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Nr. L§2.
Dienstag den 27. Juli
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ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Bad Gastein, 26. Juli. Die gestern Abend beabsichtigte Spazierfahrt und die heutige Morgenprornenade des Kaisers Wilhelm mußten des eingetretenen Regens wegen unterbleiben. Heute Vormittag 11 Uhr nahm der Kaiser an dem in der evangelischen Kirche von dem Ober - Hofprediger- Kögel abgehaltenen Gottesdienste Theil. 8ur kaiserlichen Tafel haben heute der deutsche Botschafter in Paris, Fürst Hohenlohe und der Cardinal-Fürstbischof von Olmütz, von Fürstenberg, Einladungen erhalten. . , L , , .
Mürechen, 26. Juli. Der „Allgemeinen Zeitung" zufolge wurden bei der gestern zur Vorfeier des Geburtstages des Königs abgehaltenen Festsitzung der Akademie der Wissenschaften u. a. zu außerordentlichen Mitgliedern derselben ernannt: Der Bergrath Römer in Breslau, der Botaniker Müller in Melbourne, der Historiker Burkhardt in Basel, und zu correspondirenden Mitgliedern: Der Philologe Härtel in Wien, die Physiologen Hensen in Kiel und Kühne in Heidelberg, der Chemiker Fittig in Straßburg und der Justizrath Stobbe in Leipzig.
Wien, 26. Juli. Gegenüber den Zeitungsnachrichten über eine bevorstehende Begegnung des Fürsten Bismarck mit dem Grafen Kalnoky sagt das „Fremdenblatt", daß die Gegenüberstellung der differirenden Ortsangaben genügen dürfte, um die Zuverläßlichkeit aller gegenwärtig über diese Ministerbegegnung und deren Zweck verbreiteten Meldungen zu charakterisiren.
Konstantinopel, 26. Juli. Der Ferman, betr. die egyptische Neunmillionen- Anleihe, ist am letzten Donnerstag an den Khedive abgesandt worden.
Einstur; Meier Hauser am Hchmarlrt ;u Köln.
KSln, 24. Juli.
8 Uhr Abends. Soeben trifft eine Compagnie des 16. Infanterie - Regiments ein, deren Mannschaften theils die Unglücksstätte absperren, theils die bei den Rettungsarbeiten thätigen Pioniere ablösen. Der Zudrang seitens des Publikums ist so gewaltig, daß die Wasserleitung zur Säuberung des Platzes in Anwendung gebracht werden muß.
9 Uhr. Jni Ganzen sollen bis jetzt 52 Personen unter den Trümmern hervorgezogen worden sein. Bald nach 8 Uhr fand man die Leichen zweier Mädchen Namens Löhr, welche im ersten Stockwerk gewohnt hatten. Dieselben hoten einen schrecklichen Anblick und waren hauptsächlich am Kopfe verletzt. Die Todtenstarre schien schon seit einiger Zeit eingetreten zu sein. Die Zahl der bis jetzt aufgefundenen Entseelten beträgt vier. Zwei katholische Geistliche waren unausgesetzt auf der Unglücksstätte, ftc spendeten den von dem Schicksalsschlage so schwer Heimgesuchten Trost. Auch seitens der städtischen Verwaltung und von den Behörden geschah alles Mögliche, um das Unglück zu mildern. Kurz vor 9 Uhr stieß man wieder auf mehrere Verschüttete; man war mit den Abräumungsarbeiten bis über den Flur des Lölgen'schen Hauses gekommen. Aus diesem drangen Stimmen empor; mehrere Rettungsmannschaften stiegen hinab und alles ringsum harrte stumm und in banger Erwartung. Allein es stellte sich heraus, daß die Stimmen von Leuten herrührten, welche sich, um den noch Vermißten Rettung zu bringen, von einer anderen Seite her durch den Trümmerhaufen hindurchgearbeitet hatten. Bald nach 9 Uhr stürzte ein Theil des noch stehen gebliebenen Hinterbaues ein. Die in der Nähe Beschäftiaten eilten zur Seite und so ward neues Unheil verhütet. Die Mutter der beiden Mädchen, welche als Leichen emporgeschafft wurden, war zur Zeit, als der Einsturz des Hauses geschah, abwesend. Ihr Jammer, als sie ihre beiden verunglückten Kinder sah, war unbeschreiblich.
