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Mittwoch den 24. Juni

Str. 143

188S

icljcnct Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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UtoWimt Schukffraße 7.

Keutschlünd.

Darmstadt, 22. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: ,

Am 11. Juni der Maria Christine Brück von Nieder-Bessrngen, im Kreise Gießen, dermalen im Dienste bei dem Bürgermeister Bender zu Hungen, in Anerkennung ihrer mehr als 60jährigen bei derselben Familie geleisteten Dienste, die silberne Verdienst-Medaille des Ludewigs-Ordens zu verleihen.

Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 17. Ium den Kanzlei-Jnspector bei der Oberrechnungskammer, Philipp Schmidt, auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner treu geleisteten Dienste, in den Ruhestand zu versetzen;

an dems. Tage den Kanzlisten bei dem Ministerium der Finanzen, Seda- stian Blum, zum Kanzlei-Jnspector bei der Oberrechnungskammer,

an dems. Tage den Oberrechnungs-Probator 1. Klaffe bei der ersten Justi- ficatur-Abteilung der Oberrechnungskammer, Ludwig Welsch, zum Oberrech­nungs-Revisor bei derselben zu ernennen.

Esten a. d. Ruhr, 22. Juni. DieRhein.-Wests. Ztg." meldet aus Siegen, das in einer am 20. d. Mts. dort stattgehabten Versammlung sämmt- licher Roheisen-Producenten des Sieger-Landes eine Einschränkung der Produc­tion einstimmig beschlossen und eine Commission behufs näherer Vereinbarung der Bedingungen eingesetzt wurde. Vier Hochofenbesitzer mit einer Gesammt- Production von 60,000 Tons jährlich erklärten sich bereit, eventuell ihre Oefen auszublasen.

Politische Ueberficht.

Gießen, 23. Juni.

Nachdem der Beginn der diesjährigen Badereisen des Kaisers sich wiederholt verzögert hatte, und zwar zumeist in Folge der öfteren Indispositionen des hohen Herrn, zuletzt auch durch das Ableben des Prinzen Friedrich Karl, ist nunmehr die Abreise des Kaisers nach Ems am Sonntag Abmd erfolgt. Wie lange der Kaiser in Ems weilen wird, ist noch unbestimmt unb hängt ganz davon ab, wie der Aufenthalt in Ems dem greisen Monarchen bekommt. Noch in voriger Woche hat die Kaiserin die Frühjahrükur in Baden- ten beendigt und ist nach ihrer bevorzugten Sommer-Residenz Koblenz übergesiedelt.

Am Sonntag hat in Topper in Schlesien die Beisetzung dec Leiche des General-Feldmarschalls v. Manteufsel stattgesunden. Die­selbe war am Freitag Abend von Karlsbad, wo sie unter großem militärischen Gepränge und allgemeiner Theilnahme der Bevölkerung vom Sterbehause nach dm Bahnhöfe übergesührt worden war, im Anhaltischen Bahnhose in Berlin Mgretroffen und hier im königlichen Empfangs-Salon aufgebahpt worden. Zum Empfange hatte sich das gesammte Osficier-Corps der Berliner Garnison etn- Hffmden, außerdem war eine Escadron des 1. Garde-Dragoner-Regiments nebst dein Trompeter-Corps auf dem- Bahnhofe ausgestellt natürlich zu Fuß welche daselbst bis zur Weiterbeförderung der Leiche auf der Verbindungsbahn vetNeb.

