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Amts- und Anzeigcblatt für dm Kreis Gießen

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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land mehr oder weniger verschleiert aus ihre Fahne geschrieben haben, auch in den Kreisen der liberalen Wählerschaft peinlich berühren müßte. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß, im Falle sich die Radikalen doch mit den Par- nelliten verbinden sollten, die Gemäßigt-Liberalen mit den Conservativen eine Allianz eingehen und wie die Dinge heute jenseits des Kanals stehen, könnte eine solche Wendung in den englischen Partei-Verhältnissen kaum mehr überraschen.

Mit den Bemühungen der europäischen Diplomatie, den Waffenstillstand zwischen Serbien und Bulgarien zu vermitteln, wollen die Nach- richten, welche immer neue Scharmützel zwischen den serbischen und bulgarischen Vorposten trotz der Waffenruhe melden, nicht recht zusammenstimmen. So meldet General Leschjanin, der Besehlshaber der serbischen Heeresabthellung, welcher der Festung Widdin gegenübersteht, daß bei Sevetinikola am 9. Decem- ber eine halbstündige, bulgarischerseits provocirte Plänkelei stattgefunden habe. Allzutragisch wird man aber wohl derartige Mittheilungen nicht aufzunehmen haben, solche Vorposten-Neckereien mährend einer Waffenruhe pflegen selbst bei westeuropäischen Heeren vorzukommen. Die Mächte selbst werden sich durch solche Zwischenfälle in ihren Friedensvermittelubgs'Versuchen nicht stören taffen, und wenn erst von der hierzu delegirten internationalen Commission die neutrale Zone zwischen den Heeren der beiden kriegführenden Parteien abgegrenzt sein wird, dürften auch die eigentlichen Friedens-Verhandlungen beginnen. Ein in Konstantinopel einaetroffenes Telegramm des Fürsten von Bulgarien besagt, daß er anfänglich die Mission Madjid Pascha's abgelehnt habe, um die Pforte von dem serbisch.bulgarischen Conflict zu entlasten, dennoch werde er Madjid Pascha empfangen. Letzterer dürfte Anfangs dieser Woche nach Sofia abgereist sein.

DieAgence Havas" meldet aus Sofia: Falls durch die Fest, stellung der Demarkations-Linie die serbische Armee im Gebiete von Widdin be- lassen würde, so sei anzunehmen, daß die Bulgaren unter Annahme eines loca- lisirten Waffenstillstandes im Pirot-Gebiete den Krieg im Donau-Gebiete bis zum Aeußersten fortsetzen würden. ________________________________

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Mx. 294 Zweites Blatt Donnerstag den 17. Tecember

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Politische Ueberficht.

Gießen, 16. December.

Wider Erwarten hat sich in der Reichstags-Sitzung vom vorigen Samstag gelegentlich der Forderung von 4,400,000 M. für Einrichtung und Unterhaltung der Postdampfer-Linien nach dem Mittelmeer, nach Ostasten und Australien keine colonialpolitische Debatte entwickelt. Der Reichstag scheint doch vorläufig an Erörterungen colonialpolitischer Natur genug zu haben und so ließ man denn die Gelegenheit, anläßlich der obigen Etatsposttion wieder einmal eine oratorrsche Excursion auf das Gebiet der Colonialpolitik zu machen, von jeder Seite unbeachtet. Aus den bezüglichen, lediglich den technischen Aus- sührungs-Bestimmungen zum Gesetz über die Posldampser > Linien gewidmeten Verhandlungen ist der Umstand hervorzuheben, daß sich der Reichskanzler für Antwerpen als westlichen Anlausshasen entschieden und daß der Reichstag diese Entscheidung gebilligt hat. Vis jetzt hatte es immer geschienen, als ob Lliesstn- gen wegen seiner großartigen Hasen-Einrichtungen zum Anlaufshafen gewählt werden sollte, aber wie Staatssecretär v. Bötticher betonte die Wahl ist deshalb aus Antwerpen gefallen, weil daselbst die Hafen-Einrichtungen doch noch vollkommenere sind, als in Vliefstngen und weil außerdem der Handels­und Geschäftsverkehr an ersterem Platze viel bedeutender ist, als in Messingen. Auch von Rotterdam ist abgesehen worden, da hier sich der Hafen für die großen Postdampser als nicht zu jeder Zeit anlauffähig erweist. Ferner hob Herr v. Bötticher hervor, daß durch die Wahl Antwerpens besonders den Wünschen der industriellen Kreisen Süd- und SUdwest-Deutschlands nachgekom- men sei. Endlich verdient noch Erwähnung, daß der Regierungs-Vertreter das Zugeständniß machte, ölige Summe solle um ein volles Viertel ermäßigt werden, falls die Fahrten erst am 1. Juli nächsten Jahres anstatt schon am 1. April begonnen werden könnten.

