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Rr. ISS Samstag den 11. Juli 1SSS
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil'. Pfarr-Conferenz.
Mittwoch den 13. Juli, Nachmittags: Pfarr Eoaferenz auf dem Schiffenberg. Lang-Göns, den 9. Juli 1885. Dr. Strack, Dekan.
Lehrer-Confererrz
des Conferenz-Bezirks Grünberg: Mittwoch den 15. Juli, Morgens 10 Uhr, in Grüuberg.
Lieder 9, 10, 30.
Gießen, den 8. Juli 1885. Büchner, Kreisschulinspector.
Politische Ueberstcht.
Gietzen, 10. Juli.
Ein schönes Fest ist in den letztvergangenen Tagen am Rhein gefeiert worden, besten Ufer doch schon die Zeugen so gar mancher erhebenden Festlichkeit gewesen sind. In der, in einer der herrlichsten Gegenden des Rheines gelegenen Stadt Bingen hatten sich anläßlich des am 4. Juli stattgesundeneu amerikanischen Nationalsestes eine größere Anzahl Deutsch-Amerikaner ein Stelldichein gegeben. Den Kern der Versammlung bildete der Verein der „Independent New'Dork-Schützen", besten Mitglieder, von Freunden und Bekannten begleitet, eine moderne Argonautenfahrt aus einem eigens dazu gecharterten Dampfer nach der deutschen Heimath unternommen hatten, um einmal hier, an den rebenbekränzten Usern unseres schönsten vaterländischen Stromes, den Tag der amerikanischen Unabhängigkeits-Erklärung, in festlicher Weise zu feiern. Der originelle Plan fand auch unter den in den deutschen Bädern u. s. w. weilenden Amerikanern rasch lebhaften Anklang, welche zahlreich nach Bingen geeilt waren, um hier ihre aus New-Dork gekommenen Lanosleute zu begrüßen. Was dem Binger Feste seine besonoere Bedeutung verlieh, war die Betonung und Bethä- tigung der unverbrüchlichen Treue und Anhänglichkeit der amerikanischen Gäste an ihr altes Vaterland, wie solche aus zahlreichen Reden und Toasten hervorleuchtete. Unter diesen Kundgebungen ragt namentlich die auf dem Festbankette, welches auf dem Rochusberge stattfand, gehaltene Rede Oswald Ottendorfer's, des Herausgebers der „Rew-Dorker Staats-Zeitung" hervor, welcher betonte, daß , wie sehr sich auch der Deutsch-Amerikaner als Republikaner, als Angehöriger des großen Staatenbundes jenseits des Oceans fühle, er doch auch der deutschen Heimath in Liebe und Treue gedenke und mit Begeisterung die großen Thaten nachempfinde, durch welche das neugeeinte Deutschland entstanden sei. Von diesem Geiste war das ganze Fest getragen und wird darum unzweifelhaft die Erinnerung an dasselbe in den Herzen aller seiner Theilnehmer noch lange fortleben. Am Montag hatten die Rew-Dorker Schützen noch die Ehre, von der Kaiserin in Koblenz empfangen zu werden und der Hohen Frau eine Ovation darbringen zu dürfen.
Fürst Bismarck, welcher am Montag der Hochzeit seines jüngeren Sohnes, des Grasen Wilhelm Bismarck, mit Fräulein Sibylla von Arnim in Kröchlendors beigewohnt hatte, ist bereits in der Nacht vom Montag zum Dienstag wieder in Berlin eingetroffen. Die Annahme, daß der Kanzler sich direct von Kröchlendors nach Friedrichsruhe begeben würde, ist demnach eine irrige gewesen; jedenfalls wird aber Fürst Bismarck nur einige Tage in der Reichshauptstadt verweilen, um dann sich einstweilen in die ländliche Stille von Friedrichsruhe zurückzuziehen.
Mit der am vorigen Samstag erfolgten Vertagung des Bundesrathes bis zum 15. September hat die politische „saison morte“ "unmehr vollständig begonnen. An Stoffen zu politischer Discuffion wird es rndessen noch eine geraume Weile nicht fehlen und die braunschweigische Angelegenheit dürfte hierbei noch immer eine Hauptrolle spielen, wenngleich Alles, was man in den Blättern über die weitere Entwickelung der braunschweigischen Thronfolgesrage liest, doch nur mehr oder minder auf Combinationen beruht. Viel Staub wirbelt zur Zeit auch noch die bekannte Affaire des Studien-Erlasses des Paderborner bischöflichen General-Vicariats auf, über welchen sich die Blätter liberaler und klerikaler Richtung gegenseitig noch immer schöne Dinge sagen. Da inzwischen die Verfügung des General-Vicariats durch die Erklärung vom 1. Juli wieder zurückgezogen worden ist, so hat die ganze Polemik keinen äbitttr^b^ unb fann höchstens nur dazu dienen, die Gemüther unnöthig zu
In Münster (Westfalen) hat am Dienstag die Generalversammlung des westdeutschen Fluß- und Kanal-Vereins getagt, und zwar in zachen des projectirten Rhein« Ems-Kanals. In derselben machte der Vorsitzende Dr. RatorpS Mittheilungen über den Stand des ProjecteS und der Regierungs- vaumeister Lauenroth gab solche über das neue generelle Kanalproject des Ministers Maybach. Oberprästdent v. Hagemeister legte hierauf in längerer Rede die dem Untertlehmen noch entgegenstehenden finanziellen Schwierigkeiten dar und wies daraus hin, daß der Minister daran sesthalte, die Kosten für den Grunderwerb "Eßten durch die am Kanal Betheiligten aufgebracht werden. Von den durch dre niederrheinische Kohlen-Jndustrie aufzubringenden 2 Mill. Jl. sei eine Mill, durch die Bergbau-Hülfskaffe gesichert, für die Aufbringung des Restes müsse der Verein in den industriellen Kreisen Interesse erwecken und ermahnte der
Oberpräsident speciell die Vertreter der Amts- und Kreisverbände, in dieser Beziehung thätig zu sein.