10 Uhr. Um 9 Uhr 15 Minuten schlugen aus dem Theile des Hintergebäudes, der noch stehen geblieben, plötzlich die Flammen wieder auf. In der traurig-schönen Beleuchtung gewährte die Unglücksstätte einen eigenartig ergreifenden Anblick. In dem Keller von Lölgen wurde Niemand aufgefunden. Ein 7 Monate altes Kind wurde noch lebend aus den Trümmern herausgeholt. Die Volksmenge brach, als sie das Kind unverletzt erblickte, in lauten Jubel aus.
11 Uhr 30 Minuten. Während des ganzen Abends mar die Rheinau von Tausenden von Menschen belagert, welche mit ängstlicher Spannung den höchst schwie- rigen Rettungsarbeiten folgten. , „ r ,
12 Uhr Nachts. Frau Moll ist im Hospital den erlittenen Verletzungen erlegen. i/. vor 12 Uhr wurde eine weibliche Person in einem Bette liegend aufgefuuden. Bis jetzt sind nur die Beine zu sehen. Das Bett muß ausgesägt werden. Große Mühe kostet das Herunterreißen der schweren Balken. Die 1. Compagnie des 16. Regiments wurde durch die 2. Compaanie desselben Regiments abgeloft. Die Prosenoren Bardenheuer und Leichtenstem sind an der Unglücksstätte.
10 Minuten vor 12 Uhr wurde eine nur mit einem Hemde bekleidete Frau, welche im Bette gelegen hatte und bei der die Todtenstarre schon eingetreten war, herausgeschafft und fortgefahren. Die Frau war Patienttn und heute Morgen noch vom Arzte besucht worden.
Deutschland.
Berlin, 24. Juli. Die öffentliche Meinung beginnt allmälig sich ein kla-eS Bild über die Lage in Afghanistan zu machen. Die Befürchtungen vor einem Ausbruch der Feindseligkeiten sind geschwunden, aber auch die übertriebene Schönfärberei findet verdienten Unglauben. England und Rußland stehen sich in Bezug auf den Zulfikar-Paß noch immer mit widersprechenden Ansichten ent» qeqen Salisbury verharrt auf dem Punkte, den Gladstone eingenommen hat, unö scheint entschlossen, keinen Schritt zurückzuweichen. Rußland verlangt einen solchen Rückzugs ein Einverständniß dürste demnach nur zu erlangen sein, wenn Eng- land und Rußland gleichzeitig ein freundliches Entgegenkommen zeigen. Bis jetzt ist dasselbe jedoch noch nicht bemerkbar. Man darf aber hoffen, daß sich dies ändern wird, und die Ansicht, der Friede werde erhalten bleiben, erscheint bester begründet, als die Furcht vor einem Kriege, da beide Parteien gleich schwerwiegende Gründe haben, letzteren zu vermeiden. Bis jedoch die beider- fettige Friedensliebe in einem gegenseitigen Entgegenkommen rhreff Ausdruck findet, bleibt die Lage unsicher, wie sie es seit vielen Wochen ist und man sollte sich ein. für allemal klar machen, daß weder die Ansichten der Börse, wie sie in den Schwankungen der Eurse Ausdruck finden, noch auch die Beurtheilung, welche über die Lage in den Zeitungen gefällt wird, daran im Wesentlichen etwas ändern können. m „ , .
— Born Ministerium des Innern ist gleich, nachdem die Vorgänge bei dem Bearäbniß eines Socialdemokraten in Frankfurt a. M. hier bekannt geworben waren, ein umfassender Bericht darüber vom Oberpräsidenten Grafen Eulenburg eingefordert worden. Letzterer hat das Polizei-Präsidium m Frank- furt a M. sofort veranlaßt, eine genaue Untersuchung zu veranstalten und ihm das Ergebniß derselben mitzutheilen. Wie man vernimmt, hat man an den hiesigen maßgebenden Stellen schon seit längerer Zeit sehr aufmerksam das Ge- baren her Frankfurter Socialdemokraten beobachtet und ist wiederholt, zuletzt noch während des Procestes gegen Lieske, dem Gedanken näher getreten, auf Grund des Socialistengesetzes den kleinen Belagerungszustand über Frank- furt a. M. zu verhängen. Von dem erwarteten Berichte des Oberpräsidenten in Kastel wird es wohl abhängen, ob man sich nunmehr zu diesem Schritte entschließen wird. (Köln. Ztg.)
