Donnerstag den 20. August
1865
Rr. 192.
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Wrtnqertofcn
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Amtlicher Hheit.
Bekanntmachung.
Dem unterzeichneten Kreisärzte ist ein mehrwöchentlicher Urlaub bewillig und während dieser Zeit die Stellvertretung dem Großh. Kreisasststenzarzt Dr. Drescher zu Grünberg übertragen worden. Derselbe wird jeden Mittwoch. Nachmittags von 2—5 Uhr, hier in Gießen (Ludwigsstraße 14) -u mündlicher Auskunftsertheilung u. s. w. anwesend sein. Schriftliche Eingaben sind nach wie vor an Großh. Kreis-Gesundheitsamt Gießen zu richten.
Gießen, den 19. August 1885. Großh- Kreis-Gesundheitsamt Gießen.
Dr. Glasor.
Politische Ueberficht. '
Gießen, 19. August.
Das Erscheinen des deutschen Geschwaders vor Zanzibar bat seinen Eindruck auf den zanzibarischen Herrscher nicht verfehlt. Bargasch Ben Said ist den Forderungen der deutschen Regierung in vollstem Umfange gerecht geworden, ohne daß ein Tropfen Blut geflossen wäre und dieser schnelle und durchschlagende Erfolg wird nicht nur allen Deutschen in Ostafrika, sondern überhaupt dem Prestige des deutschen Namens aus dem ganzen Erdball zu Gute kommen. Jetzt haben sich auch die Eingeborenen an den westlichen Gestaden des Indischen Oceans davon überzeugen muffen, daß das mächtige central- europäische Kaiserreich wohl im Stande ist, seine Angehörigen auch an den entferntesten Punkten der Erde zu schützen. Der Sultan von Zanzibar, zu dem die Muhamedaner Ostafrikas als zu ihrem geistlichen Oberhaupte emporzuschauen gewohnt sind, hat sich den berechtigten Forderungen der deutschen Reichsregierung ohne Weiteres unterworfen und der Eindruck dieser Thatsache wird über die Gestade von Zanzibar weit hinausreichen; sie beweist, daß sich Deutschland nunmehr zum ersten Male als Weltmacht im Indischen Ocean etablirt hat. Die Genugthuung, die den beleidigten Interessen Deutschlands in Ostasrika zu Theil geworden ist, wird noch durch die Meldung vervollständigt, daß das Cabinet Salisbury seinen bisherigen Vertreter beim Sultan von Zam zibar, Sir John Kirke, auf deffen Einfluß hauptsächlich die deutschfeindliche Haltung des Sultans zurückzuführen ist, abberufen hat, und zwar ohne daß von deutscher Seite ein diesbezügliches Verlangen gestellt worden wäre.
Nachdem die Zanzibar-Frage ihre schnelle und befriedigende Lösung gefunden, darf man wohl bald der Auflösung des ostafrikanischen Geschwader-Verbandes entgegensehen. Wie verlautet, sollen „Prinz Adalbert", „Stosch" und „Elisabeth" direct nach Kiel, resp. Wilhelmshafen zurückkehren; der „Gneisenau" dagegen soll bis aus Weiteres an der ostafrikanischen Küste stationirt bleiben; wahrscheinlich werden schon im nächsten Etat die Mittel für eine ständige Station an der ostasrikanischen Küste gefordert werden.
In Berliner amtlichen Kreisen wird nicht angenommen, daß die angebliche — bis jetzt übrigens noch nicht bestätigte — Entsendung zweier spanischer Kanonenboote nach den von Deutschland in Besitz genommenen Karolinen- Inseln zu Weiterungen mit Spanien führen werde. Dem alten, aber von jeher nur auf dem Papiere stehenden Ansprüche Spaniens aus diese Inselgruppe des Stillen Oceans ist, eben weil ihm niemals eine wirkliche Besitzergreifung gefolgt ist, wiederholt Seitens Deutschlands und auch anderer Mächte ausdrücklich die Anerkennung verweigert worden. Deutschland aber hatte zur Entfaltung seiner Flagge daselbst ein Recht vermöge der Thatsache, daß sich aus diesen Inseln Zweig-Niederlassungen der im Stillen Ocean Handel und Plantage-Wirthschaft treibenden deutschen Firmen — daneben auch einiger englischen — befinden, denen das deutsche Reich seinen Schutz zu gewähren hat.