Der neue Erzbischof von Köln, Dr. Crementz, hat am Montag -seinen feierlichen Einzug in die alte Bischofsstadt gehalten, nachdem er am Tage zuvor vom Kaiser empfangen worden war. Im Herbste des Jahres 1875 war es daß Erzbischof Melchers Köln heimlich verließ und seitdem stand der dortige erzbischöfliche Stuhl verwaist; nun besitzt die Kölner Erzdiöcese wieder einen Oberhirten und man kann nur aufrichtig wünschen, daß der Einzug des Herrn Crementz in Köln einen weiteren Schritt zur Herbeiführung des kirchenpolitischen Friedens in Preußen bedeuten möge. Als Nachfolger des Bischofs Dr. Crementz in der ermländischen Diöcese ist bei der Wahl am gestrigen Tage Dr- Threl, Domherr zu Frauenburg, erwählt worden.

DieNordd. Allg. Ztg." bringt folgende officiöse Auslassung:In den Blättern macht folgende, in einem Extrablatt desDüsseldorfer Anzeigers" verbreitete Notiz die Runde:Bei dem Stände-Essen", welches vor einigen Tagen stattfand, war auch Excellenz v. Soe, der commandirende General des S Armee-Corps, anwesend. Auf das ihm gebrachte Hoch erwiderte Se. Ex­cellenz wie uns von einem Festtheilnehmer mitgetheilt wird, u. A. ungefähr FolgendesIch stehe unter dem Schutze des 7. Armee-Corps und bin daher in erster Linie berechtigt, das Wort zu ergreifen. Jedoch das 7. und 8. Armee- Corpz die Rheinländer und Westfalen, haben stets fest zusammengestanden, wenn es galt, dem auswärtigen Feind die Spitze zu bieten. Und sie werden auch in Zukunst die Waffenbrüderschaft bethätigen, wenn, was in Kurzem bevorsteht, wieder gegen den Feind marschirt werden muß." Diese Rede machte einen überaus sensationellen Eindruck aus alle Anwesende. DieRhein.-Westfällsche Zeitung" bemerkt aber, unserer (derNordd. Allg. Ztg.") unmaßgeblichen Mer- mung nach, sehr vernünslig zu der obigen Notiz:Unseres Erachtens st der General gänzlich falsch verstanden worden. Es liegt g ucklrcherweise mcht m der Gewohnheit deutscher Osficiere, in der Oeffenilichkeit hochpolitische Aeuße- runaen zu thun, zumal eine solche Aeußerung, zu der die gegenwärtige Situation auch nicht den geringsten Anlaß bietet. Wahrscheinlich hat Herr v. Loö sich folgendermaßen ausgedrückt:Die Rheinländer und Westfalen werden auch m Zukunft diese Waffenbrüderschaft bethätigen, wenn was auch über kurz oder lang eintreten kann, wieder gegen den Feind marschirt werden muß. Diese Worte würden nur der allen preußischen Devise:loujours en vedette (immer wachsam) entsprechen.

Das Verbleiben Belgiens in der lateinischen Münzunion erscheint nun endlich als gesichert. Am Samstag ist in Paris die Zu atzacte Mr lateinischen Münz-Convention vom 6. November von den Delegirün jammt* Mer fünf beteiligten Staaten unterzeichnet worden.

Die politische Situation in England, wie sie sich in Folge der Narlamentswablen darstellt, ist noch fortwährend höchst schwankend und ungewiß Allerdings schreibt der LondonerObserver", es hätten zwischen Gladstone und Barnell im Laufe der vergangenen Woche in Bezug auf eine gemeinsame Ae ion in der nächsten Parlamenls'Session wiederholt Conferenzcn stattgefunden. Glad* stoue Chamberlain und Harc'urt, also die Führer der Radikalen, e.en emem Einvernehmen mit den Parnelliten zugeneigt, über die Bedingungen für em Zu fammenqehen mit denselben sei aber noch durchaus mchts Definitives vereinbart. Das genannte Blatt, welches der radikalen Richtung zuneigt, muß aber dann selbst ^zuaestehen, daß die Gemäßigt-Liberalen einer Coalttion der liberale Partei^ mit den Parnelliten fortgesetzt widerstreben. Das ist auch be8r<$' denn man verkennt liberalerseit« nicht, daß ein Hand m ^anba^en der Sibe ralen mit den Anhängern Partiell'«, die ja bu Losreißung Irlands von Eng

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UniverfktätS»Chronik.

Heidelberg, 11. December. Der berühmte klassische Philologe Professor Wachsmuth hat einen Ruf an die Universität Leipzig erhalten. Sein Weggang würde einen großen Verlust für unsere Universität bedeuten.

BesurischteS.

