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23.8.1885 Zweites Blatt
 
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Rr. 195 Zweites Blatt Sonntag den 23 August 1885

Kießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Schulftraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag». $rJ*vie®5l&2

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Wochen - Uebersicht.

Gießen, 22. August.

Die verflossene Woche stand bezüglich der großen Politik unter recht günstigen Zeichen. Kürzlich stattgehabte Ereigniffe, wie die Kaiserbegeg­nung in Gastein und die Minister-Conserenz in Varzin drückten der Fortoauer des Deutsch-österreichischen Bundes wieoerholt ihren Stempel auf und lasten auch an eine dauernde friedliche Gestaltung der politischen Lage überhaupt glauben, zumal auch die gleichen Zwecken dienende Annäherung an Rußland durch die wahrscheinlich nächsten Montag stattfindende Begegnung der Kaiser von Oester­reich und Rußland in Kremsiec eine weitere Kräftigung erfährt. Unter diesen Umständ.'N darf man ziemlich zuverstchllich auf eine, wenn auch langsame fried­liche Lösung der schwebenden Fragen in der großen Politik, zumal bezüglich der Angelegenheiten Egyptens und Afghanistans hoffen.

Wie schon anderweitig gemeldet ist, hat der Kaiser Wilhelm in dieser Woche die schon längere Zeit geplante Enthüllung des Denkmals für seinen hochgeschätzten Ahnherrn König Friedrich Wilhelm I. von Preußen im Lustgarten zu Potsdam vollziehen lasten und ihr durch seine Gegenwart die rechte Weihe verliehen. An demselben Tage, es war am 18 August, feierte die kaiserliche Familie auch den Geburtstag des engbesreundeten österreichischen Kaisers durch ein Festmahl.

Bon der internationalen inBerlin tagendenTelegraphen- Conserenz erfährt man, daß zwar in dec Tarif-Commission derselben der deutsche Vorschlag, betr. Einführung des Einheits-Tarifs für Europa, mit 9 gegen 7 Stimmen abgelehnt worden ist, daß aber der Staatsjecretär o. Stephan immer noch hofft, eine Verständigung in dieser Richtung in der Conferenz zu erzielen und damit einen Fortschritt von großer volkswirthschaftlicher Bedeutung im Verkehrswesen zu erzielen.

Die jetzt zu Conferenzen ganz besonders geeignete friedliche und stille Zeit haben auch die Staaten benutzt, um in einer in Hamburg in dieser Woche zusammengetretenen Versammlung von Delegirten über deiz weiteren Ausbau des Völkerrechts zu berathen. Bekanntlich bezieht sich das Völkerrecht in mehreren wichtigen Punkten auf das Seerecht und den Schifffahrtsverkehr und hat die Versammlung mit der Berathuung der betr. Mängel begonnen.

Die Versammlung der deutschen Ingenieure in Stettin, deren Theilnehmerzahl auf 369 gestiegen war, ist letzten Mittwoch nach einem Vortrag von Martens (Berlin) über neuere Festigkeits - Prüfungs - Maschinen geschloffen worden.

Zn der braunschweigischen Erbsolgefrage gilt es so gut wie ausgemacht, daß wahrscheinlich noch in diesem Herbste der deutsche Botschafter Prinz Reuß in Wien vom Kaiser Wilhelm Dem braunschweigischen Regentjchafts- rathe als Regent Braunschweigs vorgeschlagen und daß dann der Regentschafts- rath mit dem Landtage den Vorschlag zu berathen haben wird.

In Oesterreich feierte man in letzter Woche Kaisers Geburts­tag s fest in altgewohnter Weise. Zu Ehren des Kaisers Franz Joses waren an'd.ffen Geburtstage auch die Könige von Dänemark und Griechenland von Gmunden nach Ischl gekommen.

In den Herzen der Deutsch-Oesterreicher hat der begeisterte Empfang der Wiener Sänger in Berlin einen hochbedeutsamen Nachhall erweckt und ist durch diese Begebenheit aus's Neue dargethan worden, daß, wenn auch staatliche Grenzen Deutschland und Oesterreich trennen, die uralte Stammes­und Cultur-Gemeinschaft zwischen beiden Staaten doch fortbesteht.

In Frankreich wurde letzte Woche, mit Ausnahme des Seine- Departements und Korsikas, die Session der Generalräthe eröffnet. Diese Ver­sammlungen haben sich nur mit Ortsangelegenheiten, Rechnungswesen rc. zu be­schäftigen und nur ein Anrecht aus Wünsche; aber da viele Parlaments-Mitglie­der und Minister Mitglieder dieser Versammlungen sind, so haben sie eine poli­tische Bedeutung durch den Einfluß dieser wichtigen Persönlichkeiten, der selbst­verständlich jetzt zu Wahlzwecken in's Feld geführt werden wird. Die Session dürste daher möglicherweise einen bewegten Charakter annehmen.