In Prag hat am Samstag die feierliche Inthronisation des neuen Fürst - Enbischofs Grasen Schönborn stattgefunden. Die Deutschen nahmen an der Feier nicht Theil, um so mehr aber die Czechen und dies kann auch nicht Wunder nehmen, gelten doch die Neigungen des höchsten Kirchenfürsten entschieden der czechischen Partei, trotz der deutschen Abstammung des neuen Fürsten-Erzbischofs. Die czechischen Blätter begrüßten denn auch den Tag mit Jubel-Artikeln, der Bürgermeister von Prag begrüßte den Erzbischof mit einer Ansprache, die derselbe beantwortete — beides natürlich im czechischen Idiom. Graf Schönborn schien gänzlich vergessen zu haben, daß auch Deutsche seinem Hirtenstabe anvertraut sind, ja, daß seine Kirchenprovinz sich auch aus deutsches Reichsgebiet erstreckt, er scheint sich nur als czechischer Erzbischof zu betrachten. Am weitesten trieb indessen diese Fiction der Prager Bürgermeister Dr. Czerny, welcher, einem von den Czechen-Blättern ausgegebenen Schlagworte zufolge, den Erzbischof als Primas von Böhmen, als Hüter der Wenzelskrone und als den Mann feierte, welcher „in dem geheiligten Augenblicke, wenn der durchlauchtigste Herrscher auf sein Haupt die Königskrone setzt und in geheiligte Verbindung mit seinem Volke tritt, durch den kirchlichen Segen dieser Verbindung die Weihe giebt und dem erhabenen Herrscher den Eid abzunehmen hat, welcher den Krönungsakt besiegelt." Es scheint nach dieser Rede nicht bloS, daß man sich in Prag Hoffnung macht, Gras Schönborn werde bald in die Lage kommen, bei der böhmischen Königskrönung zu celebriren, sondern es wird mit dieser in Gegenwart des Statthalters gehaltenen Rede die Frage der Krönung Kaiser Franz Josefs zum König von Böhmen auch neuerdings auf die Tagesordnung gefetzt- Um so begreiflicher ist es, daß die Deutschen sich von dieser czechisch-nationalen Kirchenseier fern hielten.
Die am Sonntag stattgesundene Enthüllung des dem General Chancy in Le Mans gesetzten Denkmals hat zu keinerlei Zwischenfällen geführt. Kriegsminister Campenon hielt die officielle Reoe, die aber ziemlich kurz gefaßt war. Er hob in derselben hervor, daß Chancy niemals die Hoffnung auf die Bestimmung des Vaterlandes aufgegeben habe und dieses Vertrauen auch der Armee einzuflößen wußte, in welche er Männer von allen politischen Meinungen aufnahm. Die Regierung dürfe das Andenken an diesen Mann niemals in Vergessenheit gerathen lassen. In den Tagen der Gefahr müsse das Land auf Die Mitwirkung Mer rechnen. — Das Fehlen aller chauvinistischen Anklänge in der Rede des Ministers wird die Patrioten par excellence vom Schlage Paul Deroulede's freilich wenig befriedigen.
Die Cholera-Epidemie in Marseille beginnt einen ernsteren Charakter anzunehmen; während noch am Freitag die Zahl der Cholera-Todesfälle nur 20 betrug, stieg sie am folgenden Tage auf 34; auch in Spanien wüthel die Seuche mit unverminderter Heftigkeit fort. Von der türkischen Regierung ist daher die zehntägige Quarantäne für die Provenienzen aus spanischen und französischen Häsen des Mittelländischen Meeres zu einer zwölftägigen verlängert worden; in den Dardanellen unterliegen diese Provenienzen einer strengen Visitation.