In Wien macht die Maßregelung eines höheren Gerichts- beamten auch in weiteren Kreisen Aussehen. Dr. v. Stourzh, Staatsanwalts-Substitut am Wimer Landgericht, ist „aus Dienstesrücksichten" nach Steyr versetzt worden. Diese dienstlichen Rücksichten sind darin zu suchen, daß v. Stourzh während der jüngsten Reichsrathswahlen sich in einer Rede öffentlich zu den Grundsätzen der deutschliberalen Partei bekannte und das Resultat der Wahl in dem Wiener Bezirk „Josessstadt", wo ein Antisemit gewählt wurde, einer sehr abfälligen Kritik unterzog. Diese Aeußerungen seiner politischen Gesinnung haben die Regierung veranlaßt, den genannten Beamten aus seinem Wirkungskreise in der Hauptstadt zu entfernen und daß sie das formelle Recht besitzt, Beamte, die in politischer Beziehung zu .sehr hervortreten, zurechtzuweisen, kann nicht bestritten werden. Nur ist hierbei zu berücksichtigen, daß es Beamten slavischer Rationalität unter dem Regime Taaffe erlaubt ist, ihre politischen Gesinnungen ungestraft offen zu äußern und unverholen, trotz ihrer dienstlichen E^'Nung, für die slavische Sache zu agitiren; Beispiele hierfür ließen sich aus der eben beendeten Wahlcampagne genug anführen. Der Fall des Dr. v. Stourzh beweist daher in eclatanter Weise, daß die Regierung des Grafen Taaffe nicht mit gleichem Maße mißt und daß die schöne Theorie von der Gleichberechtigung der Nationalitäten mit der Maßregelung Stourzh' wieder einmal eine eigenthüm- liche Uebertragung in die Praxis gefunden hat.
Der Ueberfall von Huö hat die militärische Situation der Franzosen in dem von ihnen schon seit Jahr und Tag besetzten Anam wieder einmal in einem sehr bedenklichen Lichte erscheinen lassen. Wenngleich der von angeblich nicht weniger als 30,000 Mann unternommene nächtliche Angriff der Anamiten auf die französischen Expeditions-Truppen von diesen kräftigst zurückgewiesen worden ist und die von General Courcy schleunigst angeordneten Maßnahmen augenblicklich keine weitere Besorgnisse für die Sicherheit des französischen Expe- ditions-CorpS aufkommen lassen, so beweist doch die Affaire, wie nöthig es ist, daß die Franzosen in Anam fortwährend auf dem „Qui vive?“ stehen. Zur Sache selbst melden weitere Depeschen oes Generals Courcy, daß in Huö wieder Ruhe herrsche und daß die anamitischen Truppen vollständig in der Auflösung begriffen seien. Der Regent Tuhong befinde sich in der Gewalt der Franzosen und sei von ihm, Courcy, und Tuhong eine Proklamation an das anamitische Volk erlassen worden, in welcher der Ueberfall gebrandmarkt werde und der König und die Königin-Mutter aufgefordert worden seien, nach dem Palaste zurückzukehren. Die Citadelle von Huö würde von dem 3. Zuaven-Regiment besetzt gehalten, die Marine-Jnsanterie fei aus Tongking nach Huö beordert worden. Im Uebrigen ist der Vertrag von Tientsin trotz des Zwischenfalles von Huö von der Deputirtenkammer am Montag ungeachtet des Widerspruches der Rechten und der Radikalen mit großer Majorität angenommen worden. Die Annahme des Friedensvertrages mit China durch die Kammer ist ein entschiedener Erfolg des gegenwärtigen französischen Cabinets, da die Nachricht von dem blutigen nächtlichen Kampfe in Huö dem Ministerium Brisson gefährlich werden konnte und namentlich Herr de Freycinet darf sich daher zu diesem ersten größeren parlamentarischen Erfolge Glück wünschen.
Vom Dampfer „Samoa" der deutschen Neu - Guinea - Compagnie ist ein Bericht über die letzte Untersuchungsreise, welche Dr. Flinsch vom 5. bis 28. Mai im Kaiser-Wilhelms-Land unternommen, eingetroffen. Dr. Flinsch untersuchte die bisher unbekannte Strecke von Astrolabe-Bay bis Humboldts- Bay. Es wurden mehrere gute Häfen und ein schiffbarer Fluß entdeckt. Das Land eignet sich sowohl zur Cultur, wie zur Viehzucht. Die Eingeborenen waren freundlich.
Darmstadt, 9. Juli. Se. Königs. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 8. Juli den Amtsrichter bei Großh. Amtsgericht Mainz, Philipp Obenauer, zum Landrichter am Großh. Landgericht der Provinz Rheinhessen, an dems. Tage den Amtsrichter am Großh. Amtsgericht Oppenheim, August Fabricius, zum Amtsrichter bei Großh. Amtsgericht Mainz zu ernennen.
— Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 9. Juli dem Schullehrer Leonhard Büchler zu Lorsch das Allge- tneine Ehrenzeichen mit der Inschrift: „Für fünfzigjährige treue Dienste" zu verleihen.


