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19.12.1885 Zweites Blatt
 
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Nr Zweites Blatt Samstag den 19. December AGKK

reßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Vttreattr Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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Politische Ueberstcht.

Gieren, 18. December.

Das Befinden des Kaisers ist trotz der gegenwärtigen gerade nicht günstigen Witterung ein durchaus zufriedenstellendes. Nur die Teilnahme an den noch vor Weihnachten projectirt gewesenen Hosjagden hat sich der hohe Herr versagen müssen und ist es vorläufig auch noch ganz unbestimmt, wann der Kaiser wieder feinen nächsten Jagdausflug zu unternehmen gedenkt.

DerNeichstag ist in dieserWoche in die Weihnachtsferien gegangen und wird am 8. Januar seine Arbeiten wieder aufnehmen. In dieser seiner letzten Woche vor dem Feste wurde das Haus vollständig durch die Specialberathung des Etats in Anspruch genommen, trotzdem wird der Reichstag auch noch nach Weihnachten sich mit verschiedenen Etcttstheilen beschäftigen müssen. Nachdem er drei Sitzungen gebraucht, um den Specialetat des Reichs- amtes des Innern zu erledigen, brachte er Dienstag und Mittwoch mit der Discussion des Militäretats zu. Dieselbe gestaltete sich allerdings etwas lebhafter, als in den vorhergehenden Tagen, wie dies ja in der Natur dieses Gegenstandes liegt, immerhin war aber die Debatte lange nicht so bewegt, wie aus gleichem Anlaß in früheren Sessionen; die Ferien-Sehnsucht des Reichstages war hierbei offenbar maßgebend, denn das Haus erwies sich in den letzten Tagen kaum mehr als beschlußfähig. Die Hauptarbeit bezüglich des Militär- etatä hatte allerdings schon die Budget-Commission besorgt und so kam es, daß am Dienstag und Mittwoch fast sämmtliche Beschlüsse des Plenums im Sinne der Commissions'Anträge aussielen. Dieselben beziehen sich bei zahlreichen Posi­tionen aus die Vornahme mehr oder weniger erheblicher Abstriche.

Der Bundesrath, dessen Ausschüsse zur Zeit durch die Berathung der Vorlage über die Reform der Zuckersteuer voll in Anspruch genommen wer­den, wird sich erst in nächster Woche vertagen.

Ganz im Einklang mit dem Friedens-Charakter des heran­nahenden Weihnachtsfestes steht, Laß sich gerade in den letztvergangenen Tagen zwei für die ullmälige Lösung des kirchenpolitischen Conflictes Zeugniß able­gende Ereignisse vollzogen haben. Am Dienstag ist in Köln die Inthronisation des neuen Erzbischofs, Dr. Crementz, erfolgt und darf man wohl an diese Feier die Erwartung knüpfen, daß sie dm Beginn friedlicherer Beziehungen zwischen dec preußischen Regierung und der Curie bedeutet. Dasselbe darf man jeden­falls auch von dem andern erwähnten Ereignisse erwarten, der am Dienstag Seitens des ermländischen Domkapitels vollzogenen Wahl eines Nachfolgers für Dr. Cremwtz in der ermländischen Bischofswürde. Die Wahl ist aus Dr. An­dreas Thiel, Generalvicar und Domherr zu Frauenburg gefallen.

Am kommenden Montag soll in der französischen Dcputirlenkamniec die große Haupt- und Staatsaction, die Debatte über den 75-Millionen-Kredit für Tongking, ihren Anfang nehmen. Die Frage, ob Frankreich Tongking auch ferner besetzt halten oder, fei es früher, sei es später, käumen soll, bewegt die Gemüther jenseits der Vogesen bekanntlich schon seit Wochen. Charakteri­stisch ist hierbei die Erscheinung, daß das Land in seiner überwiegenden Majo­rität den Regierungs-Standpunkt theilt, daß die Occupation von Tongking schon im Interesse der nationalen Ehre und des militärischen Prestiges Frankreichs ausrecht erhalten werden müsse, während die Kammer in ihrer philisterhaften Anschauung Tongking am liebsten heute ober morgen geräumt sehen möchte. Die Vertheidiger der Räumungspolitik weisen nun aus den Ausfall der Pariser Nachwahlen zur Deputirtenkammer hin, bei denen die Radikalen, die entschiedenen Gegner der Tongking-Expedition, die relative Majorität erhalten haben, aber Paris ist schon lange nicht mehr Frankreich, und wie die Pariser Radikalen über die ostasiatische Politik der französischen Regierung denken, kann für letztere nicht maßgebend fein. Uebrigens sind j.tzt vom General Courcy wieder recht günstige Depeschen eingetroffen. Dieselben besagen, daß die französischen Trup­pen ui Tongking zahlreiche Seeräuber getötet und eine größere Anzahl von Kriegsdschunken versinkt ober genommen hätten. Die Beruhigung des Landes schreite fort.

