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9tr. 298, Erft.« Blatt, Dienstag den 23. December 1888
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
ichmer Anzeiger
V«re««r Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-.
Prei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlob». Durch die Post bezogen vierteljäbrlich 2 Mark 50 P».
Hesterreich.
Wien, 19. December. Heute wird gleichzeitig aus Petersburg und Sofia bestätigt, daß der russische Agent in Bulgarien, Kojander, jetzt aus Sofia abberufen und nach Athen versetzt werden soll. Kojander gilt in der ganzen uichtrussischen Welt als derjenige Held, der in erster Linie an der Verwicklung zwischen Bulgarien und Rußland, sowie insbesondere an der Feindschaft des Czaren gegen den Fürsten Alexander schuld ist. Er hat an Hetzereien, an über- triebenen und feindseligen Darstellungen das Menschenmögliche geleistet, um den Fürsten Alexander und Bulgarien bei Rußland zu verhetzen und zu verleumden. Sein Bericht über angebliche öffentliche Aeußerungen des Fürsten Alexander über die rusfischen Osficiere war der eigentliche Anlaß, daß der Czar die sofortige Streichung des Fürsten aus der rusfischen Heeresliste befahl. Schon damals konnte Ihr ^-Berichterstatter auf's Bestimmteste erklären, daß Fürst Alexander niemals, am wenigsten bei der Abberufung der ruff. Officiere Aeußerungen gethan habe, die für diese nur einen Schein von Beleidigung hätten haben können, i Jetzt, wo Kojander abberufen wird, ist vielleicht die Möglichkeit gegeben, daß ! der Czar eine Prüfung der Richtigkeit jenes vom Fürsten als unwahr bezeichneten Berichts veranlassen könnte. Stellt sich in dieser Prüfung die Unwahrheit heraus, so würde zweifellos auch die Ursache der Streichung fortsallen. Dann dürste es aber leicht sein, zwischen den beiden Fürsten eine Annäherung und einen Ausgleich zu erzielen. (Köln. Ztg.)
Arankreich.
Paris, 19. December. Das Journal „Monde" glaubt zu wissen, der Gras von Paris sei, obgleich er die größte politische Zurückhaltung beobachte, jedem Gedanken an die Räumung Tongkings persönlich abgeneigt und bedauere, daß mehrere seiner Freunde sich in dieser Frage in entgegengesetzter Richtung engagirt hätten.
— Die Deputirtenkammer erklärte die Wahlen im Departement des Landes für ungiltig. Mackau, von dec Rechten, wünscht, daß die Regierung die । aus den Wahltassationen sich ergebenden Nachwahlen noch vor der Berufung des Congrefles veranlasse; er bezeichnet es als durchaus nothwendig, daß die ; Nationalvertretung behufs Wahl des Präsidenten der Republik vollständig sei. Der Minister Gablet erwiderte, die Regierung habe die Absicht, die Wähler zu den Nachwahlen nächstens zu berufen; es bestehe aber kein Zusammenhang zwischen diesen Wahlen und dem Datum des Zusammentrittes des CongresseS. Das Ministerium habe mit den Ungiltigkeits-Erklärungen der Wahlen durchaus Nichts : zu thun und es bestehe kein Gesetz, welches eine Completirung der Kammern für die Präfidentenwahl vorschreibt. Das Cabmet habe beschlossen, daß der Congreß am 28. December zusammentreten solle. Mackau blieb dabei, daß ein Zusammenhang zwischen dem Datum des CongresseS und dem Datum der Nachwahlen bestehe; es sei eine ernste Frage, den Präsidenten der Republik durch eine.i unvollständigen Congreß wählen zu lassen. — Hiermit schloß der Zwischenfall und die Sitzung.
England.
London, 19. December.. In Folge von aus Egypten eingegangenen Nachrichten befahl die Regierung dem General Fremantle, die Garnisonen in Akasheb und Kocheh zu verstärken. Es werden deshalb beträchtliche Detachements aus Assuan nach den genannten Orten entsendet.
Mußlavd.
Petersburg, 19. December. Der „Nuss. Ztg." zufolge kehrt Kojander nicht nach Sofia zurück, sondern wird nach Athen versetzt.
Serlnen.
Belgrad, 19. December. König Milan empfing die internationale WaffenstillftandS-Commisfion zur Audienz. Der Generalstabs-Chef Topalovic ist serbischerseitS mit den Verhandlungen mit der Commission beauftragt worden.
Montenegro.
Cattaro, 19. December. Nach hier eingegangener Nachricht hat Montenegro in Folge der Zusammenziehung türkischer Truppen in der türkischen Krajna drei Bataillone an die Grenze nächst Antivari abgehen lassen.
Asten.