In England weht jetzt verhältnißmäßig ein recht ruhiger politischer Wind, ötr zumal durch den offenherzigen und friedlichen Ton der letzten Thron­rede, mit welcher Ende voriger Woche das Parlament geschloffen wurde, erzeugt worden ist. Zumal zerstreut die Thronrede die Befürchtungen wegen Afgha­nistan und Egypten, was aber aus dem Sudan werden soll, darüber schweigt die Thronrede gänzlich. Aus Irland werden neue Agrar-Verbrechen gemeldet. Besonders sind in der Grafschaft Clare nächtliche Ausschreitungen, begangen von Bunden bewaffneter Männer, im Zunehmen. In der Nacht zum vorigen Mitt­woch wurden die Wohnungen von vier Pächtern in Cappabeg, unweit Barefield, erbrochen und die Insassen durchgeprügelt, weil sie angeblich Gutsherren Nach­richt gegeben.

Die russische Regierung ist bemüht, verschiedenen Mißständen in der Verwaltung vorzubeugen und soll u. A. das Titelwesen in der russischen deamtenwelt etwas eingeschränkt und der allzuleicht zu erwerbende Titel als Geheimer Staatsrath erschwert werden. In einem vom Kaiser genehmigten Regulativ wird auch bestimmt, daß Extra-Credite, welche in Fällen einer vom Kaiser angeordneten Truppen - Mobilisirung, sowie überhaupt in Folge von Kriegszuständen nothwendig geworden sind, durch eine Special-Commission, welche aus dem Präsidenten des Oeconomie-DepartementS des Reichsraths, aus dem Reichscontroleur, aus dem Finanzminister und dem Verweser des Marinemini­

stenumS besteht, geprüft werden sollen. Wenn der Kaiser in seiner beständigen Residenz nicht anwesend ist, sollen die von dicser Special-Commission für noth­wendig erachteten Extra-Credite vom Finanzmimster sofort und ohne des Kaisers Genehmigung abzuwarten, angewiesen werden.

Die Mission des englischen Diplomaten D r u m m o n d- Wolsf bei der Pforte zieht fortwährend die Aufmerksamkeit aller politischen Greife auf sich. _ Aus Konstanünopel verlautet, daß der Sultan Sir Henry Drummond-Wolff sofort in besonderer Audienz empfangen werde, daß er aber nicht geneigt sei, mehr als eine gemischte britisch-türkische Occupation Egyptens zu bewilligen. Man sagt am Bosporus übrigens, der Erfolg Drummond- Wolff's werde ausschließlich von dem Rathe Deutschlands abhängen, so daß thatsächlich Fürst Bismarck darüber entscheiden würde, ob die Türkei sich mit England verständigt oder nicht. Eine Londoner Depesche derDebats" be­zeichnet die Schwierigkeiten, mit denen der englische Unterhändler zu kämpfen haben würde, als fast unüberwindlich. Das mag insofern richtig sein, als Rußland alle Hebel anwendet, um die Pforte von einer Vereinbarung mit England abzuhalten. Auch die französische Regierung scheint der englisch- türkischen Verständigung keineswegs geneigt.

Wie man vor einiger Zeit hörte, hat die spanische Regierung gegen die Besitzergreifung der Carolinen-Jnseln durch Deutschland Protest ein­gelegt. Die deutsche Regierung hat nun, wie aus London gemeldet wird, den Mächten in einem Rundschreiben angezeigt, daß es die Earolinen-Jnseln besetzt habe. Sowohl derStandard" selbst, als die anderen Londoner Blätter er­heben keinerlei Einwand dagegen, sie bezweifeln vielmehr die Ansprüche Spaniens. Wenn Fürst Bismarck das oben erwähnte Rundschreiben erlassen hat, so ist für die spanische Regierung wohl keine Hoffnung mehr vorhanden, daß man in Berlin ihre Einwände berücksichtigt.

UniverfitätS - Chronik.

Die Verwaltung der meteorologischen Centralstation in München über­nimmt an Stelle des Dr. Wilhelm o. Bezold sein bisheriger Adjunkt Dr. Carl Lang.

Tr; Privatdocent in der philosophischen Fakultät der Universität Würz­burg, Dr. Carl Bischoff, ist auf Ansuchen von der Function eines Prioatdocenteu enthoben worden.

