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Beilage zu Nr. 86 des „Gießener Anzeiger".
Politische tt-b-rficht.
Gießen, 14. April.
Die parlamentarische Osterpause erreichte mit dem heutig«! Tage ihr Ende, da heute der Reichrtag wie dar preußische Abgeordnetenhaus ihre Arbeiten wieder ausgenommen haben. Im Reichstage wird der Schwerpunkt der Verhandlungen in diesem letzten Abschnitte seiner Session bei der Zolltaris-Novelle liegen, deren wichtigster Theil die Getreidezölle, allerdings schon in zweiter Lesung erledigt ist; immerhin ist auch der noch restirende Theil der Vorlage noch wichtig genug, um dar allgemeine Jnterefle zu erregen und über- die, sind auch die Beschlüffe hinsichtlich der Getreidezölle fast durchgängig mit so geringen Majoritäten gefaßt, daß die dritte Lesung leicht eine Aenderung in diesem oder jenem Punkte bringen tarnt War dar preußische Abgeordneten- haur anbelangt, so wird bei ihm der bekannte Antrag tzuene, die „piece 41c rdsistance“ bilden und dürsten die Debatten hierüber dar Haur mehrere Tage in Anspruch nehmen. Rach Erledigung dieser Gegenständer bietet indessen die Tagerordnung der Abgeordnetenhäuser nicht« Wesentlicher mehr dar, zumal da die Steuerreform-Vorlagen in der gegenwärtigen Session keinenfall« mehr zur parlamentarischen Erörterung gelangen werden und so wird beim dar Haur seine Arbeiten wahrscheinlich noch in diesem Monate beenden können. Etwa« länger dürste der Reichrtag zusammenbleiben, doch auch er wird nicht über Pfingsten hinan« tagen und ist überhaupt zu fürchten, daß sich nach Erledigung der Zolllaris-Vorlage die Befchlußunfähigkeit der Hauser hin und wieder geltend machen wird, wenigsten» sind schon in dem Sessionsabschnitte vor Ostern hieraus hindeutende Symptome zu Tage getreten.
Der Kaiser hat die an ihn anläßlich seine» Geburtstage» gerichtete Glückwunsch-Adresse de» Bürgerverein» zu Braunschweig in einem huldvollen Schreiben beantwortet, in welchem er die Erhaltung der Selbstständigkeit Braunschweigs zusichert.
Die „Rordd. Allg. Zeitung" giebt in ihrer Abend.Nurgabe vom 9. April an leitender Stelle eine statistische Uebersicht über die dem Fürsten Bitmarck anläßlich de» Reichrtagr-Beschlusie» vom 15. December v. I». zuge- gangenen Adreffen, der wir folgende interessante Daten entnehmen: Unter 100 Wahlberechtigten haben an den Reichskanzler eine Zustimmungs-Adresse ge- richtet: Im Königreich Sachsen 12,6, in Thüringen 12,2, in Baden 10,4, in Württemberg 9,9, in Hessen 9,0, in der Rheinpfalz 8,0. In den preußischen Provinzen war die Betheiligung am stärksten in Sachsen und Westfalen, am schwächsten in Ost- und Westpreußen. Da» osficiöse Blatt bemerkt hierzu: „Aus diesen Zahlen läßt sich jedenfalls der erfreuliche Schluß ziehen, daß der Antago- nismu», welcher 1866 zwischen Preußen einerseits und Sachsen, Bayern, Württemberg und Baden anderseits bestand, dem Gefühl engster Zusammengehörigkeit vollständig Platz gemacht hat. Rach dem Krieg von 1866 hörte man nicht selten der Besorgniß Ausdruck geben, daß Süd- und Rord-Deutschland durch einen Spalt getrennt bleiben würden, der sich wohl äußerlich verdecken, aber in keiner Zukunft aussüllen lassen werde. Hätten wir eine minder geschickte Staatrleitung gehabt, so wäre diese Befürchtung gerechtfertigt gewesen; der Spalt hätte wahrscheinlich an Breite und Tiefe stetig zugenommen. Die Eingangs erwähnte Zusammenstellung giebt unr einen statistischen Nachweis, aus dem wir die sichere Ueberzeugung gewinnen, daß der nationale Gedanke heute gerade in Süd-Deutschland am festesten wurzelt, daß die alten Rankünen und Empfindlichkeiten geschwunden sind. — Wenn in einigen Theilen Bayern» die Bethelligung an den Adressen eine schwache gewesen ist, so erklärt sich diese Thatsache aus consessionellen Gründen. E» sind dies gerade Diejenigen Kreise, in welchen der politische Antagonismus jedenfalls geschwunden, und wo nicht künMich ein konfessioneller Gegensatz hervorgerufen worden ist, hat da« nationale Bewußtsein die Probe bestanden. Wir dürfen auf Grund jener Statistik einen erfreulichen Fortschritt in der deutschen Einheit constatiren."
