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Nr. 140. Samstag den 20. Juni 188»
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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” Durch bte Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Amtlicher Hßeit.
Lehrer-ConfeDen;
des Conferenz - Bezirks Lich - Hungen : Mittwoch den 24. Juni, Vormittags 9 Uhr, in Hungen* Lieder 1. 2. 60.
Gießen, den 18. Juni 1885. Büchner, Kreisschulinspector.
Politische Ueberstcht*
Gießen, 19. Juni.
Der herbe Verlust, den das erhabene Haus der Hohenzollern durch M so unerwartete Hinscheiden des Prinzen Friedrich Karl von Preußen erlitten, hat nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch weit über die Grenzen des deutschen Reiches hinaus die lebhafteste Theilnahme an diesem tiesschmerz- lichem Trauersalle hervorgerufen. Namentlich sympathisch berühren die von den Wiener Blättern dem verewigten Heerführer gewidmeten Nachrufe, in denen den kriegerischen Eigenschaften des Prinzen die aufrichtigste Bewunderung gezollt wird», obwohl derselbe im Kriege von 1866 der österr. Armee so empfindliche Niederlagen bereitete; auch die leitenden Lonvoner Blätter widmen dem verstorbenen Prinzen ehrende Nachrufe. Auch König Humbert von Italien hat dem Kaiser Wilhelm telegrafisch sein tiefempfundenes Beileid anläßlich des Ablebens des Priinzen Friedrich-Karl ausgedrückt.
Unfere innere Politik finkt allmälig in den Sommerschlaf, kaum, daß die braunschweigische Thronsolgefrage noch einigermaßen das Interesse an den Vorgängen aus diesem Gebiete wachhält. Die Sache nimmt einen sehr langssamen Verlauf; der bekannte, dem Bundesrathe vorliegende preußische Antrag ist noch nicht einmal vom Justizausschuffe erledigt und läßt sich deshalb noch nicht absehen, wann die Entscheidung des Plenums fallen wird. Es ist aber kaum zu bezweifeln, daß diese Verzögerung nur äußerlichen und formalen Gründen entspringt und daß der Kern des preußischen Antrages, die Aus- Mßung des Herzogs von Cumberland von der Thronfolge in Braunschweig, der Zustimmung des bei Weitem größten Theiles der Bundesraths-Mitglieder sicher: ist. Mit der braunschweigischen Angelegenheit bringt man den Besuch in Verbindung, welchen der Großherzog von Sachsen-Weimar dem Könige von -Sachsen, wie versichert wird, auf specielle Einladung des letzteren, dieser Tage du Dresden abgestattet hat. Darüber, ob sich der Gedanken-Austausch zwischen len beiden Monarchen in einer den Ansprüchen des Herzogs von Cumberland Endlichen oder aber ungünstigen Richtung vollzogen hat, laffen sich natürlich Aoö Vermuthungen aufstellen, bei der bewährten nationalen Gesinnung beider Herrscher wird man indeffen über das Resultat ihrer Berathungen schwerlich in Reifel sein können.
In dem so viel Aufsehen erregenden Beleidigungs- -Hrocesse des Hospredigers und Reichstags-Abgeordneten Dr. Stöcker gegen die Berliner „Freie Zeitung" ist am Dienstag das gerichtliche Urtheil öerfün» digt worden. Daffelbe lautet gegen den Redacteur der „Freien Zeitung", Acker, wegen Beleidigung Stöcker's auf 3 Wochen Gefängniß und Tragung M Gerichtskosten, unter Annahme mildernder Umstände. Ob Herr Stöcker W mit dem Ausgange des Proceffes sehr zusrieden sein wird, steht dahin; zm Mindesten hat ihn der ganze Verlaus der gerichtlichen Verhandlungen in einem Lichte erscheinen laffen, welches schwerlich geeignet sein dürfte, die politische md sociale Stellung des Herrn Stöcker zu stärken.
Der plötzliche Tod des Admirals Courbet hat die französischen Hrlustlisten in Ostasien noch nachträglich in sehr schmerzlicher Weise erweitert. Nmral Courbet, welcher an Boro des „Bayard" einem hitzigen Gallenfieber «lag, hat sich durch die ostasiatischeu Händel einen allgemein bekannten Namen Wacht und avancirte vom ursprünglichen Oberbefehlshaber der französischen gölte in Den chinesischen Gewässern zum Oberst-Commandirenden sämmtlicher Llieitkräste der Franzosen zu Waffer und zu Lande in Tongking. Als solcher kOllte er jedoch nicht die Erwartungen, welche seine Regierung aus ihn setzte, iniiö itrotz mancher glänzenden Waffenthaten Courbet's, nahmen die Operationen m Tongking doch nicht den gewünschten Verlaus, sodaß die Regierung Admiral durftet vom obersten Commando abberief und ihm nur dasjenige über die $otte wieder übertrug. Es ist bezeichnend für die patriotische Selbst'verleug- iiiing Courbet's, daß er sich auch unter diesen Umständen entschloß, sich mit her früheren Stellung zu begnügen und nicht aus falschem Ehrgefühl das Mlten-Commando niederzulegen. Sein Tod hat in Frankreich einen tiefen Eindruck gemacht; die Senatssitzung' vom Dienstag wurde zum Zeichen der Dau.er ausgehoben. In der Deputirtenkammer beantragte Baudry d'Affon ’Xhenä der Rechten für seinen Vorschlag, für Courbet eine nationale Leichenfeier ; u veranstalten, die Dringlichkeit. Letztere wurde indeffen mit 292 gegen 'AStimmen abgelehnt, nachdem die Regierung erklärt hatte, sie habe an und - für stich nichts gegen eine nationale Leichenfeier einzuwenden, aber es sei doch mlhiroendig, vorher das Testament Courbet's und den Willen seiner Familie ■ Mim zu lernen. Die Kammer setzte hierauf die Berathung des Recrutirungs- -Wtzres fort.