^Professor Ludwig Lange t-] Die Universität Leipzig, die erst vor wenigen Tagen den Tod des Professors Georg Curtius zu beklagen hatte, hat aber­mals einen sehr herben Verlust erlitten. Am 18. d. M., früh 5 Uhr, ist daselbst der Mitdirector des philologischen Seminars, Geh. Hofrath Dr. Ludwig Lange, seit 1871 Professor an der dortigen Universität, gestorben. Ludwig Lange rvar am 4. März 1825 in Hannover geboren. Sein Hauptwerk ist dasHandbuch der römischen Alter- thümer". Ferner schrieb er:Der homerische Gebrauch der Partikel ei" undDie Ephcten und der Areopag des Solon". Zum Begräbniß wurde die Leiche nach Han­nover übergeführt.

Vermischte H.

P. Unter der Aufschrift:Die Barmherzigen Schwestern" veröffentlicht der Jmparcial", ein keineswegs durch kirchliche Gesinnung ausgezeichnetes Blatt der Hauptstadt Spaniens, einen Artikel, der für weitere Kreise Interesse bat. Das Blatt berichtet, daß der Bürgermeister von Aranjuez, woselbst die Cholera wie an keinem anderen Orte wüthet, an den Gouverneur von Madrid sich wandte, um Apotheker- gehülfen zu erhalten, welche die Weiterführung der in Folge des Todes des Besitzers leer stehenden Apotheken übernehmen. Der Verwaltungsrath der Provinz, Namens Benavides, berief nun das ganze Personal zusammen und bot denjenigen, welche nach Aranjuez gehen werden, eine außerordentliche Vergütung von täglich 20 Pesetas oder 16 Mark. "Niemand erbot sich, und Jemanden zu nöthigen, hielt man sich nicht für berechtigt. In dieser kritischen Lage begab sich Herr Guejana, Director des Provinzial- Hospitals, zum Noviciat der Barmherzigen Schwestern vom h. Vincenz von Paul und legte der Oberin die Bitte vor, die Schwestern möchten jenes gefährliche Werk der Barmherzigkeit auf sich nehmen.Wir", antwortete die Oberin,können uns nicht weigern, hinzueilen, wo der Schmerz nach Nächstenliebe ruft, und mir gehen ruhig der Gefahr, ja selbst dem Tode entgegen, weil wir glauben, daß mit ihm die Stunde ge­kommen ist, in welcher wir von Gott eine Belohnung erwarten dürfen. Sagen Sie deshalb dem Herrn Gouverneur, daß innerhalb einer Stunde drei Schwestern, welche schon in anderen Gelegenheiten der Apotheke vorgestanden haben, nach Aranjuez gehen werden. Sollten diese der Krankheit zum Opfer fallen, so werden Andere an ihre Stelle treten, so lange noch eine Einzige in diesem Hause bleibt." In seiner Gegen­wart ließ die Oberin drei Schwestern rufen und befahl ihnen, sich unverzüglich zur Abreise nach Aranjuez bereit zu machen. Cs sind dies Sor Josefa Marcos, Sor Carmen Jraeta und Sor Lorenzo Ferrero. Und ohne weiteres Gepäck fuhren sie eine Stunde später mit der Bahn nach Aranjuez, woselbst sie am andern Morgen bereits die Verwaltung der Apotheken übernommen hatten. Sie erbaten sich keine andere Ver­günstigung, als am Abend die Schwestern aufsuchen zu dürfen, welche in den Spitälern jenes Städtchens sich befinden, um ihnen in der Pflege der Kranken beizustehen. In dieser Weise wurde der Conflict beschworen, indem der Heldenmuth der Nächstenliebe die Lücke ausfüllte. Der Gouverneur gab Befehl, den Schwestern alle Mittel zur Ver­fügung zu stellen, welche sie zur Erfüllung ihres aufopfernden Berufes verlangen. Gewiß ein schöner Belag für die stets sich gleich bleibende, bewunderungswürdige Auf­opferung der Barmherzigen Schwestern.

C ob lenz. Eine höchst originelle Erfindung taucht gegenwärtig schon ziemlich häufig in unserem sang- und tanzlustigen Rheinlande auf, nämlich eine wirkliche Dampfmusik, die man früher wohl scherzhaft prophezeite. Aus Wirthshäusern und Sommerfrischen ertönen die freundlichen Weisen großer Spielwerke besonderer Art, die des theueren Federbetriebes nicht mehr bedürfen und dafür billig und mit einer Anzahl Walzen zum Wechsel der Melodie versehen sind. Besonders Abends macht das einen wirklich freundlichen, lockenden Eindruck auf Fremde und Einheimische. Originell ist dabei, daß dieselbe Petroleumlampe, die zum Erleuchten des Zimmers mitwirkt, die treibende danrpf- und dadurch musikerzeugenoe Kraft ist, welche sich unter einem unten offenen, niedlich kleinenHenrici"-Motor befindet, der nur die Kraft von Vio Pferd besitzt und darum gerade genügt, um mittelst eines Riemens die Kurbel des Musik­werks zu drehen. Die gleichzeitig leuchtende Lampe, deren Cylinder die nöthige Hitze