Ausgabe 
22.11.1885 Drittes Blatt
 
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Siegers Hühneraugen Tod frisch eingetroffen.

E. Fr. Conrad, Friseur, 5158 Mäusburg 15.

Beilage Nr. 273 desGießener Anzeiger".

Berlin, 19. November. DerHamb. Corresp" vergleicht in einem Artikel, betitelt: ,SDte finanziellen Aufwendungen Deutschlands für das Heer« wesen", den Aufwand der Großmächte Europas auf diesem Gebiete mit dem Deutschlands und legt dabei die Zahlen von 1884 zu Grunde:Danach ergiebt sich" schreibt das Blattfür Deutschland ein Gesammt - Aufwand von 386,486,515 JC., für Oesterreich von 238,994,842 JL, für Frankreich von 731,474,702 Jt, für Rußland von 743,227,211 v4t, für Großbritannien von 518,225,100 JL, für Italien enolich von 205.637,560 Mithin blieben im vorigen Jahre nur die Budgets von Oesterreich'Ungarn und Italien hinter dem» jenigen Deutschlands zurück, während diejenigen von Rußland und Frankreich nahezu das Doppelte betragen, dasjenige von Großbritannien nahezu 132,000,000 »4L. mehr aufweist. Roch frappanter wird der Vergleich, wenn man den auf den Kops der Bevölkerung entfallenden Betrag nebeneinander hält. Dieser stellt sich, wenn man die Daten der letzten Volkszählung auf den vor­aussichtlichen Stand des Jahres 1884 bringt, bei Frankreich Algerien einrechnet, die anderen Kolonien aber, ebenso wie bei Großbritannien Indien und die son­stigen Kolonien und bei Rußland den außereuropäischen Besitz unberücksichtigt läßt, auf den Kopf der Gesammt«Bevölkerung, wie folgt:

Deutschland .... 8,59 JC.,

Oesterreich «Ungarn . . 6,13 Frankreich .... 16,62 Großbritannien . . . 14,81 Rußland.....8,74

Italien.....7,09

In Frankreich beträgt sonach der Militäraufwand nahezu doppelt so viel, in England/* mehr aus den Kops der Bevölkerung, als in Deutschland, und selbst in dem wtrthschastlich so sehr hinter Deutschland zurückstehenden Rußland wird nicht blos absolut, sondern verhältnißmäßig mehr für Heer unv Flotte ausgegeben, al» bei uns. Oesterreich nimmt allerdings, in Bezug auf das Heeresbudget eine bevorzugte Stellung ein; seine Militärausgaben bleiben ab­solut und relativ nicht unerheblich hinter denjenigen Deutschlands zurück. Es ist dies der augenscheinliche Vortheil, den Oesterreich-Ungarn aus dem Bündniß mit Deutschland zieht. Wir tragen, wie einst Preußen für den deutschen Bund, den Haupttheil der Kriegsrüstung für die verbündeten Kaisermächte."

Es ist von Zeit zu Zett immer wieder versuchte Praxis oppositio­neller Parteien, aus Grund der hohen Ausgaben, welche das deutsche Heer erfordert, um auf der Höhe seiner Leistungen bleiben und dem Vater- lanbe den erforderlichen Schutz und das hohe Ansehen unter den Nationen er­halten zu können, an dem Bestand desselben zu rütteln und seine Organisation zu lockern zu suchen. Dieser Praxis gegenüber verdient bemerkt zu werden, was auf dem Majors-Banket zu Dover vor einigen Tagen der eng­lische Generalmajor Fielding, der bei den heurigen deutschen Herbst«Monöoern Vertreter der britischen Armee war, über die Leistungen des deutschen Heeres äußerte. Er sagt u. A.:So übertrieben die Berichte von der hohen Norm der Vollkommenheit, auf welche die Einübung jener Armee gebracht worden, die er gehört habe, auch erschienen sein können, müsse er gestehen, daß er die diesbezüglichen Mittheilungen vollkommen gerechtfertigt gefunden habe. Er sei auch einzugestehen gezwungen, daß es unmöglich für England sein würde, eine solche hohe Norm der Einübung britischer Soldaten zu erreichen, weil, selbst wenn England seine Truppen vom frühen Tagesanbruch bis zur Abenddämme­rung exercieren würde, wie es in Deutschland geschieht, es nie solche Rekruten erholten würde."

Univerfität- - Chronik.

In München steht die Ausweisung von russischen Studenten, die des Nihilismus verdächtig sind, bevor.

