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Rr. 273 Drittes Blatt Sonntag den 22. November
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Gießen, 21. November.
Während im Südosten Europas wieder einmal Kanonendonner schallt und zwei Völker in brudermörderischem Ringen mit einander den Boden Bulgariens mit ihrem Blute tränken, ist der deutsche Reichstag zu friedlicher Arbeit abermals zufammengetreten. Die am Donnerstag eröffnete neue Sesston deffelben birgt wieder eine Fülle großer Aufgaben, welche der Erledigung durch das Parlament harren, in sich und über die schon wiederholt in der Tagespresse berichtet worden ist. Jedenfalls darf man gleich bei Beginn der Session anregenden Debatten entgegensehen, zu denen der zunächst zur Be- rathung kommende Reichshaushalt mit seinen zum Theil nicht unerheblichen Mehrausgaben, namentlich für Militär und Marine, sicherlich Anlaß bieten wird. Von neuen Steuervorlagen ist, abgesehen von der Reform der Zuckersteuer, noch nichts bekannt geworden, dagegen wird sich der Reichstag wiederum mit der socialpolitischen Gesetzgebung zu beschäftigen haben, in deren Rahmen oie Vorlagen über die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die land- und forstivlrthschastlichen Arbeiter und über Entschädigung verunglückter Reichsbeamter gehören. Es steht zu erwarten, daß diese Gesetzentwürfe nur in Einzelheiten auf Widerspruch Seitens dieser oder jener Partei stoßen werden, dagegen dürften die zu erwartenden Vorlagen colonialpolitischer Natur, besonders diejenigen über die Regelung der Rechtspflege in den deutschen Schutzgebieten, wiederum zu lebhaften Verhandlungen führen und dasselbe kann man wohl auch van der Novelle zum Preßgesetz und von dem Gesetzentwürfe über die Erbauung des Nordostsee Kanals behaupten. Was die Vorlagen über die Erneuerung des Militär-Septennats und die Verlängerung des Socialistengesetzes anbelangt, so wird sich der Reichstag mit diesen hochwichtigen Fragen aller Voraussicht nach erst gegen. Ende der Session zu befassen haben; wenigstens kann man dies aus dem Umstand schließen, daß sich die Reichsregierung über ihre Absichten und Entschlüsse hinsichtlich dieser beiden Fragen noch nicht weiter geäußert hat. — Als bemelkenswerth ist von dem Eröffnungs-Acte des Reichstages zu registriren, baifc derselbe zum ersten Male im Sitzungssaale des Reichstagsgebäudes selbst und nicht, wie bisher üblich, im königlichen Schlöffe erfolgte. Wenigstens bei einer ordentlichen Session der Parlamente in Berlin ist dies das erste Mal, nur die kurze außerordentliche Session, bei welcher es sich um die Berathung des belsch-spanischen Handelsvertrages handelte — im Sommer 1883 — wurde ebenfalls im Reichstagsgebäude eröffnet. — Das Präsidium und die Bureaux des Reichstages sollten auch diesmal durch Acclamation gewählt werden, was jedoch durch einen Widerspruch der Welfen vereitelt wurde.
Das jüngste Unwohlsein des Kaisers, das bekanntlich in einer mit starker Heiserkeit verbundenen Erkältung bestand, ist bereits so weit beseitigt, daß der Monarch voraussichtlich in den nächsten Tagen seine gewohnten Ausfahrten wird wieder aufnehmen können. — Das 25jährige Regierungs- Jubiläum des Kaisers, welches er am 2. Januar 1886 als König von Preußen begebt, ist schon in der Presse Gegenstand von Erörterungen gewesen, namentlich darüber, in welcher Weise die Bevölkerung am besten ihre Teilnahme an diesem freudigen Ereigniffe ausdrücken solle. EL wird nun bekannt gegeben, daß der to(er bestimmt habe, daß überall in der Provinz, wo eine Feier anläßlich seines Jubiläums beabsichtigt sei, am 3. Januar stattzufinden habe, da der 2. Januar zugleich der Todestag König Friedrich Wilhelm IV. sei. OeffenLliche Auszüge oder ähnliche Kundgebungen der Berliner Einwohnerschaft anläßlich seines Ehrentages anzunehmen, hat der Kaiser abgelehnt und ebenso geglaubt, sich den Empfang von Deputationen versagen zu müffen, desgleichen auch die Annahme persönlicher Geschenke. Korporationen, Gemeinden u. s. w., die dem to'er am 2. Januar ihre persönlichen Glückwünsche barbringen wollen, werden angewiesen, sich aus bte Ueberfenbung schriftlicher Adressen zu beschränken.