Darmstadt, 11.December. Betreffs des Austritts von Schülern der höheren Lehranstalten, welche das Ziel der Volksschule nicht erreicht haben, hat das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz, Abtheilung für Schulangelegenhelten, an die Großh. Directionen der Gymnasien, Realgymnasien und Realschulen, sowie an Dtc Großh. Kreisschulcommissionen folgendes Ausschreiben erlassen:Es ist wiederholt die Frage zur Erörterung gekommen, wie es mit Schülern der höheren Lehranstalten zu halten sei, welche nach Ablauf des achten Schuljahres austreten, ohne das Ziel der Volksschule erreicht zu haben. Wir sehen uns daher veranlaßt, nach Analogie des Art 21 des Volksschulgesetzes für die höheren Lehranstalten nachfolgende Bestimmungen 2U treffen: Wenn ein Schüler einer höheren Lehranstalt nach Ablauf des achten Schuljahres nach dem Urtheil der Lehrerconftrenz m den wesentlicheren Unterrichts- gegenständen, nameiitlich in Religion, deutscher Sprache, Lesen, Rechnen und Schreiben, das Siel der Volksschule nicht erreicht bat, so ist er verpflichtet entweder em werteres Fahr in der höheren Schule zu verbleiben oder noch ein Jahr lang die Volksschule zu besuchen. In dem Falle, daß ein Schüler nach Ablauf des achten Schustahres aus der höheren Schule austritt, ohne das Ziel der Volksschule erreicht zu haben, ist der betreffenden Kreisschulcommission hiervon rechtzeitig Mittheilung zu machen, damit die­selbe wegen Fortbesuchs der Schule das Geeignete veranlassen tonne. Schuler, welche hiernach die früher besuchte höhere Schule verlassen und wegen ungenügender Kennt­nisse noch ein Jahr lang die Volksschule besuchen, sind nach Entlastung auo derselben zum Besuche der Fortbildungsschule verpflichtet." .

Konstanz, 9. December. Gestern früh fand zwischen dem Premierlieutenant Sachs und dem Lieutenant Hellwig ein Pistolenduell statt, bet welchem der erstere rm Unterleib so schwer verletzt wurde, daß er an der erhaltenen Wunde gestorben ist. Hell­wig war der Verführer der Frau seines Kameraden gewesen und zurSühne dieser Heldenthat schießt er den Rächer seiner Ehre noch über den Haufen. Die Erregung m unserer Stadt ist eine große, die Blätter sprechen ihre Entrüstung offen aus. Hellwig selbst hat, nachdem er sein Ehrenwort gegeben , mcht zu entfliehen, ewen 14 tägigen Urlaub genommen. Ueber das Duell schreibt dieKonst. Ztg.". Das Duell und die dasselbe begleitenden Umstände haben in unserer Stadt große Aufregung und berech­tigte allgemeine Entrüstung hervorgerufen. Wir vermelden es, wo irgend möglich, Scandalgeschichten an die große Glocke zu hängen; im vorliegenden Falle aber wurden wir unsere Pflicht, der öffentlichen Meinung Ausdruck zu geben, gröblich verletzen, wenn wir das Vorkommniß nicht einer näheren Beleuchtung unterwerfen wurden. Wir halten es nicht für unsere Aufgabe, den Maßstab zu suchen, nach welchem stch die moralische Schuld auf Herrn Hellwig und die Frau. seinesGegners vercheilt- das ist eine innere Angelegenheit, die uns hier nicht beschäftigt. Offenkundige ^halsache aber ist, daß Herr Hellwig, der die Flucht der Frau begünstigte und allem den Aufenthalts­ort derselben kannte, das Familienglück seines Kameraden zerstört hat und daß dem aufs Schwerste Beleidigten die Ehre, wie sie in Offfcierskreisen arffgesatzt wird gebot, seinem Beleidiger vor das Rohr zu stehen. Es wäre nutzlos, sich bet dieser Gelegen­heit über die Berechtigung oder Verwerflichkeit des Duells überhaupt zu ereifern, aber auch Viele von denjenigen, welche sühnbare, in der Hitze des Wortgefechte oder un er welchen Umständen sonst ausgesprochene Beleidigungen durch den Zweitam^ erledigt wissen wollen, werden zugeben, daß in Hallen, rote dem vorliegenden, das -uell un­möglich eine nach irgend einer Richtung hin befriedigende dosung bringen kann. Wenn ein Ossicier seinem Kameraden, der ihm fein Haus geöffnet m ber angedeuteten Weise in seiner Hausehre zu nahe tritt, so sieht darin das Sittlichkeitsgesuhl des ge­wöhnlichen Atenschen ein absolut unverzeihliches Vergehen, das nach außen nur durch die öffentliche Brandmarkung des Beleidigers eine gewiße Sühne erhalten kann. Wenn man dagegen hört, daß der in seinem unantastbarsten Heilrgthum Bedrolste gar noch aezroungen ist, sich nach allen Regeln der Kunst von dem der ihm den Schunps an- gechan^ über den Haufen schießen zu lassen, so empört sich jedes Gefühl gegen eine