Nach einer Meldung aus Kairo soll die englische Regierung nicht abgeneigt sein, dem Jmtiatlv-Projecte des Khedive, die Ausrüstung einer egyptischen Expedition zum Zwecke der Wiederbesetzung der Provinz Dongola ihre Zustimmung zu ertheilen. Sobald die klimatischen Verhältnisse es gestatten, würde dann ein zumeist aus schwarzen egyptischen Truppen bestehendes Corps unter dem Commando des tapferen ehemaligen Mudirs von Dongola, Mustapha Aawer Pascha, die gegenwärtige egyptische Südgrenze überschreiten, um die genannte Provinz zu besetzen. Man erwartet, daß diese Wieoerbesetzung sich vielleicht ohne Kampf vollziehen werde, nachdem Mustapha Dawer unter den Stämmen der Provinz zahlreiche Freunde zählt und die allgemeine Stimmung im Sudan, den letzten Berichten zufolge, dem Frieden sich immer geneigter zeigt. Thatsächlich seien schon jetzt egyptische Emissäre thätig, um ein günstiges Terrain für die projectirte Expedition vorzubereiten. Was den Entsatz von Kassala anbelangt, so erfährt man hierüber noch immer nur Unbestimmtes. Der abyssi- nische General Ras Alula soll allerdings mit einer bedeutenden Truppenmacht — man spricht von 25,000 Mann — etwa 20 Meilen vor Kassala angelangt sein; dies wurde indessen schon vor zwei Wochen gemeldet, seitdem sind keinerlei Nachrichten von neuen Bewegungen des genannten Generals eingegangen. Es scheint demnach, daß derselbe noch immer in dem von ihm zuletzt bezogenen Lager weilt, wohl, um die letzten definitiven Weisungen des Königs von Abysst- nien abzuwarten.
Die Besetzung eines Häsens auf Korea durch die Russen bestätigt sich und wird dies in England abermaliges Mißtrauen gegen Rußland Hervorrufen. Vorläufig bleibt aber abzuwarten, was die koreanische Regierung hierzu sagen wird. Vielleicht handelt es sich russischerseits nur um die Errichtung einer Kohlensiation und das ist ja noch lange nicht gleichbedeutend mit einer Annexion.
Darmstadt, 17. August. Die Nr. VIII des „Amtsblattes" des Großh. Oberconsistoriums enthält ein Ausschreiben, betreffend die kirchlichen Nachrichten aus dem Jahre 1884. Dasselbe bemerkt in der Einleitung:
Die kirchlichen Nachrichten für das abgelausene Jahr 1884, die wir Ihnen hierbei mittheilen, zeigen, daß auch in diesem Zeiträume sich unsere Landeskirche eines im Wesentlichen ungestörten Bestandes und regelmäßiger Entwickelung erfreuen durste. Wir ergreifen darum die Gelegenheit, Ihre Aufmerksamkeit auf einige Gegenstände zu richten, die nicht eigentlich im Mittelpunkte unseres gemeinsamen Arbeitsgebietes, sondern an der Peripherie zu liegen scheinen, dagegen für einen gedeihlichen Fortgang Des kirchlichen Lebens und dessen Einwirkung auf das Volk nicht ohne Belang sind.
Durch die im Gefolge der neueren Gesetzgebung eingetretene Grenzberichtigung zwischen Kirche und Staat sind einige schriftliche Arbeiten, die den Geistlichen früher oblagen, in Wegfall gekommen. Um so wünschenswerther und nothwendiger ist es, daß die denselben verbliebenen und neu erwachsenen Arbeiten zur localen und allgemeinen kirchlichen Statistik (bie Führung der Kirchenbücher und die statistischen Tabellen), die Geschäfte bei der kirchlichen Vermögensverwaltung, Die protokollarischen Auszeichnungen über die gefammte Thätigkeit der kirchlichen Körperschaften mit der größten Pünktlichkeit, mit der Gewissenhaftigkeit eines auch im Kleinsten treuen Haushalters ausgesührt merken. Ist die darin sich vollziehende Beurkundung der äußeren Sellen des kirch-


