer nicht unwesentlich ab. Hauptbedingung einer prosperirenden Colonisation sei aber die Entwicklung des Familienlebens. Wenn die Eingewandcrten keinen neuen Zuzug aus der Heimath mehr erhalten und nur auf die im Lande Geborenen angewiesen sind, so gehen sie in

strasgesetzes angedrohten Strafe. Außerdem haben die Zuwiderhandelnden, wenn die von ihnen veranlaßten Mißstände auf Anordnung der Loc.alpolizei- behörde durch andere Personen beseitigt werden, die hierdurch entstandenen Kosten zu tragen. Diese Kosten werden auf dem Verwaltungswege von den Schuldigen beigetrieben.

$ 16.

Die Bestimmungen A. I. und B. b. II. des Localreglements vom 8. October 1856, das Polizeistrafgesetz insbesondere Reinhaltung und Wegsamkeit der Ortsftraßen betreffend (Nr. V. der Sammlung), insoweit sie sich aus die Provinzialhauptstadt Gießen beziehen, und das Localreglement vom 2. November 1867, sind ausgehoben.

§ 17.

Dieses Localreglement tritt mit dem 1. December 1879 in Kraft.

der Provinzial-Hauptstadt Gießen.

n i u s.

dem allgemeinen Gemisch unter. Das sehe man bei den Engländern in Indien und den Holländern in Java.

Redner geht noch auf die Zeit der Völkerwanderung zurück und zeigt, wie die Gothen in Italien nach 100 Jahren fast spurlos verschwunden waren und wie sich von den Langobarden nach mehreren Jahrhunderten kaum noch erkennbare Spuren vor- gcfunden hätten. Italien und Spanien sei daher wohl faum für die Nordländer ein Feld, das eine erfolgreiche Besiedelung verspreche. Ein Hauptfeind der Acclimatisation sei die unter der Bezeichnung Anämie der Tropen bei einer Reihe von Krankheits­erscheinungen nachgewiesenen Blutsabnabme. Auch bestehe im tropischen Klima große Neigung zu Leberkrankheiten. Alle diese Krankhcitscrscheinungen zu untersuchen, sei die hohe Aufgabe und Pflicht der deutschen Wissenschaft. Wenn diese Untersuchungen abgeschlossen vorlägen, könne man erst zu einem abschließenden Urthcil über Colonial- wesen und Acclimatisation gelangen. Die große Masse der Auswandernden kümmere sich nicht viel nach Acclimatisation, sondern stürze sich leichtsinnig in die Gefahren, ebenso wie der Hungrige über den Schinken herfalle, ohne viel nach Trichinenunter­suchung zu fragen. »

Redner geht nun zu der Frage über, was man von der Colomsatton erhoben und erwarten dürfe. Unsere Auswanderer dürften vor allen Dingen keinen Gefahren ausgesetzt werden, der Drang nach Neu-Guinea habe viel Aehnlichkeit mit dem int vorigen Jahrhundert herrschenden nach Eaycnne. Tausende und Abertausende habe man nach Cayenne geschleppt und die darin Uebriggeblicbenen könne man sozusagen an den Fingern herzählen. Heute zöge man es allerdings vor, die Schönheiten jenes Gebietes auf Photographien zu bewundern und die Reise dorthin Denen zu überlassen, die dort ihreethnologische Provinz" hätten. Heute sei es Pflicht, fremde Gebiete pi durchforschen und wissenschaftliche Erfahrungen zu sammeln, um die geeigneten Länder- striche für eine gedeihliche Besiedelung ausfindig zu machen. Freilich dürfe man auch nicht verhehlen, daß hie und da Colonien auch ohne wissenschaftliche Bcthülfe gegründet wurden und in prosperirender Entwicklung begriffe» wären und erinnert Webner in dieser Hinsicht an diepetits bknes auf Reunion, Reste einer vor langer Zeit dort- selbst gegründeten Colonie. Das seien aber nur Ausnahmen.

Die Wissenschaft habe die Bedingungen festzustellen, unter denen unsere Rasse in tropischen Gebieten leben kann, und Redner weist auf die hohe Wichtigkeit eines derartigen wissenschaftlichen Vorgehens hin, indem er zeigt, wie gerade das Elsaß unter den französischen Colonisationsversuchen in Algier so schwer zu leiden gehabt. Aber trotzdem fordere diese leichtsinnige Colonisation aus den Reihen der Elsässer immer noch neue Opfer. Es sei das wie ein Feuer, dem immer neuer Brennstoff zu­geführt werde. Tie Behauptung, daß es den Elsässern, die sich in Algier zu Eolo- nisationszwecken niedergelassen, jetzt besser gehe, sei einfach nicht wahr, und die Un­fähigkeit des Elsässers zur Colonisirung Algiers brauche leider nicht mehr bewiesen zu werden; dieselbe ist durch die erschreckende Ucberhandnahme der Sterblichkeit deutlich genug vor Augen geführt.

Wenn ich daher", so schließt Redner unter dem Beifall der Versammlung, durch meinen Vortrag, der, wie ich hoffe, aus diesen Hallen ja hinaus in's Land gehen wird, meine elsässischen Landsleute zu bestimmen vermocht, lieber in der Heimath ihre Familien zu gründen und zu ernähren und hier für das leibliche und geistige Wohl ihrer Kinder zu sorgen, so halte ich diese Stunde für feine verlorene."

Heute haben sich die Theilnehmer am Staturforscher- und Aerzte-Congreß wieder in alle Winde zerstreut, die hier gewonnenen Anregungen in ihrem heimathlichen Wirkungskreise 'zu verwerthen.

Wenn die Anwesenheit einer so zahlreichen Schaar illustrer Männer aus allen deutschsprechenden Landen in der elsaß-lothringischen Hauptstadt dazu beigetragen bat, das Stammesbewußtsein der Elsaß-Lothringer zu kräftigen und daS Verständniß und das Interesse der Bevölkerung der Reichslande für die Bestrebungen des Congresses zu fördern, so hat die 58. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte ihre fried­liche und erhabene Mission in vollem Maße erfüllt.

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