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Beilage ;u Nr. 248 desGießener Anzeiger".

Ein Mahnruf an die Ettern.

Wenn ein Mann, der den Zenith des Lebens überschritten, durch unheilvolles Zusammenwirken vieler Umstände, vielleicht auch durch eigene Schuld, alles bis dahin mühsain Errungene mit einem Schlage verliert, nicht mehr die Kraft verspürt, wieder von vorne anzufangen, durch bittere Enttäuschungen das Vertrauen zur Menschheit, zu sich selbst verloren hat, wir sagen, wenn solch ein Unglücklicher, den vielleicht noch schwere körperliche Leiden plagen, in der Verzweiflung zum Revolver greift, so wollen wir das nicht rechtfertigen, aber ivir können es begreiflich finden.

Was soll man aber sagen, wenn, wie wir jüngst aus Berlin berichteten, im Zwischenräume weniger Tage zivei noch im Knabenalter stehende Schüler ihr Leben, das noch hoffnungsreich im Jugendglanze vor ihnen lag, freiwillig von sich werfen. Mit 16 Jahren lebensüberdrüssig, das gibt zu denken.

Zuerst drängte sich uns die Frage auf, wer trägt die Schuld, daß dies geschehen konnte? Die große Masse ist gern geneigt, den übermäßigen Ansprüchen der Schule, dem rigorosen Vorgehen der Lehrer die Schuld zuzuschieben. Allerdings sind die An­sprüche der modernen Schule höher wie früher, und das ist nothwendig. Wenn das Nicht wäre, würde die Ueberfluthung dieser Anstalten, die jetzt schon besorgnißcrregend, »och stärker sein. Der Untcrrichtsplan ist für begabte Schüler bei regem Fleiße be­rechnet. Der Lehrer hat sein bestimmtes Pensum innerhalb dieser Grenzen zu ab- solviren und kann nicht Nachsicht üben, will er in dem vorgeschriebenen Zeiträume seine Aufgabe lösen. Für begabte Schüler mit regem Fleiße, Lust zum Lernen und gesunder Eonstitution ist das Studium heutzutage be­rechnet. Wenn einer dieser Faktoren fehlt, so ist schon ein Manco da. Nun sind durchschnittlich 4050 Schüler in derselben Klasse. Sie können nicht alle gleichmäßig veranlagt sein. Der Eine lernt ein längeres Gedicht spielend in einer Stunde aus­wendig, der Andere mühsam kaum in zehn. Dieser Letztere muß unendlich mehr Fleiß aufwendcn, will er mit dem Begabten einigermaßen Schritt halten; schließlich wird er doch weit hinter ihm zurückbleiben. Wohl kann der Lehrer dem weniger Veranlagten mehr Aufmerksamkeit zuwenden, wie dem Andern, der sich fast selbst entwickelt; aber- leichtere Aufgaben, weniger schwierige Thenrata, wie den übrigen in der Klasse Befindlichen kann und darf e'r ihm nicht stellen, da er von der ganzen Klasse dasselbe verlangen muß. Er kann sich auch nicht ausnahmsweise mit dem Einen beschäftigen auf Kosten der Uebrigen. Ist dann das Schuljahr zu Ende und cs handelt sich um das erreichte Resultat, so ist die Katastrophe da, trotz­dem der Aermste vielleicht unendlich mehr Fleiß aufwendet als der gut beanlagte Primus.

Die Hauptsache ist also, wenn ein Knabe die höheren Lehranstalten besuchen soll, daß die Eltern sich darüber Gewißheit verschaffen, ob er dazu auch genügend ver­anlagt, körperlich und geistig gesund ist und mit Lust an die Sache geht. Welche Eltern thun das aber? Die meisten fragen ihren Knaben gar nicht, ob er zum Studium Lust hat. tote halten es für selbstverständlich, daß er studirt. Daß er groß­artig veranlagt, ist für sie keine Frage. Wie könnten so kluge Eltern ein minder- begabtes Kind haben! Ihre Selbstliebe wäre ja auf's Tödtlichste verletzt. Geht die Sache dann schief, so ist entweder der Lehrer schuld, der das Unmögliche verlangt, oder der Junge läßt es nach ihrer Ansicht an dem nöthigen Fleiße fehlen. Er wird dann durch Nachstunden und fortwährendes Anhalten zur Arbeit gepeinigt und hat eine traurige Jugend durchzumachen, ohne Freude, ohne Erholung. Das Studium wird ihm immer verhaßter, da er den Ansprüchen trotz seines Mühens nicht genügt und in der Schule Demüthigungen, Strafen, zu Hause Vorwürfen und Drohungen ausgesetzt ist. Ist es da ein Wunder, wenn ein junges Gemüth verbittert wird und, nirgends einen Ausweg findend, der Verzweiflung anheimfällt?