Teheran, 19. December. (Reuter - Meldung.) Die Stockung in den Verhandlungen über die Grenzabsteckung bei Merutschak ist bedeutungslos.
Telegraphische Depeschen.
Wolff- telegr. «orrespoudeuz-Bureau.
Wien, 20. December. Wegen der neuerdings in der Provinz Venedig vorgekommenen Cholerafälle ist eine sanitäre Revision und ein Wechsel der Eisenbahnwagen auf der Station Pontafel der Kronprinz-Rudolf-Bahn von der Regierung verfügt worden.
Lokales.
Gießen, 21. December. Verflossenen Dienstag, Mittwoch und Donnerstag fand, wie alljährlich, im Saale des HStel Einhorn die Ausstellung von weiblichen Arbeiten statt, welche in der Schule von Fräulein L. Möser von deren Schülerinnen angefertigt worden. Die Besucher dieser Ausstellung waren des Lobes voll über die prächtigen Arbeiten, unter welchen neben sauber ausgesührten Weißzeug-Nähereien namentlich ganz vorzügliche Stickereien in allen möglichen Arten angefertigt waren. Man muß neben der Anerkennung für die Aufmerksamkeit der Schülerinnen erstaunt sein über das Talent und Genie der Lehrerin, welche es versteht, wie die Arbeiten ja zeigen, ihren Schülerinnen mit großem Verständniß und auch Erfolg beizubringen^ was jedem Mädchen dringend zu wünschen ist: praktisches Arbeiten und Verstehen von allen weiblichen Handarbeiten, ohne welches Verständniß die spätere Hausfrau übel berathen ist.
Gießen, 21. December. Der gestrige Tag war für viele Kinder ein Freudetag^ denn das Ehristkindchen war an vielen Orten eingekehrt und wer einen Rundgang zu den einzelnen Bescheeruugen machte, konnte sicherlich nur Freude und Vergnügen auf den Gesichtern der lieben Kleinen lesen.
Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit, der Weihnachts-Bescheerung des Kindergartens der Frau Clara Rothe mit beizuwohnen und kann wirklich sagen. Jedermann mußte geradezu überrascht sein von dem schönen Arrangement und den allerliebsten Leistungen der kleinen Schaar.
Einen Umzug mit Gesang eröffnete die Feier, hieran reihten sich kleine Gesangsstückchen und allein ö glich en schönen Kinderspiele, namentlich war es eine Gruppe kleiner Schnitter und «Lchnitterinnen mit einem Erntewägelchen, welche ihre Aufgabe ganz köstlich durchführten. Nachdem ein Herr im Namen der Eltern die volle Befriedigung über die Leistungen der Kinder und der Kindergärtnerin für ihre Mühe und Ausdauer ausgesprochen, überreichte er noch ein Weihnachtsgeschenk. Damit schloß die schöne Feier. Die Eltern, welche dem Feste mit angewohnt, nahmen alle den Eindruck und die Gewißheit mit nach Haute, daß ihre Kinder in guten Händen sind und daß man Frau Rothe als Kindergärtneriu überall mit gutem Gewissen warm empfehlen kann, denn sie versteht es meisterhaft, ihrem mühevollen, aber doch schönen und idealen Berufe oorzustehen. L.
Gießen, 21. December. Die gestrige 6. Weihnachtsbescheerung des Vereins „Jugendfreund" bewies, welcher Sympathien sich dieser Verein unter der hiesigen Einwohnerschaft erfreut, denn die Mädchenturnhalle in der Schillcrstraße, worin die Be- scheerung Mittags 4 Uhr stattfand, war wie noch nie zuvor besucht. Die Feier eröffnete o!.' ^csangsabtheilung der Bürger-'Gesellschaft mit dem sehr schön gegebenen Liede „S> Nacht, heilige Nacht" 2c., worauf Herr Reallehrer J a nn die Anwesenden willkommen hieß und in kurzen Worten den Zweck des Vereins skizzirte, insbesondere gedachte er aber des Herrn Bürgermeistees Bram m und der Burschenschaft Allemania als eifrigste Mitglieder des Vereins, denen er, sowie den übrigen Mitgliedern im Namen des Vereins bestens Dank sage. Hierauf wurden 12 Jungen und 8 Mädchen vollständige Anzüge bescheert. Mit dem auch diesmal tadellos gegebenen Liede „O, du fröhliche" ?c. schloß die wirklich schöne Feier.
Vermischte-.
