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Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Höeik.

Betreffend: Die Herstellung eines Sachregisters zum Großherzoglichen Regierungsblatt. Gießen, am 15. August 1885.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien «nd Kirchenvorstande de- Kreises.

Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an Erledigung der Verfügung vom 11- Juli 1885 Gießener Anzeiger Nr. 161.

____________________________________________vr. BoekmanN. _______________________________

Beka» ntmachung.

Mit Rücksicht auf den Stand der Ernte hat Großherzoglicher Ministerium der Innern und der Justiz bestimmt, daß die Heezzeit für Feldhühner in -dem ganzen Großherzogthum, mit Ausnahme der Kreise Alsfeld, Lauterbach und Schotten, im laufenden Jahre mit dem 16. d. Mts. endigt.

Es ist daher mit dem 17. l Mts. die Jagd auf Feldhühner im Großherzogthum, mit den bezeichneten Ausnahmen, eröffnet.

Gießen, den 14. August 1885. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

vr. B o e k m a n n.

Politische Ueberficht.

Gießen, 14. August.

Laut einer, dem Chef der Admiralität zugegangenen Meldung ist das deutsche, nach -Zanzibar bestimmte Geschwader, bestehend aus den gedeck­ten CorvettenStosch",Gneisenau",Elisabeth" undPrinz Adalbert", sowie dem TenderEhrenselS", unter dem Befehle des Commodore Paaschen stehend, in voriger Woche vor Zanzibar angelangt. Damit ist die ostafrikanische Frage eine brennende geworden, nachdem dieselbe die öffentliche Meinung in Deutsch­land ohnehin schon seit einiger Zeit lebhaft beschäftigt hat. Bekanntlich hat sich Vargasch Ben Said, der gegenwärtige Beherrscher der Stadt Zanzibar und des gleichnamigen dazugehörigen ostafrikanischen Küstenstrichs, wiederholte Uebergriffe gegenüber den auf dem Festlande von Zanzibar angesiedelten Mitgliedern und Schützlingen der deutsch-afrikanischen Gesellschaft zu Schulden kommen laffen, wobei allerdings englische Hetzereien unzweifelhaft eine Rolle mitgespielt haben. Es hat sich deshalb als nothwendig herausgrstellt, dem Sultan von Zanzibar zu zeigen, daß die deutsche Regierung nicht länger gesonnen ist, eine derartige Belästigung und Bedrückung ihrer Untertanen in Afrika zu dulden und ist die obenerwähnte Flotten-Abthellung unter dem ebenso umsichtigen, wie energischen Commodore Paaschen nach Zanzibar abgesendet worden, um dem Beherrscher Desselben den nöthigen Respect vor dem deutschen Namen beizubringen. In­dessen erscheint es doch in hohem Grade wünschenSwerth, nicht sofort schroff vorzugehen, sondern womöglich den Sultan in freundschaftlicher, wenngleich dabei fester Weise davon zu überzeugen, daß er bei seinem vexatorischen Vorgehen gegen die deutsch - ostasrikanische Gesellschaft durchaus nicht in seinem Rechte ist. CS wäre dies schon deshalb anzustreben, um die Colonisations-Arbeit Deutsch­lands imschwarzen Erdtheil" nicht abermals durch einen blutigen Conflict auf wenn auch nur kurze Zeit zu unterbrechen, wie dies leider schon in Westafrika geschehen ist und allerdings auch geschehen mußte. Dann aber muß noch bedacht werden, daß der Sultan von Zanzibar früher zu den deutschen Kaufleuten in fe^r freundschaftlichen Beziehungen stand, die natürlich für die Entwickelung des deutschen Handels in Ostafrika nur von Vorthell waren, diese Entwickelung müßte aber längere Zeit hinaus bedroht, wenn nicht gar gehemmt werden, wenn sich das deutsche Reich in einen offen feindseligen Gegensatz zu dem Sultan von Zanzibar stellen würde. Es scheint überhaupt; daß' in der Behandlung' der ganzen Angelegenheit deutscherseits von vornherein verschiedene Fehler ge­macht worden sind, die man jetzt eingesehen hat und bemüht ist, durch den Wechsel im deutschen General-Consulat in Zanzibar wieder gut zu machen. Be­kanntlich ist Gerhard Rohlfs, Der seitherige Vertreter Deutschlands beim Sultan Bargasch Ben Said, durch Herrn Travers, der hintereinander die deutschen Consulatsposten in London, Alexandrien und Kanton bekleidet hat, ersetzt worden und nach Allem, was man über Hern Travers hört, muß man diesen Personal- mechsel in der That als einen glücklichen bezeichnen. Herr Rohlss, der be­kannte Asrikareisende, hat es nicht verstanden, dem Einfluffe, den Sir John Kirke, der englische General' Consul in Zanzibar, beim Sultan ausübte, das Gleichgewicht zu halten. Ebensowenig ist er im Stande gewesen, den Einmarsch zanzibarischer Truppen in das deutsche Schutzgebiet zu verhindern und somit (/eilte sich seine Abberufung von einem Posten, den Herr Rohlfs trotz aller feiner sonstigen vortrefflichen Eigenschaften mcht gebührend auszufüllen vermochte, als eine unabweisbare Notwendigkeit heraus. Sein Nachfolger, Herr Travers, gilt nun als ein Mann, Der Gelegenheit gehabt hat, Wesen und Eigenart des engtiften Einflusses in fremden Gebieten zu studiren, der aber auch mit orien­talischen Verhältnissen genau vertraut ist und somit knüpfen sich an seine Wahl 3um neuen General-Consul Deutschlands in Zanzibar die besten Hoffnungen. Vor Allem liegt nun die Vertretung Deutschlands in Zanzibar in diplomatisch geschulten Händen und man darf daher vertrauen, daß Herr Travers nicht durch ein schroffes Auftreten gegen den Sultan von Zanzibar wie gegen den Vertreter Englands die weitreichenden und blühenden Handels-Verbindungen der deutschen Kaufleute in Ostafrika unnötiger Weise aus's Spiel setzen und über­haupt die dortigen Unbequemlichkeiten Deutschlands noch vermehren wird. Der Wunsch, die Ausgleichung des bestehenden Jnteressen-Gesetzes auf Zanzibar durch Miche Verständigung und kluge Vermittelung zu erreichen, ist daher ein ganz