In arbeitsvoller Stille beging am Montag einer der berühmtesten Lehrer der Staatswissenschasten, Lorentz v. Stein, auf seinem Landsitz zu Weidlingen bei Wien seinen 70. Geburtstag. Abgesehen von seinen großartigen Leistungen auf dem Gebiete der Socialpolitik und Socialwissenschaft hat er in seiner umfassenden Ver­waltungslehre zum erstenmale ein System der Verwaltung auf streng philosophisch- systeinatischer Grundlage gegeben und im Verlauf seiner Studien zuerst den Begriff der internationalen Verwaltung eingeführt. Allbekannt ist Stein's Lehrbuch der Finanzwissenschaft. Lorentz v. Stein, am 15. November 1815 zu Eckernförde geboren, gehört nicht nur durch Geburt, sondern auch mit seinem Herzen, mit seinem Character und mit seinem Wirken zugleich dem deutschen Reiche an.

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Vermischte-.

Homberg a. d.O., 19. Nov. DieArbeiter-Colonie Neu-Ulrichstein, welche nach ihrer Fertigstellung auch vollständig in ihrer Organisation den übrigen 12 Colonien des deutschen Reiches gleichgestellt ist, wird jetzt stark von Hülfesuchenden und Arbeits­losen in Anspruch genommen. Die zunächst für nöthig erachteten 25 Betten wurden auf Beschluß des Verwaltungs-Ausschusses vom 14. October auf 50 ergänzt. Bet dem gegenwärtig besonders starken Zudrang werden aber in den nächsten Tagen diese 50 Plätze belegt sein, so daß die Verwaltung schleunigst weitere 20 Betten beschaffen mußte. Ob diese 70 Plätze für den Winter reichen, wird von jener nach den bis jetzt gemachten Erfahrungen bezweifelt. Jedenfalls aber zeigt diese Frequenz allen, in Bezug auf die Nothwendigkeit und Wahl des Gutes Neu-Ulrichstein bisher pessimistisch denkenden Gemüthern, wie Unrecht sie hatten, beide als verfehlte Speculation zu be­zeichnen. Es haben, nach privater Mittheilung des Jnspectors, vom 1. Juli er. bis heute ca. 80 arbeitslose Leute der verschiedensten Stände und Gewerbe Aufnahme und Arbeit gefunden, trotzdem während des Baues Mangel an Raum rc. vorhanden war. Der Aufenthalt auf der Colonie ist auch ein recht angenehmer, die Verpflegung eine gute und die Arbeit selbst für nicht Eingeübte nicht drückend. Natürlich werden und das mit Recht träge, faule und arbeitsscheue Individuen seitens der Verwaltung nicht geduldet. Solchen wird vielmehr meist ihrem Willen gemäß sofort ohne Weiteres der Laufpaß gegeben. So lange diese Subjecte draußen auch nur täglich eine noch so kleine Gabe empfangen, ziehen sie das Straßenleben der ehrlichen Arbeit auf der Colonie vor. Die Colonie-Verwaltung ersucht das Publikum dringend, allen kräftigen Bummlern keine Almosen zu verabreichen. Wenn nichts anderes, so muß der Hunger diese Sorte Wegelagerer zur Arbeit zwingen. Allen solchen Gesellen gegen­über, welche die Colonie verlassen und auf die daselbst zu verrichtenden schweren Arbeiten, die Behandlung und Verpflegung schimpfen, möge das Publikum vorsichtig sein. Wer es auf der Colonie nicht aushalten kann, ist zu keiner Arbeit mehr brauchbar und dem gehört eher eine Verweisung in ein Arbeitshaus als ein Almosen.

Allen fleißigen und bewährten Arbeitern in Neu-Ulrichstein wird Seitens der Verwaltung Arbeit und Stelle verschafft. Es wird jetzt keiner mehr nach auswärts empfohlen, wenn sich der Jnspector nicht von seiner Brauchbarkeit Ueberzeugung verschafft hat. Das arbeitgebende Publikum sei deshalb hierdurch darauf aufmerksam gemacht, die Arbeiter-Colonie in ihren Bestrebungen dem armen arbeitslosen, arbeits­willigen Menschen wieder Stellung zu verschaffen, dadurch kräftig zu unterstützen, daß es bei Vacanzen die Verwaltung um entsprechende Leute befragt und diese engagirt. Es sind fast immer Leute jeder Branche disponibel. Auch werden Einzelne auf Wochen oder Tage zu Feldarbeiten, Dreschen oder an Handwerker gegen mäßige Entschädigung abgegeben.

