Ausgabe 
15.10.1885 Zweites Blatt
 
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Lokales.

Gießen, 14. October. fAus der Philologen-Versammlung.) Die Verhandlungen ganz besonders der pädagogischen Section in ten Morgenstunden des 2 und 3. October werden, wie wir hoffen, wie für andere Städte und Anstalten so auch für die hiesige Stadt von segensreichen Folgen begleitet sein.

droar haben in der sehr animirten Debatte fast nur, wie das ja auch natürlich erscheint, Fachmänner von Gymnasien und Realschulen das Wort genommen; mdeß hat die Kundgebung von deren Anschauungen und Meinungen doch auch das lebhafteste Interesse der Eltern der Schuler der Anstalten von Anfang bis zum Schlüsse begleitet, und es mag jetzt und zwar ganz sine ira et studio, ein ruhiges, wohlgemeintes Wort im Blick auf die Verhandlungen der letzten Tage gestattet sein.

Eine ganze Reihe sehr tüchtiger und einsichtsvoller Anstalts-Directoren aus ver­schiedenen Theilen des deutschen Vaterlandes begegneten sich in dem Gedanken, daß zur pädagogischen Ausbildung der jungen Lehramts-Eandidaten Seminare an den höheren Schulen selber livlhwendig seien, die unter der Leitung der Directoren zu stehen hatten, und es sei daraus hinzuwirken, daß die Candidaten in bestimmt geregelter Weise an dem Unterrichten unter Aufsicht des Directors oder älterer, erfahrener Lehrer ^heil nah.neiu fam bic Meinung zur Geltung, daß an einer und derselben Anstalt

nicht zu viele Schulamts-Candidaten Verwendung finden möchten, sondern datz es gcrathen sei, mehrere Directoren und Lchrer-Collegien in einem Lande mit der für nöthig erachteten pädagogischen' Aufgabe zu betrauen, die jipigen Leute mithin nicht einer oder ganz roeiiigcit Anstalten zuzuweisen, sondern sie gleichmäßig mehr zu

Dieser Gedanke, der bisher nicht überall zur Durchführung und Verwirklichung gelangte, ist besonders auch von deii Eltern der Schüler mit warmer Genugthuung begrüßt worden. Denn ohne alle Frage ist es vom Nebel, wenn an einer und derselben Lehr-Anstalt allzu viel junge Eandidaten ihren pädagogischen Cursus absolviren, zumal wenn die Anstalt darunter zu leiden hat, daß schon unter den fest angestellten Lehrern nur eine Minderzahl vorhandeii ist, der eine längere Erfahrung und eine gereifterc Lebens-Anschauung zu Gute kommt.

Wo und nach mit dcn Maschinen befreundet und. augenblicklich befinden wir uns in I einem Zeitpunkte, roo die Älcinindultrie über cbcnch geeignete Mazchinen vcrßrgt wie die Großindustrie und wo der Handwerksmeister pch gerade ,o gut leine Maschine aiifstellt wre d^r Fabrrkbesii^er. schwindet mchr und mehr; aber nicht nur

deshalb, weil die Ätaschine zur Dienstleistung herangezogen werd, sondern auch haupt­sächlich^darum, weil der Handwerker erkannt hat, dag das kunstgewerbliche Gebiet ihm gehörst weil man seil einer langen Reihe von Jahre,, bestrebt isst d.e Intelligenz des Handwerkerstandes zii heben. Und hierin liegt der eigentliche Schwerpunkt. Nicht d - Maschine drohte dcn Handwerkerstand zu vernichten, midcrn der vollständige Abschluß gegen Alles, was Intelligenz hieß. Run arbeiten, schon s-.t Jahrzehnten dw Besten des Volkes, einen intelligenten Handwerkerstand zu lchaffcn, ste arbeiten mit Muhe I