DieWeltlage hat, seitdem in Central-Asien die ersten Schüsse zwischen den russischen Vortruppen und den Afghanen gefallen sind, plötzlich wieder ein ernstes Aussehen bekommen. Von der englischen Regierung ist an die russische die Aufforderung gerichtet worden, ihre Truppen unverzüglich wieder in die Positionen zurückzuziehen, die sie vor dem Kampfe am Kuschkfluffe eingenommen hatten, ja, dieselben bi« Saraps zurückzubeordern und von der Er- süllung oder Nichterfüllung dieser Forderung Seitens Rußland« dürste e«
Allgemeine
in allen Preislagen empfiehlt
abhängen, ob der englisch - russische Conflict sich zum Guten wenden oder aber -um Kriege führen wird. Was den Zusammenstoß zwischen den Ruffen und den Afghanen anbelangt, so hat derselbe mit der entschiedenen Niederlage der Afghanen geendet, welche selbst die Stadt Pendjeh räumen mußten, welche alsdann von den Ruffen besetzt wurde. Darüber, wer der provocirende Theil gewesen ist, gehen die Meinungen auseinander; die Ruffen legen dies den Afghanen zur Last, während man englischerseits behauptet, die Ruffen hätten ohne Veranlaffung angegriffen; dem Anschein nach sind aber die letzteren allerdings erst durch einen Vorstoß der afghanischen Truppen zu ihrem Angriff gereizt worden. In Petersburg selbst waltet eine friedlichere Stimmung ob, als in London, wo sich die gesammte Preffe kriegerischer als je geberdet. Wenigstens schreibt das „Journal de St. Pötersbourg", daß man die Hoffnun- hegen könne, der Kamps am Kuschkfluffe werde die zwischen England und Rußland fortdauernden Verhandlungen nicht beeinträchtigen, und übrigens haben ja nach den Mittheilungen Gladstone's im englischen Unterhause sowohl der Minister v. Giers, wie Kaiser Alexander selbst dem englischen Botschafter in Petersburg, Thornton, gegenüber die ernste Hoffnung aus Fortdauer der Verhandlungen ausgedrückt. Außerdem steht zu erwarten, daß die übrigen Großmächte sich in's Mittel legen und einen Krieg zu verhindern suchen werden, der ganz Europa, in Mitleidenschaft ziehen müßte. Vorläufig freilich nimmt sich die Situation ernst genug aus und ist als ein bemerkenswerthes Symptom derselben der Beschluß des englischen Ministeriums zu registriren, die Königin Victoria, welche bekanntlich in Aix-les-bains weilt, um schleunige Rückkehr nach England zu ersuchen.
Trotz aller Gunstbezeugungen, die der Emir von Afghanistan in Rawul-Pindi Seitens der anglo-indischen Regierung erfahren, machte der afghanische Herrscher noch allerhand Schwierigkeiten bezüglich eines Zusammengehens mit England. Er wünscht zwar ein Bündniß mit England, fordert aber Waffen, Munition und Erhöhung der jährlichen Subvention, was ihm englischerseits auch zugestanden worden ist. Weiter hat der Emir die Befürchtung ausgesprochen, der Einmarsch eines englischen Corps in Afghanistan könne die alte Animofität der Afghanen gegen die Engländer wachrufen. Lord Dufferin hat diesen sehr deutlichen Wink auch verstanden, indem er versicherte, die Engländer würden nur aus Wunsch der Afghanen die afghanische Grenze überschreiten, jedenfalls seien aber die Engländer entschlossen, die Integrität des afghanischen Reiches zu schützen.
Die österreichische Regierung hat in Uebereinstimmung mit der ungarischen beschlossen, die parlamentarische Erledigung der Zollnovelle bis zum Herbst zu vertagen: Hiermit ist auch die vielventilirte Frage, ob der öfter» reichliche Reichsrath noch eine Nachsession halten werde, in verneinendem Sinne entschieden und werden sich die Mitglieder des Abgeordnetenhauses nur noch zur Anhörung der Thronrede in Wien versammeln. Nach Erledigung der Nordbahn-Vorlage durch das Herrenhaus erfolgt der officielle Schluß der Reichs- raths-Sesfion und hiermit zugleich der gegenwärtigen Legislatur-Periode.
Wenngleich die Nachricht von dem Friedensabschlufse zwischen Frankreich und China nach den vorliegenden Berichten kaum mehr zu bezweifeln ist, so wird die völlige Wiederherstellung des Friedens auf dem ostasiatischen Kriegsschauplätze doch noch geraume Zeit beanspruchen. Hier stehen den Franzosen nicht nur chinesische Truppen, sondern auch die Schwarzflaggen und ähnliche Banden gegenüber, welche die Pekinger Regierung nicht mit einem Machtwort zur Ruhe verweisen kann und erscheint somit der Gedanke, daß nunmchr allen Unruhen in Tongking und China ein rasches Ende bereitet werde, als verfrüht. Was die Hauptpunkte der Friedenspräliminarien anbelangt, so sollen sofort nach Verkündigung des Kaiserlichen Edictes, welches die Räumung Tongkings seitens der chinesischen Truppen anbefiehlt, alle militärischen Operationen eingestellt und die Blokade von Formosa und Pakkor aufgehoben werden- Der französische Gesandte Patenotre wird in Tientsin oder Peking den definitiven Friedens- und Freundschaftsvertrag mit China abschließen, welcher auch das Datum der Räumung Formosas durch die Franzosen festsetzt. Nach Abschluß des Vertrags ruft Frankreich seine Flotte zurück und China öffnet dem französischen Handel wieder seine Häfen. Die Räumung Tongkings hat am 20. April zu beginnen und muß am 31. Mai beendigt sein.
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