Das officiöfe „Journal de St. Pätersbourg" bezeichnet die ,LMis"-Nachricht von der russischerseits angeblich erfolgten Besetzung eines .ßchms in Korea als gänzlich unbegründet. Den Engländern wird dieses
Dementi einen Stein vom Herzen nehmen, da die Festsetzung der russischen Macht auf Korea, also an einem Punkte, von welchem aus Rußland im Kriegsfälle den englischen Handel im chinesischen Meere ernstlich bedrohen konnte, ihnen nicht gleichgültig erscheinen konnte. — Die russische Kriegsmarine hat einen empfindlichen Verlust erlitten. Die Panzerbatterie „Kreml", eine sog. Popowka (rundes Panzerschlff mit Drehthürmen) erhielt bei einem Unwetter ein derartiges Leck, daß sich der Kapitän, um das Leben der Bemannung zu retten, entichll tzen mußte, das Schiff bei Port Kunda auf den Sand laufen zu lassen; die „Kreml" gilt als definitiv verloren.
In der Dienstagssitzung der italienischen Deputirtenkammer hgt der Minister des Auswärtigen, Herr Macini, wieder einmal eine seiner wortreichen, aber belanglosen Erklärungen über die Colonialpolitik Italien- abgegeben. Aus der Rede des Ministers ist lediglich die Versicherung hervorzuheben, daß sich dis Regierung auf keine weiteren Actionen am Rothen Meere einlaffen werde, ohne das Parlament um Rath zu fragen, aber man dürfe die Truppen nicht zurückziehen. Als im weiteren Verlause der Sitzung die pentar- chistische Opposition sich gegen die auswärtige Polttik Mancini's wandte, erklärte sich Ministerpräsident Depretis Namens des ganzen Cabinets für solidarisch mit dieser Politik. Die Sitzung endete mit einer Art Vertrauens-Kundgebung für die Regierung, indem die Kammer mit 147 gegen 126 Stimmen eine vom Ministerium gutgeheißene Tagesordnung annahm.
In Ostindien, pnd zwar in Kaschmir, wiederholen sich die Erderschütterungen mit größerer Hestigkeü. Im Districte Muzafarabad hat ein Erdbeben stattgefunden, bei welchem über 2000 Personen umgekommen sein sollen. Hoffemich bewahrheitet sich die Meldung von dieser grausigen Katastrophe nicht in ihrem ganzen Umfange.
Aeutschtand.
Daimtstadt- 18. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 18. Juni Sr. Erlaucht dem Herrn Ecbgrasen zu Isenburg und Büdingen in Meerholz das Großkreuz des Verdienst-OrdenS Phllipps des Großmüthigen zu verleihen.
— Se. Königl Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom Heutigen dem Hoskapellmeister i. P., Schlösser, die Krone zum Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienst-Ordens Philipps des Großmüthigen zu verleihen geruht.
— Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Den Hosgarten-Assistenten Gerhard Geiger zum Hofgärtner zu ernennen.
— Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 9. Juni den Gerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Herbstein, Adam Jäger, zum Gerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Langen,
an beitf. Tage den von dem Herrn Fürsten zu Isenburg-Birstein prüfen* tirten Lehrer an der Realschule zu Oppenheim, Dr. Richard Löbell, zum Lehrer an dem Realgymnasium und der Realschule zu Offenbach zu ernennen.
Karlsbad, 18. Juni. Nach der Einsegnung um 8 Uhr durch Pastor Rodenwald im Trauerhause „Erzherzog von Oesterreich" an der alten Wiese wurde die Leiche Manteufsel's mit großen militärischen Ehren zum Bahnhof geleitet. Seit 7 Uhr sind aus Anordnung der Stadtverordnung alle Läden geschloffen und die Gaslaternen angezündet. Die Abend-Concerte wurden verschoben ; die Betheiligung der städtischen Bevölkerung und der Kurgäste war trotz des naßkalten Wetters enorm. Dem vierspännigen, mit kostbaren Kränzen reich geschmückten Leichenwagen schritt die Regimentsmusik, Beethoven's Trauermarsch spielend, voran; hinter dem Wagen wurden zwei Ordenskiffen mit dem schwarzen Adler- und dem Stefans-Orden getragen, dann folgten die beiden Söhne, sodann der Landes-Commandirende von Böhmen, Philippovic, der commandirende General Feldmarschall-Lieutenant Baron König, der Divisionsgeneral und der Bri- gadegeneral, aus Theresienstadt der Bürgermeister Knoll, der Stadtrath und die Stadtverordneten, zum Kurgebrauch anwesende Officiere aller Chargen in und außer Dienst. Der Trauerzug zog über die „alte Wiese" und den Marktplatz, wo sich die aufgestellte Schwadron Kaiser-Dragoner vor den Zug setzte, ein Bataillon des Regiments Baron König Nr. 29 mit der Fahne, sowie das Karlsbader Schützen-Corps in Gala schloß den Zug. Zu beiden Seiten des Lüchen- wagens gingen Fackelträger. Der sehr feierliche Zug bewegte sich dann vom Marktplatz durch die Mühlbadgaffe, Kaiserstraße zum Bahnhofe, wo mit drei Salven Namens der österreichischen Armee dem Feldmarschall Die letzte Ehre erwiesen wurde. Die Leiche trifft im Geleit der Hinterbliebenen Freitag früh 6 Uhr in Berlin ein. Bezüglich der Herrn v. Manteuffel zu erweisenden Ehren waren aus Wien Specialbefehle des Kaisers Franz Josef nach Prag ergangen.


