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Beilage M Nr. 289 des „Gießener Anzeiger".
UniversttätS = Chronik.
— Zu Halle a. d. S. starb am 4. ds. nach schwerem Leiden der Landgerichtsrath und Universitätsrichter Dr Julius Thümmel. Er war am26. November 1818 in Weißenfels geboren. Als Shakespeareforscher hat er sich bedeutend hervorgethan und auch Dramatisches gedichtet, wie das Schauspiel „der Kobold von Woodstock" und die Lustspiele „Am Kamin" und „die Gavotte der Königin". Seine „Shakespeare- Charaktere" erschienen 1881.
Vermischtes.
Geilshausen bei Gießen, 6. December. ^Diamantene Hschzeit.j Am 30. v. M. beging das hiesige Ehepaar Konrad und Christine Müller das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. Beide Gatten erfreuen sich noch frischer geistiger und körperlicher Rüstigkeit. Der nunmehr 85jähriae Ehemann, der in seiner Jugend dem Geschäfte des Blutegelhandels oblag und oabei ganz Deutschland und Rußland durchwanderte, versteht heute noch mit dem Spaten in der Hand das Amt eines Feldgeschworenen. (D. Ztg.)
Berlin, 4. December. „Soll man eine Petroleumlampe durch Niederdrehen des Dochtes oder durch Ausblasen zum Verlöschen bringen?" Diese Frage wurde in der gestrigen Sitzung der Polytechnischen Gesellschaft dahin beantwortet, daß es sich empfehle, die Lampe einfach auszublascn, aber dabei nicht in den Cylinder hinein, sondern über den Cylinder hinweg, im rechten Winkel zu ihm, zu pusten. Den Docht iov dem Ausblasen niederzuschrauben, wurde nicht für nothwendig erachtet. Die neuerdings in den Handel gebrachten Apparate zum Verlöschen, die aus einer Röhre bestehen, deren oberes gekrümmtes Ende in den Cylinder hineiugeführt wird, wahrend am unteren Ende sich ein Gummtball befindet, wurde» als äußerst gefährlich bezeichnet und ihre polizeiliche Beseitigung im Interesse der Sicherheit für erwünscht erachtet.
Berlin, 2. December. Ungeheure Aufregung herrscht inCharlottmburg. Dort wurde gestern gegen Abend von einer Gerichtscommission die Leiche des vor genau 13 Monaten seitens seiner Ehefrau und seiner Söhne ermordeten Maurers Marunge ausgegraben. Die Frau war aus dem Untersuchungsgefängniß mittelst einer von berittenen Schutzleuten begleiteten Droschke hinausttansportirt worden. Man grub in dem an die Schlafkammer der M.'schen Wohnung grenzenden Keller nach und fand in einer Tiefe von nur einem Fuß unterhalb des ungepflasterten Erdbodens die in einem Sacke steckende Leiche des Ermordeten. Die Extremitäten waren vom Rumpfe getrennt, um den Hals war ein ©trief geschlungen. Die Wittwe M., welche ein ungemein freches Gebühren zur Schau trug, zeigte auch bei der Konfrontation mit der Leiche keinerlei Bewegung und leugnete, von der Ermordung ihres Mannes und dem Verschwinden der Leiche Kenntniß gehabt zu haben. Die zu Hunderten aus der Nachbarschaft herbeigeeilten Bewohner ergingen sich in lauten Verwünschungen gegen die Mörderin, spieen ihr in's Gesicht, und es bedurfte großer Anstrengungen seitens der Polizei, eine Lynchjustiz abzuwehren. Gleich nach dem Verschwinden des M. hatte sich übrigens schon das Gerücht verbreitet, derselbe sei von seinen Angehörigen ermordet und verscharrt worden. Die Familie Marunge hatte damals die Dreistigkeit, eine Belohnung von 50 JL für die Ermittelung des Urhebers jenes Gerüchtes öffentlich auszubieten. — Jetzt bestätigt auch die in Charlottenburg erscheinende „Neue Zeit" unsere Nachricht, daß das Einschreiten der Behörde thatsächlich durch die Denunciation des zur Zeit im Charlottenburger Krankenhause befindlichen Schiemann veranlaßt worden sei. Schiemann hatte von Hamburg vergeblich für sein Schweigen Geld gefordert und dann, da er ohne Subsistenzmittel war, von Hunger getrieben, Anzeige von dem Verbrechen gemacht. Derselbe ist dann hierher transportirt und wird nach seiner Genesung voraussichtlich ebenfalls in Untersuchungshaft genommen werden. Außer der Mutter waren bereits zwei Söhne verhaftet; nachdem die Leiche aufgefunde«, ist nunmehr auch die Braut des ältesten Sohnes und der dritte, in der hiesigen Glashütte beschäftigt gewesene, fünfzehnjährige Sohn verhaftet worden. Habe und Wohnung der Familie sind versiegelt und die beiden jüngsten Kinder, zwei Knaben von 9, bezw. 5 Jahren, bei einem Schuhmacher in Pflege gegeben worden. Ueber den Stand der Untersuchung verlautet nichts. (B. Tgbl.)