Zur Karolinensrage liegt in dieser Woche wieder eine Mit- Ih.ilung aus Rom vor. Dieselbe versichert, daß die Entscheidung des Papstes ben beiden streitenden Theilen noch vor dem 25. b. Mts. übergeben unb bann foiort veröffentlicht werben solle. In seiner Entscheidung soll der Papst die historischen Rechte Spaniens auf die Karolinen-Jnstln conftatiren, wofür Spanien dem deutschen Reiche eine prioilegirte Stellung, nämlich gewisse fpecieHe 8-grtheile, im Archipel anzubieten haben werde. Es heißt weiter, der Papst volle diese Vortheile nicht specificiren, sondern es den beiden Parteien überlassen, sich über dieselben, wenn möglich, birect zu verstänbigen.
Aus Oesterreich ist als das bedeutendste Wochen-Ereigniß der am Mtwoch ei folgte Schluß der Delegations-Session zu melden. Das Charakte- nstikum der Session war der ungemein glatte und rasche Verlaus der Verhand- (mngen unb zum ersten Male seit längerer Züt stimmten bie Beschlüsse der ssterreichischen Delegirten mit denen ihrer ungarischen Kollegen in allen Punkten überein- Noch in ben letzten Delegations-Sitzungen fiel der Ausbruch des serbisch-bulgarischen Krieges, aber auch diese bedenkliche Wendung der Ereignisse auf der Balkan-Halbinsel hat nicht vermocht, ben Schluß der Delegationen zu verzögern. Dieselben haben bem österreichisch-ungarischen Minister des Auswärtigen, dem Grasen Kalnoky, dadurch allerdings ein besonderes Vertrauensvotum ertfjeilt, daß sie von einer so naheliegenden Erörterung der auswärtigen Politik Ldstand nahmen. Graf Kalnoky hat denn auch den Delegationen hierfür feinen Dank und zugleich die Hoffnung ausgedrückt, baß es gelingen werbe, den Kriegs- brcnb zu localifiren. Genau eine Woche nach Beendigung der Delegations- Verhandlungen, am 25. November, werben bie Landtage zusammentreten und
somit das parlamentarische Leben in Eisleithanien einen erhöhten Aufschwung nehmen. — In Wien starb der dortige Polizeipräsident, Ritter v. Krticzka, ein Beamter, der sich durch sein humanes Auftreten die Achtung der weitesten Bevölkerungskreise der österreichischen Hauptstadt erworben hatte.
Die Verhandlungen der französischen Deputirtenkammer haben auch dieser Woche den Beweis tiefgehender Zerfahrenheit unter den parlamentarischen Parteien Frankreichs, die Republikaner mit einbegriffen, geliefert. Namentlich ist es die Amnestiefrage, welche die Zerklüftung unter den Republikanern zeigt und welche die Nadicalen schon zu einer entschiedenen Frontnahme gegenüber der Negierung veranlaßt. In der allgemeinen Verlegenheit faßt man bie Beschleunigung der Präsibenten-Neuwahl in's Auge unb soll deßhalb zu biefem Zwecke ber Kongreß womöglich schon am 30. November zusammentreten.
Aus Tongking meldet eine officielle Depesche den günstigen Fortgang der französischen Operationen gegen die Piraten auf ben Flüssen; die Banden sind von den französischen Truppen gänzlich umzingelt unb zum Theil zersprengt worden. Dagegen haben die Franzosen auf Madagaskar gegenüber den Hovas neuerdings eine Schlappe erlitten.
In England gehörte die zu Ende gegangene Woche vollständig den die Wahlvorbereitungen abschließenden Reden und Versammlungen an, da nächsten Dienstag die Parlamentswahlen selbst stattfinden Erwähnung verdient eine zu West - Kalbern gehaltene Rebe Gladstone's, unb zwar hauptsächlich deßhalb, weil sich in ihr ber liberale Führer lobenb über bie vorsichtige unb zweckmäßige Politik bes englischen Kabinets bezüglich der Frage der bulgarischen Union aussprach.
Ueber bie englischen Operationen in Birma finb jetzt die ersten Melbungen in Lonbon eingelaufen. Dieselben verkünden die Einnahme ber auf bem rechten Ufer bes Jrawabby gelegenen Position^ von Minhla unb des auf bem linken Ufer, dieses Flusses gelegen;u Forts Gue-Gyung-Kampo burch bie Englänber; dieselben besetzten auch weiter am Jrawaddy hinauf Sindongwab unb bas Fort Kuligan. Die englischen Truppen, welche nur geringe Verluste erlitten, haben nunmehr ben Weg nach ber birmanischen Hauptstadt Mandalaya frei.