Bei den am Montag stattgefundenenNeuwahlen zum Prager Gemeiaderathe haben die Deutschen einen nicht zu unterschätzenden Erfolg errun­gen. In allen Bezirken entfielen auf die deutschen Candwaten namhafte Mino­ritäten, ja, im ersten Wahlkörper der Altstadt erzielten die deutschen Candidaten die relative Mehrheit, so daß fünf deutsche Candidaten mit den Czechen in die Stichwahl kommen. Die Wahl von mindestens einem Deutschen in die Prager Stadtverlretung ist hiermit unbedingt gesichert. Für die Deutschen nicht nur der böhmischen Hauptstadt, sondern des ganzen Landes wird dieser erste praktische Erfolg nach langer Zeit jedenfalls nur ein Ansporn zu fernerem kräftigen Zu- sammeusteh-n gegen czechische Willkühr sein.

Nach der militärischenPromenade" der Engländer nach Birma wartet ihrer jetzt eine neue Auflage des Sudan'Feldzuges. Das Heer des neuen Mahdi Mohammed El Khair ist im raschen Vordringen gegen Ober* Egypten begriffen und südlich von Wadyhalsa haben bereits die ersten Zusam- j rnmstöße zwischen den Rebellen und den englisch-egypttschen Vorposten stattge- funben, in denen die letzteren allerdings Sieger geblieben sind. Nichtsdestoweniger > soll die Lage des englischen Expeditions-Corps im Sudan eine ziemlich kritische | sein, trotz der zuversichtlichen Telegramme, die ans Kairo über die Dinge am i oberen Nil in die Welt versandt werden. Die englischen Garnisonen in Wady- | yalsa, Assuan u. s. w. sollen wirklich in Gefahr stehen, von den Rebellen von

der Verbindung mit dem eigentlichen Egypten abgeschnitten zu werden, wenn nicht schleunigst Verstärkungen nach dem Sudan abgesandt werden.

Die friedliche Abwickelung der Balkanfrage ist zunächst an die internationale Militär-Commission geknüpft, welche dieser Tage von Wien nach dem serbisch'bulgarischen Kriegsschauplätze zur Abgrenzung der Demarka­tions-Linie und der Neutralitäts-Zone abgesenoet worden ist. Die Mächte ver­langen , daß die beiden kriegführenden Parteien die Entscheidungen der Com­mission bedingungslos acceptiren und liegt serbischerseits bereits eine zustimmende Erklärung vor. Bulgarien macht jedoch seine Zustimmung davon abhängig, daß die Serben zuvor das von ihnen noch besetzte bulgarische Gebiet von Widdin räumen, woraus die Serben nicht ohne Weiteres eingehen werden. Bis zur Stunde ist in dieser Beziehung noch keine Entscheidung bekannt geworden.

Berlin, 15. December. Dem Reichstag ist jetzt die erste der zu erwar­tenden großen Vorlagen (außer dem Etat) zugegangen: der Entwurf eines Ge­setzes, betr. die Herstellung des Nord-Ostsee-Kanals. Es ist ein sehr großartiges und kostspieliges Werk, welches hier vorgeschlagen wird. Der Bau.soll nicht weniger als 156 Mill. JL kosten, wovon Mill. zum Voraus von Preußen, der Rest vom Reich bestritten werden soll. Die Begründung, die wohl etwas eingehender hätte sein können, stellt das militärische Interesse in den Vor­dergrund, die Sicherung des Zusammenwirkens der in den beiden Meeren stationirten Kriegsschiffe und damit einer wirksamen V-rtheidigung der deutschen Seeküsten. Daneben aber kommen auch bedeutende wirthschastliche Interessen in Frage, die durch die sehr erhebliche Abkürzung des zeitraubenden und gefähr­lichen Seewegs zwischen der Ostsee und der Nordsee um das Cap Skagen ge- föroert werden. Es wird berechnet, daß die Zahl derjenigen Handelsschiffe, welche den Kanal benutzen werden, etwa 18,000 mit 5,500.000 Registertonnen Raumgehalt betragen wird. Da eine Abgabe von 75 H für die Registertonne von den den Kanal benutzenden Schiffen erhoben werden soll, so wäre eine die jährlichen Unterhaltungskosten (1,900,000 J£.) erheblich übersteigende Einnahme zu erwarten. Daß diese Anlage sowohl in militärischer als wirthschaftlicher Be­ziehung sehr wünscheuswerth ist, wird wohl von keiner Seite bestritten werden; grundsätzliche Gegner wird das Werk schwerlich finden. Indessen find allerdings auch die Kosten so bedeutend, daß ohne Zweifel vielfach die Frage aufgeworfen werden wird, ob sie nicht doch die damit erzielten Vortheile Übersteigen. Es ist zu hoffen, daß der Reichstag diese Frage verneinen wird; indessen wird man der Unterstützung der Deutsch-Freisinnigen und der Centrumspartei nicht ganz sicher sein können. Die Vorlage wird erst nach Neujahr zur ersten Lesung kommen, hie Aufnahme im Reichstag wirb zu den großen kritischen Entschei- drrngsn.gehören, die in der zweiten Hälfte der Session beoorstehen. (K. Z.)