aU^ wär?ja°Thorheit zu bestreiten, daß, eine ganz bedeutende Zahl von Hand­werkern den Anforderungen, die man in Betten der Intelligenz an sie stellen kann, tr jeder Richtung genügen und wir haben zu i-dcr Zett Manner aufziiwetsen gehabt welche, dem.Handwerkerstand angehorig, zu den intelligentesten. und bedeutendsten des ganten Volkes gezählt werden ,nässen; aber kann der Hinweis an, diese Minderheit uns mit solcher Genugthuung erfüllen, daß wir all'das Gute, was dem hervorragenden Handwerker nachgcrühmt wird, in selbstgctalligcni Stolze auch aus das ganze Handwerk übertragen ken gerabe bit 0uten Beispiele uns so recht des Gegensatzes bewußt werden lasse», welcher, wie nirgendswo anders, in dem Handwerkerstände so scharf I hcroottrm k rair )üd)t nUe Sraft daran setzen, um diese Gegensätze möglichst a'is,»gleichen, um de» ticferstehcndcn Handwerker würdig an die Sette seines hoher stehenden Kollegen zu stellen und so in der G-sammthctt einen intelligenten Handwcrker- ftm,b ^',ber"es sind so überaus bedeutende Schwierigkeiten, welche sich cntg-genthürmen, daß das vorgcsteckte Ziel nur in sehr langsamem Gange erreicht werden kann. Wer in den letzten 30 Jahren mit aufmerksamem Auge betrachtete, welche Veränderungen auf den .Eandwerksgebieten vor sich gingen, der weiß, daß man sich dem erfehnten Siete um ein Merkliches genähert hat, der hat auch die bittere Einsicht gewonnen, daß An unendlich großer Theil der Handwerker sich die Ohren verffopst gegen Alles, was Wissen Aufklärung, Neuerung ?c. bedeutet. Und doch haben sich die Anforderungen, welche an den Handwerker heute gestellt werden, in demfelben Matze gestergert, wie sich ia auf allen anderen Gebieten, mögen wir nun die gelehrten, technifchen w. betrachten, die Ansprüche heraufgeschraubt haben. Das ist kein ausgebildeter Handwerker mehr, der nur mechanisch seine Kräfte zu verwenden weitz, das ist lediglich em ^beitsmann, der ohne das Handwerk erlernt zu haben, zu bestimmten Arbeiten abgenchtet ist, und dieser kann durch die Maschine mit Erfolg erseht werden. Allerdings einem solchen Handwerker gegenüber ist die Maschine die größte Eoncurrentm, aber jeder intelligente Handwerker ist auch sein unbesiegbarer Concurrent. l c., .

Die mechanische Handfertigkeit darf nur das Fundament für den Handwerker sein und diese mutz sich verbinden mit der genauen Kenntnch des Materials und den geeigneten Hilfsmaschinen, damit das Product gut und auf die billigste Weife her- gestellt werden köm ^^^^^rblichen Bestrebungen, in denen wir begriffen sind, müssen jene Anforderungen an den Handwerker gestellt werden; er muß sich nut deil kunst­gewerblichen Erzeugnissen der verschiedenen Perioden, soweit sie fern Fach berühren, Serrraut machen, muß die verschiedenen Stilarten kennen und empfinden lernen, damit er im Stande sei, auch hier selbstständig einzugreifen und zu wirken. Aber dieses selbstständige Schaffen» von kunstgeiverblichen Gegenständen kann wiederum nicht vor sich gehen ohne Besitz der Fertigkeit, die im Geiste entstandenen Entwürfe auf dem Papier zu firiren, ohne die Zeichenkunst. Die steten Erfindungen imd Neuerungen auf allen Gebieten, namentlich aber die ungeljeuren Fortschritte in der Chemie, Physik und damit zusammenhängend in der gesummten Technik, verlangen, daß der Handwerker sich mit ihnen ebenfalls vertraut mache, damit er das Geeignete in fernem Fache zur Anwendung bringen könne. Schließlich muß das Producirte verwerther, m den Handel gebracht werden, und hierzu ist wiederuni eine Kenntnis; der kaufmannifchen Ufailcen, die Kenntniß der Buchführung und Eorrespondenz eine nicht ju umgehende Bedingung.

letzterer Beziehung hat sich die Erfahrung allerdings mehr zu Gunsten des Ver­kaufs durch fachmännische Hand erklärt, die auch mit einem geringen Gewinne zufrieden ist und zugleich doch die Geschäfte besser und erfolgreicher besorgt.

Wenn man in der entwickelten Weise den Handwerkerstand und die Aufgaben desselben einander anpaßt, dann weicht die Scheu vor der Macht der Mafchine von dannen im Gegentheil, die Maschine wird zu einem Hauptfactor, mit welchem der intelligente Handwerker klüglich rechnet.

Es reicht nicht immer der gute Wille aus, sondernErfahrung macht beir Meister", ganz vornehmlich auch auf pädagogischem Gebiete. Zum tüchtigen, bewährten. Lehrer gehört nun einmal vor Allem auch eine gewisse Reise des Eharacters, des ganzen Mannes und eine reiche Summa von Erfahrungen, die nicht aus den Büchern oder aus der Unterweisung, sondern aus dem Leben, aus der lehramtlichen Praxis m erster Linie gewonnen werden kann. .