Währenb zwischen ben europäischen Kabineten noch des Langen unb Breiten erörtert wirb, wie der serbisch-bulgarische Krieg am besten zu localifiren sei, gehen die serbischen Truppen unaufhaltsam auf ihr Ziel, auf Sofia, zu. Zwei wichtige Positionen, Dragoman unb Trn, welche bie Straße nach ber bulgarischen Hauptstabt versperren, haben bie Bulgaren schon auf geben müssen unb vielleicht sinb sie zur Stunbe auch schon aus ber brüten unb letzten Stellung vor Sofia, aus Slivnitza, hinausgeworfen worben.
Unterdessen hat Bulgarien einen neuen Hilferuf an bie Pforte gerichtet, worauf ber Großvezir unverweilt antwortete unb sich in seiner Antwort auf bie vorhergegangene Depesche bes Fürsten von Bulgarien über die Kriegserklärung der Serben bezog. — Die „Times" erfährt Einzelheiten über ein serbisch-türkisches Abkommen. Demselben zufolge wird König Milan nicht mit bem Fürsten Alexander, sondern mit bem Sultan Frieden schließen. Serbien soll einen Gebietszuwachs erhalten, da bie Pforte nicht allein gleich- giltig gegen eine Zerstückelung Bulgariens sei, fonbern auch einem starken Serbien bem mächtigen Bulgaren gegenüber ben, Vorzug geben würbe. Diese Nachricht bebarf inbeffen doch wohl noch ber Bestätigung. Im llebrigen läßt bie fortgesetzte Deroute ber Bulgaren jede Hoffnung auf einen Sieg derselben mehr unb mehr schwinben, benn sie haben nicht nur ber serbischen Hauptarmee gegenüber Nieberlagen erlitten, fonbern sinb auch von ber gegen bie Donaufestung Wibbin operirenben serbischen Timok - Armee auf's Haupt geschlagen worben. Die bort stehenden bulgarischen Truppen wurden von dem serbischen General Leschjanin gänzlich zersprengt, wobei sie zahlreiche Gefangene in den Händen der Serben zurücklassen mußten.
UniverfitätS - Chronik.
Marburg, 18. November. „Die Statuten der Universität Marburg" in alt- gothischer Lapidarschrift mit ornamentalen Initialen auf 44 Pergamentblättern nebst zwei künstlerisch ausgemalten Titelblättern in Sammet-Einband mit ächtem Beschlag, durchzogen von Silberschnüren, an welchen die Kapsel mit dem Kaiserlichen Jnsiegel, das Schlußblatt mit dem eigenhändigen festen, charakteristischen Namenszug Sr. Maj. des Kaisers versehen, ist ein Meisterstück des Berliner Kunstgewerbes. Die Malerei und Ausstattung ist von E. Hacker (Unter den Linden 30) angefertigt.
— Der Professor der Theologie zu Würzburg, Dr. Hettinger hat eine Reise nach Rom angetreten. Dortigen klerikalen Blättern wird unter Reserve mitgetheilt, daß Dr. Hettinger zum Kardinal ernannt und ihm die Leitung der vatikanischen Archive übertragen werde. Der Kardinal Hergenröder wolle sich aus Gesundheitsrücksichten von dieser Stelle zurückziehen. ,
— Seit kurzer Zeit ist ein gegenseitiger Austausch ihrer Schriften zwischen den deutschen und französischen Universitäten eingeführt worden und sofort hat man Seitens der bibliothfcque nationale in Paris die Anregung zu einem Berzeichniß der übermittelten Schriften gegeben. In Anlehnung daran war der Breslauer Ober- Bibliothekar Dr. Dziatzko im 6. Heft des „Kentralblattes für Bibliothekwescn" für die Anbahnung eines solchen übersichtlichen Katalogs auch für die deutschen Universitätsschriften fachkundig eingetreten. Unter dem 6. November d. I. ist nun durch den Kultusminister v. Goßler an säinnitliche preußische Universitäts-Kuratorien unb diejenigen der Akademie zu Münster und des Lyeeums zu Braunsberg ein Erlaß ergangen, welcher die Aufstellung übersichtlicher Verzeichnisse regelt, die alsdann von ber königl. Bibliothek gesammelt und in Druck gegeben werden.


