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19.3.1885 Zweites Blatt
 
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Nr. 66 Zweites Blatt Donnerstag den 19. März 1886

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Gießen, 18. März.

Als Lord Granville im Oberhause die bekannten Erklärungen abgab, welche die Grundlage zur Wiederherstellung der guten Beziehungen zwi­schen uns und England bildeten, erlebten wir das eigenthümliche Schauspiel, daß diese bedeutungsvollen Worte des englischen Colonial-Ministers bei unsern west­lichen Nachbarn in Frankreich viel mehr Sensation erregten, als in England selbst und in Deutschland. Die französischen Zeitungen, besonders die großen leitenden Organe der öffentlichen Meinung, konnten sich gar nicht über die auf­fällige Genugthuung beruhigen, welche der englische Minister unserem Reichs­kanzler zu geben sich bewogen fühlte. Alle diese Blätter betrachteten den Zwischenfall nicht von einem höheren politischen Gesichtspunkte aus, sondern vom Standpunkte eines Ehrenhandels, bei dem das englische Cabinet und die von demselben vertretene Nation nicht gerade glimpflich davongekommen waren. Mit unverhohlener Schadenfreude wurde den ehemaligen Bundesgenoffen jenseits des Canals die wenig rühmliche Rolle beim Ausgleiche desMißverständnisses" mit unserem Reichskanzler gegönnt. In diesen Aeußerungen kam zugleich des Pudels Kern zum Vorschein. Man hatte dem ehemaligen Bundesgenoffen gegenüber ja zu viel auf dem Herzen, und ayß der innersten Verstimmung des Gemüthes heraus war man mit dessen Büßgang Deutschland gegenüber vollständig einver- standen. Es sah ganz so aus, als ob man glaubte, daß die französische Gloire durch diese Verdunklung der anmaßenden Weltmachtsstellung Englands in desto hellerem Glanze leuchten muffe.

Indessen, auch dieser Medaille fehlte ihre Rückseite nicht. Rach dem glück- lichen Verlaufe der Sendung des Grasen Herbert Bismarck nach London machte sich in den Kreisen der besonneneren und kaltblütigeren Politiker, welche nicht Alles nach einer nervös krankhaften Wahnvorstellung von dem eigenen nationa­len Prestige beurtheilten, die Ansicht geltend, daß die Aussöhnung zwischen London und Berlin, deren Bedeutung für den Weltfrieden nicht zu unterschätzen sei, auf Kosten Frankreichs erfolgt wäre. Man hegte die größte Besorgniß, daß die freundschaftlichen Beziehungen, die sich zwischen der französischen Republik und unserem Reichskanzler angebahnt und für erstere bereits so gute Früchte getragen, wiederum erkalten könnten. Es dürfte sich dies in der egyptischen Frage, in den übrigen orientalischen Angelegenheiten und auch sonst fühlbar machen. Fürst Bismarck brauchte dann in Folge feiner Einigung mit England in Sachen seiner Colonialpolitik nicht mehr die gleiche Rücksicht auf Frankreich zu nehmen wie bisher, so lange die Reibungen mit England fortdauerten.

Wir können immerhin mit diesen Ausbrüchen des Unmuthes, die reichlich mit scharfen Ausfällen gegen uns und besonders gegen unseren Rechskanzler gepfeffert waren, recht zufrieden sein. Denn aus denselben geht klar und deut­lich hervor, daß die französischen Politiker und Publizisten also denn doch einen weit größeren Werth auf ein gutes Einvernehmen mit Berlin gelegt haben und sich viel mehr auf das Handinhandgehen mit demErbfeind" in den feit einem Jahre auf der internationalen Tagesordnung stehenden Fragen zu Gute thaten, als diese Herren bisher einzugestehen für räthlich und ihrer Popularität för­derlich hielten. In chrem Zorne entschlüpften ihnen Bekenntnisse, an deren Aufrichtigkeit kein Zweifel gehegt werden darf, da sie unfreiwillige, unüberlegte, in der Hitze des Gefechts gemachte Enthüllungen sind, Enthüllungen im eigent­lichen Sinne des Wortes, auf die wir ohne den Zwischenfall der geharnischten Fehde zwischen Bismarck und Granville noch wohl lange hätten vergeblich war­ten müssen.