Allzuviel Jugend in einem Lehr-Körper wird nie gut fern; es fehlt auf Der einen Seite die Selbstständigkeit der Lebens- und Amts-Auffassimg; es ist da alles noch zu sehr im Werden, in der Entwicklung; noch ist nichts Ausgereiftes vorhanden, und das merkt auch alsbald der Schüler nur allzusehr, die Eltern noch mehr. Man sehnt sich wahrhaft nach dem Unterricht älterer, erfahrener Lehrer, denen die un Laufe ihrer Thätigkcit erworbene Lebens-Weisheit zii statten kommt. Der tüchtige Lehrer wird selber (wir irren schwerlich in dieser Annahme) un Blick auf die Thatigkeit mancher Candidaten am meisten seufzen und des Wortes zuweilen emgedenk fern: noli turbare circulos meos! Und die Eltern Sie empfinden es vielleicht am aller­meisten, daß das Zuviel der Lehrenden, der allzu häufige Wechsel in den Personen nur schaden kann? In der Lehrunterweisung geschieht Vielerlei, in der Erziehung und Character-Bildung vielleicht gar wenig; und es tritt hervor, was in diesen Tagen viel­fach in die Worte gekleidet wurde: Ein Erperimentiren in corpore vili.

Daß nach diesen Seiten hin die Verhandlungen der pädagogischen Section m voriger Woche von guten, segensreichen Erfolgen begleitet sein mögen, ist der Wunsch, der Vielen ans der Seele gesprochen sein wird.

Vermischtes.

Gießen, 13. October. sModellir-Unterricht der erweiterten Handwerkerschulc des hiesigen Gewerbevereins betreffend.^ Die erweiterte Handwerkerschule beginnt nächstens den Unterricht des Wintersemesters und soll es Zweck dieser Zeilen sein, am den Modellir-Unterricht, welcher durch genannte schule an zwei Wochenabenden geboten wird, besonders hinzuweisen. ,

Wie nützlich und nothwendig eine gewisse Fertigkeit un Modelliren für den an­gehenden Handwerker und Kunstindustriellen, welcher einmal auf der Hohe seines Berufs stehen will, sei, ist gelegentlich der Eröffnung unserer Modellirschule vor^zwcc Jahren im Anzeiger bereits ausführlicher besprochen wordeii, wie ja,auch das Organ des Landesgewerbevereins immer und immer wieder zum fleißigen Besuch des Modellir- Unterrichts anspornt. .

Obgleich der in Gießen gebotene Unterricht seither stets von einer Anzahl streb­samer junger Leute mit dem besten Erfolge benutzt wurde, wie die Arbeiten der Modellirschule gelegentlich der im September v. I. dahier stattgehabten Ausstellung der Schülerarbeiten aus den Unterrichtsanstalten des Landesgewerbevereins dargethan und bezüglich welcher dem Leiter des Unterrichts, Herrn Bildhauer Barthel, von maßgebender Stelle die vollste Anerkennung ausgesprochen wurde, so scheint doch gerade in Gießen, des vergleichsweise noch geringen Besuchs dieses Modellirunterrichts wegen, bei den Betreffenden noch nicht das volle Verständnitz von der Bedeutung dieser Kunst­fertigkeit ob^roalten. . x ,

Das Modelliren ist die Kunst, mittelst geeigneten Materials (Thon, Wach^, Gips) Modelle, Vorbilder und Gebilde aller Art, insbesondere auch solche Ornamente und Figuren darzustellen, wie sie im Kunsthandwerk vielfach Anwendung finden. Die Werke der Menschenhand sollen nicht allein zweckmäßig confirmrt, sondern auch edel gestaltet sein, was ja in vielen Fällen ohne Aufwand weiteren Materials oder größerer Kosten geschehen kann. Das bedeutungsvolle Wort, welches ein Neuleaux in dieser Beziehung seiner ßeit gesprochen, hat allerorts mächtig gezündet und es ist etne Freude, wahrzunehmen, wie nicht nur die Paläste, sondern auch die Wohnhäuser, Wohnungen und Geschäftsräume des einfachen Bürgers und Geschäftsmannes, nicht nur Die Luxus- < gegenstände der Begüterten, sondern auch die einfacheren Gebrauchsgegenstande nn all­gemeinen in edlerem und stilvollerem Gewände erscheinen. Ein Blick auf die neueren bürgerlichen Wohnhäuser unserer Schwesterstadt Marburg ist z. B. in dieser Beziehung recht belehrend. Jedermann, der von den Vortbeilen, welche die Kunst des Freihand-