berechtigter und Herr Travers wird jedenfalls der Mann hierzu sein. Freilich, sollte die- schließlich nur auf Kosten unserer nationalen Ehre geschehen können, so würde eben doch eventuell eine Landung des soeben vor Zanzibar eingetroffe- nen deutschen Geschwaders in s Werk gesetzt werden müssen. Hoffentlich wird es aber nicht erst einer so nachdrücklichen Demonstration bedürfen, zumal da anzunehmeu ist, daß das neue englische Cabinet Herrn Kirke Anweisung erteilt hat, dem neuen Vertreter Deutschlands in Zanzibar entgegenzukommen.

Die Wahlbewegung in der französischen Republik steht nunmehr in voller Blüthe. Besonders rühren sich die Monarchisten, indessen Jaboriren sie an dem Mangel eines Führers, der überlegenes tactisches Talent reigt und die Massen mit sich fortzureißen weiß. Auch die Opportunisten, die früheren Gambettisten, thun ihr Möglichstes, wie die kürzlich in Lyon gehaltene Rede Ferry's beweist und thun sehr hoffnungsfroh, dieRöpublique Franvaise" meint sogar, daßdie Lage der Regierungs-Mehrheit von einem Ende des Landes bis zum andern die beste sei." Offenbar hoffen die Gambettisten das Fett von der Suppe abzuschöpfen; in Paris selbst werden sie freilich feine großen Lor- beern pflücken, dort setzen sich die Ultraradikalen immer fester im Sattel zurecht, wie neuerdings wieder aus dem Umstande hervorgeht, daß bei der Ersatzwahl für Victor Hugo, durch Dessen Tod ein Sitz im Senat erledigt wurde, der Radi­kale Songeon dem opportunistischen Candidaten Daix gegenüber Den Sieg davontrug.

Aus Ost-Cochinchina sind wahre Hiobsposten eingetroffen. Der Monde" und derUnivers", Die hervorragendsten klerikalen Organe unter der Pariser Presse, veröffentlichen eine Depesche des apostolischen Vicars von Ost'Cochinchina, wonach daselbst fünf französische Missionäre mit mehr als 10,000 Christen niedergemetzelt worden sind. Meuchelmorde und Ruhestörungen dauern fort. Das Vicariat ist vernichtet.

Das englische Parlament wird nach einer langen Session in diesen Tagen wahrscheinlich am Samstag endlich auch geschloffen werden. Es ist dies die letzte Session des gegenwärtigen Parlaments, da im kommenden Herbste die Neuwahlen unter theilweise veränderten Bedingungen stattfinden wer­den, indem z. B. über eine Million neuer Wähler an die Urne treten und treffen deshalb die Cabinets-Mitglieder bereits jetzt ihre Vorkehrungen. Der Premier Lord Salisbury wird auf zwei großen Provinzial-Meetings fein Programm ent­wickeln , während Lord Jddesleigh (Sir Stafford Northcote) sich von feinen Nord-Devenfhirer Wählern verabschieden wird. Lord Churchill, das Schmerzens­kind des Cadinets, gedenkt feine Propaganda nach Lancafhire zu verlegen und wird demnächst in Liverpool sprechen. Unter Den Exministern ist Der radikale Mr. Chamberlain seinen Collegen bereits um einige Redelängen voraus. Jüngst hat er in Hüll eine Rede gehalten, worin er die gemäßigten Liberalen vor einer Trennung von den Radikalen warnte und ihnen für einen solchen Fall vorher­sagte, daß sie sich dann wahrscheinlich in der noch vorgeschritteneren Gesellschaft Churchill's und der Tory-Demokraten befinden würden. Das Gebahren Der Tories sei ohne Scrupel und Moral. Schließlich forderte Redner Liberale wie Radikale zum äußersten Kampfe gegen die conservative Gefahr auf.

Die Königin hat den General Lord Wolseley zum Viscount ernannt.

Die Engländer treffen in Central-Asien fortgesetzt Vorkeh­rungen, um allen kriegerischen Eventualitäten zu begegnen. Nachdem die Errich­tung eines befestigten Lagers im Pischinthale beschlossen worden ist, verlautet jetzt von einer, wahrscheinlich Ende December erfolgenden Bildung eines großen Truppenlagers bei Lahore zur Ausbildung der Truppen und Verstärkung der britischen Armee in Indien um 6000 Mann. Ueberhaupt ist die anglo-indische Regierung eifrigst beschäftigt.

Die spanischen Behörden haben in Folge eines in Gibraltar vor­gekommenen choleraverdächtigen Todesfalles die Absperrung der Stadt auf der Landseite verfügt. Dagegen protestirt jetzt die Handelskammer von Marseille und hat sich dieselbe mit einer Adresse an die französischen Minister des Handels und des Auswärtigen gewendet, in welcher die Minister ersucht werden, Schritte zur Aufhebung der spanischerseits gegen Gibraltar angeordneten Quarantäne* Maßregeln zu thun. Aus Sevilla kommt die Meldung, daß der dortige Erzbischof der Cholera erlegen ist.