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25.6.1885 Zweites Blatt
 
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-rr Zweites Blatt Donnerstag den 25. Juni 1888

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Politische Uebersicht.

Gießen, 24. Juni.

Der Bundesrath wird in dieser Woche seine Session schließen UM demnach steht die Entscheidung in der braunschweigischen Thronfolge-Frage unmittelbar bevor. Voraussichtlich wird sich der Bundesrath im Sinne des preußischen Antrages entscheiden, aber mit veränderter Motivirung. Allem An­scheine nach ist dieses Resultat durch die Verhandlungen zwischen den einzelnen Regierungen erreicht worden, welche seit Wochen an Stelle der Verhandlung des Z»stizausschuffes getreten waren. Danach hätte die bevorstehende Berathung im Ausschüsse und im Plenum des Bundesrathes lediglich eine formelle Bedeu­tung und unterliegt es kaum einem Zweifel, daß die veränderte Begründung dem Wünschen des Reichskanzlers entsprechen dürste. Vergeblich waren offenbar abe Versuche, die von verschiedenen Seiten unternommen worden sind, den Herzog vom Cumberland zu einem formellen Verzicht auf Hannover zu bringen, durch welchen eine ihm günstige Situation geschaffen worden wäre. Auch Bayern geeint, nach osficiösen Äußerungen zu schließen, seine theilweise Opposition gegen dein preußischen Antrag wieder aufgegeben zu haben, was der bayerischen Regie- nung eine derbe Strafpredigt Seitens derGermania" eingetragen hat.

Der preußische Kriegsminifter Bronsart v. Schellendorss m«cht eine kaiserliche Cabinetsordre bekannt, welche anläßlich des Ablebens des GLneral-Feldmarschalls v. Manteuffel für sämmlliche Osficiere der Armee und bec Marine eine achttägige Trauer anordnet. Für die Ossteiere des 15. Armee- Lo-rps, des 1. Garde-Dragoner-Regiments und des rheinischen Dragoner-Regi- M'Nts Nr. 5 betragt die Trauer Flor um den linken Unterarm 14 Tage. Di-e Trauer um den General-Feldmarschall Frhrn. v. Manteuffel soll Überall beginnen, sobald die Trauer um den Prinzen Friedrich Karl beendigt sein wird. p;r letzteren hat am Sonntag in der St. Peters- und Pauls-Kirche zu Nikolskoe eine Gedächtnißfeier stattgesunoen.

DieNation al'Zeitung" schreibt:Gegenüber allerlei in der Presse austauchenden Vermuthungen über den Nachfolger des verstorbenen Feld- ma rschalls Manteuffel als Statthalter des Reichslandes wird uns geschrieben: Es wird bald der sächsische Kriegsminister v. Fabrice, bald der deutsche Bot­schafter in Paris, Fürst von Hohenlohe, bald Graf Otto Stollberg genannt. Wiir können mit Bestimmtheit versichern, daß von der Ernennung eines Nach- soLgers noch nicht die Rede ist und daß man die Ernennung auch nicht allzusehr beschleunigen werde. Man werde vielmehr das Rechte treffen, wenn man an- nirnimt, daß vorläufig die Rückkehr des Fürsten Bismarck abgewartet wird, der bamn erst dem Kaiser die erforderlichen Vorschläge machen dürste. Vielleicht ist es nicht ausgeschlossen, daß überhaupt bezüglich der obersten Verwaltung Elsaß- Lothringens ein anderer als der bisherige Weg beschritten wird.

Dem deutsch-englischen Abkommen wegen der von Deutschland besetzten Südfee-Gebiete ist nun eine Verständigung bezüglich verschiedener afrika­nischer Küsten Gebiete gefolgt. Das neueste englische Blaubuch enthält das hierüber zwischen Deutschland und England getroffene Abkommen. Wir heben au-8 demselben Folgendes hervor: England verpflichtet sich, an demjenigen Theile der Küstc und des Jnlanves von Guinea, der zwischen der Mündung des Rio delll Rey und derjenigen des Croßfluffes gelegen ist, keine Gebiets-Erwerbungen vorzunehmen. Dagegen verpflichtet sich Deutschland, in dem zwischen der Mün- bumg des Rio del Rey und der britischen Kolonie Lagos gelegenen Gebiete keine Erwerbungen zu machen; ebenso erklärt sich Deutschland bereit, die gegen das Hissen der englischen Flagge in Santa-Lucia-Bay eingelegte Verwahrung zurück- zuziehen uno an der Küste zwischen der Colonie Natal und der Delagoa-Bay feinte Gebiets-Erwerbungen zu machen oder Schutzherrschaften zu übernehmen. Luch verbleibt die Baptisten Gemeinde in Ambas-Bay (Kamerun-Gebiet) unter englischer Jurisdiction. Der Handel beider Länder in den beiderseitigen Schutz­gebieten wird völlig gleichgestellt, auch die Behandlung der beiderseitigen Unter* Hanen in den Schutzgebieten soll eine völlig gleiche fein. Zölle sollen nur msioweit erhoben werden, als dies zur Deckung der durch die Uebernahme der Schutzherrschaft entstehenden Kosten für erforderlich erachtet wird. Die Zollsätze sollen so niedrig wie möglich bemessen werden, ohne jedoch an einen bestimmten HLchstbetrag gebunden zu sein.