~ ?* 2)eccmber. Auf der hiesigen Bahnstation wurde in diesen
Xdtrr MnVbßi H""delsgartnerei L. Stiegler hier eine größere Sendung junger, oer- ^avan i S »erlaben, bte von entern Commissionsgeschäft in Hamburg nach 3apait »»r Anpflanzung dort werter befördert werden. Um das Eintrocknen der Ä?unhroin tni' roar^ dieselben mit Thonerde eingeschlemmt und sorgfältig wr ßQln£ Ein in früheren Jahren ausgeführter Auftrag soll
«hJJS e * Zufriedenheit überstanden haben und es sollen die Bäumchen gut geveryen. (6tbl. Ztg.)
k"hne Velocipedfahrer Thomas Stevens, welcher eine Reise um die SÄ?0? <5 unternommen, ist nunmehr in Teheran, der Hauptstadt Persiens
glücklich an gelangt, dln den letzten drei Tagen vor seiner A»kunft hat er 200 englische Meilen oder mehr als 100 Kilometer täglich zurückzelegt. Interessant dürfte die Re- merkung sem, daß sich hier die Wege, welche durch den Kameelverkehr hart und platt getreten find, seyr gut zum Befahren mit Velocipeden eignen.
.~ Ueber die Anfänge des Eisenbahnwesens schreibt man: Leicht war die Er- rrchtung der ersten deutschen Bahnlinie keineswegs. Erst wenige Jahre vorher (1829) fSartC\ bcrr ^ubahn, George Stephenson, die Lvcomotive construirt u w HÄ plausibel zu machen, war immerhin ein Wagestück. Indessen eine Anzabl einsichtsvoller Manner in Nürnberg und Fürth, die sich von dem Dampft roc*c lür bte beiden benachbarten Städte große Dorthelle versprachen, ging doch muthia an s Werk- «n ihrer Spitze stand der zweite Bürgermeister von Nürnberg, Johannes Scharrer, der sich durch verschiedene Mißresultate seiner Pläne nicht zurückschrecken ließ sondern im Jahre 1833 die Bildung einer Eisenbahn-Actiengesellschaft durchsetz^.' sollte bie neue Bahn nach dem König von Bayern heißen Die Ausführung des Baues, bte dem Ingenieur Paul Denis aus Mainz übertrage» wurde begann erst 1835 und wurde bts zum Herbst vollendet. Am 7. December 1835, Bor- mtttags gegen IOUhr, ging der erste Zug von Nürnberg nach Fürth und legte die Strecke m etwa 15 Minuten zurück. Neben dem Dampfbetrieb fand anfänglich noch Pferdebett^eb statt D«: ganze Bahnlinie hatte 177 000 Gulden gekostet und eA ihre nachweisbare Rentabilität rief den Bau fernerer Bahnlinien in Deutschland hervor. Fünfviertel Jahre spater crvffnete bte Leipzig-Dresbener Bahn ihre erste Strecke October 1838 würbe bie Ltme Berlin-Potsbam, und November 1838^ die erste deutsche Staatsbahn van Braunschweig nach Wolfenbüttel eröffnet. Aus diesen kleinen Anfängen heraus hat sich das colossale deutsche Eisenbahnnetz gebildet, an dessen Erweiteruna V*™« sortgearbeitet wird und dem Deutschland in hohem Maße seine wirth- schaftltche Entwickelung verdankt.