Vniverfitäts - Chronik.

Marburg, 14. December. Das im Druck nunmehr erschienene amtliche Ler- zeichniß des Personals und der Studirenden hiesiger Universität enthält bei den Ueber- sichten über die Frequenz auch die endgillige Feststellung der Hörerzahl im vergangenen Sommer-Semester, dieselbe beträgt hiernach 833. Im gegenwärtigen Winter-Semester ist nach der vorläufigen Feststellung die Gesammtzahl der zum Besuche der Vor-- leimigen Berechtigten 839. Es studiren hiervon Theologie 159, Jurisprudenz 60. Medicin 268, philosophische Wissenschaften 332.

Vermischtes.

Darmstadt, 16. December. sMilitärdienftnachrichten.j Clößner, Sec.-Lt. vom 2. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Großherzog) Nr. 116, zum Pr.-Lt., Klinker, Port.- Fähnr. vom 1. Großh. Hess. Drag.-Regt. (Garde-Drag.-Negt.) Nr. 23, zum Sec.- Lieut., Degen er, II»teroff. vom 1. Großh. Hess. Drag.-Regt. (Garde-Drag.-Regt.) Nr. 23 zum Port.-Fähnr., Douglas, Pr.-Lt. von der Landw.-Kao. des 1. Bats. (Gießen) 2. Großh. Hess. Landw-Regts. Nr. 116, zum Nittm., Schmidt I., Sec.-Lt. von der Landw. - Feld - Art. des 1. Bats. (Gießen), 2. Großh. Hess. Landm.-Ngts. Nr. 116, zum Pr.-Lt., Heyl, Röm Held, Vicefeldw. vom 1. Bat. (Mainz) 4. Großh. Hess. Landw.-Negts. Nr. 118, zu Sec.-Lts. der Res. des Nass. Feld'- Art. - Regts. Nr. 27, befördert. Frhr. Gremp v. Freudenstein, .Sec.-Lt. vom 2. Großh. Hess. Jnf.-Rgt. (Großherzog) Nr. 116, der Abschied bewilligt.

Dlainz, 12. December. Bei der in den letzten Tagen stattgehabten Sitzung der Stadtverordneten wurden die Gehalte der hiesigen Volksschullehrer, resp. Lehrerinnen also normirt: Lehrer erhalten ein Einkommen vom 1. bis ^urü cf gelegten 5. Dienst­jahre 1300 vom 6. bis 10. Dienstjahre 1450 JL, vom 11. bis 15. Dienstjahre 1700 jH, vom 16. bis 20. Dienst)ahre 2000 JL, vom 21. bis 25. Dienstjahre 2200 , vom 26. Dienstjahre ab 2400 X; Lehrerinnen vom 1. bis zurückgelegten 5. Dienst­jahre 1200 X, vom 6. bis 10. Dienstjahre 1300 X, vom 11. bis 15. Dienstjahre 1400 X, vom 16. bis 20. Dienstjahre 1500 X, vom 21. Dienstjahre ab 1600 X. Lehrern und Lehrerinnen soll die außerhalb verbrachte Dienstzeit zur Hälfte in An­rechnung gebracht werden. Schulverwalter und Schuloerwalterinnen sollen an Gehalt beziehen: vor abgelegter Dienstprüfung 800 X<, nach derselben 900 X, nach weiter dreijähriger Dienstführung im hiesigen Schuldienste 1000 X. Schulverwalter und (2chulver Malierinnen erhalten, wenn sie in den ersten 5 Jahren ihrer Dienstzeit nach bestandener Schlußprüsung nicht definitiv angcstellt wurden, vom 6. Jahre an den Gehalt der ersten Dienstaltersklasse der definitiv angestellten Lehrer, bezw. Lehrerinnen. Ein Vorrücken in die zweite Dienstaltersklasse kann nur nach definitiver Anstellung erfolgen. Ein Viertel der Lehrstellen in hiesiger Stadt soll ständig offen gehalten und von Schuloerwaltern, resp. Schuloerwalterinnen versehen werden. An Wohnungs­entschädigung werden vergütet: an verheirathete und verwittwete Lehrer 550 x, nn unverheirathete Lehrer, wie an Lehrerinnen 300 X, an verheirathete Schul­verwalter 350 X, an unverheirathete Schulverwalter wie an Schulverwalterinnen 200 X.

F rankfurt a. M., 14. December. Ein Commis eines hiesigen Bankinstituts war gestern früh nicht im Comptoir erschienen und hatte sich durch Unwohlsein ent­schuldigen lassen. Ilachmittags entdeckte man ein Manco von 12,000 X. Der Der-