Ausgabe 
19.4.1885 Erstes Blatt
 
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Ne 90. Erstes Blatt. Sonntag den 19. April K88S

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Schulst»-»- 7. Erscheint mit «-»nahm- Ui Tteuigg». 2 $!art 20 ?f' nnl «ring-rt^n.

Durch die Post bezogen mertelzährlrch 2 Mart 50 Pf.

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Amtlicher Theil.

Gefunden: 1 blaues Hemd, 1 Taschentuch, 1 Cigarrenspitze, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 2 Brochen, mehrere Ofentheile, mehrere Schlüssel.

Zugelaufen: 1 Stallhase.

Gießen, den 18. April 1885. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. 93.: Kra einer.'

Gießen, 16. April. Die Petition zahlreicher Beamten und Bediensteten der oberhesstschen Bahnen, auch ihnen die gleichen Gehaltsbezüge wie bei der Main-Neckar-Bahn zu Theil werden zu lassen, hat auch bei dem Finanzausschuß zweiter Kammer keine Gnade gesunden, weil dadurch eine zu erhebliche Meht- delastung des Etats eintreten würde. Wie verlautet, soll nur in Aussicht ge­sellt worden sein, tüchtigen oberhesstschen Bahnbeamten dadurch eine 93er* Aefferung ihres Einkommens zu Theil werden zu lassen, daß man ihnen i*te Versetzung an die Main-Neckar-Bahn thunlichst zu erleichtern gedenkt, ein Nuskunstsmittel, welches Die Interessenten nur wenig befriedigen dürste. (N. H. 93.)

Darmstudt, 16. April. Der Finanzausschuß zweiter Kammer bean- ttagt Bewilligung der für Errichtung eines chemischen Laboratoriums für die Landes-Universität Gießen angesorderten 200,000, dagegen Ablehnung der Nnforderung von 34,200 Jl. für Den Bau einer Dienstwohnung Des Directors Ws chemischen Laboratoriums, während der zu 90,000 veranschlagte Neubau eines Kreisamtsgebäudes in Friedberg keine Beanstandung erfahren.

Berlin, 16. April. Vor einigen Tagen hat ein Kaufmann einen Stein in ein Fenster des kaiserlichen Palais geschleudert. Man nahm bis jetzt an, daß <4 sich um die That eines Geistesgestörten handle. Nun erfährt derReichS- b-ote" von angeblich informirter Seite, daß es sich, soweit das Ergebniß der Untersuchung ein Urtheil zuläßt, nicht um die That eines Geisteskranken, son- biern um eine zielbewußte hochverräterische Handlung des Verhafteten handeln Surfte, welcher sich bei seiner Vernehmung übrigens in einer bodenlos frechen Weise betragen Hat-

Berlin, 17. April. Der BundeSratb hielt am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staatsmimsters, Staatssecretärs des Innern v. Bvttichet, eine Plenarsitzung ab. Der Vorsitzende gab zunächst Namens der Versammlung dem Bedauern über den am 9. d. Mts. erfolgten Tod des herzoglich braunschweigi­schen Bevollmächtigten zum Bundesrath, Wirkt. Geh. Raths Dr. v. Liebe, Ausdruck. Sodann legte derselbe Mitthellungen des Präsidenten des Reichs­tags über die Beschlüsse des Reichstags zu den allgemeinen Rechnungen über den Reichshaushalt für 1879/80 und für 1880/81 vor. Dieselben wurden dem Ausschuß für Rechnungswesen überwiesen. Vorlagen, betr. die Vollstreckung v®n Gesammtstrafen bei Festsetzung der Emzelstrafen von Gerichten verschiedener Bundesstaaten, den zu St- Petersburg am 8. (20. März) d. Js. unterzeichneten Auslieferungsvertrag zwischen dem Reich und Rußland, und den Entwurf eines Gesetzes über die Fürsorge sür Beamte und deren Hinterbliebene in Folge von Unfällen wurden ebenfalls den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Mit der bereits erfolgten Überweisung des Entwurfs eines Gesetzes für Elsaß-Lothringen über Die Kosten in Grundbuchfachen an die Ausschüsse für Justizwesen und für Slsaß-Lothringen erklärte sich die Versammlung einverstanden und nahm von den vorgelegten Aktenstücken über die Congosrage Kenntniß. Den Anträgen, betr. die Gehaltszahlung an Reichsbeamte in vierteljährigen Raten und die Fest- fteiüung des Ruhegehalts für Reichsbeamte, sowie dem Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung des Zollvereinigungs-Vertrages vom 8. Juli 1867 wurde bi e Zustimmung ertheilt. Nachdem noch über die Bestimmungen Des Eisenbahn- 0$trieb6reglement§, betreffend die Beförderung von Zündbändchen, Petroleum, Atenzin :c. Beschluß gefaßt worden war, wurde die Sitzung mit Der Vorlegung von Eingaben verschiedenen Inhalts geschloffen.