Nach dem Ableben des General-Feldmarschalls v. Man- teußfel ist begreiflicher Weise sosort die Frage hervorgetreten, wer sein Nach- fote aus dem Statthalterei-Posten von Elsaß-Lothringen werden solle. Es ist .indessen nicht anzunehmen, daß die Ernennung eines neuen Statthalters für EW-Lothringen so schnell vor sich gehen sollte, wenn die Reichsregierung über- iaupt gesonnen ist, das Statthalteramt aufrecht zu erhalten. Jedenfalls wird es richt leicht werden, für Herrn v. Manteuffel einen Ersatz zu finden und hört man vielfach die Vermuthung aussprechen, daß der Tod des Statthalters tief* ..greifende Veränderungen-in den gesammten Regierungs- und VerwalMngs- Mtutionen der Reichslande zur Folge haben werde. Es ist daher auch die von verschiedenen Seiten gebrachte Nachricht, daß der sächsische Kriegsminister .unb Vorsitzende des Gesammt-Ministeriums, Gras v. Fabrice, zum Näch­ster des Herrn v. Manteuffel im Statthalter-Posten ausersehen sei, nur mit .großer Vorsicht auszunehmen. Selbst wenn sich diese Nachricht bestätigen sollte, wäre: es immerhin noch fraglich, ob Graf Fabrice die ihm so lieb gewordene Meinung als Kriegs- und Premierminister Sachsens aufgeben würde. Wie srhr übrigens General-Feldmarschall v. Manteuffel es verstanden hat, sich die Achlmng der reichsländischen Bevölkerung zu erwerben, geht aus einem warmen Nachrufe hervor, welchen ihm der aus protestlerischem Boden stehende Mülhäuser »Expreß" widmet. In demselben wird hirvorgehoben, daß die Verwaltung bi Verstorbenen vom Geiste der Versöhnung beseelt gewesen sei und daß die ^geborene Bevölkerung ihm für seine wohlwollenden Gesinnungen großen Dank tDußt habe; der Marschall nehme daher die respectvolle Achtung der Elsäffer At sich, die ihm für seine wohlwollende Haltung ihnen gegenüber immer Dank -wissen würden. ,

Der Bundesrath hielt am Donnerstag eine Plenarsitzung ab, M welcher lediglich die Genehmigung des sächsischen Antrages, den über Lipzig verhängten kleinen Belagerungszustand wiederum aus ein Jahr zu ver- Hangern, hervorzuheben ist. Von einer Erledigung des preußischen Antrages Anffs der braunschweigischen Thronsolge-Frage verlautet noch immer nichts.

Die Verhetzung der Arbeitermassen durch gewiffenlose Agita- tbten hat in einem der größten Jndustriebezirke Oesterreichs, in Brünn und $h benachbarten industriereichen Orten, zu einem allgemeinen Strike und ldSa:uerlichen Ausschreitungen der Arbeiter geführt. Die letztem wollen außer imr Lohnerhöhung die Einführung einer allgemeinen zehnstündigen Arbeitszeit ninb beharren namentlich auf letzterer Forderung, obgleich die Fabrikanten erklärt ltzben, daß das Aeußerste, was sie, ohne sich aufs Tiefste zu schädigen, , Mähren könnten, die Normirung einer 1(?/Mndigen Arbeitszeit sei. Ein 'Hriil der Arbeiter ist allerdings bereit, auf diese Bedingung hin die Arbeit Mdier auszunehmen, aber der Terrorismus, den die Führer der ganzenBewe- .Mvg ausüben, ist noch ein zu großer, als daß die bester gesinnten Arbeiter es ihm jetzt wagen würden, wieder an! die Arbeit zu gehen. Am Freitag wurde eine Mter Deputation vom Statthalter empfangen, welche um Einwirkung der Ihi.erung auf die Fabrikanten bat, damit diese die zehnstündige Arbeitszeit Willigen möchten. Der Statthalter erklärte indesten, daß die Regierung einem Mm Verlangen nicht nachkommen könne und riech den Arbeitern, sich mit den Mikanten Mich zu einigen, zugleich warnte er vor den Folgen eines längeren Ai:kes und vor Ausschreitungen. Es steht zu hoffen, daß die Brünner Arbeiter

Mahnung folgen werden, denn ein eigensinniges Beharren bei den von tzem ausgestellten Forderungen würde schließlich den Strikenden selbst nur zu shmerstem Nachtheile gereichen. Ebenso darf man wohl auch erwarten, daß es -h Behörden gelingen wird, die Urheber und Rädelsführer der Brünner Arbeiter- bivLgung zu eruiren und zur Verantwortung zu ziehen, und zwar ehe es za tyt ist, denn solche Zerren pflegen gern nach Ausstreuung des bösen Samens zuyverduften."