Es wird von jetzt ab, von Zeit zu Zeit seitens der Eolonie ein Verzeichnis der vorhandenen Geschäftsleute in dieser Zeitung erscheinen und kann sich das Publikum dann leicht einen passenden Mann heraussuchen. Möge nur recht fleißig davon Gebrauch gemacht werden.

Auf der Arbeiter-Colonie Neu-Ulrichstein bei Homberg a. d. Ohm sind gegen­wärtig als stellen- resp. arbeitslos ausgenommen und werden bis zur Erlangung geeigneter Arbeit resp. Stelle beschäftigt: 6 landwirthschaftliche Arbeiter, 4 Gärtner, 3 Kaufleute, 4 Anstreicher, Maler, Lackirer, 1 Schreiber, 1 Kürschner, 2 Schreiner, 5 Schneider, 1 Müller, 1 Schmied, 1 Messerschmied, 1 Cigarrenarbeiter, 2 Maurer, 1 Bäcker, 1 Klempner, 1 Kesselschmied, 2 Schlosser, 3 Schuhmacher, 1 Schleifer, 2 Weber, 1 Lohgerber. Jnsgesammt 44.

sBohren von Glas.j Glas kann man ganz gut durchbohren, wenn man sich eines gehärteten Stahlbohrers, mit Terpentinöl befeuchtet, bedient. Man schleift den Bohrer mit einer langen Spitze und hinreichend leeren Zwischenräumen. Das Bohren geht schneller von statten, wenn das Terpentinöl mit Kampher gesättigt ist. Mit einem harten Werkzeug kann auf solche Weise eingeöltes Glas selbst mit kleinen Löchern von etwa 3/is Zoll so schnell durchbohrt werden wie Gußeisen. Man kann sich dabei eines Brustbohrers bedienen, wobei man nur darauf achten muß, daß der Stock stetig bleibt, damit der Bohrer nicht bricht. Glas zu feilen, nimmt man eine 12-zöllige Mill-Feile, einfach gehauen und mit der oben angegebenen Lösung, Terpentinöl mit Kampher gesättigt, befeuchtet, und man kann dann dem Material eine beliebige Form geben, wie Messing. Um Glas in der Drehbank zu drechseln, stecke man eine Feile in den Werkzeugstock und befeuchte sie mit Terpentinöl und Kampher, wie vor­her. Um Glasröhren einzuwickeln, bringe man selbe in eine Drehbankspindel von hartem Holze, die man mit einer Eisenstange mit Centren durch einen Block von Kirschbaumholz oder weichem Ahorn Herstellen kann, und gebrauche die Fläche einer einfachen gehauenen Feile in dem Werkzeugstock, angefeuchtet wie vorher, wobei man aber langsam zu Werke gehen muß. Große Löcher können schnell von einem röhren­förmigen Stahlwerkzeug geschnitten werden, welches am Ende wie eine Feile oder mit feinen Zähnen geschnitten ist, wobei natürlich große Sorgfalt anzuwenden ist. Die Rückseite des Glases ist gut mit Bleiplatten oder auf andere Weise zu versehen, um jedem Brechen durch ungleichen Druck vorzubeugen. Dies Werkzeug hält aber keine zu schnelle Bewegung aus. Befeuchtet, wie vorn angegeben, kann Glas auf solche ein­fache Weise ganz gut gebohrt und zugerichtet werden.

r Anzeiger.

Kölnische Fenerverficherungs- GesellschaftColonia.

Wir beehren uns hiermit anzuzeigen, daß die bisher von Herrn Theodor Wortmann in Gießen verwaltete Agentur derColonia" zufolge Uebereinkunft mit Heutigem den Herren Otto und Adolf Fischer, in Firma

Johann Fischer, Alicenstraße 19 zu Giessen übertragen worden ist.

Darmstadt, 18. November 1885.

Die General-Agentur derColonia":

8370 J, « Ranlert <fe Söhne.

Im Anschlüsse an obige Anzeige empfehlen wir uns zur Vermittlung von Versicherungen beweglicher Gegenstände jeder Art gegen Brand­schaden bei der Kölnischen Feuerversicherungs-GesellschaftColonia" zu mäßigen, festen Prämien, wobei jede Nachzahlungsverbindlichkeit aus­geschlossen ist. Prompte Erledigung aller Austräae, auch solcher, welche stch auf die bei derColonia" in Gießen und Umgegend bereit- bestehenden Berficherungen beziehen, wird unsre an­gelegentlichste Sorge sein-

Gießen, den 18. Novemöer 1885.

__________________________Job« Fischer-

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