E. R. Berlin, 17. April. sReichstag.j Im Reichstage nahm vor Eintritt in bir Tagesordnung Abg. Hasenclever das Wort, um im Namen seines Fractions- Ienossen Bebel die Erklärung abzugeben, daß dieser zwar Herrn Eommercienrath ^pmer in Landshut gelegentlich der Etatsdebatte des Betrugs beschuldigt, inzwischen aDcr sich überzeugt habe, daß der Staatsanwalt keinen Anlaß zum Einschreiten ge- hinben. Allerdings bliebe die Thatsache bestehen, daß der genannte Herr durch eine , beftimmtc Maynahme lerne Arbeiter um 1080 JL geschädigt und erst auf energische Reklamationen sich zu einer Schadloshaltung bequemt habe.

Daraus wurde die Zollberathung bei der gestern abgebrochenen Diskussion über Hvlmntmein fortgesetzt. Die Regierung verlangte eine Erhöhung des Zolles von 48 JL W 80 vN» pro 100 Kg. Bon einer Seite war ein Satz von 60 JL vorgeschlagen, doch Nrblieb, nachdem der Vorschlag, die ganze Angelegenheit bis zur Neuregelung der dmnntweinsteuer zu vertagen, mrbeachtet geblieben, dem höchsten Zollsatz' der Sieg, 'itne sehr lange Debatte entspann sich um den Zollsatz für künstliche Butter, wofür der gegenwärtige Tarif einen Zoll von 20 JL har -, die freie Vereinigung beantragt eine 'wlböhung desselben auf 30 \ ferner fordert die Vorlage der Regierung für Oleo-

inargarin 10 Jt, dessen Abänderung auf 20 JL Seitens der nationalliberalen Partei am tragt wird. Die Eoncurrenz des Auslandes spielte bei der Motivirung dieser Er­höhungen eine große Rolle, dagegen wurde von den Gegnern derselben behauptet, daß die Kunstbutter gar nicht importirt. sondern im Jnlande producirt werde. Seitens di't Reichsregierung wurde erklärt, daß die beantragte Erhöhung des Zolles auf Kunst- " biit-tei" nicht im Interesse der Zollverwaltung liege; die Fabrikation derselben im Innern mnde dadurch nicht eingeschränkt. Gegen die Eoncurrenz der Kunstbutter müsse auf iintoerem Gebiete, durch polizeiliche Maßnahmen gewirkt werden; eben dasselbe gelte auch) für Oleomargarin. Danach wurde der Antrag zurückgezogen. Die Zollsätze für Whe wurden debattelos nach den Vorschlägen der Reichsregierung angenommen, nach- hn auch hier die schutzzöllnerische Vereinigung ihren Antrag auf einen Zoll von 3 vM

für frische Fische zurückgezogen hatte. Für Geflügel und Wild aller Art, nicht lebend, war aus dem Hause die Erhöhung de6 bisherigen Satzes von 12 at auf 30 JL gc' fordert worden. Die Erörterung dieser Position warf auf die Entstehungsgeschichte mancher Zollsätze ein eigenthümlicheS Licht, da sich die Verfechter des Antrags gänzlich unvorbereitet erwiesen. Trotz der Abmahnung des Regierungsvertreters wurde die Er­höhung des Zollsatzes mit 102 gegen 99 Stimmen beschlossen; ebenso die Position für Honig von 3 auf 20 JL, welche allerdings vom Regierungstische warm ver­treten wurde.

Morgen wird die Zollberathung fortgesetzt.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correfpondenr > Burea«.

. Berlin, 17. April. Vom Abgeordnetenhause wurde heute nach unerheblicher Debatte das Lehrerpensionsgesetz definitiv nach den Beschlüssen der zweiten Lesung an­genommen. Ferner erklärte daS Haus, daß es die Denkschrift über den Belagerungs­zustand in Bielefeld für genügend halte. , Die nächste Sitzung wird Dtontag ftattfinden.

Karlsruhe, 17 April. Der Großherzog war am Montag von einem leichten Unwohlsein befallen, ist heute jedoch vollkommen wieder hergestellt.

Wien, 17. April. Eine Meldung derPresse" besagt: Der zollpolitische Refe­rent des Handelsministeriums, Baron Kalchberg, reist morgen nach Athen ab zum Zwecke von Verhandlungen wegen Abschluß eines Handelsvertrags mit Griechenland.

Der König von Schweden trifft am Samstag in Wien ein und wird vom Kaiser und Kronprinzen am Bahnhofe officiell empfangen; bis zur Landesgrenze wird dem Könige ein Separathofzug entgegengesendet. Am Sonntag findet dem Könige jn Ehren eine Soiree bei dem schwedischen Gesandten statt. Der König reist am Montaa 8V2 Uhr früh wieder ab.

Paris, 17. April. DieAgence Havas" meldet: Es heißt, die jüngsten 9iach- richteu aus Ehina ließen neue Zwischenfälle befürchten. Jn Folge einer dem General Courver vom vorige ajiiniftcviutn juapoonnimpn M ^'-moia nicht

geräumt worden. Mehrere Abendzeitungen meinen, Frankreich sollte als Cornpenianon' für die Räumung Formosas einstiveilen die Fischerinseln behalten.