— [Militärische Mittheilungen.j Für das nächste Jahr sind nach den Ansätzen des Militärhaushalts 4481 Officiere, 300 Aerzte, 111,480 Unterofffciere und Gemeine des Beurlaubtenstandes zur Theilnahme an Uebungen unter der Fahne vorgesehen. Es sollen 160 Premierlieutenants, sowie 2240 Secondelieutenants auf vier bis acht Wochen, 225 Unterärzte auf sechs Wochen, ^75 Assistenzärzte auf vier Wochen, 17 Rittmeister, 17 Premierlieutenants und 17 Secondelieutenants auf 14 Tage, 220 Hauptleute, 340 Premierlieutenants, sowie 1170 Secondelieutenants auf 13 Tage eingezogen werden. Außerdem 1300 Unterofficiere auf 56 Tage, 12,915 Gemeine auf 49 Tage, 665 Unter: officiere und 80 Gemeine auf 42 Tage — die große Mehrzahl der hier aufgeführten Unterofficiere sind ehemalige Einjährig - Freiwillige, welche fich die Qualification zum Reserveofficier, bezw. zum Bicefeldwebel erwerben wollen — endlich 20 Unterofficiere auf 28 Tage, sowie 9200 Unterofficiere auf 13 und 91,300 Gemeine auf 12 Tage. Die letztgenannten Zahlen begreifen diejenigen Mannschaften des Beurlaubtenstandes in sich, welche bei den jährlich sormirten Landwehr- oder Reserve - Bataillonen eingestellt werden. An Ersatz reservisten 1. Klasse sollen 39,700 Mann üben, was gegen das Vorjahr, in welchem nur 33,998 Mann eingezogen waren, ein Mehr von beinahe 6000 Mann ergibt. Der Unterschied rührt daher, daß im nächsten Jahre zum ersten Male eine Einziehung zur vierten Uebnng der Ersatzreservisten stattfindet, was seither um deswillen nicht möglich war, weil der jetzige Uebungsmodns der Ersatzreservisten erst seit dem Jahre 1881 eingeführt ist. Von der oben angeführten Zahl der Ersatzreservisten über 14,000 zum erstenmale (im vergangenen Jahre 15,498) 10 Wochen lang, 10,000 (ebenso viel wie im Vorjahre) zum zweitenmale 4 Wochen lang, 8509 (gleichfalls so viel wie im Vorjahre) zum drittenmale 2 Wochen und 7200 Mann zum viertenmale ebenfalls 2 Wochen. Vom Jahre 1886 ab ist die volle Quote der für den Kriegsfall zur Einstellung in die Ersatztruppentheile in Aussicht genommenen Ersatzreservisten, welche bereits einmal ober mehrmals geübt haben, vorhanden. Ihre Gesammtziffer berechnet sich für das deutsche Heer auf 120—130,000 Mann und ist hierdurch die Möglichkeit gegeben, zur Deckung der Verluste einigermaßen ausgebildete Mannschaften zur Verfügung zu haben, während im letzten Kriege vielfach Mangel an brauchbarem Nachschub für die Feldarmee sich bemerkbar machte. Rechnet man nach einem weiteren Zeiträume auch noch diejenigen Ersatzreservisten hinzu, welche die vier vorgeschriebenen Uebungen gemacht haben, dann aber zu den landwehrpflichtigen Mannschaften übertreten und welche im^ Kriegsfälle bei den Landwehr - Ersatz- oder Garnisontruppen Verwendung finden können, so ergibt sich, daß durch die militärische Nutzbarmachung der Ersatzreseroisten 1. Klasse die Zifferstärke des Heeres eine nicht unerhebliche Vermehrung erfahren hat. Hierbei darf aber nicht übersehen werden, daß trvtzdem die ganze Einrichtung nur ein Nothbehels ist, in erster Linie hervorgegangen aus den finanziellen Schwierigkeiten, welche sich einer strengen Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht entgegenstellen. Es wird oft darauf Hmgewiesen, daß ia auch Frankreich eine ähnliche Einrichtung in der sogenannten deuxifeme portton besäße, die nur 6 bis 12 Monate unter der Fahne diene. Dieser Vergleich ist aber doch nicht ganz zutreffend, weil die deuxikme portion der Franzosen doch immer noch längere Zelt der Truppe angehört hat, als unsere Ersatzreseroisten, deren gesetzliche E eiammt- Uebungspflicht nur 18 Wochen — einmal 10, einmal 4 und zweimal 2 Wochen — beträgt. Außerdem genießt die deuxifcme portion eine Ausbildung in den Truppenverbänden selbst, während die Ersatzreserven in besonderen adhoo gebildetm Ab- theilungen üben. Schließlich ist auch die Bestimmung der Ersatzreserven im Kriegsfälle eine andere, da in Frankreich die dsnxidwe portion sofort mit der Feldarmee aus- marschirt, während die Ersatzreserven den Feldformationen un Mobilmachungsfallc nicht zugewiesen werden sollen.