Einer Meldung des französischen Gesandten in Peking, 1-vienotre, zufolge hat der Pekinger Hof den Friedensvertrag mit Frankreich

ratificirt. Ob nun aber die Verlegenheiten Frankreichs in Ostasien hiermit ihr Ende erreicht haben werden, möchte noch zu bezweifeln sein. Die Schwarz- Flaggen scheinen wenigstens noch immer nicht geneigt zu sein, ihren Guerillakrieg gegen die Franzosen auszugeben, zumal sich ihre Reihen durch entlassene chinesische Soldaten mehr unb mehr verstärken sollen. Vorläufig werden indessen die Fran­zosen durch die heiße Jahreszeit an durchgreifenden Operationen gegen dis Flußpiraten in Tongking und gegen die Schwarz-Flaggen gehindert.

Wenngleich die Londoner Blätter schon vor einigen Tagen die Nachricht von der Bildung des neuen englischen conservativen Minintsteriums unter der Präsidentschaft Salisburys gebracht haben, so kann man die CabinetS- krisiS trotzdem noch keineswegs als überwunden betrachten. Bereits haben sich im neuen Cabinet einige Veränderungen nothwendig gemacht unb überdies dauern die Verhandlungen Salisbury's mit den Liberalen fort. Die Sachlage ist also noch keineswegs geklärt, wenngleich die liberale Partei gewillt ist, unter gewissen Bedingungen das Cabinet Salisbury zu unterstützen; beide Häuser des engli­schen 'Parlamentes haben sich daher am Freitag abermals vertagt und zwar bi» diesen Dienstag, um alsdann weitere Erklärungen der Regierung entgegen* zunehmen.

Dem Sturze des Cabinets Gladstone in England ist fast unmittelbar die Demission des italienischen Cabinets Depretis-Mancini gefolgt. Nachdem dem letzteren von der Deputirtenkammer das Budget des Auswärtigen mit nur 4 Stimmen Majorität bewilligt worden war, blieb ihm nach parla­mentarischer Gepflogenheit allerdings kaum etwas anderes übrig, als feine Demission einzureichen. Die schwankende auswärtige und speciell coloniale Politik MancinfS hat den Unmuth der Kammer erregt und schließlich den Sturz des Cabinets herbeigeführt und es wird darum vexsichert, daß das Kammer­votum ausschließlich gegen Mancini, den Letter der auswärtigen Angelegenheiten 'Italiens gerichtet war, trotzdem scheint der bisherige Ministerpräsident Depretis nicht geneigt zu fein, die Bildung eines neuen Cabinets zu übernehmen. Die MeLung aus Rom, daß König Humbert mit politisch und parlamentarisch her- vorrägenden Persönlichkeiten, wie Minghetti, Cairoli dem ehemaligen Minister­präsidenten Nicotera und dem früheren Kammerpräsidenten Farini über die parlamentarische Lage conferirte, beweist, wie schwer die Bildung eines neuen Cabinets ohne Depretis fein muß. Es heißt auch, daß Der König den General Cialdini empfangen werde und scheint da die Verlegettheit um Minister-Candi- baten in Rom in der That groß zu sein.

Spanien.

Madrid, 21. Juni. Die über hier vorgekommene Ruhestörungen in auswärtigen Blättern verbreiteten Nachrichten sind in hohem Grade übertrieben. Es sind anläßlich der Beseitigung von Störungen der öffentlichen Ordnung einige Verwundungen vorgekommen, zwei Personen sollen tobt fein, doch gelang die Zerstreuung der auf der Puerta bei Sol angesammelten Menschenmaffe, bie eine Manifestation gegen den Civil-Gouverneur von Madrid versucht hatte, ohne irgendwelche Schwierigkeiten; eine Proklamirung des Belagerungszustandes ist nicht erfolgt.

Wie es heißt, hat der König auf das dringende Anrathen des Mini­sterpräsidenten Canovas del Castillo von einer Reife nach Murcia einstweilen Abstand genommen.____________ _

^graphische Depeschen.

Wolff s telegr. Eorrespondenz - Burea«.

Berlin, 22 Juni Auf die von dem Aiagistrat und der Stadtverordn-' Versammlung aus Anlaß des Ablebens Sr. K. Hoheit deS Prinzen Friedrich Se. Majestät den Kaiser gerichteten Beileids - Adreye ist den berdm Ko" solgendes Schreibm zugegangen;