Petersburg, 17. April. DerRegierungs - Anzeiger" meldet: Gestern in Petersburg eingetroffene Depeschen Komaroff's berichten, daß die Afghanen sämmtliche Posten an der Grenze geräumt haben. Die russischen Wachposten haben die früheren Stellungen inne. Das russische Detachement steht in Taschkepri. Komaroff geht dieser Tage zur Jnspicirung der Truppen auf den Wachposten.

Die russischeSt. Petersburger Zeitung" meint, es werde eine temporäre Verwaltung für Pendjeh wahrscheinlich aus eingeborenen Häuptlingen gebildet.

Die deutscheSt. P. Ztg." erinnert daran, daß Rußland am 17. März Pendjeh ausdrücklich als in seiner Einflußsphäre liegend bezeichnete und seine Besetzung im Nothfalle wegen Unruhen rc. in Aussicht stellte. Eine friedliche Lösung fei durch den Schritt Kamaroff's keineswegs ausgeschlossen. »

Moskau, 17. April. Anknüpfend an die Rede des Vicekönigs von Indien in Lahore, welche darin gipfelte, daß England den Frieden wünsche, Rußland aber den Krieg, bemerk: dieMoskauer Zeitung", gerade das Gegentheil sei wahr; während Eng­land sich energisch kriegsbereit mache, habe Rußland nicht eine Compagnie auf Kriegs­fuß gesetzt, sogar mehrere Kriegsschiffe auSrangirt, die mindestens für die Küsten- vertheidigung tauglich wären. Was das Gerücht von der Ausrüstung der Kronftädter Flotte anlangt, so würden die Kronftädter Kriegsschiffe alljährlich vor Beginn der Schifffahrt in Fahrbereitschaft gesetzt, und es überschritten die diesjährig auszurüstenden Fahrzeuge keineswegs die Zahl der vorjährig ausgerüsteten, selbst die Action Kamaroff's an der afghanischen Grenze beweise die Friedensliebe Rußlands. Jemand, der einen Anderen ohne Herausforderung angreife und schlage, beeile sich, seinen Sieg auszu­beuten und bleibe nicht stehen.

Kairo, 17. April. Seitens der französischen Regierung ist in Folge der Ver­letzung des Hausrechts bei der Redaction desBosphore Egyptien" eine energische Recla- matio» eingetroffen.

Duakim, 17. April. fReuter-Meldung.j Drei Colonnen, die eine vom Suakim, die andere von Handub, die dritte von Otao, sollen morgen bei Tagesanbruch nach Deberet vorrücken.

London, 17. April. Unterhaus. Auf mehrere an ihn gerichtete Fragen ant­wortet Gladstone: Aus weiteren Vttttheilungen Lumsdens geht hervor, daß der Chef des russischen Stabes am 28. März zugab, er sei im Besitze der Thatsache von einem zwischen England und Rußland getroffenem Arrangement. Ein langes chiffrirtes Tele­gramm von LumSden. datirt vom 13. d. Mts., ist heute eingegangen. Die Regierung hat die Errichtung Der Administration in Pendjeh noch nicht zum Gegenstand von Communikationen mit Petersburg gemacht und will zuvörderst weitere Informationen abwarten. Fitzmaurice theilte mit, nach den neuesten Berichten Lumsdens traten die von Pendjeh retirirenden Afghanen am 10. d. Mts. theils bei Katschnaw, theils bei Kuscht ein

Im Unterhaus zog nach fünfstündiger Debatte Croß seinen Antrag, j)ie Specialberathung über die egyptische Anleihebill vorläufig zu vertagen,^ zurück. Im Laufe der Debatte erklärte Chamberlain, die Siegierung sei bereit, dem Haust die Ver­sicherung zu ertheilen, daß das Project und das Protokoll bezüglich der Suezkanal­convention mitgetheilt werden würden, damit dieses seine Ansicht hierüber aussprechen könne. Northcote empfahl, diese Versicherung entgegenzunehmen.

Wie derStandard" erfährt, deuten die neuesten Petersburger Depesche:: an, daß die russische Regierung von dem lebhaften Wunsche beseelt sei, eine friedliche Lösung zu bewirken. Die Herstellung einer provisorischen Regierung in Pendjeh durch General Komaroff dürfte den Verlauf der Verhandlungen nicht ernstlich gefährden oder beein- ttächtigeu. DieTimes" führt aus, das Vorgehen der Russen in Pendjeh könne bei der Regelung der Grenzfrage nicht ignorirt werden. Wenn Rußland sich weigere, Genugthuung für den Angriff auf Pendjeh zu gewahren, dürfe es nicht erwarten, die gerechten Förderungen Englands mit Worten abfertigen zu können. Obwohlenglischer-- seits keine Anstrengung gescheut werden würde, einen ehrenvollen Frieden herbeizuführen müßten die Rüstungen doch energisch fortgesetzt werden.