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Nr. 212 Samstag den 17. October L88S
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
vurea«- Echulstraße 7. Steint mit tTwT
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Consolidation in Flur VI der Gemarkung Staufenberg.
Bekanntmachung.
Die Ueberweisung der neu gebildeten Grundstücke in den Besitz der bethelligten Grundbesitzer soll
Montag den 26. Oetober l. I., von Vormittag- 10 Uhr an,
an Ort und Stelle stattfinden.
Die Betheiligten werden hierzu nut dem Bemerken eingeladen, daß den Nichterscheinenden ein Verzeichniß der Nummern ihrer neuen Parcellen zur Besitznahme derselben zugestellt werden wird. 7432
Gießen, am 14. October 1885. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberskcht.
Gießen, 16. October.
Der neue Statthalter von Elsaß.Lothringen, Fürst von Hohenlohe-Sckillingssürst, hat nunmehr seinen ebenso schwierigen wie verantwortungsreichen Posten an der Spitze des Reichslandes angetreten. Zuvor ist Fürst Hohenlohe vom Kaiser in Baden-Baden empfangen worden, wo zugleich auch Staatsminister Dr. Hofmann, der zum commandirenden General des 15. Armee-Corps ernannte Generallieutenant v. Heuduck, der Coadjutor Dr. Stumpff und andere distinguirte Persönlichkeiten aus Straßburg eingetroffen waren, um den Kaiser zu begrüßen. Daß man in den Reichslanden der Thätigkeit des neuen Statthalters mit großer Spannung entgegensieht, erscheint begreiflich; daß sich das neue Regime aber sofort in scharf ausgeprägter und der Manteuffel'schen Politik völlig entgegengesetzter Weise äußern würde, wie man verschiedentlich behauptet, muß denn doch ganz entschieden bezweifelt werden. Fürst Hohenlohe ist ein viel zu erfahrener Staatsmann und gewiegter Diplomat, als daß er in den ihm der Hauptsache nach doch noch unbekannten reichsländi- schen Verhältnissen sofort mit umfassenden Reformen und radikalen Änderungen oorgehen sollte. Solche wünscht man an leitender Stelle in Berlin gewiß selbst nicht, vielmehr wird man hier dafür sein, daß der neue Statthalter nur all- mälig die bedenklichen Consequenzen beseitige, welche sich aus dem Manteuffel'- ichen Regime nach mehr als einer Richtung hin ergeben haben und darf man wohl überzeugt sein, daß Fürst Hohenlohe in Baden-Baden die bestimmten Wünsche des Kaisers in dieser Beziehung entgegengenommen haben wird. — Nachdem so die Frage der Neubesetzung des elsaß-lothringischen Statthalterpostens ihre definitive Erledigung gesunden hat, wird in den nächsten Wochen eine noch wichtigere Frage der inneren Politk zu ihrem Austrage gelangen, die braunschweigische Regentschaf ts-Frage. Daß dem am, nächsten Montag oder Dienstag zusammentretenden braunschweigischen Landtage vom Regentschaftsrathe lediglich Prinz Albrecht von Preußen als Regent Braun- schweigs vorgeschlagen werden wird, unterliegt von keiner Seite mehr dem geringsten Zweifel und ebensowenig bezweifelt man, daß diese Wahl die einhellige Zustimmung des Landtages finden wird. Warum die Candidatur des Prinzen Reuß wieder fallen gelassen worden ist, wollen wir hier unerörtert lassen; wenn aber die partikularistischen „Dresd. Nachr." in einer Besprechung der braunschweigischen Angelegenheit sagen, daß „jetzt bereits daraus hingearbeitet werde, daß der künftige Regent, als Mitglied des preußischen Königshauses, die Brücke und den Uebergang zur Verschmelzung mit Preußen bilden solle", so ist dies eine Insinuation, welche nicht energisch genug zurückgewiesen werden kann. Kaiser Wilhelm selbst wie auch der Reichskanzler haben der braunschweigischen Deputation bei ihrer Anwesenheit in Berlin die Versicherung ertheilt, daß die kaiserliche Regierung nicht daran denke, die staatliche Selbstständigkeit Braun- ichweigs anzutasten. Es ist hiernach wohl überflüssig, noch ein Wort über die oben mitgttheilte und von den „Dresd. Nachr." ausgegangene Behauptung zu verlieren, ganz abgesehen davon, in welchem Lichte die angebliche Kaiser- und Reichstreue, mit welcher sich das genannte Blatt immer zu drapiren liebt, erscheint. Nur freilich scheint es noch nicht ganz sestzustehen, ob Prinz Albrecht wirklich als „Regent" oder aber als „Statthalter" die Regierung Braunschweigs übernehmen soll; doch darüber wird ja die allernächste Zeit Aus- fimft geben.
Nach den neuesten Dispositionen gedenkt der Kaiser Baden-Baden am 22. October zu verlassen und am Vormittag des nächsten Tages in Berlin einzutreffen. Die Kaiserin wird dagegen auch in diesem Jahre sich von Baden-Baden aus noch auf einige Wochen nach Koblenz begeben und erst gegen Ende November wieder nach Berlin zurückkehren.
Die preußisch eG en eral-Synode wird spätestens am 27. October geschloffen werden, da sich eine Verlängerung der Session über diesen Termin hinaus durch die am 29. Octobec stattsindenden Urwahlen zum Abgeordneten- Hause von selbst verbietet.