Die letzten Nachrichten über den Brünner Arbeiter strike lauten etwas friedlicher und hat ein Theil der Strikenden am Montag die Stilbeit bereits wieder ausgenommen. Hoffentlich bestätigt sich die anderweite Reibung, daß über die Arbeitszeit zwischen den Fabrikanten und den Urbeiter* jiÜhrern ein Ausgleich erzielt worden sei. Die Ruhe in der Stadt Brünn ist vollständig wieder hergestellt, das Militär wurde schon am Samstag aus den Süraßen wieder zurückgezogen und nur einige Kavallerie-Patrouillen durchstreiften zeitweilig noch die Arbeiterviertel.

Die englische Cabinetskrisis scheint mit einem wunderlichen Cirkel- lmze endigen zu wollen. ES heißt, daß die Conservativen sich weigern, auf Grund der liberalerseits gemachten Zusagen die Regierung zu übernehmen und gtoubt man, daß Gladstone die Leitung der Geschäfte wieder aufnehmen werde! Diieser Ausgang der Cabinetskrisis wäre gerade nicht allzusehr überraschend, beim am Ende hat Mr. Gladstone doch noch eher auf eine Majorität im Unter* jause zu rechnen, als Salisbury. Am Sonntag Abend fand bei Gladstone eiroie Berathung von hervorragenden Mitgliedern der liberalen Partei statt. Die dscrathung soll dem Vernehmen nach zu dem Beschlüsse geführt haben, die Zuge- Dündniffe, welche Salisbury von den Liberalen gefordert hat, nicht zu bewilligen.

Hiernach zu urtheilen, müßte der Zusammenbruch des Cabinets Salisbury al- unvermeidlich betrachtet werden.

Die politische Situation in Italien, wie sie durch den Sturz des Cabinets Depretis hervorgerufen worden ist, hüllt sich noch in undurch­dringliches Dunkel. Vielfach wird die Ansicht ausgesprochen, daß mit der Aus­scheidung MancinssS das Cabinet Depretis seiner Achillesferse los und ledig sei und nur einer partiellen Reconstruction bedürfe, um die Herrschaft der Lage zurückzuerobern. Im Verfolg dieser Conjectur läßt sich dieNeue Fr. Presse" aus Rom berichten, daß für die auswärtige Politik, die Justiz und die öffent­lichen Arbeiten neue Männer eintreten sollen und Depretis das Portefeuille des Innern abgeben und nur den Vorsitz behalten würde. Der Umstand, daß König Humbert mit Minghetti, dem Führer der Rechten, ferner mit dem Pentarchisten Cairoli, sowie mit Nicotera und Farini Berathungen über die politische Lage gepflogen hat, scheint darauf hinzudeuten, daß Depretis nicht gewillt ist, die Bildung des neuen Ministeriums zu übernehmen. Er wird sich schließlich aber doch hierzu verstehen müssen, da er allein die politische Situation einigermaßen beherrscht.

Einem in Hanoi umlaufenden Gerüchte zufolge soll Li-Bin* Phuoc, der Ches der Schwarz-Flaggen, von den Chinesen gefangen genommen und erdrosselt worden sein. Diese Nachricht ist indessen vorerst noch zu be­zweifeln, denn es leuchtet nicht recht ein, warum die Chinesen dem Chef der Schwarz-Flaggen für die wichtigen Dienste, die er ihnen in Tongking im Kriege gegen die Franzosen geleistet, auf diese Weise gelohnt haben sollten.

Die Verluste an Menschenleben während des Erdbebens in Kaschmir werden jetzt amtlich aus 3081 veranschlagt; außerdem sind etwa 70,000 Häuser zerstört worden.

In der spanischen Hauptstadt haben am Sonntag Ruhestörungen stattgefunden, deren Bedeutung aber übertrieben worden ist. Neueren Nachrichten aus Madrid zufolge sind bei den Tumulten einige Verwundungen vorgekommen, zwei Personen sollen tobt fein, doch gelang die Zerstreuung der auf der Puerta bei Sol angefammelten Menge, die eine Demonstration wegen des Civil-Gouver- neurs von Madrid versucht hatte, ohne irgendwelche Schwierigkeit. Die Pro- Hamirung des Belagerungs-Zustandes erfolgte nicht. Es heißt indessen, daß auf dringendes Anrathen des Ministerpräsidenten Canovas del Castillo König Alfons die beabsichtigte Reife nach Murcia, dem Schauplätze der Cholera-Epidemie, vorläufig aufgegeben habe.