Nachdem sich nun dieser Sturm in Frankreich gelegt hat, zeigt sich die Luft um ein Erkleckliches klarer und die Aussicht für uns in die nächste Zu­kunft Heller. Die Erkenntniß des Werthes guter Beziehungen zu uns müßte bei unseren westlichen Nachbarn noch viel mehr zum Durchbruch kommen; das könnte Frankreich selbst und ganz Europa nur zum Segen gereichen. Nicht, daß etwa der'Revanchegedanke dadurch bei den Franzosen vollständig ausgerottet, eine wirkliche, gegen alle Wechselfälle gefeite Freundschaft über die neue Vogesen­grenze hinweg denkbar wäre; wohl aber würde der angebahnte modus vivendi mehr in sich gefestigt werden, und das ist Alles, was zunächst von uns erhofft werden kann. Allerdings haben die Franzosen inzwischen Gelegenheit gehabt, sich zu überzeugen, wie unbegründet ihr Verdacht ist, die Verständigung zwischen London und Berlin sei auf ihre Kosten erfolgt. Die Offenheit und Klarheit der Auslassungen Bismarck's über diesen Punkt lassen wohl nichts zu wünschen übrig. Außerdem hat die Misston des Grasen Herbert Bismarck wohl eine bereits un­leidlich gewordene Spannung gelöst und die Gefahr einer verschärften Reibung gehoben, aber nicht mehr bezweckt und nicht mehr erzielt. Zwischen dieser Thatsache und der Anbahnung eines so herzlichen Einvernehmens, wie es die sranzöstschen Publizisten als neuestes^Ergebniß der englisch-deutschen Auseinander­setzungen sich vorstellen, liegt aber dennoch eine gewaltige Kluft. Unser Reichs­kanzler hat sich für die weitere Durchführung seiner Colonialpolitik bei den Engländern fair play verschafft, d. h. eine ehrliche und unparteiische Erledigung etwa austauchender Streitsragen.

Können wir somit den Franzosen ein gewisses Mißtrauen gegen Deutsch­land nicht verargen, so dürfen wir darum ebenso wenig die Hoffnung aufgeben, daß die Zeit sie eines Besseren belehren und unserer ausgesprochenen Friedens­politik bei ihnen immer mehr Anhänger gewinnen wird.

habilttht.

Der Privatdocevt an der Universität München Dr. Stieve ist zum ord. Professor der Geschichte an der technischen Hochschule daselbst ernannt worden.

D^r verstorbene Generalkonsul und Major a. D. Neige baur hat am 8. März 1866 eine Stiftung begründet, deren Erträge von der philosophischen Facultät der Universität Breslau dazu verwandt werden sollen,wissenschaftliche Arbeiten über den Einfluß der Wissenschaften auf das öffentliche Leben in Deutschland zu prämitren.^ Die von der genannten Facultät vor 2 Jahren, am 8. März 1883, ausgeschriebene» beiden Fragen: 1) Welchen Einfluß hat die neuere Entwickelung der wissenschaftlichen Nationalökonomie auf die staatliche Gesetzgebung in Deutschland in den letzten Decenuieu geübt? 2) Welchen Einfluß hat die Entwickelung der wissenschaftlichen Chemie in den letzten 20 Jahren auf Industrie, Handel und Nationalwohlstand ausgeüdt, und welche Bedeutung besitzt derselbe für Cultur und Kunst? erscheinen im gegenwärtigen Augen­blick besonders geeignet, ein allgemeineres Interesse in Anspruch zu nehmen. ES wöge deshalb hier daran erinnert werden, daß die Abhandlungen für diese Preisbewerbung, cm welcher sich jeder Deutsche betheiligen kann, btS zum Neujahr 1886 der Facultät etngeretcht werden müssen. Die Facultät, welche ihr Urtheil am 8. März 1886 ver­künden wird, kann die Abhandlungen mit Preisen von 900 bis 8000 JL belohnen. Die näheren Bedingungen enthält ein Anschlag am schwarzen Brett jeder deutschen Universiiät. . ..

Darmstadt, 16. März. Die Königin Victoria von England und die Prinzessin Beatrice tr.ffen, roie bereits gemeldet, zum Besuch deS GrotzherzogS in Darmstadt am 1. April ein; sie werden hier eine Woche verweilen und der Covfirmatton des Erb- großherzogS Ernst Ludwig beiwohnen. Am 8. verlassen die Königin Victoria und die Prinzessin Beatrice Darmstadt und treten ihre Reise Über Karlsruhe, Bern, Genf und Cbamberry nach Aix-le-Bains, an, wo sie am Nachmittag des folgenden TageS etn- zutteffen gedenken und in der Villa Mottet Wohnung nehmen werden. Etwa drei Wochen beabsichtigen die Königin Victoria und die Prinzessin Beatrice in Aix-les BaivS zu bleiben und dann die Rückreise nach Windsor anzutreten.

DaS Großh. Ministerium der Finanzen hat den Eisenbahndeirath zu seiner 8. ordentlichen Sitzung auf den 26. d. M-, Vormittags 10 Uhr, nach Darmstadt ein- gerufen Auf diesen Eisenbahnlagen find die Hessische LudwigSbahn, Matn-Neckar- Bahn, Oberh.ssische Bahnen u. s. w.. sowie die Handelskammern, landwirthschaftltchen Vereine u. s. w. der betreffenden Bahngebiete vertreten. Auf der diesmaligen Tages­ordnung steht in erster Linie der Sommerfahrplpn, dann Tarifangelegenheit und Diverses.

Universität--Chronik.

Die Universität Genua, welche bisher nicht alle Facultäten hatte, wird jetzt eine Universität ersten Ranges umgewandelt.

- Der Ltcenttat der Theologie zu Göttingen, Otto Ritschel, hat fich am d. Mts. an der Universität zu Halle für Kirchengeschtchte als Privatdocent

in

7.