Die Verständigung zwischen der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft und dem Sultan von Zanzibar schreitet in erfreulicher Weise vorwärts. Als ein Beweis hierfür ist die Abtretung des Hafens Dar - es - Salam an erstere durch den Sultan Said Bargasch zu betrachten und behält sich derselbe nur die politische Oberhoheit über den Hafen vor. Dar-es- balam ist ein weiter und geräumiger Hasen an der Küste von Zanzibar mit Mer und geschützter Einfahrt und die deutsch-ostasri-Knische Gesellschaft besitzt
nunmehr eine gute Verbindung mit der See vom Centrum ihres Gebietes aus und damit die gesunde Grundlage für eine rationelle Ausbeutung ihres Landbesitzes. Als ein weiteres Zeichen für die in den Beziehungen mit Zanzibar eingetretene Besserung muß auch die bevorstehende Auflösung des bisher vor Zanzibar stationirt gewesenen deutschen Panzergeschwaders betrachtet werden.
Zur Karolinen-Frage verlautet jetzt, daß die deutsche Antwort auf die letzte spanische Note in Madrid übergeben worden ist. Die officiöse „Agence Fabra" theilt über die deutsche Note nur mit, daß dieselbe noch unvollständig sei, da die Hauptfrage, welche der beiden Regierungen zuerst von der Insel Dap Besitz genommen, nicht klar liege, weil die ausführlichen amtlichen Berichte der Befehlshaber des „St. Quentin" und des „Iltis" noch nicht vorliegen. Die Note bestätige, daß erforderlichenfalls der Papst zum Vermittler ausersehen sei.
Die Einigkeit der beiden Hauptgruppen der französischen Republikaner, der Opportunisten und der Radikalen, für die am nächsten Sonntage 'corzunehmenden Stichwahlen ist im Wesentlichen hergestellt. Wie bekannt, ist von den Anhängern beider republikanischen Richtungen ein Compromiß abgeschlossen worden, dahin lautend, daß überall für diejenige Liste zu stimmen fei, welche am 4. October die Mehrheit der republikanischen Wähler auf sich vereinigte. Dieses Compromiß wird freilich in der Hauptsache den Radikalen zu Gute kommen, denn deren Candidaten standen in der Mehrzahl derjenigen Departements, wo am 4. October noch keine Liste definitiv durchdrang, an Stimmenzahl voran. Anderseits ist auch kein anderes Arrangement möglich, wenn nicht die Monarchisten, welche es auch in einer ganzen Reihe von Departements, die zur Stichwahl stehen, zu ansehnlichen Minderheiten gebracht haben, noch weitere Vortheile erringen sollen. Ein am Dienstag Vormittag unter dem Vorsitze Grevy's abgehaltener Ministerrath beschäftigte sich mit der Frage, welche Maßregeln gegen die von monarchistischer Seite für die Stichwahlen versuchten Manöver zu ergreifen seien. Die Regierung beschloß, von sämmtlichen Beamten eine correcte Haltung zu verlangen. — Der Ausfall der Pariser Wahlen giebt den Pariser Blättern reichlichen Stoff zu verschiedenen Bemerkungen. Insbesondere wird mit Befriedigung hervorgehoben, daß durch die Wahl des Cabinets- Präsidenten Brisson und durch die Thatsache, daß der Minister des Innern, Herr Allain-Targö, über 200,000 Stimmen erhielt, die Stellung des Cabinets außerordentlich gekräftigt worden sei. Als ein weiteres Symptom für die Stimmung der Pariser Bevölkerung wird die Thatsache angeführt, daß die Candidaten der Anarchisten und Communisten nur wenige Tausende Stimmen, erhielten.
Die idyllische Zurückgezogenheit des Czaren in Schloß Fre- densborg hat nun am längsten gedauert. Wahrscheinlich noch in dieser Woche wird der russische Herrscher als letzter der zahlreichen gefürsteten Gäste, welche sich im vergangenen Sommer im Lustschlosse des dänischen Königspaares ein- fanden, Fredensburg verlassen und nach Petersburg zurückkehren, wo verschiedene Angelegenheiten — nicht zum wenigsten die Balkankrisis — seine Anwesenheit erfordern. Gerüchtweise verlautet, Kaiser Alexander werde auf der Rückreise von Kopenhagen in Riga landen und sich von da mit der Eisenbahn nach der Residenz begeben. Mit Hinblick auf die bekannten Vorgänge in den Ostsee- Provinzen wäre ein solcher Besuch ein wichtiges Ereigniß; doch scheint das Gerücht wenig glaubwürdig und wahrscheinlich durch die neuliche Anwesenheit des russischen Kriegsministers veranlaßt worden zu fein.
Die auswärtige Politik des Cabinets Salisbury hat mit dem erfolgreichen Abschluß der Mission Sir Drummond Wolff's in Konstantinopel eine große Errungenschaft eingeheimst. Denn die englischen Interessen am Nil erscheinen in Folge des Abkommens Wolff's mit der Pforte als vollständig gesichert und auch aus der heikcln Sudan-Affaire hat sich Salisbury mit großem Geschick gezogen, da es der egyptischen Regierung überlassen bleibt, sich mit den Sudan-Rebellen, so gut sie kann, auseinander zu setzen. Ob dieser Erfolg in seiner egyptischen Politik dem gegenwärtigen englischen Cabinet bei den bevorstehenden Neuwahlen zum englischen Parlamente nachhaltig zu Gute kommen wird, läßt sich indessen heute noch nicht beurteilen.
Darmstadt, 15. October. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 14. October die Ministerial - Kanzlisten bei der Kanzlei des Ministeriums der Finanzen, Kanzlei-Jnspectoren Theodor Schultz und Konrad Ger-