Zur Warnung der Mütter.

Von Dr. W. Holbrock.

Bei dem Eintritt der heißen Jahreszeit wird wie das in früheren Jahren leider immer, der Fall war die leidige Brechruhr unter den Säuglingen wieder öfters auftreten und manch sorgliches Mutterherz mit Angst erfüllen. Man hat sich längst bemüht, die Ursache des Auftretens dieser bösen Krankheit, welche schon so viele Kleinen hinweggerafft hat, zu ergründen; allein eines der ärgsten und am häufigsten auftretenden Nebel, worauf die Entstehung der Brechruhe zurückzuführen ist, wurde bis jetzt noch nicht eingehend besprochen und gewürdigt, das ist: Die Saugflaschen mit Kautschukmundstücken.

Diese Saugflaschen werden überall zum Verkaufe geboten, von unwissenden Hebammen als sehr praktisch empfohlen und haben leider eine allgemeine Ver­breitung gefunden. Die am häufigsten verwendete Sorte zeichnet sich dadurch aus, daß der Kork derselben von einem Kautschukrohr durchbohrt ist, an dessen unterem Ende sich eine Glasröhre befindet, welche bis auf den Boden der Flasche reicht; an dem oberen Ende ist ein Gummimundstück vermittelst eines Porzellanzwischenstückes befestigt. Der angebliche Vortheil dieser Saugflasche soll darin bestehen, daß man die­selben neben den Säugling in dessen Bettchen legen kann, während man andere Milch­flaschen, so lange das Kind trinkt, festhalten muß. Allein hierbei drängt sich uns doch die Frage auf:Ist es denn eine so große Mühe, die Flasche täglich einige Male 1015 Minuten lange zu haltend Wird eine gewissenhafte Mutter einen Säugling ohne Aufsicht mit der Flasche liegen lassen?"

Der Hauptnachtheil, ja, sogar die absolute Gefährlichkeit dieser Art von ^aug- flaschen besteht jedoch darin, daß dieselben sich absolut nicht gründlich reinigen lassen. Denn sowohl an dem Kautschukrohr, wie in den Poren des Korkes setzten sich bei jedesmaligem Trinken kleine Milchtheilchen an, die zuerst gerinnen und sich nach kurzer Zeit zersetzen und sauer werden. Wenn man einen ganz kleinen Theil dieses Ansatzes unter das Mikroskop bringt, so kann man das Vorhanden­sein zahlloser Bacterien entdecken, welches auf einen Zersetzungs- und Fäulnißproceß schließe läßt. , r . . _

. Der Säugling schluckt bei jeder Mahlzeit eine Masse dieser winzigen Organismen mit hinunter; die Zersetzung findet in dem Munde, der Speiseröhre und dem Magen reiches Material und hierdurch entsteht die Brechruhr. _ _

Viele Mütter glauben den Anforderungen dadurch zu genügen, daß sie die ^aug- flasche und das Mundstück mit Wasser ausspülen. Allein jeder gewissenhafte Arzt wird uns bestätigen, daß das Ausspülen, ja, sogar das Einlegen des Saugapparates in Wasser durchaus nicht genügt. Zwar verkaufen einzelne Geschäfte mit diesen Saug­flaschen auch kleine Drahtbürstchen, allein auch diese genügen keineswegs, weil der Trinkapparat sogar durch ein mehrmaliges Durchziehen der Bürste noch lange nicht genügend gereinigt ist. Auch werden sich nur wenige Mütter der Muhe unterziehen, innerhalb 24 Stunden die Saugflasche, das Rohr und das Kausschukmundstück acht- bis zehnmal gründlich zu reinigen, und wenn man dieses Ansinnen nun gar an eine Wärterin stellen wollte, was wäre dann zu erwarten?

Ein weiterer Nschtheil dieser Saugflasche, welche neben das Kind gelegt und nicht hochgehalten wird, ist der, daß weil keine Luft in die flasche an Stelle der ausgesogenen Ntilch dringen kann allmählich ein luftverdunnter Rauni über der Milch entsteht, welcher mit jedem Moment das Saugen erschwert und schwächliche Kinder oft derart miuibet, daß sie die Saugflasche endlich fahren lassen, ehe ihr Durst gestillt deßhalb allen Müttern, welche nicht stillen können und also

gezwungen sind, das Kind mit der Flasche zu ernähren, die größte Sorgfalt in Betreff