Vermischte-.

Darmstadt, 14. März. Bet der von der Reichsregterung ausgeschrtebeneu Concurrenz für die besten Entwürfe eines RetchsgertchtSgebäudeS zu Leipzig hat ein geborener Darmstädter, Herr Architekt Ludwig Hoffmann (ein Sohn deS verstorbenen Präsidenten der zweiten Kammer Carl Johann Hoffmann) den ersten Preis davon- getragen. Indem wir den talentvollen Architekten, der unseres W'ssens in Berlin auch bereits den großen Schinkelprets erhielt, zu diesem im höchsten Grade ehrenvollen Er­folge beglückwünschen, wollen wir daran erinnern, daß auch der preisgekrönte Architekt des RetchstagSgebäudes, Paul Wallot, ein geborener Hesse tfl.

St. Andreasberg, 11. März. Kaum ist es ein Jahr her, daß die ruhige Einwohnerschaft der so herrlich gelegenen idyllischen Bergstadt St. Andreasberg (die höchst gelegene Stadt des Oberharzes, 560 Meter über dem Spiegel der Nordsee) durch em aus fahrlässiger Explosion von FeuerwerkSkörpern entstandenes Brandunglück in große Aufregung versetzt war, indem durch die Explosion zwet Menschenleben ver­nichtet und mehrere andere Personen für ihr Leben zu Krüppeln gemacht worden find, und schon wieder sind die Gemüther der hiesigen Bergbewohner durch ein neues, in seinen Folgen noch wett schrecklicheres Brandunglück tief bewegt worden Heute Morgen gegen 51/2 Uhr ertönte FeuerlSrm und noch bmor Jemand zur Brandstätte eilen konnte, stand das zwei Stockwerk hohe, aus Holz gebaute Haus der Wittwe Janson auf der Goslarschen Straße in vollen Flammen. Das Haus war von vier Familien bewohnt, der der Wlltwr Janson, des Schneidermeisters Schell, deS DachdeckermetsterS Grotz- kopf und des Waldarbeiters Mooriz, sowie von einigen Schreiner- und Maurergesellen, im Ganzen gegen 25 Personen. Als die Bewohner zur Wahrnehmung der schrecklichen Gefahr erwachten, war die Rettung über die Haustreppe schon abgeschnitten, so baß im oberen Hause nur ein Theil derselben durch einen gewagten Sprung au8 tat Fenstern oder durch Benutzung einer Leiter, welche fich auf Dem Boden deSHauseS be­fand und von den daselbst übernachtenden und in Gefahr schwebenden Gesellen in­zwischen aus dem oberen Stockwerk nach außen hin niedergelassen war, daS nackte Leben zu retten vermochte. Einen grausigen Tod in den Flammen fanden Schellmtt seinen drei Kindern, der alte kranke Mooriz und drei Kinder des Großkopf im Atter von 6-14 Jahren. Bis heute Abend find durch die AufrSumungSarbeiten bereits vier vollständig verkohlte Leichen aus dem Schutthaufen zu Tage gefördert worden, von den Übrigen Leichen sind bis jetzt nur einzelne Reste gefunden. Der Jammer d«Hirtter- bliebenen ist unbeschreiblich: die ganze Einwohnerschaft nimmt die innigste Theittrahme an dem schrecklichen Unglück. Hat doch z.B. die Frau Schell, ^ne kränkliche und schon durch mancherlei Unglück schwer geprüfte, als fleißig bekannte Person, chrM Mann und drei Kinder, die Eheleute Großkopf ihre drei Kinder verloren. An MobMen ist aus dem eingeäscherten Hause gar nichts gerettet, was um so mehr zu bedauern m. als die Sachen nicht versichert gewesen sind und die! Armuth> der von dem Unglück Getroffenen, mit Ausnahme der Hauseigenthümerin, sehr groß ist- Rasche Hülse und Unterstützung ist daher bei den aller Cx-stenzmittel Beraubten- dringend werth und nothwendig und wir dürfen gewiß die M-ldthätigkeit barmherzig Mersschen auf diesen so traurigen Fall hinlenken. Das Feuer ergriff auch»baß des Mützenmachers Hartmann und das nächste Haus des Kaustnanns Ulrich, so daß innerhalb einer Stunde genannte drei Häuser nebst ihren Hiu/Ergebäuden, w6che sämmt- lich aus Holz aufgebaut waren, in Flammen standen und ""brbalb drei Stustdm bis auf den Grund ntcdergebrannt waren. Die Mobilien

Häusern zu reiten, gelang nur mit knapper Roth und SnßerstnAnftrengung^ Die Häuser selbst sollen versichert gewesen sein. Mo»e da«! ben^G^^^^en bur^^ feine schöne und den vielen Lungenkranken, die hier Heilung

durch seine gesunde Höhenlage bekannte Bergstädtchen in Zukunft von ähnlichen Uv- glücksfällen verschont bleiben. ---

---------, w --------* ÄFiaarät in Frankfurt a. «..»früher Awirt.

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