I zeichnens für feinen Berus bietet, überzeugt ist, muß auch den Srutzen der Modellir- kunst zu schätzen wissen. Wo hört z. B. heutigen Tags die Arbeit des Steinhauers, des Möbelschreiners, des Metallgießers :c. auf und wo fängt Diejenige des Bildhauers an § Würde derjenige Tünchermeifter allen Anforderungen entsprechen können, welcher | nur zu tünchen und nichts von den Stukkaturarbeiten zu fertigen versteht'^ ^o ähnlich bei vielen anderen Berufsarten. p. .. . . Tx

Das Modelliren fördert überhaupt unser Kunstverstandnitz und unsere Gestaltungs­kraft indem es uns die Gesetze von der Entwicklung der Ornamente kennen lehrt.. Erst die plastische Darstellung zeigt uns den Gegenstand in der ganzen Wirkung seiner Masse und Formen, in seiner Beeinflussung von Licht und Schatten und je gewanMer der Schüler im Modelliren, desto naturgetreuer werden auch wieder seine zeichentunft- lerischen Entwürfe sich gestalten. ...

Selbstverständlich können nicht jedem Anfänger gleich Gegenstände seines bc- I sonderen Berufs zur Uebung gegeben werden, jeder Kunstbeflissene muß sich auch hier I einer bewährten Methode unterwerfen und mit den Anfangsgründen beginnen. . Einer I besitzt mehr Talent als der andere und so wird auch der eine rascher als der andere I zum Ziele kommen, d. h. die für seinen Beruf nöthige Fertigkeit erlangen. Fleitz, I Eifer und vor allem Geduld sind aber erforderlich, wenn der Unterricht von Erfolg I sein soll. Aus den Unterrichtsabenden nur eines Semesters können natürlich noch keine I großen Künstler hervorgehen, zwei oder, besser noch drei Semester führen jedoch in den I meisten hier in Betracht kommenden Fällen zum Ziel.

Die Anforderungen, welche an die Kunstindustriellen und an die Bauhandiverkei I u. a. gestellt werden, werden immer größere; wohl dem, dessen Leistungsfähigkeit allen I Anforderungen gewachsen ist. t ,rr . .. .,, .

Wie wandelbar gestalten sich oft des Lebens Verhältnisse, wie erwünscht sUli> I dann oft in vorgeschritteneren Jahren noch Kenichiisse und Fertigkeiten, deren Air I eignung in der Jugend trotz gebotener Gelegenheit leider verläumt wurde! Mochte« I deshalb auch Angehörige und Meister gegebenen Falls ihren Einfluß geltend machen, I damit nicht der junge Mann, welchem heute die schöne Gelegenheit zur Aneignung einer I nützlichen Fertigkeit gegeben ist, in späteren ernsteren Jahren sich vielleicht sagen nm«: IDas habe ich Ixider nicht gelernt!" O. B.

Seligenstadt, 8. Cctobcr. Ein fast unglaublicher und gleichwohl vollen A«- j spruch auf Wahrheit habender Fall der Lebensrettnrig hat sich gestern Morgen hm I ereignet. Der sechsjährige Sohn des hiesigen Tünchers Winkler lehnte sich etwas I weit aus dem Fenster des dritten Stockwerks einer im Bau begriffenen Fabrik, bekan das Uebergewicht und stürzte in die schauerliche Tiefe. Der unten stehende 14jäW I Sohn des Tünchers Stenger beobachtete den Fallenden und empfing denselben nut E gebreiteten Armen. Durch diese erstaunliche Geistesgegenwart wurde das Leben niederstürzenden Knaben gerettet. Ganz unbedeutende Verletzungen bekunden bd schrecklichen Fall. Mit Miith, Entschlossenheit unt) eigener Lebensgefahr hat der W der Schule entwachsene Bursche das Kind vor dem sicheren Tode bewahrt und es gr bührt ihm sicherlich hierfür öffentliche Anerkennung. Die Freude der Eltern über fort I wunderbare Errettung ihres Kindes läßt sich kaum schildern.

Allgemeine

Plakat-Fahrplan

aßet auf Station Gießen ankommenden und abgehen­den Züge für den Winterdienst 1885 TBC ist in der Expedition diefes Blattes, sowie durch die Zeitungstrager zum Preise von 20 Pf. zu haben.

r Anzeiger.

Den Empfang der

MiodelBhüte

sowie sämmtliche Neuheiten für die Herbft- u»t Wintersaison beehrt sich ergebenst anzuzeigen

vl.

7150 Kirchenplatz.