T., ~ k^o^penstadter in Srbtrten.j Der „Odesf. Llstok" erzählt folgenden ergötz-
üchen Vorfall aus dem Leben eines sibirischen Schilda. Die Stadt G. im Gouvernement T. hatte, das Unglück, ihr Stadthaupt durch den Tod zu verlieren. Die dortigen Kaufleute, bet denen er sehr beliebt gewesen, wünschten sein Porträt zu stiften und wandten bte Moskauer Zeichenschule, speciell an den Profeffar der historische» Maleret M. Scotti, mit folgendem klassischen Schreiben: „Die dankbare Kaufmannschaft der Stadt G. wünscht das Gedächtniß des allgemein beliebten, gegen-- wartig verstorbenen Stadthaupts zu ehren und ersucht darum ergebenft die Moskauer ein Portrait von ihm in Farbe» und in Lebensgröße amufertigen. 200 Rbl. S. baar und die allerzuverlässigsten Kennzeichen desselben." Dieser Brief enthielt weder eine Photographie noch auch nur eine Zeichnung des Ver- ?o^oen^n, sondern nur ein Blättchen, auf welchem verzeichnet stand: Sein Alter war 52 ^ahre und 6 Monate, seine Körperlänge 2 Arschin 9V, Werschok, Haar und Augen- brauen rvthltchblond, Augen grau, Nase, Mund und Kinn gewöhnlich, Gesicht glatt- besondere Kennzeichen: schnarrt etwas beim Sprechen." Prof. Scotti übertrug bie originelle Bestellung einem burch seinen Humor unb seine Späße bekannten Zögling der Zeichenschule, Astrachow, welcher in ein paar Tagen das Portrat fertig gemalt hatte unb an bte ^breffe fanbte. Einige Zeit später traf aus Sibirien wieder ein Brief an ^re'- Pyc™ em, in welchem die Familie des Verstorbenen unb bie gefammte Kaufmannschaft der ehrbaren Stabt G. dem Künstler herzlich bankten, ba sie das Porträt außerordentlich ähnlich fanden!
Bekanntmachung.
Zur Bezahlung der Zinsen, welche von den bei der hiesigen Spar- und Leihkasse ! angelegten Capitalien am Ende dieses Jahres fällig werden, sind nachstehende । Termine festgesetzt, und zwar:
1. Samstag den 12. December 1885,
2. Dienstag „ 15.
3. Mittwoch „ 16. „ „
4. Donnerstag „ 17. „ „
5. Samstag „ 19. „ „
6. Dienstag „ 22.
7. Mittwoch „ 23. „ . „
8. Donnerstag „ 24. „
9. Dienstag „ 29. „ „
? 10. Mittwoch „ 30.
? 11. Donnerstag „ 31. „ „
sowie:
r 12.- Samstag den 2. Januar 1886,
| 13. Dienstag „ 5. „ .,
| 14. Mittwoch „ 6. „ „
[ 15. Donnerstag „ 7. „ „
; 16. Samstag „ 9. „ „
17. Dienstag „ 12. „ „
I 18. Mittwoch „ 13. „ „
i 19. Donnerstag „ 14. „ „
f 20. Samstag „ 16. „ „
Die Interessenten werden daher aufge- iorbert, die Zahlungen an diesen Tagen in Empfang zu nehmen unb hierzu burch ' Vorzeigung ber Schuldscheine sich zu legi- timiren-
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, dieses in ihren Gemeinden auf orts- ! übliche Weise bekannt machen zu lassen-
Gießen, den 28- November 1885.
Der Rechner der Spar- unb Leihkasse. Kehr.
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