Hamburg, 25. Juli. Unter der Firma: „Kamerun-Land- und Plantagen. Gesellschaft Woermann, Thormaehlen und Compagnie" hat sich hier eine Commanvit.Gesellschast gebildet, deren persönlich haftende Gesellschafter die Fir- men C. Woermann und Jantzen und Thormaelen find. Commanbitisten sind Kapitalisten aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands, welche sich mit An- iheilen ä 10,000 X. beteiligt haben. Zweck der.Gesellschaft ist, eine rationelle Plantagen-Wirthschast im Kamerun-Gebiete, insbesondere bei Bimbia zu ver- suchen. Als Leiter der Plantagen-Anlagen ist E. Teusz engagirt, der bereits .am Congo mit günstigem Erfolge ähnliche Versuche gemacht hat.
England.
London, 24. Juli. Im englischen Unterhause richtete am 21. ds. der Abg. Raikes an den Unterstaatssecretär für auswärtige Angelegenheiten die Frage, ob irgend welche Begründung vorhanden sei für die von dem ehemaligen französischen diplomatischen Agenten in Egypten, Billing, gemachte Behauptung, daß ein Anerbieten des Mahdi, den General Gordon gegen ein Lösegeld von 1,250,000 Frcs. sreizulassen, dem letzten Cabinet unterbreitet und von demselben verworfen wurde. Unterstaatssecretär Bourke erwiderte: „Lord Granville ermächtigte den Marquis v. Salisbury, folgende Erklärung darüber abzugeben: Lord Granville kannte Herrn v. Billing in feiner Jugend und später, als er im französischen diplomatischen Dienst angestellt war. Seitdem ist Herr v. Billing seines Postens enthoben worden, und es waren andere Umstände vorhanden, welche bas Vertrauen, das Lord Granville früher in Herrn v. Billing gefetzt, schwächten. Im Mai 1884 machte sich Herr v. Billing anheischig, die Frei- lastung des Generals Gordon gegen ein Lösegeld von 50,000 Lire und unter andern Bedingungen zu erwirken. Lord Lyons, der britische Botschafter in in Paris, übermittelte das Anerbieten an Lord Granville, bemerkte jedoch, daß -er dasselbe nicht befürworte. Herr v. Billing bot feine persönliche Bürgschaft für die Erfüllung des Vorschlages an, unb der erste Schritt sollte sein, einer von ihm bezeichneten Persönlichkeit 2000 Lire zu zahlen. Rach Berathschlagung mit Herrn Gladstone und Lord Hartington und nach Anstellung weiterer Nachforschungen wies Lord Granville Lord Lyons aus verschiedenen Gründen an, das Anerbieten abzulehnen." Der Sturm, den die bekannten Enthüllungen der „Pall Mall Gazette" über den Jungfrauen-Schacher in England hervorgerufen, hatte sodann in dem sonst so ernsten Hause ein lustiges Nachspiel. Onslow fragte, ob der Minister des Innern gesehen, daß die obfcöne Literatur (es sind damit die Enthüllungen der „Pall Mall Gazette" aus dem modernen Babylon gemeint) illusirirt worden sei. Mit diesen Worten warf Onslow dem Minister des Innern eine Nummer des „Town Talk" zu. Croß lehnte die Annahme des Blattes mit einer Geberde des Abscheues ab, worauf Onslow das Blatt auf den Ministertisch warf und fragte, ob der sehr ehrenwerthe Herr, der für die Ordnung und den Anstand in Den Straßen verantwortlich fei, fernerhin gestatten werde, daß solche „Schandblätter" in den Straßen und Läden verkauft werden. Der Minister des Innern schwieg. Der Schatzkanzler schleuderte den ,,Town Talk" dahin zurück, woher er gekommen, aber das Blatt wurde flugs
zurückgeworsen. Damit endete dieses sonderbare Ballspiel, das im Hause große Heiterkeit hervorrief.
Loudon, 25. Juli. Mehreren Morgenblättern zufolge nehmen die eng* lifch-rusfischen Unterhandlungen bezüglich der afghanischen Grenze einen befriedigenden und glatten Verlauf. — Baron Staal hatte gestern eine längere Unterredung mit Loid Salisbury.
Men.
Kalkutta, 25. Juli. In Rungapur und Bengalen haben drei heftige Erderschütterungen stattgefunden, durch welche große Verheerungen angerichtet worden sind. Ein Dorf in der Nähe von Nattore (Bengalen) ist vollständig vom Erdboden verschwunden.
Amerika.
New-Aork, 24. Juli. Die Beerdigung des Generals Grant wird am 8. August im New-Dorker Centralpark stattgesunden. Die Leiche wird am 4. August von Mount-Mac-Gregor, wo Grant starb, nach Albany gebracht und dort einen Tag ausgestellt werden. In New-Iork wird die Leiche 3 Tage ausgestellt bleiben.