^bige schmerzliche Fälle haben diesen Mahnruf an die Eltern entstehen lassen: Prüfet Eure Kinder ernstlich, ohne Rücksicht auf eigene Wünsche, ob sic wohl den An- spruchen der höheren Anstalten in jeder Beziehung werden genügen können. Und fällt dre Beantwortung dieser Frage verneinend aus, dann weg mit dem Vorurtheil, daß nur dem Studirten eine anständige Existenz offen steht.

Das Proletariat der sogenanntenGebildeten" hat bereits eine bedenkliche Höhe erreicht, dessen Weiterbildung zu ernstester Besorgniß Anlaß gibt. Der Maschine und dem Kunsthandwerk gehört die Zukunft, nicht dem gelerntenKaufmann" ohne Stellung, der massenhaft vorhanden ist. Wer etwas Tüchtiges gelernt hat, sei es auch nur ein Handwerk, und einen gesunden Körper sein eigen nennt, der kann getrost in die Zu­kunft blicken.

Universität- - Chronik.

~. Die hellenische philologische Gesellschaft in Konstantinopel hat Professor Kuno Fischer in Heidelberg zu ihrem Ehrenmitgliede gewählt.

Zum Prosector in der mcdicinischen Fakultät zu Rostock ist Dr. Eduard Papellier aus Bayreuth ernannt.

In Bezug auf die Universität Dorpat ist in diesen Tagen eine bedeutungs- volle^Anordnung getroffen worden, welche zu ernsten Besorgnissen Anlaß gibt. Der im toommcr d. I. nach Ablauf seiner 35jährigen Dienstfrist durch kaiserlichen Befehl entlassene ordentliche Professor des römischen Rechts, Geheimerath Meykow, der in­zwischen bereits durch Professor Schott aus Kiel ersetzt worden, ist soeben vom Minister der Volksaufklärung zum außeretalsmäßigen ordentlichen Professor ernannt worden. Diese Ernennung, die ohne irgendwelche vorangegangene Wahl des Uni- versitäts-Coniiliums erfolgt ist und bei der Rücksichten auf etwaige Bedürfnisse in wissenschaftlicher Beziehung durchaus nicht maßgebend gewesen sind, bedeutet einen wichtigen Eingriff in die Rechte der Landesuniversität, welcher die Bcfugniß der eigenen Wahl ihrer Lehrkräfte bis jetzt niemals verkümmert worden ist. Die Ernennung Meykow's ist um so auffallender, als er als Prof. emer. ohnehin das Recht hat, Vor­lesungen zu halten. Denen, auf deren Betreiben er jetzt ernannt worden, ist es aber nur darum zu thun, daß Meykow, der sich stets der Regierung gegenüber sehr entgegen­kommend verhalten hat, auch in Zukunft in der juristischen Fakultät und im Con- silium in diesem Sinne wirke. In diesen Tagen steht außerdem die Neuwahl des Rectors bevor. Geheimerath Kapustin, der Eurator der Universität, hat es offen ausgesprochen, daß auf eine Bestätigung des etwa wiedergewählten bisherigen Rectors, Professors v. Wahl, nicht zu rechnen sei. Dem Eurator "Nahestehende wollen wissen, daß die Negierung entschlossen sei, keinen der vom Consilium gewählten Rectorats- Candidaten zu bestätigen, jondern, wie bereits einmal 1849 unter Kaiser Nikolaus geschehen, einen Rector von Staats wegen einzusetzen, wozu sich Professor Meykow am besten eignen würde.

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